Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228050--50644-3273462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-- 4 - ■ Pyllak zum Rabbiner in Oedenburg, Dr. Herman Mandl zum Religionslehrer und ungarischen Prediger in Waag-Neustadl und Dr, Samuel Kraus zum Religio nslehrer an der hiesigen israelitischen Lehrer- Präparandie gewählt — In Neutra verschied am 19. d. M. Herr Moritz Gerstel, der langjährige Präsident der dortigen jüdischen Gemeinde; er war der angesehenste und einflußreichste Jude im ganzen Komitat. * N. Baja, 27. Februar. Die ganze Gemeinde mit Vorstand und Repräsentanten versammelte sich am 23. d. im Central-Hotel, um das Fest des 70. Geburtstages des emeritirten Ober-Kantors Herrn Jeremias Mandl zu feiern, welcher sich um die Einrichtung des zeitgemäßen Gottesdienstes mit Chorgesang und auf dem . Gebiet religiöser Humanität in hohem Maße verdient gemacht hatte. In Wort und Lied feierten die Amtsgenossen des Jubilars, Herr Ober-Kaktor Berger und Herr Kantor Braunfeld, die Vorzüge desselben, durch welche er in der Gemeinde sich stets Liebe und Ansehen erworben hatte. .In herzlichem Tone war die Ansprache des Herrn Rabbiners Dr. L. Adler gehalten, welche dem Feste die religiöse Weihe gegeben hatte. Der Begrüßung des Jubilars durch den stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Dr. Brach folgte die Rede des Herrn Professors Dr. S. Nascher, die in der Würdigung der Gemeinde und ihres Verhältnisses zu ihren Würdenträgern gipfelte. Anhaltender Beifall lohnte die Redner, welchen erfolgreich die Herren Advokaten DDr. Herrmann und Neu sich abgeschlossen hatten^ Der Bestrebung unserer Staatsregierung nach vollkommener Gleichstellung der Glaubensgemeinschaft und der Förderung der litterarischen Bestrebungen des vaterländischen Judenthums galten insbesondere die Ansprachen der genannten Redner. Zahlreiche Glückwünsche von auswärts wurden verlesen, und krönte das Fest die vom Vorsteher, Herrn Advokaten Stedder, mit vielem Erfolg angeregte, den Namen des geehrten Herrn Jubilars tragende Wohlthätigkeits - Stiftung für den Gesangs-Chor der Gemeinde. Die würdige Feier bietet ein erfreuliches Zeugniß für die Hebung des Kantoreustandes in unserem Vaterlande. ** London, 23. Februar. Hiesige jüdische Menschenfreunde beabsichtigen, für ihre armen Glaubensgenossen eine Anstalt im Ostepde der Stadt zur geistigen und sittlichen Hebung derselben zu gründen. Das Muster soll die „Toyabee Hall“ geben, welche mit ihren Vorlesungen, Konzerten, Lesesälen re. viel dazu beigetragm hat, den englischen Arbeiter aus verwildernder Umgebung zu reißen. Nur darin wird das neue Institut von seinem Vorbilde abweichen, daß die Leitung Laien und nicht der Geistlichkeit anvertraut werden soll. Es soll in erster Linie das Streben sein, die vom Osten Europas eingewanderten Juden zu guten englischen Bürgern zu machen. Die jüngere Generation soll angehalten werden, sich anstatt des zliääisek“ der Landessprache zu bedienen. Natten. o. Rom, 26. Februar. Daß der Antisemitismus in Italien unmöglich ist, so sehr sich auch gewisse Fanatiker bemühen, ihn dort zu acclimatisrren, das zeigt wieder einmal so recht ein Vorfall im Gemeinderath von Bergamo, wo die klerikale Partei starken Anhang besitzt; dort protestirte der intransigente Gemeinderath Casoli in heftiger Weise gegen die Anstellung einer Lehrerin, die zwar eine ausgezeichnete junge Dame, aber dabei Jüdin war. Die im Ahlwardtschen Geist gehaltene Erklärung des Herrn wurde jedoch von der großen Mehrheit des Oerneinderaths wie vom Publikum mit Ausrufen der Entrüstung ausgenommen, und als der Radaumacher fortfuhr, drohte ihm der Bürgermeister mit gewaltsamer Entfernung. Der — notabene zum großen Theil klerikale — Gemeinderath brachte in Folge dessen dem Bürgermeister eine lebhafte Ovation dar. Ein Beweis, daß die systematische Jüdenhetze des „Osservatore eattolieo“ und der übrigen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinenden Blättchen ähnlichen Kalibers bei den ruhig denkenden Katholiken Italiens keinen Anklang findet. Rußland. F. Warschau, 23. Februar. Trotz der äußerst geringen Zahl der jüdischen Studirenden — es werden bekanntlich hier nur äußerst wenig zugelassen — wurde dieser Tage bei Verleihung der Preise und Auszeichnungen an der hiesigen Universität drei, jüdischen Studenten diese Ehrmanerk?nnung