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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-02 · Heft 5 (2.2.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Cohen, Joseph Blumenthal und M. Oettinger. Die Herren werden einen schweren Standpunkt haben, besonders in der jetzigen „schweren Zeit der Noth". Die Menschen können durch die Arbeit von sechs Tagen nicht genügend erwerben, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, und nun wird verlangt, daß ste nur fünf Tage arbeiten sollen, denn der Sonntag ist ja ebenfalls ein Ruhetag. Aber noch ein anderer Umstand kommt hinzu. Das ist das volle Aufgehen des Juden in der Gesellschaft und die dadurch entstehende Unmöglichkeit, die Theilung im Gewerbs- und Geschäftsleben zu bewerkstelligen, welche durch eine strenge Heilighaltung des siebenten Tages der Woche erfordert wird. Es ist wahr, die Entweihung des Sabbaths ist zweifelsohne der Grund der sich kundgebenden Gleichgiltigkeit gegen die religiöse Observanz, und mit der Hintenansetzung des jüdischen Sabbaths ist ein Stück Poesie, ein Ideal aus dem jüdischen Familienleben geschwunden, welches nicht leicht ersetzt werden kann. Aber „der Kampf ums Dasein" ist ein gar zu mächtiger Faktor, und es ist zu schwer, mit einem Ideal in diesem Kampfe zu siegen. Soll eine derartige Bewegung zur Wiedereroberung des Sabbaths gewonnen werden, so müssen vor Allem die Geschäftsleute, die Fabrikanten, die Arbeitgeber gewonnen werden, denn der Arbeiter ist machtlos Natürlich ist den Führern der beste Erfolg zu wünschen. Eine weitere Versammlung, um die Organisation zu vervollständigen und den Operationsplan in Angriff zu nehmen, ist für nächsten Mittwoch anberaumt. — Im Tempel Emanu- El wird morgen .Abend der junge und beredte Kanzelredner Herr Louis Großmann von Detroit vor der „Jüdischen Jung-Männergesellschaft" einen Vortrag halten. Gestern morgen hielt in demselben Tempel Rev. Dr. Joseph Silvermann einen Vortrag über.„die Lehren aus dem Leben des kürzlich zur Ruhe bestatteten Adolph L. Langer und die höheren Pflichten des Mannes von Bildung." Der Tempel war von Zuhörern gefüllt, die den Ausführungen des Geistlichen mit tiefem Interesse folgten. — Die vor einigen Tagen abgehaltene Jahresversammlung der Mitglieder des Mount Sinai-Hospitals war sehr zahlreich besucht, und wurden die Berichte des Präsidenten und der übrigen Beamten mit großem Interesse entgegengenommen Während des verflossenen Jahres wurden über 5000 Applikationen um Aufnahme in die Heilanstalt gemacht, von welchen 3225 gewährt wurden, 66 mehr als im Vorjahre. Die Gesammteinnahmen beliefen sich auf 142,393 Dollars, wovon 49,975 Dollars durch jährliche Beiträge aufgebracht wurden, die übrigens einen Rückgang von 1245 Dollars aufweisen. Die Gesammtausgaben betrugen 111,572 Dollars. Das Vermögen der Gesellschaft mit Ausschluß der Gebäulichkeiten und Einrichtung beträgt 227,162 Dollars. Die Arbeiten für Einrichtung eines neuen Hospitals mit größeren Räumlichkeiten, wofür bereits freiwillige Beiträge bis zu einer halben Million Dollars gezeichnet sind, mußten zeitweilig der Geschäftsklemme halber eingestellt werden. — Nach Verlesung des Berichts des Präsidenten und des Vorsitzenden des Exekutiv- Komitees, Herrn Jsaac Wallach, legte der Letztere Beschlüsse betreffs des Ablebens des vortrefflichen Adolph L. Langer vor. Die Herren M. Varley Platzek, Jsaae Strauß und Registr. Levy zollten dem Dahingeschiedenen einen warmen und reichen Tribut. Die Beileids- und Trauerbeschlüsse wurden einstimmig angenommen. Dann schloß sich die Neuwahl der Beamten an. n. New-Uork, 8. Januar. Einen bedeutenden Verlust hat das Judenthum in dem Tode des am vergangenen Freitag zur Ruhe bestatteten Adolph L. Langer erlitten. Von frühester Jugend an am öffentlichen Leben theilnehmend, stand er dem Volke stets vor Augen. Nun beschloß er sein thatenreiches Leben, welches auch nicht durch den leisesten Mißton befleckt ist. Während seines zwanzigjährigen Wirkens als Lehrer, später als Leiter der Religionsschule der Tempel „Emanuel"-Gemeinde, gewann er nicht nur die Liebe und Achtung seiner Schüler, sondern auch die Herzen der Gemeindemitglieder im Sturnh Und auch später, als er ins öffentliche politische Leben hinaustrat, waren Leutseligkeit, Rechtlichkeitsbewußtseiu, Gemein- und Biedersinn die Waffen, mit welchen er sich die Herzen Aller eroberte. In den zahlreichen Vereinen und Verbindungen, denen er angehörte, war er kein stummes Mitglied, sondern hob mit Energie und Thatkraft die Interessen derselben. In der „B'nai-B'rith"-Loge nahm er die höchste Ehrenstelle als Mitglied des obersten Gerichthofes