Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1894)
- Date
- 1894-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58, Jahrgang. Ar. 5. Berlin, 2. Februar 1894. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbiner D* Ludwig Philippson-Bonir. Verlags-Crpedition: Berlin, Lerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudentdums". Berlin 81V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nndolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Ncdactcur: Gustav K arpeles. Irihall. Leitartikelr Das Duell. -- Die Woche. — Die Svnagogengemeittde Alt Königsberg in Preußen. Von M. Friedeberg. — Vorschläge zur Abwehr. Von Rechtsanwalt Dr. S. Meyer. — Das Direktorat der jüdischen Lehterbildungsaustalt ill Hannover. Von M Sp. — Wiener Briefe. XXVl. Von T. — Ein christlicher Prediger als Märtyrer des Judenthums. Von Dr. N. Samt er. (Schluß). — Feuilletonr Die Jüdin. Erzählung vonJohn Pa ulsen. (Forts.) — An der Pforte des Paradieses. Von Albert Katz. — Litterarifche Mit theilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg i. Pr.. Tilsit.^Kolberg. Ratibor. Schivelbein. Stade. Bremen. Nürnberg. Wien. London, New-Iork. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Aas Auell. Berlin, 1. Februar. erschiedene Borkommuiffe der letzten Zeit haben in der Presse und in den Parlamenten die Frage des Duell-Unfugs wieder aufs Tapet gebracht, die auch für uns von großer Bedeutung ist. Denn mit Recht bemerkte jüngst Friedrich Dernburg in einem Aufsatz gegen das Duell: „Neben dem Kampf um die Frau ist heute als ein Hauptmotiv des Zweikampfes das Rassenduell getreten, ein wunderbarer atavistischer Rückfall sozialer Kultur, wenn mau bedenkt, daß die, welche es mit Vorliebe aussuchen, gerade die jüngste soziale Schicht in Deutschland darstellen, die „Semiten". Es ist ein ganz regulärer Fall, daß ein wegen seiner Religion oder Rasse verhöhnter oder auch nur geneckter Jude der Bildungswelt eine Herausforderung erläßt, ja sich mit einer Art von Leidenschaft dazu drängt, seine Gleichheit mit den Ariern durch tödtlichen Kampf zu beweisen. Dieses Motiv ist wohl nock häufiger als der Drang nach Rache wegen der geschehenen Kränkung. Eine ganze Reihe tragischer Ausgänge solcher Duelle liegt vor. Die öffentliche Meinung hat diese Duelle stets mit besonderer Ungunst betrachtet. Wie mir scheint, nicht immer, ja nicht vorherrschend aus Parteilichkeit für die Christen gegen die Juden. Vielmehr ist es die mehr oder minder klare Empfindung, daß in dem Gegensätze, der hier zu Tage tritt, der Sieg der höheren Kultur bleiben muß; daß er nicht im Rückgriff auf absterbende Traditionen geschlichtet werden kann; daß der Versuch, sich in eine widerstrebende Gesellschaft „einzupauken", die Opfer nicht werth ist, die er kostet. Den Antisemitismus und die Reste des Zweikampfes wird dieselbe Kulturwelle hinwegschwemmen ..." Wenn wir auch nicht glauben, daß es weniger der Drang nach Rache als die Leidenschaft, es den Ariern gleich zu thun, ist, was in unseren Tagen so oft, namentlich jüdische Studenten, auf die Mensur treibt, so können wir den Schlußfolgerungen des vortrefflichen Schriftstellers im Großen und Ganzen doch nur zustimmen. Unser Standpunkt zu der Frage ist einfach durch das Bibelwort gegeben: „Lo thirzach“. Du sollst nicht tödten! In diesen zwei Worte» des sechsten Gebots liegt die ganze Antwort des Judenthums auf die Duellfrage. Und an einem Bibelwort soll man nicht drehen noch deuteln, wie dies die evangelische Orthodoxie getha» hat, indem sie die junkerlichen Ehrbegriffe mit dem sechsten Gebote auszugleicheii sich vergeblich abmüht. Da ist die katholische Orthodoxie doch viel wahrer und gläubiger, wie dies das entschiedene Auftreten der bayerischen Ultramontanen gegen das Duell in letzter Zeit klar bewiesen hat. Als jenes Gebot gegeben wurde und noch Jahrtausende später war Israel wohl eines der tapfersten und kriegerischsten Bülker der Welt. Und bis auf die neue Zeit haben Söhne unseres Stammes auf allen Schlachtfeldern Proben ihres Heldenmuthes abgelegt. Wer also aus jener Antwort des Judenthums ans die Frage des Duells etwa Mangel au Muth oder gar Feigheit herauslesen wollte, der wäre ein Narr oder ein Lügner. Gerade das Drängen unserer Glaubensgenoffen zum Duell wäre ja im Stande, den Gegenbeweis zu führen. Nein, auf all' die peinlichen Frage», die zum Duell führen, kennt das Judenthum nur eine entschiedene Antwort: „Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, du kaiinst ihm zwar Verweise geben, weim er dich beleidigt hat, trage ihm aber sein Versehen nicht nach. Du sollst dich nicht rächen und nicht Zorn nachtragen, sondern du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst." Jedes dieser Worte drückt dem Duell das Merkmal der Sünde und des Verbrechens auf. Die biblische Gesetzgebung hat sehr genau zwischen deni vorsätzlichen und unvorsätzlichen Mord geschieden; den erstem bestrafte sie mit dem Tode, den letzter» mit der Verbannung nach einer Zufluchtsstätte. Wer aber mit dem Degen in der Faust oder mit dem Revolver in der Hand auf die Mensur tritt mit dem Vorsatz, das Duell zu Ende zu führen, der hat auch den Vorsatz, das Blut seines Gegners zu vergießen und handelt so, daß er dem Leben seines Nebenmenschen, wenn es Gott nicht abwendet, ein jähes Ende macht. Das ist vorsätzlicher Mord ohne alle Bedingung. Dies ist die Ansicht des Judenthums vom Duell. Wir wissen wohl, daß im modernen Gesellschaftsleben diese Ansicht »och keinen Anspruch auf Geltung machen kann, aber wir registriren dieselbe doch mit hoher Genugthuung, und wir haben heute wohl das volle Recht und die volle Verpflichtung, sie allen gegentheiligen Anschauungen gegenüber so entschieden wie möglich zu betonen. Denn lvenn der verehrte Schriftsteller, dessen Ansicht über das Duell tote am Anfang zitirten, schließlich zu der Ueberzeugung gelangt, daß es in unserer Zeit nothwendig sei, die sittlichen Begriffe zu revidiren, je mehr die äußeren Formen der Religion zerfallen, so können wir mit wahrhaft sittlicher Erhebung darauf Hinweisen, daß es für uns als Juden nur der Rückkehr zu dem Kern und Inhalt des alten Glaubens bedürfe, um auch die höchsten Forderungen der modernen Ethik zu verwirklichen.