Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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herzuleiten, dem Protektor die Prärogative einer ungeheuerlichen Län>okonzession zu gewähren, welche, so sehr auch unsere Zustände sich der' Türkei schon annähern, vielleicht in letzterem Lande aber hoffentlich nicht hier gesetzesfähig sind." ’ * Netimrk, 8. Dezember. Ueber praktische Wohlthätigkeit der Newarker Glaubensgenossen berichtet die „Deborah": JnH. R. Jacobs' Theater an Washingtonstraße fand am 22. November eine gut besuchte Versammlung hiesiger Israeliten statt, in der darüber berathen wurde, auf welche Weise dem „Israelitischen Waisenhaus-Unterstützungsverein", welcher für seine Glaubensgenossen schon viel Gutes gethan, am besten geholfen werden könne. Herr B. Strauß eröffnete die Versammlung, worauf Herr Reuben Trier zum Vorsitzenden erwählt wurde. Nachdem eine Anzahl Vice-Präfidenten und Sekretäre, sowie Herr S. Scheuner zum Schatzmeister erwählt worden waren, wurde Coroner Ferdinand Levy von Newyork als Redner vorgestellt, welcher anführte, daß sich ein jeder Menschenfreund die Unterstützung der israelitischen Einwanderer zur Pflicht machen müsse. Das „Hebrew American Institute" in Newyvrk habe dies eingesehen und beabsichtige, Zweig- Bereine im ganzen Lande zu organisiren. Gelinge das, so werde auch den verfolgten Glaubensgenossen noch thatkräftigere Unterstützung zu Theil werden. Die russischen Fttichtlinge, welche die Wohlthätigkeit stark in Anspruch nehmen, würden ohne Zweifel mit der Zeit gute amerikanische Bürger werden, und in dieser Beziehung müsse man ihnen entgegen kommen. Das einzige ihnen zur Last gelegte Verbrechen sei ihre Religion. Herr Simon Wolf, der frühere Bundesrath-Konsul in Aegypten, machte in längerer Rede darauf aufmerksam, daß man die Hilfsbediirftigen unterstützen müsse, um sich selbst zu schützen. Viele der Anwesenden seien gerade ebenso übel daran gewesen, wie jetzt die russischen Flüchtlinge und seien mit dem Bündel auf dem Rücken im Lande umhergewandert. Deshalb dürfe man nicht sagen: „Geht mir weg mit dem Polacken oder dein Russen," sondern man müsse sich stets daran erinnern, daß Derjenige, der heute reich ist, in einigen Jahren ärmer als der ärmste russische Jude werden könne. Man müsse dahin wirken, daß die Einwanderer amerikanische Bürger werden und sich nicht sozialistischen oder nihilistischen Organisationen anschließen. Redner forderte sodann zu reger Betheiligung bei der später erfolgten Geldsammlung auf. Hierauf sprachen noch in trefflicher Weise Rev. Jos. Leucht und Jakob Weil. Die erwähnte Geldsammlung ergab ^2085, und diese Summe wird dem Waisenhausverein überwiesen werden, dessen Ausgaben in Folge der starken russischen Einwanderung von Tag zu Tag größer werden. Türkei. * Jerusalem, 1. Dezember. Nach den Statuten der Societe du chemin de fer Ottoman de Jaffa a Jerusalem et prolongements on ‘embranchements haben Houssouf Navon Effendi und Jcan Frutiger, Chef der Banquiersfirma I. Frutiger u. Co. in Jerusalem, und zwei französische Gesellschaften dieses Untenrehmen begründet. Die Dauer der Gesellschaft ist auf 70 Jahre festgesetzt. Die Bahn selbst ist eine interessante, den Libanon durchquerende Gebirgsbahn, die es an landschaftlichen Reizen mit der Semmeringbahn aufnehmen dürfte; ihre Länge beträgt 87 Kilometer. Der Bau wurde am 1. April 1890 begonrrerr, wobei unerwartet heftige Regengüsse denselben verzögerter:. Am 4. d. wurden bereits 46 Kilometer von Jaffa aus dem öffentlichen Betriebe übergeben und im April d. I. hofft man auf der ganzen Strecke den Verkehr zu eröffnen. Zu dem Berichte des englischen Konsuls zu Jaffa aus dern Jahre 1688 an das Foreigne office wäre zu erwähnen, daß die Ingenieure der Bahn die Brutto-Einnahmerr der ersten Jahre rnit 13,500 Frcs. per Kilometer, d. i. mit 1,180,000 Fres. für die ganze Bahn evaluirteu Als Grundlage wurde nur die dermalige Zahl der Pilger und Touristen angenommen, welche im Jahre an vierzigtausend Esmachen, und der Waarenverkehr ganz außer Acht gelassen. Man rechnete Tour- und Retourfahrt per Kopf mit durchschnittlich 30 Frcs., d. i. 10 Frs. für die dritte, 15 Frcs. für die zweite und 20 Fres. für die erste Klasse nach den französischen Betriebsnornren. Durch diese Bahn hoffen die Entrepreneure