seit einem Dezennium ein. Seinen Glaubensgenossen machten seine Bescheidenheit, Reinheit und Lauterkeit seines Charakters den Verblichenen um so theurer. Möge er sanft ruhen! Non Nah und Fern. ----- Das Militär-Ehrengericht des Bezirks-Kommandos Teltow 'verhandelte am 23. d. Mts. gegen den Rechtsanwalt Dr. Hertwig aus Charlottenburg. Hertwig soll durch verschiedene Handlungen in seiner Eigenschaft als Vertheidiger des Rektors Ahlwardt die Ehre des Offiziersstandes, dem er als Reserveoffizier angehört, nicht in der erforderlichen Weise gewahrt haben. Das Vergehen Hertwig's besteht nach Ansicht der Militärbehörde in der Ueberreichung zweier Beweisanträge an den Gerichtshof im „Judenflinten"-Prozeß, durch deren Inhalt die militärischen Sachverständigen und der Kriegsminister beleidigt sein sollen. Rechtsanwalt Hertwig war zur Verhandlung nicht erschienen; das Urtheil, das auf Ausschluß Hertwigs aus dem Offizierskorps lauten soll, bedarf der kaiserlichen Bestätigung. — Am 28. d. M. fand unter zahlreicher Betheiligung die feierliche Enthüllung des Grabsteins für den verewigten Sigismund Simmel auf dem Friedhof der Schönhauser Allee statt. Herr Dr. Hirsch Hildesheimer hielt eine ergreifende Gedenkrede. — In Hildesheim wurde der Vorsitzende des dortigen deutschsozialen Vereins. Droguenhändler Otto Hänisch, wegen Anheftens des Flugblattes „Christenpflichten zur Weihnachtszeit" an die Außenseite seines Schaufensters zu 10 Mark Geldstrafe verurtheilt. — Der Rabbiner Dr. Lerner aus London wurde zum Oberrabbiner der Altonaer Gemeinde gewählt. — Auch Herr Erwin Bauer in Leipzig hat nunmehr seinen Austritt aus der deutsch-sozialen und antisemitischen Partei feierlichst erklärt. Die Ratten fangen an das Schiff zu verlassen! — Dem Brunnenarzt Sanitätsrath Dr. Emmerich Hertzka in Karlsbad wurde vom deutschen Kaiser der Rothe Adler-Orden verliehen. — Aus Br ixen a. E. wird geschrieben: Hier wurden sechs Schüler des hiesigen Obergymnasiums wegen Theilnahme an einer deutschnationalen Schülerverbindung von der Anstalt und damit auch von allen übrigen Tyroler Gymnasien ausgeschlossen. Die Relegirung dieser jungen Schönerianer wurde herbeigeführt, daß einer dieser unverfälschten Germanen die Genossen verrathen, beziehungsweise denunzirt hat. — Oberstaatsanwalt Kozma hat gegen das klerikale Hetzblatt „Magyar Allam" wegen des Artikels, welcher mit „Demonstrationen" gegen die Juden drohte, Anklage wegen Aufreizung erhoben. - Herr Dr. Josephus Jitta, ein Jude, wurde zum Professor für Handels- und Civilrecht an der Universität in Amsterdam ernannt. — Professor Dr. Stokvis wurde von der holländischen Regierung dazu ernannt, Holland beim Internationalen Medizinischen Kongreß, welcher im Frühling in Rom abgehalten werden wird, zu vertreten. — Der Oberrabbiner Guiseppe Cammeo in Neapel wurde von der Kultusgemeinde in Modena zu ihrem Seelsorger erkoren und hat die auf ihn gefallene Wahl angenommen. — Mr. Gresham, d.r Staatssekretär, hat den Gesandten der Vereinigten Staaten in Petersburg beauftragt, in den Protokollen nachzuschauen, ob vielen Juden aus den Grenzbezirken Geld gegeben wurde, um ihnen die Auswanderung in die Vereinigten Staaten zu ermöglichen. In diesem Falle möge er der russischen Regierung zu wissen thun, daß diesen Leuten das Landen in den Vereinigten Staaten verboten werden würde. — Der „Manchester Courier" schreibt: „Die Zahlen bezüglich des Versuches des Barons Hirsch, die vertriebenen russischen Juden in Argentinien anzusiedeln, sind lehrreich. Im Ganzen sind Pfd. Sterl. 500,000 verausgabt worden. Davon dienten Psd. Sterl. 215,000 zum Ankauf von Land. Die Frage entsteht, wie viel von den übrigen Pfd. Sterl. 285,000 verloren ist. Ein Theil sicher. Es heißt, daß keine Hoffnung besteht, die Kosten der vorhergegangenen Untersuchungen und des Transports der Vertriebenen von Rußland wieder zu bekommen. Pfd. Sterl. 140,000 werden als unrettbar betrachtet. Pfd. Sterl. 145,000 denkt man von den Kolonisten wieder zu bekommen." — Die jüdische Gemeinde zu Alexandrien, die durch ein Gesuch an das Ministerium bewirkt hat, daß den russischen Juden der Eintritt nach Aegypten untersagt wurde, besteht noch immer auf ihrem Verlangen und verhindert dadurch die Zurücknahme des diesbezüglichen Regierungserlasses. Der liberale Minister will mit Freuden das Emigrantenverbot aufheben, wenn Mittel herbeigeschafft werden, um den Ankommenden die erste und unentbehrlichste Hilfe leisten zu können. Druck.und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für - die Redaktion: M a x B a u ch w i tz in Berlin.

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