Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Amerika. D New-Uork, 18. Februar. Gegen viele israelitische Unterstützungs-Gesellschaften, welche es seither versäumt haben, in Übereinstimmung' mit den bestehenden Gesetzen Jahresberichte einzureichen, soll jetzt gerichtlich vorgegangen werden. Diese Umgehung der Gesetze ist um so bedauernswerther, als darunter fast ausschließlich die ärmere Klasse von Israeliten der Ostseite, die, um ihre Familien gegen Noth zu schützen, ihr Leben bei diesen Gesellschaften versichert haben, leiden müssen. In allen diesen Orden müssen die Mitglieder ihre Umlagen bezahlen, ohne zu wissen, wohin die Gelder kommen. Wer nicht bezahlt, wird einfach ^ausgeschlossen und geht aller eingezahlten Gelder verlustig. Die Bevmten dreier dieser Orden resp. Versicherungs-Gesellschaften, nämlich des „Aveieni Order ok American Star", des „Aharvas Israel“ und des „Unabhängigen Orden der Söhne Israels", haben nun eine Vorladung erhalten, zwecks Widerrufs ihres Freibriefes vor dem Staats- Generalanwalt in Albanh zu erscheinen. Außer den erwähnten Orden gießt es noch andere Gesellschaften, welche unter dem Deckmantel d?r Bruderliebe und Wohlthätigkeit Verstcherungsgeschäfte betreiben; auch sie sollen nunmehr gezwungen werden, dem Gesetze Folge zu leisten. Cincinnati, O., 12. Februar. In letzter Woche feierte die B'ne Israel-Gemeinde Hierselbst, die älteste und größte israelitische Gemeinde westlich von den Alleghenies, das 70jährige Jubiläum ihrer Gründung. Die Geschichte dieser Gemeinde ist mit der des Judenthums in den mittleren und westlichen Staaten so eng verknüpft, daß man die eine von der anderen kaum trennen kann. Es war im Jahre 1817, als der erste Jude nach Cincinnati kam. Die israelitische Kolonie wuchs während der nächsten fünf Jahre derart, daß sich das Bedürfniß nach der Gründung einer Gemeinde fühlbar machte. Am 18. Januar 1824 versammelten sich die Israeliten von Cincinnati und gründeten die Gemeinde. Von den Gründern lebt jetzt nur noch der 95 Jahre alte Phineas Moses, welcher sich noch der größten Rüstigkeit und Frische erfreut und als tüchtiger Geschäftsmann seines Gleichen sucht. Die Gründer waren meist Engländer, und erst später, als der Zuzug von deutschen Juden ein größerer war, erhielt die Gemeinde auch eine starke deutsche Mitgliedschaft, die unter Rabbi Lilienthal überwiegend wurde, so daß der Gottesdienst in beiden Sprachen gehalten wurde Die Gemeinde war auf streng orthodoxer Basis gegründet worden, doch das fortschrittliche Element machte sich schließlich geltend, und im Jahre 1854 engagirte die Gemeinde in der-Person des berühmten Dr. Max Lilienthal von New-Iork den ersten Rabbi, der das Reformwerk sofort in Angriff nahm und während seiner 28jährigen Thätigkeit an der Gemeinde durchführte. Ein Theilder Gemeinde, vorwiegend der englisch redende, nahm übrigens Anstoß an den Reformen, trennte sich bereits im Jahre 1855 und gründete eine orthodoxe Gemeinde. Der jetzige Tempel der Gemeinde, welcher 1869 eingeweiht wurde, enthält 1000 Sitzplätze und ist mit einer großen Orgel ausgerüstet. Der jetzige Rabbi der Gemeinde ist Herr Dr. David Philipson, welcher seinen Namen als tüchtiger Gelehrter und Forscher, besonders als tüchtiger Assyriolog, in weitesten Kreisen bekannt gemacht hat. — Die spanisch-portugiesische Gemeinde „Scheerith Israel" von Montreal > feierte dieser Tage das 12 5jährige Gründungsfest. Sie ist die fünfte auf nordamerikanischem Boden gegründete Gemeinde, indem die Gemeinden gleichen Namens in New-Iork, Newport, Savannah und - Charleston ihr vorangingen. Die Montrealer Gemeinde wurde von Männern organistrt, welche bedeutende Stellungen in der britischen Armee einnahmen. Der erste Ansiedler war Aaron Hart, General- Proviantmeister in Ainherst's Armee. Die andern Pioniere waren Lazarus David, Andrew Hays, David Salesby Franks, Jacob de Maurera, Elias Seixas, Levi Salomons, Uriah Judah, Fernandez de Fonseca, Joseph Bindona und Emanuel de Cordova. Die Feier war eine erhebende. Delegationen der verschiedenen portugiesischen Gemeinden waren anwesend, und Rev. Dr. H. Pereira Mendes von hier hielt eine durch tiefe Gedankenfülle ausgezeichnete Predigt. Aon Nah und Fern. ----- Herr Ahlwardt, der am 6. d. M. das Gefängniß in Plötzensee verlassen, wird schon am 13. März in einer öffentlichen Versammlung in Hamburg sprechen, welche der dortige antisemitische Verein Böckel'scher Richtung veranstaltet. Natürlich gegen Entree! — Bei der nochmaligen " Verhandlung des Prozesses Paasch gegen seine Helfer erkannte der