Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 schon längst entwachsen sind; auch die Eltern sollen mit Freuden darin lesen. Ob sich für einen solchen Zweck wohl ein für andere konfessionelle Schulen bestimmtes oder ein trocknes Realien-Buch eignet? Noch ein Bedenken haben wir zu beseitigen. Es giebt auch unter unseren Glaubensgenoffen viele, die da sagen: „Konfessionalismus gehört nicht in die Schule, die Simultanschule ist unser Ideal." Ganz schön, sie ist auch mein Ideal. Wenn einmal die allgemeine, paritätische Schule, in der auch wir Juden gleichberechtigt sind, zur Geltung kommt, werden wir uns nicht dagegen sträuben. Das liegt aber noch in weitem Felde. Vorläufig siegt die Konfessionsschule, und mit einer Zukunftsmusik ist der Volksschule nicht gedient. Praktische Leute richten sich bei ihren Bestrebungen nach den bestehenden Verhältniffen und legen an diese die beffernde Hand. Leider giebt es selbst unter den tonangebenden Personen in den Gemeinden viele, denen das religiöse Element in der Jugendbildung nebensächlich erscheint. Wenn die Kinder nur in den allgemeinen Bildungsstoffen recht gefördert werden, dann sind sie befriedigt; ob sie auch Sinn und Verständniß für die Religion und Geschichte ihrer Väter haben, darauf kommt es ihnen nicht au. Ich denke, gerade in gefahrdrohenden Zeiten soll unsere Jugend wie unser Alter es wissen und empfinden, einen wie reichen Schatz von edlen Lehren und großen Vorbildern die Vergangenheit Israels und seine Geschichte bergen. Je mehr unsere Feinde sich bemühen, uns der Verachtung preiszugeben, um so dringender ergeht an uns die Aufforderung, unserer Jugend zu zeigen, wie viel Opfermuth und Selbstlosigkeit, wie viele Beispiele edler Menschen- und Vaterlandsliebe gerade in den Reihen unserer Glaubensgenossen zu Tage getreten sind und zu Tage treten, welch stattliche Reihe edler Männer und Frauen Israel aufzuweisen hat. Man verweist uns nun vielfach auf die nachbiblische Geschichte. Ohne ihren Werth unterschätzen zu wollen, darf nicht außer Acht gelassen werden, daß der Volksschule, zumal der einklassigen, für die Behandlung der jüdischen Geschichte wenig oder keine Zeit verbleibt. Die vorgeschriebenen vier oder fünf Stunden wöchentlichen Religionsunterrichts sind für eine sach- und fachgemäße Behandlung von Bibel, Religionslehre, Bibellesen und Hebräisch vollauf nothwendig. Da muß das Lesebuch für Schule und Haus in den Riß treten. Auch die Gegenwart soll zu ihrem Rechte kommen. Die Jugend soll die jüdischen Wohlthäter einer nahen Vergangenheit und der Jetztzeit, die Stifter von Kranken- und Waisenhäusern, von Schulen und anderen gemeinnützigen Anstalten kennen und dadurch zur Liebe zu den Stammesgenoffen und zur Menschheit überhaupt erzogen werden. Dem jüdischen Kinde wird das Wort „Jude" auf Straßen und Gassen als Schimpfwort, als der Inbegriff des Verwerflichen, nachgerufe». Wie leicht bleibt es als solches im jugendlichen Gemüthe haften und erzeugt „jüdischen Antisemitismus". Davor schützt eure Kinder, indem ihr ihnen an Beispielen zeigt, wie viel Hohes und Erhabenes jenes Wort in sich schließt. Das Lesebuch soll allerdings kein Religionsbuch sein und der konfessionelle Unterrichtsstoff das gesammte Bildungsmaterial nicht beherrschen. Das ist indeß auch gar nicht meine Absicht und wird durch meine Vorschläge nicht bewirkt. Aber, so frage ich, soll in einem jüdischen Lesebuche neben einer Biographie Franckes (Halle) nicht eine solche von Jacobsohn, dem Stifter der Schule zu Seesen, Platz finden? Sollen die jüdischen Kinder nicht ebenso gut ein Lebensbild Haindorfs kennen lernen, wie es den katholischen von Bernhard Overberg