das französische Prestige im Orient zu heben. Uns Oesterreicher interessirt finanziell nur die Erwägung, daß dern Lloyd eine erhöhte Passagier-Anzahl durch österreichische Pilger und Touristen nach Jerusalem zugeführt wird. Es ist zu wünschen. daß alljährlich eine inmter größere Anzahl unserer Stamwangehörigen mit historischem Blicke und in weihevoller Erinnerrmg die Stätten besuchen mögen, wo die Lehren des Einig einzigen Gottes ^chon gepredigt wurden, als die alten Griechen erst die Anfänge ihrer Kultur entwickelten. Mn Nab und Fern. — Die israelische Volksspeiseanstalt (Klosterstraße 99) hat während der ersten 14 Tage ihres Bestehens 20,076 Portionen verabfolgt, und zwar 3640 ä 5 Pf., 2727 ä 6 Pf., 1971 a 10 Pf., 9296 ä 15 Pf., 1704 ä 25 Pf., die restlichen 738 (469 ä 15 Pf., 279 ä 10 Pf.) wurden an Arme gratis vertheilt, außerdem wurden 8625 Brödchen a 2 Ps. abgegeben. Das Kontingent der dort Gespeisten dürfte sich etwa zur Hälfte aus jüdischen, zur Hälfte aus christlichen Besuchern rekrutiren. Die Speisezeit ist Vormittags von 11— 1V2 Uhr, Abends von 6—872 Uhr und ist die Anstalt allen Menschenfreunden, die sich dafür interesstren, während dieser Zeit zur Besichtigung geöffnet. — Der jüdische Friedhof in Weißensee bei Berlin ist seit 1880 mit 11,000 Gräbern belegt worden, und es wird daher das Reserveland, welches 50 Morgen umfaßt, in kurzer Zeit hinzugenommen werden müssen. Das Ganze umfaßt 75 Morgen. — Bei den Kommunalwahlen in Berlin sind sämmtliche antisemitischen Kandidaten trotz gewaltiger Anstrengungen unterlegen. — Auch bei der Reichstagswahl in Hildesheim hat die von den Antisemiten in Szene gesetzte Hetze für sie keine Friichte getragen. Ihr Kandidat erhielt im Ganzen etwa 900 Stimmen. — Aus Kohlfurt melden die „Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitisnrus", daß das reisende Publikum dort durch das Hineinwerfen der bekannten Fritsch'schen Pamphlete in die Eisenbahnwagen aufs Höchste belästigt wird. — Baron Treves de Bonfili ist vom Könige von Italien zum Kommandanten des Ordens der Coronna d’ltalia ernannt worden. — In Keszthely (Ungarn) verschied den 10. d. M. der dortige Oberrabbiner Salomon Kohn im 64. Lebensjahre. Er veröffentlichter eine Spruchsammlung und eine Religionslehre, welche er seiner „geliebten, leider unfruchtbaren" Frau widmete. Das Leichenbegängniß fand den 13. d. M. unter großer Betheiligung statt. Oberrabbiner Dr. E. Neumann arrs Gr. Kanizsa, hielt, von dem Vorstande in Keszthely berufen, dem geliebten Seelenhirten die Leichenrede! — Dr. Ludwig Grub er in Budapest wurde zum Staats-Anwalt-Substitut ernannt. — In dem Vereine „Jischun erez jisrael“ zu Paris hielt am 6. Dezember Herr Halevy einen interessanten Vortrag über seine Reisen in Palästina. — Nach der jüngsten Zählung wohnen in Holland 97,000 Juden, das sind etwa 2 Prozent der Gesammtbevölkerung. — In Leyden ist der Gelehrte Abraham Kuenen im Alter von 63 Jahren gestorben. Seit 1852 war Kuenen Professor der Theologie in Leyden, wo er eine große Anzahl wissenschaftlicher Schriften über Israel und die jüdische Religion herausgab. Der eifrige Gelehrte war auch Vorsitzender der königlichen Akademie der Wissenschaften. — Colonel Albert Goldsmid in London, der bekannte Vorkämpfer für die Palästinaiden, wird sich jetzt nach Argentinien begeben, um dort die Einwanderung der russischen Juden im Aufträge des Baron Hirsch zu leiten. — Unter den jüngst aus Petersburg Ausgewiesenen ist der unschuldige und liebenswürdige Poet und I o u r n a l i st F r u g, der lange ein Liebling des russischen Publikums war. Das kam daher, weil Frug Jude ist und der blutigste aller Bluthunde, Gresser, von dem fingirten Herrn Frugs — um in Petersburg zu leben, mußte man als Stiefelputzer oder so was eingeschrieben sein — verklagt wurde. Der poetische Volksliebling Frug mußte sofort die Stadt verlassen. Die Zeitungen schämten sich aber, diese Gresser'sche Tollheit zu veröffentlichen und erzählten nächsten Morgen^ Frug mache eine Vergnügungstour nach Odessa. — Herr Cohen, der einstige portugiesische Konsul in Pretoria und jetzige „Ehren-General-Konsul" für Portugal im Transvaalland ist vom Könige von Portugal in den Adelstand mit dem Titel „Baron von Matalha" erhoben worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.