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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-12 · Heft 2 (12.1.1894) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
Seite 20 (sequence 8)
Language
German
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20 her kommen wollen, so steht das bei Ihnen. Ich höre hier von keinem Prozeß reden, nicht einmal von dem Ihrigen. Da Sie ihn gewonnen haben, so wünsche ich Ihnen Glück und bin froh, daß diese elende Geschichte ein Ende hat. Ich hoffe, Sie werden keine Händel mehr haben, weder mit dem alten noch mit dem neuen Testament; dergleichen Dinge sind entehrend, und mit den Gaben des schönsten Geistes von Frankreich werden Sie die Flecken nicht zudecken, die ein solches Betragen in die Länge Ihrem Rufe ausprägen müßte. Ein Buchhändler, ein Operngeiger — fährt Friedrich mit Bezug auf frühere Händel Voltaires fort — ein Juwelenjude, das sind wahrhaftig Leute, deren Namen in keiner Art von Handel an der Seite des Ihrigen sich finden sollten. Ich schreibe diesen Brief mit dem derben Menschenverstand eines Deutschen, der sagt, was er denkt, ohne zweideutige Ausdrücke und flaue Beschönigungen zu gebrauchen, welche die Wahrheit entstellen; an Ihnen ist es, davon Nutzen zu ziehen^)." Finden wir nun hierin die Quelle seines Judenhasses, so wird diese Analyse sicherlich nicht anfechten, wer den starren, unversöhnlichen Haß kennt, mit dem Voltaire erbarmungslos Jeden verfolgte, von dem er sich irgend wie gekränkt glaubte. Mit welch' unheimlicher Virtuosität er zu hassen verstand, zeigt unter Anderem sein Verhalten gegen den würdigen, wenn auch etwas wunderlichen Akademiepräsidenten Maupertuis77), den er buchstäblich „zu Tode gehetzt", und noch schlagender sein Benehmen gegen Friedrich den Großen. Wer in der Schmähschrift, die gegen das Privatleben des Königs die ungeheuerlichsten Beschuldigungen erhebt, auch nur blättert, fühlt sich versucht, das Urtheil, das Voltaire einmal über seine Landsleute fällt, „sie seien Affen, die gereizt, zu Tigern werden," auf den Autor dieses geflügelten Wortes zu übertragen. Und nun erwägen Sie noch ein Moment, das Keinem, der sich gründlich mit Voltaire beschäftigt, entgehen kann. Wem galten denn eigentlich all' seine Bemühungen um die Ausbreitung der Bildung und Aufklärung? Dem Volke, dem ganzen, alle Gesellschaftsschichten, auch die. untersten und niedersten, in sich einschließenden Volke? Dieser allumfassenden Gesammtheit weiht der Liberalismus unserer Zeit seine beste Kraft und Arbeit. Unsere Volksfreunde, die wahren und echten, nicht die unter der Maske der Volksfreundlichkeit die Massen aufwühlenden, verwirrenden und verderbenden Demagogen und Volksschmeichler — unsere Volksfreunde haben Alle im Auge; vertreten das Prinzip, daß alle Menschen, wie den Anspruch, so die Fähigkeit haben, wirkliche Menschen zu werden; wollen für Alle das gleiche Recht, die gleiche Freiheit und, soweit das thunlich und erreichbar, auch ein annähernd gleiches Maß von Bildung und geistiger Kultur erringen. Wie sehr Voltaire aber, dieser „Hauptbegründer einer neue» Zeit", doch noch „mit einem Fuße auf dem 16) Bd. 37, S 256: J’espere que vous n’aurez plus de querelle ni avec le Vieux ni avec le Nouveau Teslament: ces sortes de compromis sont fletrissants, et avec les talents du plus bei esprit de France, vous ne couvriviez pas les taches que cette conduite imprimerai ä la longue ii votre reputation .... J’ecris cette lettre avec le gros bon sens d’un Allemand, qui dit ce qu’il pense sans employer des termes equivoques et de flasques adoucissements qui defigurent la verite; c’est ä vous d’en profiter. 