Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1894)
- Date
- 1894-04-06
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228055--50715-3273538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
scheucht; verspritzest du dein Blut für das Vaterland, so bleibst du nach dem Siege ein Paria. Nun, Opportunist, jetzt sprich. Warum thust du das, was fesselt dich, den hartnäckigen, längst veralteten und überholten Anbeter Voltaire's, ans Judenthum? Warum schleuderst du die Hülle nicht fort, welche dir keinen Schutz bietet, sondern die Menge auf dich hetzt? Warum etwas achten, was keinen Werth hat und den Eindruck der Persönlichkeit stört? Anselm: Ich kann deine Fragen nur persönlich>nd individuell beantworten. Jeder mag auf religiösem Gebiete thun, was er wilh. ich richte und tadle nicht. Ich bin Opportunist und halte es für nothwendig, den Sturm nicht mit der vollen Breite der Segel aufzufangen. Ich glaube, daß kein Gesetz mir geben wird, was nur die Zeit bringen kann, aber ich würde mich in meinem Bewußtsein schämen, ein Vorurtheil, das ungerecht und schädlich ist, durch die Schwäche meines Charakters und durch mein eigenes Handeln zu bekräftigen und zu unterstützen. Du hast Recht, ich habe diese Fahne nicht gewählt, und sie wäre mir in ruhigen Zeiten mit den Fabeln und Flausen vielleicht gleichgiltig geblieben; aber jetzt, wo sie bedroht ist und alle Geschosse auf sie zielen, jetzt erinnere ich mich daran, daß auch meine Voreltern bei ihr gestanden^ für sie gelitten und gestritten haben. Soll ich zu den Bedrängern gehen und die Bedrückten verlassen, soll ich mich der Aussicht freuen, daß meintz Enkel, wenn sie die Erinnerung an ihren Ursprung verloren haben, ihre Blutsverwandten knebeln werden! Was ist die Judenfrage? Der ernsteste Zwiespalt, welcher die Christen trennt, denn sie sind berufen, zu entscheiden, wie weit die Macht einer Majorität im Staate reicht und wie viel Recht einer Minorität zugestanden wird. Die Christen sind diss Majorität und die Juden eine kleine Minorität. Der größte JrrthurM der Menschen hat stets darin bestanden, daß sie meinten, die Freiheit sei nach den größeren oder geringeren Rechten einer parlamentarischen Majorität zu bemessen, während die wahre, ja die einzige Freiheit stets am Schicksale der Minorität und an dem Schutze des persönlicher; Rechtes zu erkennen ist. Eine Majorität kann launenhaft, ungebildet hartherzig und selbstsüchtig sein, denn die parlamentarische Weisheit ist auch selten, wie jedes Geschenk des Himmels. Frankreich war nie weniger frei, als zu jener Zeit, wo der Konvent über Leben und Tod, Krieg und Frieden entschied. Nun, Judenrecht ist einfach Minoritätsrecht. Ich will doch sehen, ob ich als Jude leben, meine Fähigkeiten entwickeln und bef thätigen kann. Wer mich angreift, mag es sich wohl überlegen, denn er verkündet damit den Grundsatz einer rücksichtslosen Majoritäts-Herrschaft, und die Majorität gehört wahrlich nicht den jetzigen Inhabern und Nutznießern, sondern Elementen, die laut am Thore der Gesetzgebung pochen und, gestützt auf ihre Zahl, sogar den Begriff des Volkes durch jenen der Klasse verdrängen wollen. Ich will das Recht haben, ein Jude zu sein, weil ich mit meinem Denken noch', im achtzehnten Jahrhundert wurzle und nicht weiß, mit welcher Stirne wir den Besitz vertheidigen sollen, wenn wir nicht Jedem wenigstens die gleiche formelle Möglichkeit einräumen, ihn zu erlangen. Christoph: Du bleibst also Jude, weil du es für einen Berrath und für schimpflich halten würdest, eine bedrückte Schichte der Gesellschaft zu verlassen. Gestehe offen, daß hier Erziehung- Gewohnheit, vielleicht auch ein Rest von Gemüthsregung und das Gefühl der Angehörigkeit mitspielen. Anselm: Das mag sein. Niemand kann^'einen geistigen Zustand auflösen, ohne daß ein Rest von unerklärlichen Motiven den letzten Niederschlag bildet. Wenn ich mich selbst prüfe, so finde ich etwas Gigenthümliches, das mich heute mit den Juden verknüpft. Man spricht von der Wollust des Schmerzes, und in der Politik wie in der Natur vollzieht sich die Auslese durch eine Mischung von Qual und Seligkeit. In unserer Zsit wird Alles nivellirt. Die Füße der schweren Elephanten zerstampfen die zarteren Bäume, und während früher die meisten Gesetze lauteten: Du darfst! ist jetzt der Refrain: Du darfst nicht! Das ist die härteste, aber zugleich die herrlichste Periode für eine Minorität, die, ausgeschloffen von der Macht, deren Fehler nicht theilen kann, in den Untergang nicht hineingezerrt und von dem