zu Theil. Dem Hörer der JurisprudenzÄbrahcun Friedmann aus Grodno wurde eine silberne Medaille auf Grund eines Artikels: „Ueber den deutsch-russischen Bund zu Ende des 14. Jahrhunderts" überreicht. Von der medizinischen Fakultät gelangten zwei goldene Medaillen zur Bertheilung. Die eine hiervon erhielt der jüdische Student Salomon Grahlmann aus Riga. Außerdem wurde noch dem Studenten Hirschberg eine Auszeichnung zu Theil. Von Nah und Fern. --- Am 12. März sollen vor der siebenten Strafkammer hiesigen Landgerichts I die Verhandlungen in der Beleidigungssache wider den Schriftsteller Schweinhagen, genannt Schwenn Hagen, und den Schriftsteller Plack-Podgorski wegen Beleidigung des Finanzministers Miquel stattfinden. Die Verhandlung wider den Mitangeklagten Reichstagsabgeordneten Ahlwardt mußte wegen des entgegenstehenden Reichstagsbeschlusses ausgesetzt werden. Die beiden Angeklagten werden beschuldigt, in Reden und in einer Broschüre neben einer großen Anzahl anderer Personen, namentlich Geschäftsmänner und Reichstagsabgeordneter, insbesondere der Mitglieder der Ahlwardtkommisston, die indessen keine Anklage erhoben haben, den Finanzminister Miquel schwer beleidigt zu haben. Die Angeklagten haben im Wesentlichen behauptet, daß Dr. Miquel in jener Zeit Spekulationsgeschäfte auf eigene Rechnung gemacht, dabei gewaltige Summen gewonnen und große Reichthümer erworben, daß er an der Spitze eines jüdischen Konsortiums zur Beherrschung des Staates gestanden haben, selbst jüdischer Herkunft sei rc. re. —- Herr Salomon Zeitlin in Leipzig hat zum Andenken an seine früh dahingeschiedene Tochter, Frau Rabbiner Dr. Frida Blumenthal in Ratibor, in der Leipziger Gemeinde eine Stiftung von einigen Tausend Mark errichtet, deren Zinsen alljährlich an bedürftige Wöchnerinnen vertheilt werden sollen — In der Loge zu Dessau, wie im Litteratur- und Geschichtsverein zu Magdeburg . hielt Herr Dr. Dessauer, Landrabbiner in Meiningen, Vorträge über die „ethischen Gedanken des Spinoza". Reicher Beifall belohnte dm Redner. Wie die „Dorfzeitung" schreibt, haben sich die israelitischen Kultusgemeinden des Meininger Landes gelegentlich einer Neuregulirung der Besoldungen der Volksschullehrer an den dortigen Landtag mit einem Gesuche gewendet, daß ihre Lehrer nach wie vor als öffentliche Volksschullehrer bez. der Besoldung angesehen werden möchten. — Vorige Woche hat in Budapest die konstituirende Generalversammlung der neugebildeten „Israelitisch-Ungarischen litterarischen Gesellschaft" unter dem Vorsitze des provisorischen Präsidenten Rabbiner Dr. Samuel Kohn, stattgefunden. Der Gesellschaft gehören jetzt schon 611 Mitglieder an. Zu definitiven Präsidenten wurden nun Dr. Samuel Kohn und der königliche Rath Dr. Philipp Weimann durch Akklamation gewählt. In den Ausschuß wurden dann je vierzig Mitglieder aus Budapest und dem Lande gewählt. — In Also-Kubin starb Herr Rabbiner B. Steinhardt. Er war ein Enkel des gleichnamigen Rabbiners von Fürth.— Aus Groß-Becskerek wird über folgenden empörenden Vorfall berichtet: Eine hierher zugereiste jüdische Frau, Namens Gisella Dus cha k, erkrankte und begab sich ins Spital, wo sie einen gesunden Knaben zur Welt brachte. Kaum war das Kind drei Tage alt, da erschien ein katholischer Geistlicher am Krankenbette der Frau Duschak und taufte das Kind, unbeachtet aller Einwendungen der Mutter! Diese ist bereit, so sie das Spital verläßt, ihr Kind beschneiden zu lassen und gegen den seelenhaschenden Geistlichen Schritte einzuleiten. — Die Anzahl der Juden in Italien beziffert sich auf ca 45,000 Auf ganz Italien entfiele demnach nicht 1 pCt. von den Juden Europas. Eigentliche Gemeinden giebt es in Italien 64. In Rom wohnen 5600 Juden. Die zweitgrößte Gemeinde Italiens ist die in Livorno mit 4050 Juden In Turin wohnen 2600,' in Venedig 2500, Florenz 2400, Ferrara 1750, Ancona 1700, Modena 1700, Mantua 1430, Mailand 1100^. Verona 975, Padua 950 Seelen. Die Zahl von 500 erreichen resp. überschreiten folgende Gemeinden: Casale mit 800, Neapel 650, Pisa 640, Genua 550, Regio 545, Bologna 525, Vercelli 500. — Die Königin-Regentin von Spanien hat dem Bankier Leon Goldwasser in Paris, der auch schrift" fiellerisch thätig ist, zum Ritter des Ordens Karl III. ernannt. Druck.und Verlag von.. R udo lf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch witz in Berlin.