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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-04-06 · Heft 14 (6.4.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 14 (6.4.1894)
Date
1894-04-06
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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tischer Juden in Thätigkeit war." Wir haben hier die Anfänge einer neuen Blulbeschuldigung registrirt. Die Aufklärung ließ aber nicht lange auf sich warten. Die ganze Geschichte ist von dem klerikalen Hetzblatt „Magyar Allam" in Budapest, welches, wie Sie sich erinnern, vor einiger Zeit einen Judenkrawall in Ungarn in bestimmte Aussicht ausstellte, angezettelt worden. Es war ein Mord aus Nothzucht, der an dem Mädchen, wie jetzt gerichtlich feststeht, verübt worden war. Was soll man aber zu der Nichtswürdigkeit jener antisemitischen Hetzer sagen? — Doch ich bin noch nicht fertig. Aus Wotiz in Böhmen erfahre ich Folgendes: Vor wenigen Tagen verschwand hier das Dienstmädchen Marie Linha. Mst Rücksicht auf die Osterfeiertage wurde dieser Vorfall im bekannten antisemitischen Sinne ausgebeutet, so daß die hiesige zahlreiche Judengemeinde eine Wiederholung der Koliner Exzesse befürchten mußte. Am gestrigen Tage ist die Linha zu ihrer Mutter zurückgekehrt und haben die Behörden unverzüglich die Vernehmung des Dienstmädchens angeordnet. Vorläufig leitetnoch die Gendarmerie die Recherchen in der mysteriösen Angelegenheit.--- Das bekannte antisemitische Organ in Paris „Libre Parole" veröffentlicht ein Interview seines Reporters mit dem hier weilenden österreichischen Reichsrathsabgeordneten Dr. Robert Pattai, in welchem dieser dg? jüngst im österreichischen Abgeordnetenhause angenommene RatengeseH als den glorreichsten Sieg der Antisemiten bezeichnet. Dieses Gesetz biÜP einen Nagel zum Sarge des Liberalismus. — Wie man aus Böhmen berichtet, hat in Prag am 22. März die Konstituirung eines tschechisGjüdischen Konsortiums stattgefunden, das sich die Herausgabe von jüdischen Religionsbüchern in tschechischer Sprache und eines JournaK angeblich zur Abwehr des Antisemitismus zum Zwecke setzt. Das neud Konsortium scheint sonach an die Stelle des kürzlich durch die Behörde ausgelösten tschechisch-jüdischen Vereines treten zu sollen. — Zu Beginn dieses Jahres machte die Begründung eines Urtheils, die von Seite des Gerichtsadjunkten Piskozub in Stanislau erflossen, viel von sich reden und wurde zumal in der antisemitischen Presse als ein kulturhistorisches Ereigniß bejubelt. Der genannte Richter motivirte nämlich einen gegen zwei Juden gefällten Schuldspruch damit, „daß die jüdische Frechheit- und Raffinirtheit seit einiger Zeit alle Grenzen der Geduld überschreiten,^ daß es daher sich ziemte, einmal mit einer exemplarischen Strafe die Gefährlichkeit der andersgläubigen Bevölkerung zu markiren". Wie uns nun aus Stanislau berichtet wird, hat das dortige Kreisgericht das betreffende Urtheil aufgehoben und den einen Angeklagten von der Anklage befreit, den anderen zu einer Arreststrafe von drei Tagen, die in eine Geldstrafe von 15 Gulden verwandelt wurde, verurtheilt. Die famose Begründung jenes Urtheils aber ist Gegenstand einer Disziplinaruntersuchung gegen den Gerichtsadjunkten Piskozub. Rumänien. mk. Jassy, 1. April. Der Verein der israelitischenJugend (lunirnea israelita) besteht hier feit nunmehr 18 Jahren. Nach dem Erscheinen des neuen Schulgesetzes, welches die Cchulfrequentation jüdischer Kinder so empfindlich beschränkt, nahm die von dem Verein begründete, unter Leitung des Dr. K. Lippe stehende Schule einen großen Aufschwung. Die Schulverwaltung vertheidigt sich in einem zur Versendung gelangten Bericht gegen mehrere Einwendungen bezüglich ihre? Lehrplans und tritt für Beibehaltung des Unterrichts der deutschen Sprache ein. Dr. Lippe theilt hierüber Folgendes allgemein Interessante mit: „Wir verkennen nicht die Schwierigkeit, welche die Erlernung der deutschen Sprache dem Nichtdeutschen darbietet. Aber bei unseren Schülern handelt es sich nicht um die Erlernung derselben, sondern um eine bloße Korrektur ihres jüdisch-deutschen Dialektes in die rein deutsche Schriftsprache. Man darf nicht vergessen, daß der jüdische Stamm noch immer hauptsächlich auf Handel und Gewerbe angewiesen ist, und dazu ist die Kenntniß einer Weltsprache sehr nützlich. Man vergesse ferner nicht, daß die Ausschließungsgesetze in den östlichen Staaten Europas und der Antisemitismus in Mitteleuropa so manchem Juden den Wanderstab in die Hand drücken, mitunter gar zur Maffenauswanderung zwingen. Aus einem Waisenhause in Jassy allein, das blos 16 Zöglinge beherbergt, sind in den letzten vier Jahren nichts weniger