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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-20 · Heft 38 (20.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 38 (20.9.1895)
Date
1895-09-20
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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59. Jahrgang. Nr. 38, Allgemeine Kerlin, 20 September 1895eilung öes Audenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Konn. Veriags-Crpeöition: Berlin, Ferufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel; Eine Betrachtung am Neujahrsfeste. — Die Woche. - Kriegserimierunaen. — Vor der Entscheidung. Von Tr. S. R. Landau. — Das väterliche Religions-Erziehungsreckt. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann.— Zu den Svnagogen-Melodien. Von Dr. I. Bah ad. — Das Judenthum in Paulsens Dvstem der Ethik. Von Dr. M. Steckelmacker. — Feuilletonr Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten; Berlin, Tilsit. Danzig. Culm. Beuthen O.-S.. Schivelbein. Leipzig, Hannover. Wien. St. Petersburg. Leeds. — Bon Rah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Eine Betrachtung xum Neujahrsfeste. ,d Berlin, 17. September. lind Religion sind mit einander innig verwandt; sie siaminen beide, so sie nur echt und kernhaft sind, ans dem- >' selben Boden, ans dem menschlichen Gemiithe; der Poet ivird nicht selten zum Propheten, zum begeisterten Herold einer idealen Wett, einer Zukunft, wo die Harmonie, welche das Grundgesetz aller Kunst ist, auch das Grundgesetz des Lebens sein wird; darum beruft sich, wer Religion verkündet, gern ans öie Sprüche großer Dichter, um zu erweisen, daß die weltliche Weisheit, da, wo sie rein und lauter zu Tage tritt, übereinstimme mit der religiösen Lehre; darum reden die Propheten nicht die Sprache nüchterner Weltleute und kühler Rechner, sondern unwillkürlich gestaltet sich ihnen das Wort zum Sange; da sie erhaben sind über des Daseins gemeiner Roth und die Menschen erheben wollen über den niedern Dnnstlreis, so verlassen sie die Alllagsrede und leihen von einer höher» Sprache, von der Dichtung, die Worte, um ein höheres Denken und Enipfindcii auszuprägen. Die schöne und edle Form ist nichts Zufälliges in den Reden der Propheten, in den Gebeten der Fromme», die zur Erbauung späterer Geschlechter durch Jahrtausende zu uns gekommen sind; wie Keiner zum Könige im Werktagstleide schreitet, so nimmt der Gedanke, die Empfindung, die wir Gott weihen, wenn wahrhaft heiliger Ernst unsere Seele durchzieht, ganz ohne Weiteres ein festliches Gewand an, und das Gebet wird zum Liede, ohne daß der nach Erlösung ringende» Seele irgend eine Absicht, poetisch zu schaffen, innewohnte. Eine feierliche und innige Ausdrucksweise ist gleichsam die Stilart, die dem religiösen Empfinden gemäß ist, und wie es nnziemlich wäre, wen» z. B. in eine rein geschäftliche Mittheilnng pathetische Worte eingeflochte» würden, ebenso unangemessen wäre es, wenn die Anssprache der Religiosität gar zu kahl und kühl, gar zn geschäftsmäßig sich gestaltete. Die Religio» hastet nicht an der Oberfläche des Tages, sie steigt herunter in die Tiefe» des Gemiithes, sie steigt hinauf in die Höhen des Himmels, sie holt vom Himmel die Wahrheit und senkt sie ins Menschenherz, sie hebt aus dem Grunde der Seele das Gebet und trägt es zum Throne Gottes. So verwandt sind Poeten und Propheten, daß von beiden gesagt wird, sie seien gottbegeisterte Männer, daß eiil Göttliches sie bewege und ihre Worte durchwehe, daß sie beide gleichsam eine höhere Sendung, eine Sendung Gottes zn erfüllen haben. Und das ist etwa nicht nur eine Vorstellung der Dichter vergangener Zeitalter; »ein, selbst in unserem aufgeklärten Zeitalter rühmen sich die Dichter, daß ein Gott sie ihre Sprüche gelehrt hat. während es doch nie einem Forscher auf dem Gebiete der Wiffenschaften in den Sin» gekommen ist, seine Forschungen als göttliche Eingebungen zn bezeichnen. Das ist ein Zeichen der göttlichen Aufgabe, der die Dichter dienen, daß sie das Innerste des Menschengemüths aufdecken, daß sie, unbeirrt durch alle rein äußerlichen Unterschiebe, nach denen die Menschen sich absonder», in allen dieselbe» Triebfedern des Guten wie des Bösen anffindcn, daß ihnen die Natur selbst znr Lehrerin und Erzieherin wird; und ist denn die Prophetie etwas Anderes? Hat ein Mosel), der doch die Thora vom Himmel zur Erde brachte, nicht von derselben Thora gesagt: ..Sie ist nicht im Himmel, sondern sie ist im Herzen;" was wäre die Religion, wenn nicht die Offenbarung Gottes eine» Widerhall, einen mächtige» Widerhall fände im Menschengemüthe, wenn die Offenbarung etivas Anderes wäre als die Verdeutlichung der dunklen Ahmmgen unseres Herzens? Wer immer uns deutet und berdeutlicht die Vorgänge in unserer eigenen Britst, lver in klare Worte faßt, ivas wie ein unklares Wogen und Weben uns erregt, der ist, er sei nun ein Dichter oder ein Seher, ein Gottgesandter, der offenbart, was uns am meisten verborge» ist: »ns selbst. So ist die Religion die poetische Berklarung der Prosa des Volkslebens. Wer der Religion eine Stätte gründet in seinem Hanse, der hat dem farblosen und rauhe» Dasein einen goldigen Schimmer verliehen, der veredelt die einfachsten Lebettsverhültnisse zu schöner Menschlichkeit. Ein Mann, der allem religiösen Wese» völlig fern stand, hat den Ausspruch gethan: „Wer Kunst und Wissenschaft pflegt, der hat Religion, wer dies nicht vermag, der habe Religion". Wir wollen uns vorläufig einmal ans den Standpunkt dieses Mannes stellen, wir wollen nicht untersuchen, wie iveit dein Gelehrten sein Wissen, dem Künstler seine Knust hilft, wenn wirklich die arge Roth an de» Pfosten seines Hauses rüttelt, ob der Trost, der aus diesen Ouellen fließt, nicht rasch versiege» möchte, und er dann nicht doch >vie der Schlichtesten einer sich zu Goit fliichien muß, ivenn er nicht unter seinen Büchern oder seinen Kunstwerken verschmachten ivitl. Wir wollen zugebe», daß, wenn der Tag dem Tage gleicht, wenn kein außerordentliches Ereignis; die Gemüther anfschrcckt, daß dann gelehrtes und künstlerisches Streben dem Hanse den Charakter schöner Menschlichkeit verleihe» kann, auch wenn die Religion dort keine Pflege findet.

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