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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-20 · Heft 38 (20.9.1895) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 38 (20.9.1895)
Date
1895-09-20
Page
Seite 446 (sequence 4)
Language
German
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446 Aber wie gering, wie verschwindend gering ist die Schaar, deren Geist kräftig nnd gebildet genug ist, um sich diesen Ersatz schaffen zn könne»; bei iveitein die Meisten gehe» leer ans, wenn Kunst und Wissenschaft ihre Gaben vertheilt; was sind sie, wenn die Neligion sie nicht anfniinnit? Es fehlt in unserer Zeit nirgendswo a» Beispielen, die mit erschreckender Wirklichkeit darauf Antwort geben; es bleibt dann mir noch vielleicht der eine Unterschied zwischen diese» nnd den Thiercn, daß das Thier ißt nnd trinkt, um Hunger und Durst zn stillen, diese Art von Menschen aber den Genuß gleichsam zu einem Kultus ausbildet; deren Seele weilt gleichsam auf ihrem Gaumen. Es ist ein beliebter Kunstgriff von Karikatnrenzeichnern, das sie mit einer kleinen Abänderung ein Menschenantlitz in ein Thiergesjcht verwandeln; cs ist in der That bei so Bielen ein kaum merklicher Rest der Menschlichkeit zurückgeblieben; denn daß sie sprechen nnd allenfalls sich elegant kleide», ist doch allein kein Zeichen höheren Leben-;, wenn das, was sie reden, der Ausdruck einer öden Genußsucht ist. O wenn doch all die verständige» und geistvollen Männer, welche dem Volke die Heiligthümer der Religion zerstören, weil sie glauben, selbst ihrer nicht zu bedürfen, weil, wenigstens so lange der Strom des Lebens glatt nnd klar dahinfließt, ihnen ihre Geistesarbeit den Seelenadel erhält, wenn doch diese Männer erwögen möchten, daß ihr Sieg Unzähligen diesen Adel raubt! Wie bedeutsam ist doch das davidische Wort: „Deine Satzungen, o Gott, sind mir zn Liedern geworden in der Hütte meiner Wallfahrt." Ja, dem einfachsten Israeliten wurde vordem sein schlichtes Leben zn einer Liederkette, um die unansehnliche Hütte wob sich ein Kranz von Blumen, der leuchtete und duftete, iveil ans Schrift nnd Tritt die Religion das Leben verklärte. Nicht jedem Menschen weckt das Morgcnroth, das die Landschaft mit Rosen bestreuende, ei» ideales Empfinden; nicht Jeder hat die poetische Stimmung, um das prächtige Naturbild in seiner Erhabenheit zu erfassen; nicht immer schickt auch die Sonne so lieblichen Boten voraus, der ihr Komme» verkündet; aber wen die Religion dazu ruft, mit Gebet nnd bedeutungsvollem Brauche den Tag zu eröffnen, der wird sich selbst dann, wenn die Andacht keine so innige ist, sofort als ein höheres Wesen siihlcn, er wird den Adel der Menschennakur sich wahren, nnd sollte er auch während des Tages harter und gering geachteter Arbeit sich widmen; wer sein karges Mahl durch einen Segenssprnch sich würzt, dem ist das Essen mehr als eine Besriedigung thierische» Verlangens, deni wird cs eine von Gott geforderte Pflicht zur Erhaltung des Lebens; wer jede Natnrcrscheinung, die ans dem Geleise des Gewöhnlichen heraustrat, mit frommem Spruch feierte, iver den Tag rnid die Nacht, des Mondes erstes Ausstrahlen, des Blitzes Leuchten, des Donners Rollen fromm bcgriißte, dessen Seele konnte im Irdischen nicht untergehen, der erhob auch die gewöhnlichste Arbeit aus ihrer niederen Sphäre; der Prophet sagt: tvenn ein frommer Sinn ein ganzes Zeitalter durchdringt, dann stehe selbst auf den Schellen der Rosse: „Heilig dem Herrn", dann giebt es keine hohe, keine niedere Beschäftigung, denn jede, auch die jetzt für gering gehaltene, dient dem allgemeinen Wohle, nnd wenn sich derjenige, der sie ansübt, dessen bewußt ist, ist seine Arbeit: Heilig dem Herr». Heut sind die Satzungen der Religion nicht selten auch demjenigen, der sie übt, eine unerwünschte Last; demjenigen, der dies Joch abgeworfen, dem sie also gar nicht beschwerlich werden, sind