als 7 Zöglinge nach Amerika ausgewandert, wo ihnen die' deutsche Sprache sehr zu Statten kommt. — Die Schule der Junimea^ erhält eine Subvention von der Anglo Jewish Association und erfreut > sich der besonderen Protektion des Herrn F. D. Moeatta, eines Vetters des sel. Moses Montefiore. Seit vergangenem Jahre hat die Junimea noch eine zweite Schule, die von Podul Ros, unter Leitung des. Herrn Dr. Lippe gestellt. Auch diese Stätte echt, jüdischer Civilisation, die unlängst ihren 18 jährigen Bestand gefeiert hat, hat segensreiche Früchte getragen. Die „Junimea" ist auf freiwillige Beiträge angewiesen, möchte es derselben ermöglicht werden, ihre Absicht, die Schule durch eine vierte Klasse zu vervollständigen, bald zur Ausführung zu. bringen. Seit dem Bestehen der Schule nimmt jedes Jahr ein Delegirter der hiesigen Universität an der Jahresprüfung Theil und sind die Atteste dieser Herren dem Jahresbericht beigefügt. Von Nah und Fern. — Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen verfügt bereits über fünf Schwestern und am Dienstag begannen seine theoretischen Unterrichtskurse, welche von den dirigirenden Aerzten Professor Dr. Israel und Sanitätsrath Dr. Lazarus drei Mal wöchentlich abgehalten werden. — Dem Rechtsanwalt Wronker ist nun wirklich ein polizeilicher Strafbefehl in Höhe von 20 Mark wegen seiner am Grabe des Rechtsanwalts Dr. Moll gehaltenen kurzen Ansprache zugestellt worden. Das Gericht wird sich mit dieser Angelegenheit nicht zu beschäftigen haben, da Rechtsanwalt Wronker mit Rücksicht auf die nun einmal in Kraft stehende Verordnung, wonach Reden am Grabe ohne polizeiliche Genehmigung nicht gehalten werden dürfen, Widerspruch nicht zu erheben gedenkt. — In der Westfalia-Loge zu Bielefeld hat am 27. v. Mts. Herr Felix Coblenz einen mit großem Beifall aufgenommenen und sehr interessanten Vortrag über den „Einfluß der französischen Revolution auf die staatliche und soziale. Stellung der Juden" vor zahlreich versammeltem Publikum gehalten. — Zum Direktor des Waisenhauses in Rybnik O. S. ist Herr Lehrer Leopold Katz, unser Mitarbeiter, berufen worden. — Rabbinatsverweser Dr. B. Einstein in Laupheim wurde.zum Rabbiner in Landau gewählt. — In der Bildung begriffen ist in Wien eine Gesellschaft, für Sammlung und Konservirung von Kunst-und historischen Denkmälern des Judenthums. Der Zweck, derselben ist die Sammlung und Aufbewahrung von Erzeugnissen der Litteratur, Kunst und Wissenschaft- sowie von historischen Denkmälern, welche auf die politische und Kulturgeschichte der Juden Bezug haben. Die Gesellschaft wird auch Publikationen und Vorträge veranlassen, eine ausgewählte Fachbibliothek anlegen und literarische und künstlerische Arbeiten, welche auf die Geschichte der Wissenschaft und Kunst im Judenthum Bezug haben, unterstützen. — Krakau.. Anläßlich der Kosciuszkofeier fanden Sonnabend Abends Ausschreitungen statt. Die Menge zog in das von Juden, bewohnte Stadtviertel Kazimierz, wo sie die Polizei auseinandertrieb. — Die französischen Kriegs- und Marineminister haben durch Verfügungen den Soldaten israelitischen Glaubens vom 20. bis 29. April zur Feier des Osterfestes Urlaub gewährt, soweit dieser mit den Forderungen des Dienstes vereinbart. — Aus London meldet man, Baron Hirsch hat seinen ganzen Renngewinn aus der vorigen Saison den Londoner Hospitälern zugewiesen. Diese Spende macht den Gesammtbetrag von etwa 150,000 Mk. aus! — Eine Kommission unter dem Vorsitz des Geheimraths y. Plehwe hat über die Aufnahme von. Ausländern in die russische Unterthanenfchaft einen Entwurf ausgearbeitet, der die jetzt bestehenden Bestimmungen verschärft. In die russische Unterthanenschaft werden diesem Entwurf zufolge außer den Personen, denen die Aufnahme schon jetzt versagt ist, Juden nicht ausgenommen werden können. — Das jüdische Seminar zu Adrianopel, das seit 1891 eröffnet ist, steht unter Leitung des Herrn Abr. Danon und entwickelt sich in gedeihlicher Weise, unterstützt durch die Alliance und durch Rev. Dr. A. Löwy in London. — Wie aus Bombay gemeldet wird, starb daselbst Herr Salomon D. Sassoon. Dieser Sproß der als „die indischen Rothschilds" bekannten Familie zeichnete sich durch Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Wohlthätigkeit aus, war Mitglied des gesetzgebenden Körpers zu Bombay, Direktor der Bank und Mitglied der Handelskammer. Als Präsident des Tochtervereins der „ Anglo-Je wish-Association“ stellte er seine Erfahrung und Sachkenntniß in den Dienst der jüdischen Gesammtheit. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.. Verantwortlich für die Redaktton: Max Bauchwitz in Berlin.

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