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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-23 · Heft 12 (23.3.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 12 (23.3.1894)
Date
1894-03-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Konfessionen Pobedonoszew tritt in seinem diesmaligen Jahresberichte heftiger denn je gegen die in Rußland lebenden Katholiken, Protestanten, Muselmänner und Buddhisten auf. Die Lehre des Katholizismus und des Protestantismus, heißt es im Berichte wörtlich, sei für die Orthodoxie, für die Moral der Rechtgläubigen und für die Regierung von schädlichstem Einflüsse, so daß die weltlichen und die geistlichen Behörden alle Mittel anwenden müssen, um dieser Gefahr vorzubeugen. Während Pobedonoszew auf diese Weise gegen den Katholizismus und Protestantismus loszieht, lautet sein Urtheil über die mosaische Lehre und über die Juden viel günstiger. Die diesbezügliche Stelle des Berichtes besagt: Die Juden sind der Orthodoxie nicht so feindselig gesinnt wie die Katholiken und Protestanten, so daß von Seiten der Anhänger der mosaischen Konfession der russischen Kirche und der Bevölkerung keine so große Gefahr droht. Obzwar Pobedonoszew im weiteren Verlaufe seines Berichtes die Regierung zur Vorsicht auch den Juden gegenüber mahnt, so ist doch feitr Urtheil über die Juden als Religionsgenossenschast von hohem Interesse. Denn Geheimrath Pobedonoszew sprach in seinen früheren Berichten über die Juden ganz anders. Ob das überraschend günstigere Urtheil des diesjährigen Rechenschaftsberichtes über die Juden die Lage derselben bessern werde, entzieht sich vorläufig der Entscheidung; daß aber dieses Urtheil dazu beitragen wird, den Kampf der russischen Geistlichkeit gegen die Juden ein wenig zu mildern — daran zweifelt hier Niemand. Amerika. * Rio de Janeiro, im März. Ueber die jüdischen Ackerbau-Kolonien in Argentinien liegt der Verwaltungsbericht für das abgelaufene Verwaltungsjahr vor. Wir erfahren durch ihn über manche Schwierigkeiten, mit denen das junge Unternehmen zu kämpfen gehabt. Allein es sind auch auf der anderen Seite erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen. Vier Kolonien sind in der Republik Argentinien in Betrieb, nämlich Mosesville in der Provinz Santa F6, Maurieio in Buenos- Ayres, Clara und San Antonio in Entrerios. In der erstgenanntenältesten Ansiedlung sind von 10,000 Hektaren etwa 1800 unter Kultur gestellt. 60 Familien bestellen diese Fläche mit Getreide und Mais; jede derselben hat je 50 Hektar anbaufähiges Land, ein Häuschen, ein Gtzmüsegärtchen erhalten, ebenso alles zum Ackerbau gehörige Geräthe. Auf Maurieio sind 224 Familien unter denselben Bedingungen angesiedelt. Hier ist auch eine Synagoge, zwei Schulen und einige Verwaltungsgebäude errichtet. Die Kolonie Clara zählt 230 in acht Gruppen getheilte Familien; auf die einzelnen Gruppen entfallen 24—45 Familien. Außer einer Schule und einem gottesdienstlichen Gebäude besitzt diese Niederlassung auch ein Krankenhaus. In San Antonio sind 45 Familien angesiedelt, welche 800 Hektar unter Kultur haben. Ein großes Hinderniß für die gedeihliche Entwickelung bildeten bisher die vielen unbrauchbaren Elemente, welche den Kolonien zugeführt wurden. Die Verwaltung ist unablässig bemüht, diese ungeeigneten Kolonisten wieder weiter zu transportiren. Im Ganzen haben etwa 500 Personen aus den Kolonien weggeschafft werden müssen. Sie sind zumeist nach den Bereinigten Staaten hin dirigirt worden. In diesem Frühjahr hofft die Verwaltung der Kolonien etwa 4000 Menschen nach Argentinien schaffen zu können. Jnsgesammt besitzt die Verwaltung gegenwärtig 160,000 Hektar. Bis jetzt hat die Kolonisationsgesellschaft eine halbe Million Pfund Sterling zur Verfügung; davon müssen indessen 215,000 Pfund Sterling, welche für Ankauf von Ländereien verwendet worden sind, in Abzug gebracht werden, sodaß für weitere Kolonisationszwecke 285,000 Pfund Sterling vorhanden waren. Von dieser Summe muß die Hälfte als unbedingt verloren angesehen werden. Die neue Kolonialverwaltung hatte theures Lehrgeld zu zahlen. Viele vergebliche Versuche mußten unternommen» viele Fehlgriffe mußten gemacht werden. Dazu kamen die üblen Erfahrungen mit den ungeeigneten Ansiedlern, deren Beseitigung und Verschiffung nach den Vereinigten Staaten und anderswohin der Verwaltung ungeheurö Kosten verursachen mußte. Indessen hofft die Verwaltung zuversichtlich die Schwierigkeiten größtentheils überwunden zu haben, sodaß dich Kolonisationswerk fortan rüstig fortschreiten wird. t . < Von Nah und Fern. { ----- Sanitätsrath Dr. med. Adolf