Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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21 Krankheit der Organismus sich stärker und kräftiger zeigt, als er vorher gewesen, so hat die unselige Bewegung unfraglich Sinn und Jutereffe und verständnißinnige Theilnahme für Alles, was Juden und Judenthum betrifft, in unfern Reihen erheblich gestärkt und gesteigert. So haben sie wohl Alle die eine oder die andere der vielen verdienstvollen Schriften in Händen gehabt, in denen die Bibelworte und Talmudlehren und die unanfechtbaren geschichtlichen Thatsachen zusammengestellt wurden, aus denen die Bodenlosigkeit der immer von Neuem auftauchenden Anschuldigungen unwiderleglich hervorgeht. Sie wiffen, um nur das Gravirendste zu berühren, welchen Ruhmestitel unserer religiösen Gemeinschaft die hohe Verehrung bildet, die zu jeder Zeit in unserer Mitte dem Wiffen gezollt wurde. Genoffen doch nirgends Träger und Pfleger der Wiffenschaft, wie wir ohne Ruhmredigkeit sagen dürfen, höhere Schätzung, wurde doch nirgends die Unwiffenheit, die Zugehörigkeit zu den „Ame-ha-arez“ als eine so kränkende Schmach empfunden, wie bei uns Juden. Giebt es doch kein Gebiet menschlichen Wissens und Könnens, das nicht von Juden angebaut, liebevoll gepflegt und ersprießlich gefördert worden wäre. Und nun vollends die schwerstwiegende Verleumdung, daß wir Andersgläubige Haffen. Sind wir, meine Verehrten, nicht in der Lage, sie entkräften zu können, mehr noch und schlagender als mit theoretischen Darlegungen mit dem einfachen Hinweise auf das friedliche, freundschaftliche Nebeneinanderwirken von Juden mit den Bekennern aller anderen Konfessionen, das wir heute, wie in aller Vergangenheit, allüberall antreffen, wo nicht Fanatiker und Demagogen dies einträchtige Zusammenleben gefliffentlich zu zerstören suchen? Das Alles hätte Niemand dem Franzosen würdiger und wirksamer entgegenhalten können, als Moses Mendelssohn. Er aber schwieg, nicht weil es ihm an Muth und noch weniger, weil es ihm an Liebe zu seinen Glaubensgenossen gefehlt hätte. Besaß und bewährte er doch beide in einem hohen Grade; den Muth vor Allem in der unvergänglichsten seiner Schriften „Jerusalem", in der er zu Kant's freudigem Erstaunen so kühn und scharf für Religionsfreiheit und' Toleranz eiutrat20), und die Liebe, indem er alle seine Verbindungen mit hochangesehenen Freunden und Verehrern immer wieder benutzte, um seinen bedrängten Brüdern Hilfe zu verschaffen. Er schwieg, weil er, wie Profeffor Geiger richtig bemerkt, keine kampflustige Natur war^). Er schien der Meinung zu sein, daß solchen Angriffen gegenüber 2°) In einem Briefe an Mendelssohn vom 8. August 1783 nennt Kant dieses Buch die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und fortwirkenden Reform, die nicht allein die Juden, sondern alle Religionen betreffen würde. „Sie haben ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Nothwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken müssen, wie sie Alles, was das Gewissen belästigen und bedrücken kann, von der ihrigen absondere, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentlichsten Religionspunkte vereinigen muß, denn alle das Gewissen belästigende Religionssätze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht." Vergl. Kant's Sämmtliche Werke, herausgegeben von Hartenstein, 8. Band, S. 683. 