Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 36. Allgemeine Kerlin, 6. September 1895. eitung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner D- Ludwig Plhilippson-Sonn Verlags-Expedition: Berlin, Jerulalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen f'ür Redaktion und Expedition sind au die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3fttl)(ttt« Leitartikel: Die innere Mission. — Die Woche. — Kriegserinnerungen. — Briefe aus Rußland. — Ein Brief aus Australien. — Pädagogische Plaudereien. Bon Dr. B. Kuttner (Schluß). — Geselligkeit und Geselligkeitsfreuden in Bibel und Talmud. Von Dr. Adolf Rosen zweig. — Feuilleton: Ein altes Minnelied. Von Lion Wolfs. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin' Deutsch-Krone. Ans der Provinz Posen. Oppeln, Hamburg. Dortmund, Soest. Nassau. Wien. Budapest. London. — Von Nah und Fern. — Miscetten. Air innere Mission. Berlin, 3. September. f er Ellnl-Monat mahnt uns mit eindringlicher Stimme zu innerer Einkehr, und bet ist es denn wohl an der Zeit, einmal die Frage naher zu betrachten, welche andere Konfessionell mit dem Namelt „innere Mission" zutreffend bezeichnet und in einer Weise beantwortet haben, welche hohe Allerkennung und eifrige Nachahnnmg verdient. Es ist sicher kein Zufall, daß in der dritten Juliwoche zwei Rabbinerversanunlnngen, die eitle zu Barnberg. die entbere zu Rochester, diese Frage in den Vordergrund ihrer Verhandlungen gestellt haben. Die Erkenntnis;, daß es so nicht lveiter gehe, das; hier dringend Wandel geschafft werden müsse, drältgt sich eben überall auf, in Baiern so gilt wie in Amerika, und aus dieser Erkenlttniß erwächst mit innerer Nvthwendigkeit für die Führer und Leiter der Gemeinden die heilige Pflicht, energisch ans Werk der inneren Mission zu gehen, die nur zu lange geruht hat, weil wir mit dem Kanipf gegen den Feind von außen vollauf beschäftigt waren. In Bamberg waren es geistliche imd weltliche Führer der baierischell Genteinden, welche diese innere Mission dadurch wirksam zu betreiben den Entschluß faßten, daß sie dem bereits bestehenden „Landesverein zur Unterstützung nothlcidender israelitischer Knltnsgemeinden in Baiern" eine größere Allsdehnung gegeben habet!. Das Hauptprinzip des Vereins soll fortan dieses sein: „Anregung und Förderung der Bildung neuer Gemeinden an Orten, wo solche trotz des vorhandenen Bedürfnisses noch nicht bestehen, sowie der Ausheilung von Orten, wo Israeliten ohne Kultusverband wohnen, zu israelitischen Kultusgenteinden." Dieses Grundprinzip wird sicher allgemeine Billigung finden, und die Ausführung desselben kann nicht schwer werden, lvenn vereinte Kräfte liebevoll walten. Die Aufgabe des Landesvereins soll aber auch darin bestehell, den Religionsunterricht sowie die Errichtung und zweckmäßige Erhaltung der Gemeindeinstitutionell (Synagogen, Schltlhüuser u. s. w.) zu fbrbern. In diesem Programm ist die große Aufgabe, welche mall heute gemeinhin als „innere Mission" bezeichnet, für ullsere Religionsgenossenschaft nach allen Richtungen hin umschrieben. Ein einziger Punkt scheint ulls in diesem Programm allerdillgs noch zu fehlen; aber wir zweifeln nicht, daß auch dieser bereits in Erwägung gezogell worden ist und zur Ausführung gelangen wird. Wir tneinen nämlich die Anstellullg und Aussendung voll Wanderrednerll in solche Städte und Dörfer, wo unsere Glaubensgenossell das gallze Jahr hindurch ohne religiöse Belehrung, ja oft ohne jede geistige Anregung auf jüdischem Gebiete leben. Gerade die Institution der Wanderredner erscheint ulls voll besonderer Wichtigkeit und Bedeutung, weil wilder festen Ueberzeugung sind, daß durch diese sehr viel zur Belebullg und Erweckung religiösen Geistes geleistet werden köllnte. Jll Roche st er warell nur Rabbiner versammelt, aber ihre Beschlüsse sind gleichwohl, beit größern und veränderten Verhältnissen entsprechend, in Betreff der Fragen, die uns hier interessiren, viel weitgehender. Die amerikanische Rabbinerkonferenz verlangte, daß die Mitgliederzahl der Gemeindell erhöht werde, indent Jeder Mitglied der Gemeinde werdell könne und auch den Frauen das Stimm- und Wahlrecht eingeräiunt werde, wie dies bereits in zwei Gemeinden (Chicago und Rochester) geschehen ist. Sie verlangte ferner, daß m allen Orten, wo die Juden nicht zahlreich und nicht wohlhabend genug sind, um ohne Hilfe eine Gemeinde zu bilden, Zweigsyllagogen errichtet werden. Sie verlangte endlich, daß das Missionswerk vor Allem auf die kleineren Städte und Dörfer ausgedehnt werde, wo nur wenige jüdische Familien wohnen, die, wenn sie sich selbst überlassen bleiben, natürlich dem Judenthum mit der Zeit verloren gehen müssen. Für biefett Zweck sollen Sabbathschnlen und Kanzeln errichtet werdell. Der letzte Punkt, die Errichtuilg von höheren Mädchenschulen zur Vermeidung fremdreligiösen Einflusses, elltspricht Wohl ben besondern amerikanischen Verhältnissen. Mit aufrichtiger Freude verfolgen wir alle diese Bestrebungen innerhalb des Judenthums, und wir wünschell sehnlichst, daß auch im Norden und Westen Deutschlands das Werk bald in Angriff genommen werden lnöchte. Gerade hier thnt vor Allem Hilfe noch. In Brandenburg, Pomntern, Sachsen, Schleswig-Holstein, Westfalen, auch in der Rheinprovinz, in Sächselt. Mecklenburg, Thüringen, Anhalt, Brannschweig und in den kleinenFürstenthümern leben vereinzelt mld zerstreut Tausende unserer Glatlbellsgeltossen ohne Synagoge mld Schule, ohlte eilt Wort der religiöseit Erbauung jemals zu hören. Diesell müssen wir vor Allem 'Hilfe bringen. Die Konferenz zu Bamberg wurde voll einem baierischell Justizratb mit ben Worten geschlossen: „Wir sind Juden und wollen dahin wirken, daß wir und alle unsere Glaubensgenossell auch Jltden bleiben!" Auf der Konferenz zu Rochester schloß ein amerikanischer Rabbnter die Verhandlullgetl über die innere Missiott mit folgenden Worten: „Laßt uns unsere Pflicht nicht vernachlässigen, die Vorzeichen mehren sich, daß wir großen Veränderungen entgegengehen