Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 wie es im jüdischen Jargon heißt, die Taxe. Sie wird vom „koscheren" Fleische erhoben und ist offiziell für jüdische Zwecke bestimmt. Thatsächlich'wird auch der dritte TheiL des Ertrages alljährlich den einzelnen Gemeinden zur Bestreitung der laufenden Etatausgaben überwiesen, der Rest aber wandert in einen allgemeinen Reservefond für außerordentliche Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden. Bei der Verwendung dieser Gelder treten nun, wie auch in Ihrem Blatte wiederholt berichtet wurde, die wunderlichsten Kuriosa zu Tage, doch scheinen speziell die Behörden unserer Stadt für „jüdische Bedürfnisse" eine außerordentlich geniale Findigkeit zu besitzen. Schon vor zwei Jahren wurden auf Verordnung des hiesigen Generalgouverneurs in hiesiger Stadt aus den Mitteln der jüdischen Koschor-Fleischsteuer 17 neue Schutzleute angestellt, damit die zureisenden Juden (fo hieß es ausdrücklich im diesbezüglichen Tagesbefehl), welche kein Niederlassungsrecht in Kiew besitzen, besser überwacht werden könnten. Neuerdings wurden nun einige weitere „jüdische" Bedürfnisse entdeckt. Nach einem Gutachten des medizinischen Kollegiums des Gouvernements erscheint es im sanitären Interesse dringlich geboten, in mehreren kleineren Ortschaften dieses Gouvernements, namentlich in vielen Dörfern, für gutes Trinkwasser, sowie Sauberhaltung bezw. Pflasterung der Straßen zu sorgen, und die hierdurch entstehenden Kosten sollen nun ebenfalls durch die jüdische Koscherfleischsteuer gedeckt werden Was die Dörfer betrifft, besitzen zwar die Juden bekanntlich kein Wohnrecht in denselben, immerhin erhalten aber einzelne Juden bisweilen die Erlaubniß zum zeitweiligen Aufenthalt in denselben, — um so dankbarere Anerkennung verdient die liebevolle Fürsorge unserer gütiger: Polizei, welche auch diesen Wenigen ihren kurzen Aufenthalt in den Dörfern so angenehm als möglich zu machen trachtet und sie vor dem Straßenschmutz und schlechtem Trinkwasser zu bewahren sucht. . . In Betreff des zeitweiligen Aufenthalts nicht - ortsangehöriger Juden in der Stadt Kiew selbst, erließ der hiesige General-Gouverneur vor Kurzem eine Bekanntmachung an die untergeordneten Polizeibehörden, welche geeignet ist, den willkürlichen Chikanirungen, welche diese letzteren oft zu Erpressungszwecken gegen die Juden auszuüben pflegten, gewisse Grenzen zu setzen. In demselben heißt es: „Fremde zugereiste Juden, welche sich in Kiew nicht länger als einen Tag aufhalten wollen, sind nach dem Paß-Reglement vom Jahre 1890 (der Besitz eines ordnungsmäßig ausgestellten Passes) zu behandeln, bei beabsichtigtem längeren Aufenthalt ist zu fordern: von Kaufleuten I. Gilde ein Ausweis über ihre Zugehörigkeit zu dieser Körperschaft; von Handwerkern und gelernten Fabrikarbeitern ein Zeugniß von dem Vorstande der betreffenden Handwerkerinnung ihres ständigen Wohnortes, resp einem Fabrikbesitzer darüber, daß sie das betreffende Handwerk erlernt und bereits betrieben haben; sonstigen Juden ist ein kürzerer zeitweiliger Aufenthalt in Kiew ebenfalls gestattet, nur müssen sie von irgend einer polizeilichen oder kommunalen Behörde ein Zeugniß über den Zweck ihres hiesigen Aufenthalts beibringen, worauf dann die Polizei die Nichtigkeit der gemachten Angaben zu prüfen hat." In letzterer Bestimmung bleibt den niederen Polizeiorganen noch immerhin ein ergiebiges Feld für ihre Erpressungen offen. — Nach einer amtlichen Statistik befinden sich in unserem Gouvernement dreizehn jüdische Acker bau ko lonien. Im Kreise Kiew 1, im Kreise Wassilkow 3, im Kreise Tschigrin 4, im Kreise Radomischl 6. Sämmtliche Kolonien umfassen ein Areal von 1531 Tesjatin. Die Zahl der selbstständigen Betriebe beträgt 223 (also lauter Kleinbesitz), die Einwohnerzahl 1442 Seelen Seit dem Entstehen dieser Kolonien ist kein Fall vorgekommen, daß irgend ein Kolonist sein Besitzthum verkauft hätte, eine Thalsache, welche für den Fleiß der jüdischen Bauern und ihre Anhänglichkeit an die Scholle beredtes Zeugniß ablegt. Kon Nah und Fern. — Die Rechtsanwälte Lasker in Landsberg a. W. und Cohn in Glogau sind zu Jufiizräthen ernannt worden. — Wieder Einer; Aus Breslau ist der Graveur Sedlatzek, einer der berüchtigtsten antisemitischen Hetzer, geflüchtet, weil ihn: eine Anklage wegen ausgebreiteten Wuchers mit jungen Leuten drohte. — Noch Einer! Die „Kösl. Ztg." meldet: Wegen Erpressung zu drei Monaten Gefängniß wurde kürzlich ein Herr Grünewald verurtheilt, wobei der Staatsanwalt sowohl wie der Vorsitzende des Gerichts