Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Außerdem wurden Versammlungen einberufen, in denen'eingeschärft wurde, zu Weihnachten und Neujahr bei den Juden nur ja nichts einzukaufen, wie in der Frauenversammlung der „Christlichen Familie", die Fürst Liechtenstein einberufen hat. — Vorige Woche verschied hier der Journalist Norbert Bechhöfer, ein hochbegabter und in mancher Beziehung merkwürdiger Mann- Er stammte aus Fürth bei Nürnberg, hatte in Deutschland tüchtige Studien gemacht, war ein bedeutender Hebraist und Talmudgelehrter geworden und kam Ende der Fünfziger Jahre nach Oesterreich, um in einer jüdischen Gemeinde eine Stelle als Prediger zu suchen. Welche Fügungen des Zufalls aus ihm einen — Journalisten gemacht habey, das ist bald erzählt. Er hatte in einer ungarischen Gemeinde eine Probepredigt gehalten, die den Frommen nicht gefallen wollte, weil sie zu — „schön" war. Sie war wirklich „schön", diese „Predigt", voll Geist nämlich, voll von tiefen und rührenden Gedanken, die in einer edlen und sinnigen Sprache zum Ausdruck kamen. Die Frommen witterten deshalb in dem jungen Prediger einen „Freigeist", den man in einer orthodoxen Gemeinde nicht brauchen könne, und da Bechhöfer außerdem, unpraktisch, wie er Zeit seines Lebens stets gewesen, einen freundschaftlichen Wink nicht hatte beachten wollen, daß er gut daran thun würde, sich um die Hand der Tochter eines in der betreffenden Gemeinde einflußreichen Mannes zu bewerben, so wurde er höflich gebeten, sich anderwärts nach einer Predigerstelle umzusehen. . . . Das ließ Bechhöfer bleiben, denn das Erlebniß in jener Gemeinde verleidete ihm den Beruf, für den er fich die ganzen Studienjahre hindurch so sorgfältig vorbereitet hatte. Er ging nach Wien, wo er sich als Docent für orientalische Sprachen und für Philosophie, die sein Lieblingsstudium bildete, zu habilitiren gedachte. In Wien traf er eines Tages mit dem damals äußerst populären Romanschriftsteller Eduard Breier, der auch die vielgelesene Zeitschrift „Der grade Michel" herausgab, zusammen und wurde von Breier aufgefordert, die Leitartikel für das genannte Blatt zu schreiben. Sofort entwickelte sich die journalistische Begabung Bechhöfer's in wahrhaft überraschender Weise. Nach kurzer Zeit trat er in die Redaktion der „Vorstadt-Zeitung", arbeitete dann im „Ungarischen Lloyd", kam später zur „Morgenpost", sodann zum „Neuen Wiener Tagblatt" und schließlich zum „Wiener Tagblatt". Vor zwei Jahren mußte er endlich, von Krankheit und vorzeitigem Alter gebeugt, die ständige Arbeit im Redaktionsbüreau verlassen, ohne indessen dem publizistischen Berufe, den er bis kurz vor seinem Tode ausübte, zu entsagen. * Pest, 27. Dezember. Heute starb hier im Alter von 69 Jahren der ehem. öffentliche Hauptschullehrer M Ehrentheil. Derselbe war ein begabter, jüdischer Schriftsteller, der die jüdische Litteratur mit mehreren beachtenswerthen Beiträgen bereichert hat. Er war zwölf Jahre hindurch Sekretair der orthodoxen Landeskanzlei und erwies sich in diesem schwierigen Amte als tüchtig. Nach seinem Ausscheiden aus dieser Stelle wurde er ein heftiger Gegner dieser Kanzlei. Er ist als Verfasser mehrerer Werke bekannt. Sein „jüdisches Familienbuch" ist eine gediegene Leistung, die von seiner Tüchtigkeit im Zusammentragen und Ordnen biographischer Daten Zeugniß ablegt. In seinem „Geist des Talmud" hat er die Sittenlehre sehr anschaulich dargestellt und ein klares Bild von der Moral des Talmud entworfen. Friede seinem Andenken! Rußland. 0. St. Petersburg, 2. Januar. Die neue Synagoge, an der mehr als 25 Jahre gebaut worden ist, ist nunmehr feierlich eingeweiht worden. Unter den Anwesenden befanden sich: Der Stadthauptmayn Generallieutenant v. Wahl, das Stadthaupt von St. Petersburg wirklicher Geheimrath W. A. Ratkow-Roshnow, die Generale Mordwinow und Bestushew-Rjumin, Leibmedicus Geheimrath I. W. Bertenson und noch viele Andere; auch zahlreiche Vertreter der höheren Beamtenklaffen, der Armee und der Presse. Die Synagoge ist in streng maurischem Styl gehalten. Das Innere frappirt durch seine puritanische Einfachheit. Nur der Schrein, in welchem die auf Pergament geschriebene, in kostbaren Hüllen befindliche heilige Schrift aufbewahrt wird, ist reich