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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-11 · Heft 41 (11.10.1895) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 482 (sequence 4)
Language
German
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482 nur um ihrer selbst willen (lischmoli) erforscht werden, unb nur von Dem, der sie um ihrer selbst willen erforscht, sagen die alten Weisen, „daß er mit großem Erfolggekrönt werde". Das Gebet: „Erlenchie unsere Angen in deiner Lehre" steht in unzertrennlicher Verbindung mit?ber Bitte: „Befestige unsere Herz in deinen Geboten!" Die Sehnsucht „zu lernen und zu lehren" hatte immer das schöne Ziel, „zu hüten, zu thun und zu erfüllen all' die Worte Deiner Lehre in Liebe". ^.So soll auch die Pflege der Wissenschaft des Judenthums heute noch Liebe unb Verehrung für unsere Geschichte erwecken, Hochachtung und Theilnahrne für unsere Religion einflößen, damit wir diese als heiliges Erbe der Bäter unverkünnnert unseren Kindern i'lberlieferu können. Es erscheint uns darum als eine Ehrenpflicht der jüdischen Gemeinden, daß sie die Pflege dieser Wissenschaft nicht mehr einzelnen schwachen Kräften tiberlassen. Wieder ntüffen wir auf die Mahnung des uns wahrhaftig nicht wohlgesinnten Paul de Lagarde .zurückkommen: „Die in Deutschland angesiedelten, so sehr wohlhabenden Juden überlassen in der ehrlosesten Weise die Pflege ihrer Litteratur den wenigen Euthusiasten, die Israel noch hervorbringt." Ter Spott des Feindes macht vielleicht noch inehr Eindruck als die Mahnungen der Freunde. Jede jüdische Gemeinde Deutschlands müßte es sich zur Ehre anrechnen, in ihrem Jahresbudget einen festen Posten für die Pflege der Wissenschaft des Judenthums anzusetzen. Das älteste jüdische Gemeindebudget enthält diese Reihenfolge von Forderungen: Thora, Gottesdienst, Wohlthätigkeit. In unserer Zeit ist das Verhältniß leider ein umgekehrtes, unb die Wissenschaft der Thora wird in unseren Gemeindebudgets fast gar nicht mehr anfgeführt. Das muß anders werden, wenn uns Rettung und Hilfe kommen soll für die Zukunft, und wir werden schon in nächster Zeit mit einer bestimmten Forderung au die jüdischen Gemeinden Deiltschlands herantreten, die ihre Theilnahme an dem Werke in Anspruch nehmen wird, welches die Verbreitung der Kenntnisse in der jüdischen Geschichte und Litteratur in weiten Volkskreisen zur Atlfgabe hat. „Laßt uns jubeln und frohlocken an diesem Feste der Thora, denn sie ist uns Sieg und Licht!" So sangen unsere Alten am Simchath- Thoratage. O, daß wir in diesen Jubel mit einstimmeu diirften, daß alle jitdischen Kreise, vor Allem aber unsere Großen und Reichen, endlich zu der Erkenutuiß gelangten, daß aus dieser Wissenschaft uns Sieg lind Licht einmal entgegenstrahlen müssen! Dann würden auch wir mit Heller Freude ein rechtes Simchath - Thora - Fest begehen dürfen. Are Woche. Berlin, 8. Oktober. elbst der konservativ-orthodoxe „Reichsbote" liest dem Tivoli- Antisemitismus seiner Parteigenossen anläßlich der jüngsten Vorgänge ordentlich den Text, indem er sagt: „Was seit dem Parteitag von Tivoli anders geworden, das ist nicht das konservative Programm oder die konservative Politik, sondern höchstens die Methode. Seitdem entstand allerdings eine agitatorische Richtung, welche dadurch eiu falsches Element in die konservative Partei hineintrug, daß die demokratische Methode der Agitation, die Erregung der Unzufriedenheit, des Trotzes, des Mißtrauens gegen die Regierung und die Umschmeichelung der Leidenschaften und der Begehrlichkeil — auch für die konservativen Bestrebungen — in Anwendung brachte. Und hierzu hat gerade Herr v. Hammerstein sehr viel beigetragen. Wir sind gewiß mit aller Entschiedenheit und Kraft für die konservativen Bestrebungen eingetreten, aber diese Methode haben wir nicht mitmachen können und haben deshalb seitdem viele Anfechtungen erfahren; man hat