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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-25 · Heft 43 (25.10.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 nd. Agram, 17. Oktober. Nur mit innigem Dankgefühle können wir es begrüßen, daß der Kaiser von Oesterreich überall, wo Abordnungen vor seinem Antlitze erscheinen, eine zugleich königliche und apostolische Friedensstiftung bethätigt. In Kroatien, welches weder eine Agitation gegen unsere Glaubensgenossen noch einen durch die Reformgesetze an die Oberfläche getriebenen Gegensatz zwischen Staat und Kirche aufweist, legte der Kaiser dem katholischen Klerus die Mission ans Herz: „getreu ihrem Berufe, der wahren Moral, Eintracht und Nächstenliebe Eingang in die Herzen der Gläubigen zu verschaffen!" Ein milderer, für die Judenschaft Kroatiens ehrender Ton klingt durch die Antwort, welche der Kaiser auf die Ansprache des Führers der israel. Religionsgemeinde gab Den Ausdruck der Huldigung und Anhänglichkeit mit Dank entgegennehmend, erklärte der Kaiser: „Mit Dank empfange ich Ihre Huldigung und die Versicherung Ihrer treuen Anhänglichkeit an mich und mein Haus. Ich höre es gern, daß Sie sich als Söhne dieses Vaterlandes fühlen. Ich versichere Sie meiner Huld und Gnade." Sehr stimmungsvoll gestaltete sich auch der Empfang des Kaisers in der Synagoge. Das prachtvolle Gotteshaus war von einer festlich gekleideten Menge umlagert. Zu beiden Seiten des Eingangs standen weißgekleidete Mädchen mit Schärpen und Kokarden in den kroatischen Farben. Nach 9 Uhr fuhr der Kaiser in Begleitung des Barons wie des Ministerpräsidenten Banffy vor und ließ sich von dem Landrabbiner Dr. Jakobi und dem Vorsteher Siebenschein in den hellerleuchteten Tempel auf die Estrade geleiten, um welche die Vorsteher mit kostbar geschmückten Gesetzesrollen Aufstellung nahmen. Ein gemischter Chor stimmte nun das Halleluja an. Als der Kaiser vor dem Thronsessel stand, sang *der Oberkantor Josef Rendi mit seiner sonoren Stimme den Königspsalm, worauf der Rabbiner in begeisterter kroatischer Rede den Dank der Israeliten des Landes für die Segnungen, deren sie unter dem Szepter des Königs von Ungarn theilhaftig werden, aussprach. In das Amen fiel die Orgel mit brausenden Klängen ein. Der Chor sang dann die Volkshymne. Unter den weihevollen Akkorden dieses Chors verließ der König sichtlich bewegt das Gotteshaus, indem er dem Rabbiner seine Befriedigung aussprach. Der Rabbiner und der Vorsteher erhielten eine Einladung zum Hofdiner. - Jetzt, da in Ungarn der Gesetzentwurf über die Rezeption der ifr. Religion der kaiserlichen Sanktion unterbreitet wurde, erscheint Re Konstatirung der Thatsache nicht uninteressant, daß in Kroatien die jüdische Religion schon vor 22 Jahren rezipirt wurde, ohne daß dies die „Verjudung" oder die „Irreligiosität" zur Folge gehabt hätte! Schweden. £ Stockholm, 20. Oktober. Seit zwei Jahren besteht hier ein jüdischer Litteraturverein, zu dessen Ergänzung nun auch eine Bibliothek begründet werden soll. Zu diesem Zwecke ist das folgende Cirkula? versandt worden, das wir der Beherzigung aller Litteraturfreunde auch im Auslande dringend empfehlen: „Gegründet von dem Herrn Alex Hirsch durch das Geschenk einer werthvollen Sammmlung von Werken aus der jüdischen Litteratur, umfaßt diese Bibliothek eine bedeutende Menge seltener und vorzüglicher Werke: Bibeln, Erbauungs- und Gebetbücher, Talmud, Philosophie, Geschichte, Kulturgeschichte, Schönlitteratur rc. Die Bibliothek ist für das Ausleihen von Büchern jeden Sonntag von 12—2 Uhr offen für Gemeindemitglieder und andere Jnteressirte. Kataloge sind im Bibliothekslokale zu haben, und der Bibliothekar steht den Besuchenden mit allen Auskünften bereitwillig zu Diensten. Da diese Bibliothek noch nicht als vollständig betrachtet werden kann, nürß es dem Bibliothekar eine wichtige Aufgabe und dringende Pflicht sein, dieselbe in allen betreffenden Zweigen erweitern und vervollständigen zu können. Zur Beförderung dieser Absicht wendet sich der Bibliothekar an die geehrten Mitglieder der hiesigen sowie auswärtigen jüdisAn Gemeinden mit der ganz ergebenen Bitte um Unterstützung in diesem Vorhaben. Hierdurch würde nicht allein diese Bibliothek vermehrt und erweitert, sondern auch der Zweck derselben kräftig befördert werden: Kenntniß der reichhaltigen jüdischen Litteratur innerhalb und außerhalb der Gemeinde zu verbreiten. Auch die geringste Gabe wird mit größter Dankbarkeit empfangen. Stockholm, den 1. Mai 1895. Cand. phil. Harald Leipziger, Bibliothekar. