Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228048--50610-3273426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
den wirklich bedürftigen Armen aufs Aeußerste in Anspruch genommen." — Der jüdische Geschichtsverein von England feierte jüngst den Gedenktag, an welchem Cromwell den Juden vor 236 Jahren das Recht der Niederlassung in England gewährt hatte Der Oberrabbiner des britischen Reiches, Dr. Adler, hielt einen Vortrag über „Manaffe ^ben Israel, den Gründer der ersten jüdischen Gemeinde in England, seit der Vertreibung derselben aus dem Lande." Ein zweiter Vortrag beschäftigte sich mit der jüdischen Gemeinde, welche in Creecburch Lane bei Leadenhall Street am Anfang des 17. Jahrhunderts ihre gottesdienstlichen Versammlungen abhielt. Der Verein beschloß, jedes Jahr den 4. Februar als Tag des Rechtes der Wiederniederlassung zu feiern. Amerika. MK. New-?)ork, 1. Februar. Der gegenwärtige Kongreß-Kandidat, dessen Wahl nicht bezweifelt wird, ist Herr Isidor Straus, ein Deutscher von Geburt — er wurde im Jahre 1845 in Otterberg in der Rheinpfalz geboren —, der ältere Bruder des Herrn Oscar S. Straus, dessen Biographie in dieser Zeitung 'erst jüngst veröffentlicht wurde. Isidor Straus, der Volkswirthschaft und ähnliche Wissenschaften eifrig studirt und vermöge seiner gründlichen Kenntnisse derselben als Autorität anerkannt wird, brachte wohl allen öffentlichen Angelegenheiten stets das wärmste Interesse entgegen, nahm jedoch am politischen Leben keinen aktiven Antheil, bis Herr Cleveland an die Spitze seiner Partei trat. Als Cleveland mit der Zusammensetzung seines Kabinets beschäftigt war, wurde der Name von Isidor Straus mit dem Amte des General-Postmeisters der Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht, doch zog er es vor, seine kommerzielle Thätigkeit als Mitchef des weltbekannten Hauses L. Straus and Sons nicht aufzugeben. Im Laufe der Zeit ward er mit dem Präsidenten Cleveland eng befreundet. Im vergangenen Sommer, als die geschäftliche Lage eine höchst verzweifelte war und bange Zweifel darüber herrschten, wie der Präsident sich zu der Frage bezüglich einer Extra-Session des Kongresses stellen würde, begab Isidor Straus sich nach Washington, und historisch ist die Thatsache, daß die Proklamation des Präsidenten bezüglich der Einberufung des Kongresses an demselben Tage erlassen wurde, als Straus in der Bundeshauptstadt anwesend war. Isidor Straus' Bruder, Nathan Straus, der sich an allen israelitischen Vereinigungen lebhaft betheiligt, wurde im Jahre 1891 vom Mayor Grant zum Park-Kommissär und erst im vorigen Jahre vom Gouverneur Flowers zum Staats-Forst-Kommissär ernannt. Er ist in ganz New-Uork als Philanthrop bekannt. Gerade in letzterer Zeit, da die Noth unter den Tausenden von Arbeillosen ausnahmslos groß ist, hat er sich als wirklicher Retter in der Noth erwiesen. In seinem philanthropischen Wirken wird er von seiner Gattin, die eine Tochter des verstorbenen Dr. Gutherz aus Ludwigshafen ist, wacker unterstützt. Von Nah und Fern. --- Am 8. d. Mts. ist hier Herr Bernhard Friedheim, langjähriger Vorsitzender der jüdischen Reformgemeinde und zugleich Mitglied des Repräsentantenkollegiums der Hauptgemeinde, nach langem Leiden im 75. Lebensjahre gestorben. Friede seiner Asche. — Aus dem deutschrussischen Handelsvertrag entnehmen wir: Mit einem russischen Auswanderungsscheine versehene jüdische Auswanderer russischer Abkunft und andere, welche von den deutschen Behörden nach Rußland zurück? gesandt werden, müssen von den russischen Grenzbehörden zugelassen werden, vorausgesetzt, daß sich diese Personen in Deutschland nicht länger als einen Monat aufgehälten haben, von dem Tage an gerechnet wo sie über die deutsch-russische Grenze gegangen sind. — Auf Verbog des jüdisch-rituellen Schächtens war im bayerischen Landtage eine antisemitische Petition eingebracht worden Der Petitionsausschuß erklärte jedoch einstimmig dieselbe als zur Berathung im Plenum nicht geeignet Die Referenten waren Pfarrer Frank und Löwenstein, Grsterek wies ausführlich nach, daß das Schächten hygienisch vortheilhast und keine Thierquälerei sei. Die Regierung bestätigte dies und erklärte,; daß sich zu Lokalverordnungen wegen etwaiger neben dem Schächten hergehender Thierquälereien ein Anlaß noch nicht ergeben habe. — Zwischen dem konservativen „Vaterland" des Abgeordneten von Friesen und dem Abgeordneten