Ritter, der am 15. d. M? seinen 70. Geburtstag beging, ist zum Geheimen Sanitätsrath ernann! worden. Den Sanitätsrathstitel hat Dr. David Loewenstein erhalten. — „Frei-Deutschland", ein antisemitisches Blatt, welches bei Beginn des Jahres von Professor Dr. Paul Förster begründet wurde, ist wegen „Druckschwierigkeiten" wieder eingegangen. — Im Prozeß gegen die antisemitischen Verläumder Plack und Schweinhagen hat der Gerichtshof den Angeklagten Plack zu einem Jahr neun Monaten Gefängniß unter Anrechnung von sechs Monaten auf die Untersuchungshaft, den Angeklagten Dewald zu drei Monaten Gefängniß, den Angeklagten Schweinhagen zu einem Jahr Gefängniß unter Anrechnung von sechs Monaten Untersuchungshaft verurtheilt. — Im' Litteratur- und Geschickts-Verein" zu Magdeburg hat Dienstag Abend Herr Schriftsteller Dr. Adolf Ko Hut aus Berlin vor einer zahlreichen Zuhörerschaar einen sehr interessanten Vortrag über „Alexander von Humboldt und das Judenthum" gehalten, der allgemeinen Beifall gefunden hat. — Der Oberbeamte der königlichen Universitätsbibliothek zu Halle a. S. Dr. Max Perlbach, hat den Titel „Oberbibliothekar" erhalten. — Dem schon längst in Hamburg gefühlten Bedürfniß nach einem Hotel, welches neben streng koscherer Küche dennoch allen der Neuzeit entsprechenden Anforderungen genügt, ist nunmehr abgeholfen. Das Hotel Continental, in der Wexstraße im Mittelpunkt der Stadt belegen, ist jetzt von dem Sohn des Gründers, Herrn Henry Hirsche! übernommen worden. Herr Hirschel hat das Hotel gründlich renoviren lassen und weist dasselbe außer 60 elegant eingerichteten Fremdenzimmern u. A. auch einen Lesesaal auf, in welchem sich die bedeutendsten belletristischen wie journalistischen Erzeugnisse des In- und Auslandes befinden. Daß auch Küche und Keller den höchsten Anforderungen gerecht werden können, bewies das gestrige Eröffnungsdiner. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur wurde in der letzten Woche die Vortrags-Saison mit einem interessanten Vortrag des Herrn Rabbiner Doktor Werner-Danzig über „Philo und Josephus" geschlossen. — Bei der am 13. d. M. im Wahlkreise Meseritz-Bomst stattgehabten Reichstagsersatzwahl wurden im Ganzen 16,920 Stimmen abgegeben. Hiervon erhielt Herr v. Mosch (Antisemit) 3520 Stimmen, während bei der letzten Wahl der Antisemit nur 271 Stimmen erhalten hat. Memento! — Aus Anlaß des Geburtsfestes des Prinzregenten hat Herr Oberkantor Rosenhaupt in Nürnberg eine schöne Komposition „Gebet" verfaßt und den Text dazu gedichtet, wofür dem Autor der allerhuldvollste Dank des Prinzregenten schriftlich zum Ausdruck gebracht wurde. — Der älteste Rabbiner des Unter-Elsaß, I. Lewy, Rabbiner in Oberehnheim, wurde am 4. dieses Monats zu Grabe getragen. — Im volkswirthschaftlichen Ausschüsse des ungarischen Abgeordnetenhauses wurde bei der Berathung des provisorischen Handelsvertrages mit Rußland der Wunsch ausgesprochen, daß die Verkehrsfreiheit der Kaufleute ohne Unterschied der Konfession gegenseitig sichergestellt werde. — In der großen Landesausstellung, die am 15. Mai d. I. in Lemberg eröffnet wird, sollen auch in der historischen Abtheilung Gegenstände aus dem synagogalen Leben der Juden ihren Platz finden. Bereits haben 19 Gemeinden ihre Betheiligung angemeldet und der Rabbiner Dr. I. Caro ist für diesen Zweck zum Mitglied der Ausstellungskommisston ernannt worden. — Der Thierschutzverein in Zürich beschloß, eine Eingabe an den Bundesrath bezüglich einheitlicher Durchführung des Schächtverbotes zu richten. — Die geographische Gesellschaft von Frankreich hat dem M. Edouard Foa für seine Forschungen in Südafrika, vom Cap bis zum See Nyassa, eine goldene Medaille verliehen. — Die Medizinal-Behörde in St. Petersburg hat an alle Apothekenbesttzer der Residenz ein Circular ergehen lassen, in welchem denselben vorgeschrieben wird, fortan keine Lehrlinge jüdischer Konfession mehr in ihren Dienst zu nehmen. — Der Stadthauptmann von Petersburg, Generallieutnant Wahl, hat die sofortige Schließung aller kleinen jüdischen Bethäuser in der Stadt verfügt. In Zukunft dürfen die Juden ihren Gottesdienst nur mehr in der großen Synagoge abhalten, welche vor Kurzem hier eröffnet wurde. — Die Kaufleute von Astrachan petitionirten bei der Regierung um Aufhebung der Represstvmaßregeln gegen die jüdischen Kaufleute an der Wolga, da der Export von Kaviar und Fischen, welcher zumeist in den Händen von Juden lag, stark in Abnahme begriffen ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Berantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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