21) Geschichte der Juden in Berlin, 1. Band, S. 83-. „Er ging von dem Gedanken aus, den er auch einmal aussprach, als er von Christen zur Betheiligung an einer später wirklich erschienenen — Zeitschrift für Juden aufgefordert wurde, daß deni herrschenden Vorurtheile gegen Juden nur von Christen begegnet werden könne und daß der Kampf gegen dasselbe übel ausgelegt werden müsse, sobald ein Jude sich daran betheilige." Und das. S. 98: „Er war, so hat David Friednicht Juden, sondern edeldenkende Christen als unsere Anwälte und Vertheidiger auf den Plan treten müßten. Nun, meine Verehrten, wie keine Nacht so dunkel, daß nicht doch der eine oder der andere Stern am Himmel zu erblicken, so ist keine Zeit sittlich so verarmt und herabgekommen, daß nicht solch empörende Ungerechtigkeiten, damals ebenso wie heute, ideal gesinnte, für Recht und Freiheit warmerglühte Christen mit Entrüstung erfüllen und zu unserer Vertheidiguug aufrufen sollten. Dürfen wir aber den trefflichen Männern dieses Sachwalteramt ganz und ausschließlich überlassen? Oder ist's nicht heute, gleichviel, welcher religiösen, politischen oder wirthschaftlichen Richtung wir auch angehören, jedes Juden Pflicht, um das Banner sich zu schaaren, das zur Abwehr uns aufruft? Man sollte glauben, heut könne und dürfe es nur eine Parole für uns geben, die unseres großen Strategen, „getrennt marschiren, vereint schlagen". Kehre ich nach dieser kleinen Digression, die Sie mir angesichts unserer momentanen Lage wohl verzeihen, zu meinem Thema zurück, so habe ich nur noch kurz von der Schutzschrift zu reden, die ein portugiesischer Jude verfaßte.! Grätz^) hat den häßlichen Hintergrund erhellt, von bem diese! Apologie sich abhebt, und aufgezeigt, wie brutal die portugiesischen i Juden in Bordeaux gegen ihre eigenen Glaubensbrüder verfuhren, j „In dieser blühenden Handelsstadt hatte sich nämlich seit der Mitte! des sechzehnten Jahrhunderts eine Gemeinde von flüchtigen Marranen! gebildet, welche dem Kerker und Scheiterhaufen der portugiesischen und spanische» Inquisition entronnen waren. Diese Flüchtlinge hatten bedeutende Kapitalien und Unternehmungsgeist mitgebracht und dadurch Aufenthaltsrecht und Privilegien erhalten, allerdings unter dem Namen Neuchristen oder portugiesische Kaufleute. Eine Zeit lang mußten sie sich der Heuchelei unterziehen, ihre Ehen in den Kirchen einsegnen zu lasten. Ihre Zahl nahm allmälig zu; in zwei Jahrhunderten 1550—1750 war die Gemeinde von Bordeaux auf 200 Familien oder 500 Köpfe gestiegen. Die meisten portugiesischen Juden oder Neuchristen von Bordeaux unterhielten bedeutende Bankhäuser oder betrieben Waffenfabriken, rüsteten Schiffe aus oder unternahmen überseeische Geschäfte in französischen Kolonien. Mit dieser Bedeutung als Kauf- und Schiffsherre» verbanden sie eine gediegene Ehrenhaftigkeit, tadellose Redlichkeit in Geschäften, Freigebigkeit gegen Juden und Nichtjuden und eine edelmümüsche Haltung, die sie aus der pyrenäischen Halbinsel, ihrem Rabenmutterland, mitgebracht hatten. Dadurch erlangte» sie Achtung und Allszeichnung unter den christlichen Bewohnern von Bordeaux, und der sranzösische Hof, sowie die hohen Beamten drückten nach und nach ein Auge zu und erkannten sie als Juden an. Die bedeutende! Handelsstadt zog auch deutsche Juden aus dem Elsaß und französische; Juden aus dem unter päpstlicher Herrschaft stehenden Avignon an,! welche sich durch Geldopfer das Aufenthaitsrecht verschafften. Darauf j waren die portugiesischen Juden eifersüchtig; sie fürchteten, mit diesen ' wenig gebildeten, dem Kleinhandel oder Geldgeschäften ergebenen! Religionsgeuoffen auf eine Linie gestellt zu werden und dadurch um j ihr ehrenvolles Ansehen zu kommen. Von diesem selbstsüchtigen! Trieb geleitet, gaben sie sich die größte Mühe die zugewanderten deutschen und avignonesischen Juden aus der Stadt weisen zu lassen, mit Berufung auf das alte Edikt, daß Juden in Frankreich nicht wohnen dürften. Aber die Ausgewiesenen wußten sich den länder einmal von ihm gesagt, weder im physischen, noch im i.ioralischen Sinne zum Kunstringer geboren; man darf nicht beklagen, das; ihm, dem Franklins Tugenden gehörten, die Eigenschaften Washingtons ab.singen." 22) Bergt. Monatsschrift, Jahrg. 1868, und Geschichte der Juden, 11. Banv, S. öS.