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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-13 · Heft 15 (13.4.1894) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 15 (13.4.1894)
Date
1894-04-13
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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Nie Woche. Berlin, 10. April. fas wichtigste Ereigniß dieser Woche ist das Erscheinen der „Gutachten über das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren", welche das hiesige „Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe" soeben herausgegeben hat. Es ist das eine hervorragende Leistung, durch die sich das Komitee ein großes Verdienst erworben hat. Zum ersten Mal ist hier ein reiches Material gesammelt, durch welches die Behauptung, das Schächten sei eine Thierquälerei, vom streng wiffenschaftlichen Standpunkt aus gründlich widerlegt wird. Die Agitation der Thierschutzvereine und der mit ihnen verbündeten Antisemiten ist fortan gegenstandslos geworden. Denn gegen diese Gutachten ist kein Appell mehr möglich, weil es eben keine höhere wissenschaftliche Instanz giebt als diejenige, welche in diesem Werke mit aller Entschiedenheit zu Gunsten des jüdisch-rituellen Schlachtens sich ausgesprochen hat. Man kann behaupten, daß unter den kompetenten Männern der Wisienschaft über die Frage des Schächtens eine Meinungsverschiedenheit, ob diese Art der Thiertödtung als eine Quälerei zu bezeichnen sei, überhaupt nicht mehr besteht; und den Männern der Wiffenschaft stimmen die Praktiker fast überall zu. 253 Gutachten sind in diesem Werke gesammelt, und zwar von 23 Professoren der Physiologie und Pathologie in Deutschland. Außerdem von 27 Universitäts-Profefforen in Oesterreich-Ungarn, Holland, England, Dänemark, der Schweiz, Italien und Frankreich. Zu diesen 50 Profefforen kommen 14 Direktoren von Thierarzneischulen, 24 Profefforen der Thierarzneikunde, sowie 151 Thierärzte in verschiedenen Stellungen; im Ganzen 189 Gutachten von Männer», welche auf dem speziellen Gebiete der Veterinärkunde wirken. Endlich haben sich diesen Gutachten auch 14 Großschlächter und Metzgerinnungen angeschloffen, und alle diese Gutachten sind in dem Punkte einig, daß das Schächten eine Thierquälerei nicht ist. Ja, einige Männer, und zwar solche von gewichtigsten Namen, erklären unumwunden, daß das Schächten nicht nur nicht als eine Thierquälerei, sondern überhaupt als die humanste Art der Thiertödtung zu betrachten sei. Und unter den Verfassern dieser Gutachten sind Männer wie Dubois-Reymond, Virchow, Preyer, Fick, Hoppe-Seyler, Pettenkofer, Exner, Josef Lister, Carl Vogt, Chauveau, Gerlach, Roloff, Bagge, Hertwig, Lundberg, Voit u. v. A. Das ist ein Erfolg im Jntereffe der wiffenschaftlichen Wahrheit und der echten Humanität, auf den wir das Recht haben, stolz zu sein. Das Wort, welches der Direktor des physiologischen Instituts zu Halle, Profeffor Dr. Bernstein, in seinem Gutachten ausgesprochen hat, sei für uns maßgebend: „Das Schlachten der Thiere durch Entblutung, sowie das strenge Verbot jeglichen Blutgenuffes ist meines Erachtens eine der bewundernswerthesten sanitären Vorschriften, welche die mosaische Religion schon vor Jahrtausenden gegeben hat. Nur blinder Unverstand oder gehässiges Vorurtheil kann daher einer Agitation Vorschub leisten, welche die Anwendung dieser Schlachtmcthode den Israeliten verbieten will." Mit tiefer Beschämung werden diejenigen, welche das Verbot in Sachsen und in der Schweiz erwirkt haben, diese Gutachten lesen. An der Hand derselben wird jeder neue Angriff gegen das rituelle Schächten fortan abgewehrt werden. Das ist ein großes Verdienst, welches auch diejenigen gewiß anerkennen werden, die in der Agitation gegen das Schächten nur den Versuch eines