uns das als Gouvernementalismus, Schwachheit, Opportunismus u. s. w. ausgelegt. Wir haben das ertragen; aber wir waren sittlich überzeugt, daß diese Methode zusammenbrechen mußte, und sie ist mit den: Fall Hammerstein zusammengebrochen, und deshalb verlangten wir neulich schon: eine Revision der durch den Einfluß Hammersteins eingeführten mit den Prinzipien der konservativen Partei unerträglichen agitatorischen Methode. Die konservative Partei hat die Wahrheit stets über Alles gestellt, diese Methode aber stellt die Agitation so sehr in den Vordergrund, daß sie ihr Alles unterordnet; sie thut den sofort in Bann, der sich nicht unbedingt der Agitation unterwirft, und stellt auch die Wahrheit zu ihren Gunsten unter den Scheffel. Eine solche Taktik, die jeden Ausdruck der Ueberzeugung, welche sich nicht unbedingt unter das Joch der Parteiagitation beugt, als Abfall verfolgt und so die Gewissen tyrannisirt, muß sittlich und politisch verwirrend und korrumpirend wirken." & Nur Herr Stöcker bleibt fest und der Alte. In der jüngsten Versammlung der Christlich-Sozialen hatte er den Muth zu erklären: „Ich versichere Sie, meine Freunde, der Fall Hammerstein ist nichts weiter als eine von der Judenpresse inszenirte Theatermache; auf so etwas verstehen sich diese Herren ja meisterhaft, da ja die Theater Berlins jetzt auch schon durchweg in jüdischen Händen liegen." So hat Herr Stöcker, der „Mann mit dem Schwerte der Wahrheit", gesprochen. Seltsame, sehr seltsame Nachrichten bringt das „B. Fr." auf dein Wege über Budapest aus Wien über die Beziehungen der Antisemiten zum österreichischen Hose. Dort heißt es: „In Budapest, wo die Presse keine Censur zu fürchten hat, ist es seit geraumer Zeit offenkundig, daß die antisemitische Bewegung, in deren Bann die Haupt- und Residenzstadt Wien ist, unter dem Patronat des Wiener Hofes steht und sich der Unterstützung allerhöchster Personen erfreut Graf Moritz Esterhazy und Graf Ferdinand Zichy, die Führer der ungarischen Volkspartei, sorgten auch wohlweislich dafür, daß diese Thatsachen Jedermann bekannt wurden, ja, sie lieferten in verschiedene Redaktionen sogar allerlei Schriftstücke, die hierauf Bezug hatten, mit der ausgesprochenen Absicht, daß sie zur Veröffentlichung gelangten. So wurde es denn hier allgemein bekannt, daß an der Spitze der antisemitischen Wahlbewegung eigentlich die — Erzherzogin Maria Theresia stand, die ihren ganzen Einfluß aufgeboten, um den Sieg der Antiliberalen noch glänzender zu gestalten. Es heißt, daß die Erzherzogin für diesen Zweck sogar große Geldsummen — man spricht von drei Millionen Gulden verwandt habe. Auch von den treibenden Motiven dieser den Juden so feindseligen Stimmung verlautet hier so Manches, und neben den politischen Ursachen wird auch eine sehr romantische erwähnt. Man erzählt sich nämlich, daß die hohe Frau den Juden deshalb so gram sei, weil es — eine Jüdin gewesen, welche das Eheglück ihres Sohnes Erzherzog Otto vergiftet. Überdies übe auch der Beichtvater der Erzherzogin, ein eingefleischter Antisemit, großen Einfluß auf die Prinzessin sowohl, wie auf die Stimmung des Hofes, der in Lueger einen wahren Kreuzritter sieht. Nach alledem hält man es hier für mehr als wahrscheinlich, daß Dr. Lueger, an den die Erzherzogin nach den Wahlen sogar ein eigenhändiges Glückwunschschreiben gerichtet, die Bestätigung des Monarchen als Bürgermei'ter erhält." Hoffentlich folgt diesen abenteuerlichen Mittheiluugen bald ein kräftiges Dementi Non berufener Seite. Dagegen hat nun beim Empfange einer Abordnung israelitischer Kultusbeiräthe in Lemberg Graf Badeni seine Genugthnung darüber ausgesprochen, daß der Antisemitismus, der in andereil österreichischen Provinzen die Luft verpeste und so viel Arges augerichtet habe, dort nicht ailfgekolnnlen sei, hoffentlich auch nicht aufföntnien werde. 4

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