u. A. m. geboten wird? Ist es zu viel verlangt, wenn gewünscht wird, daß die jüdischen Feiertage durch ein Gedichtchen besungen werden, daß durch die Schilderung eines Freitag-Abends im altjüdischen Hause das gemüthvolle Leben unserer Väter zum Ausdruck komme? Der Einseitigkeit soll eben dadurch ein Riegel vorgeschoben werden, daß es sich nicht lim die Herausgabe eines neuen, sondern um die passende Umarbeitung eines guten, deutsch-patriotischen, für christliche Schulen bearbeiteten Lesebuches handelt. Dieser Forderung ist auch der Westfälische Gemeindebund näher getreten. Auf dem Gemeindetage zu Dortmund hielt Schreiber dieser Zeile» einen Vortrag über diesen Gegenstand. Die Versammlung acceptirte die vorgeschlagenen Leitsätze und beschloß einstimmig, den Ausschuß mit der Herausgabe eines Volksschullesebuches zu beauftragen. Inzwischen liefen Gesuche mehrerer hervorragender Lehrer aus den Nachbarprovinzen ein, das Buch so einzurichten, daß es auch für außerwestfälische Schulen brauchbar sei. Infolge dessen wurde der Plan der Umarbeitung des oben erwähnten katholischen Lesebuches aufgegeben, und es soll ein Werk geschaffen werden, das für alle jüdischen Schulen paßt. Der Ausschuß hofft, dadurch nicht nur seinen Bundesgemeinden, sondern auch weiteren Kreisen einen Dienst zu leisten. Es ergeht daher an die Herren Schulvorsteher und Lehrer die Bitte, ihre Wünsche betreff der Wahl des umzuarbeitenden Lesebuches und des neu einzufügenden Unterrichtsstoffes dem Ausschüsse des Westfälischen GemeindebundeA kundzugeben. Dahingeher.de Zuschriften beliebe man an den Vorsitzenden des Gemeindebundes, Herrn M. Katzenstein in Bielefeld, oder an den Schreiber dieser Zeilen zu richten. I. Ostwald, Lehrer in Witten (Wests.). Soweit die Zuschrift eines wackern Lehrers. Sicher verdient das Unternehnren des „Westfälischen Gemeindebundes" die wärmste Anerkennung, und wir zweifeln keinen Augenblick, daß es auch allseitig die thatkräftigste Unterstützung finden wird. Are Woche. f Berlin, 9. Januar, er Artikel eines Wiener Blattes gegen die Jesuiten hat die „Germania" lvieder in Harnisch gebracht. Wir können aber auch bei diesem Anlasse nur wiederholen, daß wir die Angriffe Einzelner nicht zu verantworten haben, und wären diese Einzelnen selbst Oberrabbiner oder noch mehr. Unter den Abgeordneten, welche seiner Zeit gegen das Jesuitengesetz gestimmt, waren Bamberger und Laster. Unter den politischen Blättern, welche von Juden redigirt werden, waren auch diesmal verschiedene, welche für den Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes plaidirten. Wir Juden wissen selbst am besten, wie schmerzlich Ausnahmegesetze berühren. Und im Uebrigen haben parlamentarische wie journalistische Vertreter die Anschauungen ihrer Wahlkreise, ihrer Parteien, resp. ihrer Zeitungen, nicht aber die der Religionsgenoffenschaft, der sie angehören, zu verfechten. Das ist Alles, was wir hundertmal schon gesagt, gleichwohl aber anläßlich dieses Falles nochmals wiederholen wollen. * Das Benehmen der Antisemiten vor Gericht hat anläßlich einiger besonders eigenartiger Fälle dem „B. B. C." zu folgenden sehr triftigen Bemerkungen Veranlassung gegeben: „Gestern stand hier vor der ersten Strafkammer des Landgerichts I mit Herrn Ferdinand Woldemar Paul Glöß aus Dresden, der den Antisemitismus buchhändlerisch fruktifizirt, noch eine Anzahl anderer Buchhändler gleichen Schlages, wegen Beleidigung des Reichskanzlers angeklagt. Herr Glöß griff auf das alte Sportsystem zurück: er erklärte diejenigen Mitglieder des Gerichtshofes für befangen, die etwa jüdischer Religion odex jüdischer Abstammung seien oder jüdische Verwandtschaft hätten.