das Verfahren des Angeklagten als „ein geradezu gemeingefährliches, an Hochstapelei grenzendes Treiben" bezeichnete Dieser Herr Grünewald ist derselbe, der bei der Ersatzwahl in unserem Wahlkreise als einer der wüthendsten Agitatoren der Ahlwardtschen Antisemiten-Partei — für die bekanntlich der für geistig krank erklärte Karl Paasch kandidirte - auftrat und sich als deren Vorsitzenden bezeichnete. In vielen Versammlungen konnte er mit dem Brustton der Ueberzeugung nicht hoch genug die arische Arbeitsamkeit und Ehrlichkeit gegenüber dem semitischen schwindelhaften und unproduktiven Handel preisen. — Zum eoangelischen Glauben übergetreten ist, nach der „Kattowitzer Zeitung", Herr Kommerzienrath Karo aus Gleiwitz. Die jüdische Gemeinde erleidet hierdurch einen Steuerausfall von 5000 M. jährlich. Die Gründe, die der Herr Kommerzienrath zum Uebertritt gehabt haben mag, verschweigt das Blatt. „Wir können sie uns utgefvm," meinen die antisemitischen Zeitungen. — In dem Führer Vftch das „Königliche Seebad Norderney",37. Jahrgang. Verläg von Herrn. Brams, 1895, heißt es Seite 186 (bei der Beschreibung von Borkum): Israeliten ist ein Ausflug dahin nicht anzurathen,dasich der weitaus größteTheil der Bevölkerung und der Stammgäste in einem Antisemitismus gefällt, der sich manchmal in geradezu roher Weise äußert." — Vorzüglich den Text gelesen hat gewissen Kreisen und Bewegungen in seinem Kaisertoaste am 3. September, anläßlich des großen Festbankets in der Stadthalle zu Crefeld, der Oberst von Karlowitz. Er sagte unter Anderem: „Wir wollen unser Herz erheben an dem herrlichen Schauspiel deutscher Einigkeit, Pflichttreue und Vaterlandsliebe, das grade die Schlacht von Sedan uns bietet . . . Da fragt keiner den Anderen: Bist du Christ oder Jude, bist du Protestant oder Katholik? Schulter an Schulter stand der Fabrikherr neben seinem Arbeiter, und dieselbe feindliche Granate traf den Edelmann wie den Bauernsohn." — In Labischin starb der Stadtverordnete Kaufmann Gustav Lachmann; er erfreute sich allgemein der Liebe und Achtung seiner Mitbürger. Bei der jüngst abgehaltenen Stadtverordneten-Sitzung wurde sein Andenken geehrt durch Erheben von den Sitzen; an seiner Stelle ist Herr A. Rinarzewski zum Stadtverordneten gewählt worden. — Die Synagoge in Sztropkn war jüngst der Schauplatz arger Skandale. In der Frauenhalle derselben, wo die Sitzplätze aus Vorschlag der Baukommission ermehrt werden sollten, wurden von der gegnerischen Partei sämmtliche Bänke zertrümmert. Köpfe Andersdenkender blutig geschlagen rc. — Am 1. September l. I. ist eine Baron Hirsch-Schule in Sadagura, der Residenz des galizischen Chassidismus, eröffnet worden. Der Leiter derselben ist der bisherige Lehrer in Böhmen, Abraham Mader. — In Paris wurde am 5. September eine dürftig gekleidete Person dabei überrascht, als sie in der Einfahrt des Rothschildschen Bankhauses in der Nue Lafitte die Zündschnur einer Bombe anzuzünden versuchte. Die Person, nach den bei ihr Vorgefundenen Geräthen anscheinend ein Barbiergehilfe, warf die Bombe zur Erde, ohne sie jedoch zur Explosion zu bringen, und ergriff darauf die Flucht. Eingeholt, setzte der Mann seiner Festnahme durch Polizisten sehr heftigen Widerstand entgegen; er verweigerte seinen Namen zu nennen. Die Bombe wurde dem Chemiker Girard zur Untersuchung übergeben. Sie besteht aus einer mit chlorsaurem Kali gefüllten Kakaobüchse Der Attentäter wird als ein schwächliches, schäbiges Männchen geschildert, den die Lehren Drumonds und der antisemitischen Winkelblätter verrückt gemacht haben. — Als Nachfolger des verstorbenen Edouard Kohn ist Herr P. H. Oppenheim in Paris zum Schatzmeister der Alliance IsraeliteUniverselle erwählt worden. Die Alliance beabsichtigt, ihr Erziehungswerk nunmehr auch auf Aegypten auszudehnen. — In Damaskus giebt es etwa 2000 Israeliten, wovon mehr als 1500 Handwerker sind. Die meisten sind Baumwollen- und Seiden-Weber. Auch sind die Maurer, Zimmerleute, Färber und Goldarbeiter vielfach unter ihnen vertreten. — In Nerv-Jork ist soeben ein höchst interessantes Buch erschienen, das der bekannte Herr Simon Wolf in Philadelphia zusammengestellt hat. Dasselbe ist betitelt: „Der Amerikanische Jude als Patriot und Soldat" und hat einen ganz besonderen Werth durch ein Register aller Soldaten jüdischer Abstammung, die in den Kämpfen Nord - Amerikas mitgefochten haben, von der Gründung der großen Republik bis auf die heutige Zeit. Wir kommen auf das interessante Werk ausführlich zurück. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.