unerhörten Gewiffenszwangs bekämpfen. Das „Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe", das diese Gutachten herausgegeben, insbesondere Herr Dr. Hirsch 170 -- ' Hildesheimer, welche dieselben mit Eifer gesammelt, haben sich damit den herzlichen Dank aller Glaubensgenossen erworben. * u Wer die Antisemitenblätter und die ibnen gleichstehenden oder nachstrebenden Organe kennt, weiß, daß es zu dem bei ihnen gebräuchlichen System der Verleumdung gehört, für alles Schlechte den Liberalismus und das Judenthum verantwortlich zu machen, um die Liberalen und die jüdischen Mitbürger möglichst zu diskreditiren. Wo ein Nothstand wirklich oder angeblich besteht, ist nach der Logik der „Kreuzzeitung" und ihrer Gefolgschaft „der jüdisch-liberale Geist" schuld daran, und jetzt muß es dem Blatte passiren, daß ihm von einer in Bezug auf den Antisemitismus gleichgesinnten Seele bescheinigt wird, daß es ebenfalls unter dem Einfluß dieses „jüdischliberalen Geistes" steht und sich die schlechtesten Seiten deffelben angeeignet hat. Die „Germania", das Berliner Organ der Centrnmspartei, polemisirt nämlich in einer Besprechung der politischen Parteien Deutschlands gegen „die in leeres Bramarbasiren verrannte, ganz in jüdisch-liberale Verlegenheit dem Centrum gegenüber versunkene Kreuzzeitung". Bald wird es heißen, daß die ganze Redaktion des Hamnierstein'schen Blattes aus Juden besteht. In Verbindung mit dieser noch eine andere Nachricht, und zwar aus Paris: Der „Ahlwardt" Frankreichs, Monsieur Edouard Drumont, hat nach seiner Judenhetze auch eine regelrechte Protestantenhetze begonnen. Soeben bringt er in der „Libre Parole" unter der Uebcrschrift „Ein kleines Irland" ‘ die fünfte Nummer eines bösartigen Angriffs gegen die Protestanten im Gard-Departement. Bekanntlich ist dieses Departement ein Beständtheil jenes Langlledoc, wo der Protestantismus sich am raschesten entfaltete und die grausamsten Verfolgungen zu erdulden hatte. Wer denkt hier nicht an das alte Chad gadja? Es wäre wirklich schade, wenn dieses alte Kernlied aus unseren Hagadoth verschwinden würde! *; Eine interessante Meldung kommt uns aus Wien zu: Im Polenklub führte der Abg. Dr. Byk Beschwerde über Zurücksetzung der jüdischen Beamten und der jüdischen Bewerber um Beamtenstellen. Er behauptete, jene werden in allen Zweigen der Verwaltung abgewiesen. Man erkläre den Bewerbern offenkundig, daß ihr Religionsbekenntniß ein Hinderniß für sie bilde, und fordere sie zum Glaubenswechsel auf. Dadurch würden die Grundgesetze des Staates ■ mit Füßen getreten. Der Redner warf insbesondere der deutsch-liberalen Partei vor, daß fie dieser Frage mit verdächtiger Gleichgiltigkeit gegen- . überstehe. Nachdem noch andere in gleichem Sinne gesprochen hatten, erklärte der Minister Jaworski, sein Einfluß erstrecke sich nur auf die Ernennung von höheren Beamten in Galizien. Für ihn sei nur Tüchtigkeit und Begabung des Beamten ohne Rücksicht auf seine Religion maßgebend! TSRr Gin deutsch-israelitischer Lehrerbnnd. fie Anregungen, welche in unseren und anderen Blättern zur Grüudullg eines deutsch-israelitischen Lehrerbundes seit langer Zeit gegeben wurden, haben endlich zu einem Resultat geführt.' Wir erhalten in dieser wichtigen Allgelegenheit folgenden Aufruf: Nachdem die von der Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in . der Provinz Hannover angeregte Gründung eines deutsch-israeli- , tischen Lehrerbundes in den letzten Versammlungen der meisten in z Deutschland bestehenden jüdischen Lehrervereine mit Freude begrüßt worden , ist, und auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund seine.Sympathie für einen solchen Bund wiederholt bekundet und dessen Förderung und Unter-

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