Zimmermann in Dresden ist seit längerer Zeit eine heftige Fehde entbrannt. Da kommen denn erbauliche Dinge an den Tag. Zimmermann war vor Jahren Mitarbeiter an der Zeitschrift „Auf der Höhe" von Leopold von Sacher Masoch gewesen, er hatte diesen als Schriftsteller sehr gefeiert und ihn gleichzeitig anonym in Artikeln und in einer Broschüre heftig angegriffen. Diese „Doppelzüngigkeit" hatte das „Vaterland" gebrandmarkt. Die „Dresd. Nachr." schrieben: „Die Zimmermann angeblich in einem Gerichtsurtheil vorgeworfene Doppelzüngigkeit ist unwahr und unbewiesen. Warum druckt man denn das Erkenntniß nicht ab? Darauf hat das „Vaterland" diesem Borwurfe und dieser Anfrage gegenüber den betreffenden Passus des Gerichtsurteils wörtlich mitgetheilt. Tableau! — In Stuttgart ist man sehr auf einen Entscheid der kgl. Stadtdirektion gespannt. Der Gemeinderath hat nämlich einem Gesuch der Hausbesitzer in der Judenstraße, dieser Straße einen anderen Namen zu geben, willfahrt. Die Stadtdirektion verlangt jedoch eine genauere Motivirung der gemeinderäthlichen Vorlage. — Im niederösterreichischen Landtag erwiederte der Statthalter von Kielmannsegg auf eine Anfrage des Abgeordneten Schneider, die Staatsgrundgesetze, die sich bisher bewährt hätten, ließen den gewünschten Ausschluß jüdischer Lehrer von den gewerblichen Borbereitungsschulen unstatthaft erscheinen. — In der Sitzung des gHlizischen Landtages vom 6. d. Mts. brachte der Antisemit Merunowicz einen Antrag ein, welcher eine intensivere Beaufsichtigung des jüdischen Religiorrsunterrichtes in den öffentlichen Schulen bezweckt. Merunowicz erging sich dabei in versteckten Ausfällen gegen die Juden. Seine Ausführungen wurden unter allgemeiner Heiterkeit von den Abgeordneten Dr. Fruchtmann und Dr. Goldmann ad abeurdum geführt. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Merunowicz' mit allen gegen die Stimme des Antragstellers abgelehnt. Dagegen wurde der Antrag Goldmanns wegen Einleitung von Unterhandlungen behufs Errichtung einer Anstalt zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer angenommen. — Am 9. d. M. wurden in Bern an einem Ochsen und zwei Schafen Versuche gemacht, sie durch Alkohol zu betäuben, um sie nachher schächten zu können. Der Ochse verschlang 6 Liter Alkohol. Nach der Bundesverfassung muß Vieh vor dem Blutentzug betäubt werden — Der inzwischen zum Minister gewordene Abgeordnete Raynal und Stadtrath Strauß sind zu Mitgliedern des höchsten Rathes für die Ausstellung von 1900 ernannt. — Aus Bayonne berichtet man den Tod von Madame Auguste Furtado, einer Tante der bekannten Pariser Philanthropen Madame Furtado-Heine. Vor einigen Jahren hat die Verstorbene zur Erinnerung an ihren seligen Gatten, welcher Präsident des jüdischen Konsistoriums von Bayonne war, der Stadt eine Spende von Frcs. 50,000 zur Errichtung eines wohlthätigen Fraueninstitutes gewidmet. Mit der Verstorbenen erlischt der berühmte Name der Furtado. — Während eines Streifzuges der französischen Expeditionstruppe in Tonkin hat ein junger, jüdischer Sergeant, Namens Löon Levy, sich dadurch ausgezeichnet, daß er das Leben eines seiner Vorgesetzten Offiziere, welcher von einem chinesischen Piraten überfallen wurde, gerettet hat. Nach der Rückkehr ins Lager wurde Sergeant Levy von seinem Chef wärmstens beglückwünscht und für die Kriegsmedaille vorgeschlagen. Diese Auszeichnung wurde ihm auch zur Genugthuung aller seiner Kameraden verliehen. — Aus Mantua meldet man den am 1. d. Mts. erfolgten Tod des berühmten Oberrabbiners Marco Mortara, der ein Alter von 78 Jahren erreicht und 52 Jahre in Mantua sungirt hat. Wir behalten uns vor, die Wirksamkeit des Dahingeschiedenen noch ausführlich zu schildern. — In Rom ist am 1. d. Mts. der allgemein geachtete Vorsteher der israelitischen Gemeinde, Cavaliere Settimio Esdra, als er aus seinem Geschäftsbüreau — er war auch Gouverneur (rezente) der Italienische i Reichsbank — nach seiner Behausung zurückkehrte, gestorben. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein rasches Ende bereitet. — Ein furchtbares Verbrechen ist nach Nachrichten aus Minsk, im russischen Gouvernement Grodno verübt worden. In der Stadt Antopol wurde eine reiche jüdische Familie mit ihrem Dienstpersonal, bestehend im Ganzen aus 13 Köpfen, durch Gift, welches den Speisen beigemengt wurde, getödtet. ' ■ Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.