Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Nr. 51. Berlin, 18. Dezember 1891. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur': Gustav KarpeLes. Begründet von Kabtrrrrer B** Ludwig PHUippson-Äonn. Verlags-Trpedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Der Aufruf für die russischen. Juden. — Judenthum und Humanität. Von Dr. Carl Vinn. — Plauderei eines Ausgewanderten. — Wissenschaft und Kitterat,tvi Olvmp und Sinai. Von Dr. Heinrich Groß (Fortsetzung). — Christian Wilhelm von Dohm. Von Dr. Adolph Kohut (Schluß). — Feuilleton: Der heilige Herr. Roman von FerdinandDieffenbach (Fortsetzung). — Ich bin Salomo. Von Albert Katz. — Litterarische Mittheilrinaerr. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten, Berlin. Lina, Elbing, Leer. Hildesheim. Köln, Crefeld, Brumath, Aus Württemberg, Wien. Kopenhagen, Bern, Washington. — Von Nay nnd Fern. — Speechsaal. — Miseellen. Drr Aufruf für die russischen Inden. Berlin, 16. Dezember. Seit Atonalen hören wir mit Entsetzen die Klagen unserer Glaubensgenossen aus dem weiten Zarenreiche. Jeder Tag brachte neue traurige Kunde und die Ueberzeugung, daß wir vor einer Kalamität stehen, welche ihres Gleichen in der Geschichte suchen dürfte, hat die ganze Kulturwelt mit inniger Sympathie für jene Unglücklichen erfüllt, welche um ihres Glaubens willen ans ihrem Vaterlande vertrieben werden. Diese Sympathie hat auch überall thatkräftigen Ausdruck gefunden. Bald nach den ersten Hiobsposten aus Rußland wurden Sammlungen eingelcitet, die ein reiches Resultat ergaben. Tausenden russischer Juden konnte dadurch eine neue Heimath erschlossen werden, in der der Menschheitsgedanke mächtig genug ist, um ohne Anmaßung und Unrecht über Anmaßung nnd Unrecht zu siegen. Aber auch diese reichen Mittel sind erschöpft, und von Neuem wendet sich der Appell an alle evlen Herzen, dem großen Elend nach Kräften zu steuern. Sicher wird auch dieser Aufruf von Erfolg begleitet sein. Ein Appell an das jüdische Herz ist noch niemals vergebens gewesen. Es ist ein schöner Gedanke, daß im Sprachgebrauch der Juden für Wohlthätigkeit das Wort „Zedokoh" angewendet wurde. Dieses Wort bedeutet aber eigentlich nur Gerechtigkeit. Dem Sprachgebrauch liegt der Sinn zu Grunde, daß es eine Pflicht der ausgleichenden Gerechtigkeit sei, dem Armen zu helfen, dem Unterdrückten beizustehen. Nun denn, üben wir diese Pflicht der ausgleichenden Gerechtigkeit jetzt an den russischen Juden, die unsere Hilft so sehr bedürfen! Möge der Aufruf, der von Neuem zu Sammlungen für dieselben Veranlassung giebt, überall theilnehmende Herzen, werkthätige Liebe nnd volle Sympathie findet! Es'handelt sich diesmal nicht um ein gewöhnliches Wohlthätigkeitswerk, sondern um eine große That, welche dem Urtheil der Geschichte unterliegen wird. Zeigen wir uns darum auch groß und edel in der Hilft! Es muß selbstverständlich den einzelnen Genieinden und Verbänden, sowie den hervorragenden Männern in Israel überlassen bleiben, in welcher Weise sie, je nach den lokalen Verhältnissen, dieses Werk in Angriff nehmen wollen. Aber es ist gewiß nicht überflüssig oder unbescheiden, wenn die Presse ihnen dabei mit ihrem Rath zur Seite stehen möchte. So wollen >vir schon heute im Anschluß an jenen Aufruf eine Anregung veröffentlichen, die uns von hochgeschätzter Seite zugeht und die schon auf dem Delegirtentnge vielfachen Anklang gefunden hat. Herr Rabbiner Dr. Janlus in Aachen schreibt uns darüber: Wer noch daran zweifelte, daß die Katastrophe in Rußland von längerer Dauer sein werde, der konnte in der am 21. und 22. Oktober stattgefundenen Delegirten-Versammlung eines Andern belehrt werden. Die aus den zuverlässigsten Quellen geschöpften Nachrichten stellten fest, daß die Lage der Juden in Rußland eine geradezu unerträgliche geworden, daß regierungsseitig noch strengere nnd grausamere Maßregeln als bisher gegen sie in Anwendung gebracht werden sollen, nnd daß demnach die Auswanderung der Unglücklichen aus Rußland, das einzige nnd letzte Rettungsmittel derselben, in noch energischerer Weift als bis jetzt betrieben werden muß. Um aber die Auswanderung der russischen Juden iit großein Stil und ihre Ansiedelung in geeigneten Ländern in rationeller Weise zu bewerkstelligen, sind selbstredend ungeheure Geldmittel nothwendig. Allerdings hat, wie bekannt, der Baron v. Hirsch einen Fonds von 60 Millionen Francs für die Ansiedelung russischer Juden in Argentinien gestiftet, daß aber damit die Frage der Auswanderung nicht gelöst ist, ist leicht einzusehen. Denn einmal eignen sich noch lange nicht alle russischen Juden zur Ansiedelung in Argentinien, ferner kann diese Ansiedelung nur in sehr langsamem Tempo vor sich gehen, und endlich wünscht Baron v. Hirsch, daß die Uebcrfahrtkosten nach Argentinien von anderer Seite, also von den übrigen Glaubensgenoffen getragen werden sollen. Vielmehr muß der Auswandererzug außer Argentinien auch nach verschiedenen anderen Ländern, wie sie vom Deutschen Centralkomitee in Aussicht genommen wurden, gelenkt werden. Woher aber die Mittel zu diesem Werk, welches viele Millionen erfordert, nehmen? Das Deutsche Centralkomitee, welchem aus den im laufenden Jahre veranstalteten Sammlungen ca. 17- Millionen Mark zur Verfügung standen, befindet sich jetzt nur noch im Besitz von annähernd einer halben Million Mark — eine äußerst geringfügige Summe gegenüber dem auszuführenden Werk. In der That stand in der Delegirten-Versammlung „die Beschaffung neuer Mittel" auf der