mit Goldverzierungen versehen; vor diesem Schrein brennt eine ewige Lampe. Nachdem der Chor unter der Leitung des Kantors einige Hymnen und Psalmen exekutirt und durch Umgang mit den Gesetzesrollen die Räumlichkeiten eingeweiht worden waren, hielt der Oberrabiner Dr. Drabkin eine Rede, in welcher er den Segen herabflehte auf Kaiser und Reich, auf das ganze russische Volk und die jüdische Gemeinde und alle Diejenigen, welche zur Errichtung des Gotteshauses beigetragen. Hierauf wurde das feierliche Gebet für den Kaiser, die Kaiserin, den Thronfolger und das gesammte Kaiserhaus unter Begleitung des Chors celebrirt. Später fand eine feierliche Todtenmesse für den hochseligen Kaiser Alexander Nikolajewitsch statt, d.ie sehr ergreifend war und alle Anwesenden tief rührte Eine längere Rede des Dr. Drabkin schloß die Feier. Non Nah und Fern. --- Dem ersten Lehrer Walter in Czarnikau, Vater des Rabbiner Dr. Walter, ist aus Anlaß seiner Pensionirung der Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen worden. — Aus Ne i s se schreibt man: Die Garnison Neisse, welche ca. 5000 Mann umfaßt, zählt auch viele israelitische Soldaten, die sich stets einer guten Behandlung zu erfreuen gehabt. Bei der 3. Kompagnie des 23. Infanterie- Regiments (Wiuterfeldt) dienen auch israelitische Soldaten. Vor Kurzem hat ihr Hauptmann von K. denselben erklärt, daß jedes auf ihre Religion bezügliche Wort ihm sofort gemeldet werden solle, ferner hat er strenge Bestrafung derjenigen Soldaten zugesagt, die sich eine solche Beleidigung der jüdischen Soldaten zu Schulden kommen lassen. — Herr Julius Seckel aus Hannover ist zum Vice- und Deputy-Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Brauuschweig ernannt worden. — Das Vermögen des Unterstützungs-Vereins für die israelitischen Lehrer Rheinlands und Westfalens ist im letzten. Jahre auf 77,000 Mark gestiegen, so daß die Unterstützungsquote erhöht werden konnte. Anläßlich der Neujahrsauszeichnungen erhielten den Titel Justizrath die folgenden Advokaten: Rechtsanwälte in Bayern: Nathan Boskowitz in München, Joseph Thalmann in Frankenthal, Isaak Horwitz in Schweinfurt, Julius Berolzh e imer in Fürth und Adolph Buchmann in Regensburg. — Der Fürstbischof von Olmütz, Dr. Th. Kohn, hat dem dortigen jüdischen Frauenverein 40 fl. gespendet. In seinem Auftrag erschien der Domherr Dr. Klug in der Wohnung der Präsidentin und überreichte ihr diese hochherzige Gabe persönlich. — Bei der Leichenfeier des sel. Dr. I e l l i n e k war die O l m ü tz e r Gemeinde durch ihren Rabbiner Dr. Oppenheim vertreten. — Dr. Bernhard Templer, der in Wien und Berlin seine philosophischen und theologischen Studien absolvirt hatte, ist einstimmig als Rabbiner in Mähr.-Aussee und Mähr. - Schönberg gewählt worden. — Aus Krakau berichtet der „Maggid", daß auf Veranlassung des Herrn Baron Hirsch den Armen dieser Stadt die monatliche Unterstützung von 5 000 fl. aus der Hirsch'schen Stiftung wieder gewährt wird. — Für die neu zu gründende Debrecziner protestantische Universität hat die Debrecziner isrealitische Kultusgemeinde jüngst 2000 Kronen gespendet und hat jetzt außerdem einen warmen Aufruf an die isrealitischen Gemeinden des Komitates erlassen, das genannte Institut, an welchem zahlreiche Juden ihre Ausbildung erhielten, zu fördern. — M. Charles Lyon-Caen, Professor an der juridischen Fakultät zu Paris, wurde zum Mitgliede der Akademie für moralische und politische Wissenschaften gewählt. Seit dem Ableben von M. Adolphe Frank gehört dieser Akademie kein Jude an. — Auch in Algier wurde die Einwanderung der Juden verboten. Dieses Verbot richtet sich jedoch nicht gegen die russischen Juden, die nur selten dort zu landen pflegen und die dann auch weiterfahren, um theils nach Marseille, theils nach Barcelona zu gehen, um sich dort nach Argentinien einzuschiffen. Dagegen trifft dieses Verbot sehr hart die Juden in der spanisch-marokkanischen Kolonie Melilla, die von dort auswandern müssen und von denen viele nach Algier kommen, um sich anzusiedeln. Diesen Juden wurde die Einwanderung strengstens verboten, da man befürchtet, es könnte dadurch zu Unannehmlichkeiten mit der spanischen Regierung kommen. - Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.