Gerichtshof nach zweistündiger Berathung dahin, daß die Angeklagten Radelli, Hille, Niemann und Dr. Wesendonk der Beleidigung nicht schuldig und deshalb freizusprechen seien. Dagegen sei der Angeklagte Minde der Beleidigung in zwei Fällen und des Preßvergehens für schuldig befunden und deshalb zu zwei Monaten Gefängniß und 100 Mark Geldstrafe verurtheilt worden. — Der antisemitische Reichstagsabgeordnete für Eschwege-Schmalkalden, Leuß, ist, wie uns aus Hannover geschrieben wird, am letzten Montag Abend von seinem Freunde und Gesinnungsgenossen, dem früheren Direktor des städtischen Lebensmitteluntersuchungsamtes, Dr. Schnutz, gründlich durchgeprügelt worden. — Aus Marienwerder wird berichtet, daß die im vorigen Jahre erlassene Regierungspolizeiverordnung gegen das Schächten von einem Schöffengericht für ungiltig erklärt worden sei, weil sie gegen die durch die preußische Verfassung gewährleistete Religionsfreiheit verstoße. Seitens der Amtsanwaltschaft ist hiergegen Berufung eingelegt worden. In letzter Instanz wird das Kammergericht in Berlin zu entscheiden haben. — Unter Vorsitz des herzoglichen Kommissars Gymnasial - Direktor Dr. Koldowey aus Braunschweig fand am 21. und 22. Februar die Reifeprüfung an der Samsonschule in Wolfenbüttel statt. Sämmtliche 17 Examinanden bestanden die Prüfung. — Wieder ist einer der Mitbegründer des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", Senator Römer in Hildesheim, der ehemalige bewährte Parlamentarier, aus dem Leben geschieden. Dem wackeren Förderer unserer Bestrebungen ist ein ehrendes Andenken gesichert. — Am 27. und 28 Februar fand an der Jakobsonschule (berechtigte Realschule) in Seesen, unter dem Vorsitz des herzoglichen Regierungskommissars, Direktors Dr. Dauber aus Braunschweig, die Reifeprüfung statt, wobei 23 Schüler das Zeugniß der Reife erhielten. — In Prag ist am 27. v. M. nach längerem schweren Leiden der kaiserliche Rath Wilhelm Winter stein, der Begründer der bekannten Firma „Pick & Winterstein", im 63. Lebensjahre gestorben. Winterstein war bekannte und geschätzte Persönlichkeit und hatte sich namentlich um die Gemeinde ganz besondere Verdienste erworben. Er war durch länger als 15 Jahre Mitglied der israelitischen Kultusgemeinde-Repräsentanz in Prag. — In Prag wur: e der czechisch - jüdische Landes - Verein aufgelöst. In dem Auflösungsdekrete heißt es, daß er sich mit' den politischen Reden, welche bei Gründung einzelner Ortsgruppen von jungczechischen Abgeordneten gehalten wurden, identisizirt habe. Vereinsobmann war der ehemalige Abgeordnete Professor Dr. Zucker. — Die Pariser medizinische Fakultät hat einem österreichischen Gelehrten, Dr. Emil Berger, der als „Professeur libre" der Augenheilkunde in Paris wirkt, für seine Vorlesungen über die Beziehungen der Augenkrankheiten zur allgemeinen Medizin die ,.Mention honorable“ des Prix Chatauvillard zuerkannt. Es ist dies bereits die dritte Auszeichnung, die dem jugendlichen Forscher von Seiten der wissenschaftlichen Korporationen Frankreichs zu Theil wurde; im Jahre 1888 erhielt derselbe einen Prix Montyon des Institut de France, im Jahre 1892 den Prix Amussat der Französischen Akademie der Medizin. — Alfred Ney mar ck, Präsident der statistischen Gesellschaft, wurde zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Er ist Vizepräsident des Administrationsrathes der Pariser Synagogen. — Die beiden Opfer des letzten Anarchistenattentats in Paris sind Juden; der eine, ein Oesterreicher Namens Jakob Meyer, war zum Besuche seines Bruders nach Paris gekommen; der andere, Jost, stammte aus Stratchin (Russisch- Polen) und war Pferdemakler des Pariser Hauses Salomon und Wolff. — Man schreibt aus Warschau: Daß ein hoher Funktionär der Kirche eine Verordnung erläßt, in welcher er öffentlich gegen die Juden sich erklärt, das bildet sogar in Rußland eine Seltenheit. Eine solche Verordnung hat der Metropolit von Warschau kürzlich erlassen. In der Warschauer Eparchie haben die Juden seit jeher Kirchen-, Kloster- und andere für religiöse Zwecke bestimmte Bauten ausgeführt. Juden waren stets als Unternehmer oder Arbeiter bei diesen Bauten thätig. Keiner von all den russischen Metropoliten, die bis jetzt in Warschau waren, hat jemals Anstand genommen, Juden zu derlei Arbeiten in ihrer Diözese zuzulassen. Nunmehr aber hat der gegenwärtige Metropolit des Weichselgebietes verfügt, Juden zu keinerlei Unternehmungen von Kirchen- und Klosterbauten zuzulassen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. I- Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.