sie immer »och ein Anlaß, sich über die Religion zu beschweren. Was ist aus denen geworden, die mit der Religio» völlig gebrochen haben? Eine kleine Schaar, das wollen ivir der Wahrheit gemäß zugeben, eine kleine Schaar hat geistige Regsamkeit und Bildung genug, um sich auch ohne Religion z» halten; unendlich Viele aber sind allem Höheren völlig abgestorben, kennen als höchsten Zweck nur die Pflege des Körpers, sind allenfalls soweit wohlthätig, um sich den Anblick des Elends nnd die damit verbundenen Plagen fernzuhalten, und führe» ein in jedem Sinne erbärmliches Leben, denn alle Poesie ist aus ihrem Dasein gewichen. Dagegen weiß Jeder, der unsere biedern Altvordern in ihrer schlichten Frömmigkeit beobachten konnte, wie diese Armseligen, deren Körper unter dem schweren Packen sich krümmte, einen stolzen und aufrechten Sinn in ihrem Buse» trugen; sie trugen das Joch, dennoch erfüllte sich an ihnen das Wort: „Ich zerbreche die Fesseln eures Joches und führe euch aufgerichlet"; es waren einfache Leute, deren geistiges Vermögen eng blieb in harter Noth; aber ein verklärender Strahl aus des Himmels Höhen erleuchtete dies müde Antlitz, erhellte diese niedre Stirn, verschönte dies karge Mahl und goß eine göttliche Fröhlichkeit über diese von der Welt Gequälten. Demi diesen armen Wanderern waren die Satzungen keine Plage, kein Aergerniß, sondern sie sprachen mit David: „Lieder sind mir deine Gebote i» den Hütten meiner Wallfahrt". Ach, diese Lieder sind verklungen, diese Poesie des Lebens ist zerstört, diese Kränze sind welk geworden, und wollte einer schweigen von dem Gerichte Gottes, das dereinst in der Zukunft die Zuchtlosen treffen wird, die Frage ist doch nicht zu umgehen: Sind diese Menschen, die das Joch der Thora abgeworfen, glücklicher, oder nur so glücklich wie unsere Vorfahren, ist ihr Herz, ihr Zelt nicht kahl und öde geworden, ist nicht aller poetische Reiz ihren Tagen verloren gegangen? Zn de» meisten unserer Glanbensgenossen in diesem Lande kommt die Neligion wie ei» seltener Gast an einigen heiligen Tagen, die Jugend lernt besten Falls die Neligion wie eine» minderwerthigen Unlerrichts- Gegenstand, aber sie übt sie nicht, sie pflegt sie nicht, sie wird ihreni Gemüthe nicht vertraut; noch Andern ist diese Oase in der Wüste ihres Daseins ganz verschüttet, nnd sie sterben ad für ein ideales, poetisch erleuchtetes Sein. Nicht n»r, daß wir im Jenseits selig, sondern auch dazu, daß wir i»i Diesseits glücklich werden, ist die Religion auf Erden gekommen. Nicht um Israels uralten Glauben ist uns bang, tvenn die Gleichgiltigkeit fort nnd fort steigt, wie eine Wüste, deren Sand von Tag zu Tag neue einst frnchtreiche Gefilde verschlingt; dieser Glaube, wenn er hier sinkt, erhebt sich anderwärts uni so herrlicher; aber um uns, die ivir das Joch der Thora abiverfen und das ungleich schwerere, jede höhere Regung erdrückende Joch der Welt auf uns nehmen, um uns, »in unsere Zukunft, um unsere Jugend Überfällt uns ein bitteres Bangen; warum sageil ivir uns los von jedem fronimen Brauch, tvarmn verschütten wir dem Heranwachsenden Geschlecht, das für jede Poesie so empfänglich ist, diesen Quell lebendigen Wassers, warum rufen wir nicht, wie unsere Altvordern: „Deine Satzungen, o Gott, sind mrs zu Liedern geworden in den Hütten unserer Wallfahrt?" f Berlin, 17. September. as schivere, doch wohlverdieiite Strafgericht, das in dieser Woche über den antisemitischen Theil der koilservativen Partei nnd über den Begründer der antisemitischeii Strömung in Deutschland, Herrn Stöcker, ergangen, hat aste andern Tagcsfragen in den Hintergrund gedrängt. Unsere religiöse Weltanschauung verbietet uns jedes Gefühl der Schadenfreude über diese Ereignisse. Aber die aufrichtige Genugthuung darüber, daß in dem Geschichtslebeu höhere Mächte der sittlichen Weltordnung zum

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