17) Bergl. Emil du Bois-Reymond's Rede gehalten in der Akademie der Wissenschaften am 28. Jan. 1892, S. 46 u. S. 70. „Voltaire überlebte sein Opfer, wie man mit einigem Rechte sagen kann, noch um 20 Jahre. Selbst auf dem Schmerzenslager hatte er nicht anfgehört, ihn mit wildem Hasse zu verfolgen und mit Spott zu überschütten." Vergl. auch Grimm a. a. O. S. 41: „Wäre V. Maupertuis, der ihn mit Friedrich II. entzweite, in Charons Nachen begegnet, er hätte ihn dort an der Gurgel gepackt und ihn in den Styr zu stürzen versucht." Boden der alten Zeit stand", wie wenig er bei all' seinen eifrigen Bestrebungen an das eigentliche Volk dachte, erhellt mit voller Deutlichkeit aus seinen vertrauten, brieflichen Aeußerungen. So schreibt er im Jahre 1768: „Das Volk wird immer dumm und barbarisch sein. j Es sind Ochsen, die ein Joch, einen Stachel und Heu brauchen." Und ein Jahr darauf, 1769: „Wir werden bald einen neuen Himmel und eine neue Erde haben; ich meine für die anständigen ’ Leute, denn was den Pöbel betrifft, so ist der dümmste Himmel und die dümmste Erde gerade das, was sie brauchen." Anständige Leute und Pöbel „honnOtes gens“ und „canaille“ sind die beiden Menschenklaffen, zwischen denen nach Voltaire, der auch hier seinem Dualismus treu bleibt, eine unübersteigliche Kluft befestigt ist, so daß nur die Einen zum Licht der Aufklärung berufen, die Anderen zu bleibender Nacht und Dummheit verdammt sind^). Zwar sagt er in dem Sermon der Fünfzig einmal, das Volk sei nicht so dumm, als man glaube, man müsse nur den Muth haben, vorwärts zu schreiten, es habe schon manches Nahrungsmittel des Aberglaubens entbehren gelernt, so werde es am Ende auch eine reine Gottesverehrung sich gefallen lassen. Allein hier reißt ihn offenbar der homiletische Schwung über die Grenze» seiner wirklichen Hoffnungen hinaus. So äußert er auch im Sivcle einmal, die Vernunft müsse zuerst in j den vorzüglichsten Köpfen begründet sein, dann steige sie stufenweise zu den Anderen hinunter und beherrsche am Ende auch das Volk i selbst, das sie zwar nicht erkenne, aber wenn es seine Oberen gemäßigt sehe, es gleichfalls lerne. „Auch hier indessen sieht man leicht, daß das, was zu Gunsten der Bildungsfähigkeit des niederen Volkes gesagt wird, nur scheinbar ist: es soll sich bilden können nur aus Nachahmung, nicht aus eigener Einsicht." Konnte es nun bei dieser Denkart Voltaire schwer werden, von den Jude», die ihm sicherlich noch tief unter der allertiessten Volksschicht standen, so wegwerfend zu reden, wie er es gethan? II. Wie wurden diese Angriffe ausgenommen? Die Judenheit besaß damals nur einen .einzigen Schriftsteller, der die zu einer wirksamen Abwehr unumgänglichen Requisiten: gründliche Gelehrsamkeit, ästhetischen Feinsinn und eine große Darstellungskunst in sich vereinigte: , Moses Mendelssohn. Wie wirkungsvoll eine Apologie ans der Feder des vielgefeierten Weisen gewesen wäre, leuchtet Ihnen ein. Das Funda- 1 ment, auf dem sie sich erhoben hätte, brauche ich Ihnen auch nicht flüchtig zu skizziren. Hat sich ja, wie bei allen andern Schmerzen, so auch an dem von uns jetzt zu erduldenden, der fromme Spruch bewährt: „Die ewige Liebe schickt dir keinen, blos darum, daß du mögest weinen"^). Wie nach einem Erdbeben oft neue Quellen aus dem heimgesuchten Boden hervorbreche», wie nach einer überstnndenen i«) Brief an D'Alembert, 2. Septbr. 1768, Bd. 46 S. 112: .11 dolt etre content, et vous aussi, du mepris, oü l’infame est tombee chez tous les honnetes gens de l’Europe. On n’a jamais pretendu 6clairer les cordonniers et les servantes; c’est le partage des apötres.“ Und am 7. Juni 1769 an Madame d'Epinai: „Je voudrais, que tous ceux, qui pensent, pussent faire uu peuple a part et n’eussent jamais rien de comme avec la canaille idiote, fanatique persecutante fourbe atroce, ennemie du genre humain.“ Vergl. Strauß a. a. Q S. 222. 10) Vergl. Klagel. 3, 33, Midr. Rabb. Gen. tz 51: JH ji# “nr und Ber. 60b: Jalk. Job § 893 218 K.T (üam w bs naib Auch mit der ersten Hälfte des Geibel'schen Spruches: „Trifft dich ein Schmerz, so halte still — Und frage, was er von dir will" läßt sich frei, aber völlig sinngetreu die Talmudische Sentenz wiedergeben (Ber. 5 a). yWPÖS DLVO' WX2 DmD'S? D*1K HKI“! DK

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