Mißbrauch nicht beschmutzt wird. Wer ist der Richter des Richters? Christoph: Der Angeklagte, der am besten weiß, ob ihm ein Unrecht zugefügt wird. Jetzt begreife ich deinen Gedankengang. Die Minorität wird in der allgemeinen Zersetzung durch den Druck befestigt; je mehr wir euch aus den verschiedenen Erwerbszweigen Hinausstoßen, desto fleißiger, nüchterner, tüchtiger müßt ihr werden; je mehr wir euch verfolgen, desto mehr wachsen eure Anstrengungen, euch zu behaupten; je mehr wir euch Haffen, desto strenger wird der Maßstab werden, den ihr an euren Charakter anlegt. Die stärkste Gewalt kann der Minorität das Recht der Kritik nicht rauben, mit der sie die Majorität begleitet, und so wird der Niedrigste in einen! andern Sinne auf den höchsten Platz gewiesen. Wenn die Juden aus Furcht schweigen, so sehen wir doch in ihren Blicken unser Urtheil, wir wissen, was sie denken müssen, und es kommt der Moment, wo dieser stille Vorwurf uns derart quält, daß wir nach der Gleichberechtigung schreien, nicht blos, um vas Gewissen zu beruhigen, sondern weil wir nicht dulden können, daß es eine Schichte giebt, die wenigstens von den politischen Lastern unberührt bleibt, denen wir durch die Versuchung erliegen. Anselm: Ja, es ist das Vergnügen einer Minorität, in jener Geistessphäre zu herrschen, wo kein Befehl sie erreicht und der Gedanke frei walten kann. Die Juden sind zum mindesten ein Maßstab für die wirkliche, zum Unterschiede von der parlamentarischen Freiheit der Völker geworden, und an ihrem Verhältnisse zur christlichen Majorität ist der Aufstieg und Niedergang zu erkennen. Das giebt ihnen unter der Faust der Gegner das Gefühl sittlicher Kraft und in der tiefsten Demüthigung die Hoffnung auf die Zukunft. Christoph: Warum gebraucht ihr euren Reichthum nicht? Geld ist doch Macht. Anselm: Neben der großen Schaar armer Juden hat sich noch ein Mittelstand erhalten, welcher durch die Gesetzgebung allmälig zerstört wird, und dazu kommen einige tausend Reiche mit ihrem Vermögen in Papieren. Und Papier ist in dieser ernsten Zeit keine Macht. Chr'istoph: Wo ist also die gefürchtete Gewalt des jüdischen Geldadels? Anselm: Fabeln und Flausen. Die Juden find keine Macht, sondern ein Prinzip. Weißt du, daß die Pariser Studenten die Absicht hatten, den Jahrestag der Bartholomäusnacht festlich zu begehen, weil ein protestantischer Pfarrer, welcher der Gesellschaft gegen die Unstttlichkeit auf den Straßen angehört, beschuldigt wurde, eine Dame durch Verführung in dm Selbstmord getrieben zu haben. Eine Jubelfeier der Bartholomäusnacht, des schrecklichsten Verbrechens, das blutiger Religionshaß jemals auf sich geladen hat. Schon die Vorstellung flößt Entsetzen ein, und schon das Spiel mit einem solchen Gedanken beweist die Abstumpfung des moralischen Feingefühles. Heute die Hugenotten, morgen die Juden, die nirgends in der Majorität sind und daher mit dem Rechte der Minorität stehen und fallm. Christoph: Die Bartholomäusnacht! Es ist weit gekommen. Ja wohl, es muß eine Minorität geben, aber sie ist nicht konfessionell sondern besteht aus allen vornehmen Geistern, welche die Gewalt verabscheuen und sich rein halten von den Schlacken der Zeit. Die Minorität ist weder christlich noch jüdisch, sondern besteht aus den Edelgesinnten, die sich stets dem Eigennutz widersetzen, über Religion und Stand hinaus sich die Hand reichen und durch dm Trieb der Gerechtigkeit und allgemeinen Wohlfahrt verbunden sind. Die Stimme der Wahrheit wird niemals verhallen, und zu deiner Minorität gehören in der ganzen Welt mefe Millionenwelche inbrünstig den Tag segnen, der die Freiheit geboren hat. Wir haben dieses Gespräch in extenso wiedergegeben, weil es uns wichtig und charakteristisch erscheint für die Anschauungen, welche in gebildeten Kreisen über das Judenthum herrschen. Was uns bei all diesen Allsichten am weiften auffäüt, ist die gänzliche Unkenntniß des Judenthums, hüben wie drüben. Beide Freunde sind getreue Typm weitverbreiteter Anschauungen, beiden erscheint die treue Anhänglichkeit am Judenthum nur wie „eine großmüthige Grille der Seele", beide aber sind edle, tiefe Naturen, und der Eine voll ihnen, Anselm, würde, wenn ihm die Kenntniß des Judenthums, seiner Geschichte, seines Lehrinhalts und seines Schriftthums, erschlossen worden wäre, sicher nicht nur ein pietätvoller, sonderll auch ein überzeugter Anhänger desselben werden. Was daraus folgt, das ist Jedermann klar, der Rllgm hat, um zu sehen, und Ohren, um zu hören. Wir müssen die Kelmtniß des Judmthums