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Von Nah und Fern. — Gegen den Abgeordneten Dr. Böcke! ist auf Beschluß des Oberlandesgerichts zu Naumburg a. S. nunmehr doch die Anklage wegen Beleidigung des Offizierstandes erhoben worden. Die Verhandlung findet vor dem Landgericht zu Halberstadt statt. Die Anklage erfolgt auf Grund der 88 185, 196 und 200 des Strafgesetzbuches. — Ein Kultusbeamter, welcher von der Behörde angewiesen ward, ein Jnvalidenbuch anzulegen und die bezüglichen Marken einzukleben, bekam dieser Tage aus Posen von der Hauptlandeskasse 7,80 Mark zurückgeschickt, mit dem Bemerken, daß er als Kultusbeamter nicht versicherungspflichtig sei und daher keine Marken mehr zu kleben brauche. - Der schon mehrfach wegen Beleidigung vorbestrafte Thierarzt Wilhelm Meyenberg aus Gronau ist von der Strafkammer in Hildesheim wegen Verleitung zum Meineide zu IV2 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. Im September v. I. hatte M. einen Termin vor dem Schöffengericht in Elze wegen Beleidigung des früheren Bürgermeisters in Gronau, des jetzigen Senators Dr. Wiegmann in Hildesheim BÄr Wochen vorher war M. zu dem Schmiedemeister Bode in Gronau gekommen und hatte diesem gesagt, wenn er als Zeuge vernommen werde,' könne er ja aussagen, er wisse von der Sache nichts mehr< M. war der Führer der Antisemiten in Gronau und hetzte namentlich bei seinen Fahrten über Land in der schmählichsten Weise gegen die Juden. — Die israelitische Gemeinde in Rendsburg feiert am 10. November das Fest des 200jährigen Bestehens und werden zu dieser Feier umfassende Vorkehrungen getroffen. Zur Theilnahme an derselben werden der Regierungspräsident, die städtischen Behörden n. s. w. eingeladen werden. — Der Polizeibericht aus Frankfurt a. M. meldet: „Gestern wurden von einem Schutzmann dem israelitischen Hilfsverein zwei Knaben von neun und sieben Jahren übergeben. Die Kinder gaben an, ihr Vater Abraham Dansky aus Jerusalem habe sie und ihre Mutter in „Gailingen" in Baden heimlich verlassen. Ihre Mutter sei dann mit ihnen hierher gereist und habe einige Tage hier logirt. Am Dienstag Nachmittag sei ihre Mutter mit der Bahn ebenfalls abgereist und habe sie mit der Weisung zurückgelassen, sie sollten sich an den türkischen Konsul wenden. — Die „Schwäbische Reform", Organ der gleichnamigen (antisemitischen) Partei in Stuttgart, theilt mit, daß der Israelitische Oberkirchenrath gegen sie Strafantrag gestellt hak wegen Aufreizung zum Klassenhaß, begangen in einen Aufruf „Mitbürger" in Nr. 26 der „Schwäbischen Reform". — Der Antisemit und ehemalige Mitarbeiter der „Kreuzzeitung", Schweinhagen, der wegen Beleidigung des Finanzministers Miguel verurtheilt worden ist und sich der Abbüßung der Strafe durch die Flucht nach Oesterreich entzog, ist auf Requisition von Berlin in Wien verhaftet worden. — Wie unrichtig es wäre, aus dem Intermezzo, das Herrn Munk in Wien in so unangenehme Berührung mit drei Offizieren brachte, auf die Gesinnung des österreichischen Osfizierkorps im Allgemeinen zu schließen, mag daraus erhellen, daß zu dem am letzten Kaisergeburtstage vom Offizierkorps im Kadettenhause zu Prag veranstalteten Festdiner auch Herr Rabbiner Dr. Alexander Kisch geladerCwar. Herr Dr. Kisch ist auch Lehrer an der Jnfanterie-Kadettenschule. — Die Prager Kultusrepräsentanz hat nunmehr Dr. Armand Kaminka, Rabbiner und Prediger am neuen israelitischen Tempel (Geistgasse), nachdem derselbe vor Kurzem die österreichische Staatsbürgerschaft erlangt, offiziell zum „Gemeinde-Rabbiner der Kultusgemeinde Prag mit dem Titel Rabbinats-Assesfor" bestellt. — In Biarritz, dem elegantesten französischen Bade, soll eine Synagoge erbaut werden. Herr L. C. P oljakof f aus Moskau hat für diesen Zweck bereits 5000 Francs gespendet. — Der erste „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" auf französischem Boden ist in Bayonne gegründet worden, mit einer Bibliothek, Lesehalle und monatlichen Vorträgen. Vivat sequens! — In Paris ist eines der angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde, der in^kaufmännischen Kreisen hochgeachtete Chef eines großen Hauses, A. Reitlinger, aus Jchenhausen in Baiern gebürtig, gestorben. — Herr Schalom Bapige in Bombay ist der erste Bern Israel, der von der Regierung den Grad eines Deputy Collector erhalten hat. — Sir Julian Goldsmid ist in den Geheimen Staats-Rath (Priwv Council) einberufen worden, in der offiziellen Rangliste eine sehr hervorragende Auszeichnung. Infolgedessen sah sich derselbe genöthigt, das Amt eines Präsidenten der Anglo-Jewish-Association, das er jahrelang bekleidet, niederzulegen. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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