Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 langen formlosen schwarzen Oberrocke und einem unförmlich hohen Baret besteht. Alle nahmen Aufstellung — keiner aber wurde mit einem Worte gewürdigt — außer den bulgarischen Metropoliten und der Stadtreprasentanz. Allein wer mag dem Fürsten jenen Unmuth verargen — auch er ist hier nicht auf Rosen gebettet. — Welcher Zukunft die Juden entgegengehen, kann kaum vorausgesehen werden. Bleibt dieser Fürst, selbst unter russischer Aegide, so dürfte der gegenwärtige friedliche Zustand fortdauern. Im Falle eines Thronwechsels mit russischer Signatur und unter russischer Hegemonie muß das bulgarische Judenthum dasselbe Loos auskosten, wie die Juden in Rußland; doch mit diesem Unterschiede, daß dieselben je eher je lieber Schutz und Wohnsitz im heiligen Lande nehmen werden, wozu sie bereits Vorbereitungen treffen. Gestern gründeten die jüdischen Schüler der Präparandie, die Lehrer und Schüler des kaufmännischen Kurses in Sistowo einen Verband zum Zweck der Unterstützung junger Leute, welche in Jaffa die Ackerbauschule besuchen wollen. Die Ersteinlage beträgt 10 frs., monatlicher Beitrag 1 frs. Die Zahl der Gründer beläuft sich auf 40, welche für diese Idee in allen Städten Gleichgesinnte zu finden hoffen. — Noch regt es sich nicht in Angelegenheit unseres Rabbinats. Es sungirt bereits ein Chacham als Stellvertreter, doch hört man noch nichts von Schritten zur Neubesetzung dieses so wichtigen Postens. Vielleicht will man gar den betreffenden alten Chacham längere Zeit auf dem Stuhl des Grandrabbiners sitzen lassen. Vielleicht aber trägt die politische Ungewißheit dazu bei, die Gemeinden nicht zu neuen Lasten heranzuziehen — allein die Vakanz dieses Postens ist gleichbedeutend mit der geistigen Leere — und ich möchte hinzufügen liorreo vacuum. Ich fürchte, daß diese Leere sich räche. — Die jüdischen Gemeinden können unmöglich eines bewährten Führers und eines würdigen Repräsentanten entbehren, früher oder später muß das Rabbinat besetzt werden. Möge ein Berufener diesen Rabbinatsstuhl einnehmen. Von Nah und Fern. Der verstorbene Historiker Heinrich v. Sy b el war einer der Ersten, die die Erklärung der Notabeln gegen den Antisemitismus 1889 unterschrieben haben. Ebenso war er einer der Ersten, die den Beitritt zum „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" unmittelbar nach dessen Begründung angemeldet haben. Während S. von 1861 — 75 als Professor in Bonn lebte, wurde er mit Dr. Ludwig Philippson befreundet und im Jahre 1876 trat er, auf Veranlassung Philippsons, im Abgeordnetenhause gegen das Austrittsgesetz für die Gemeindeeinheit auf. — Die Restbestände aus der Bibliothek des Freiherrn von Hamm er stein wurden jüngst von fliegenden Händlern in den Straßen feilgeboten. Meist waren es Schriften antisemitischen Inhalts, darunter trugen einige der unfläthigsten, wie der berüchtigte „Antisemiten-Katechismus", noch die Widmung „dem unermüdlichen Vorkämpfer der guten Sache!", „dem Schrecken Juda's, dem Ritter vom Kreuze!" und ähnliches. Auch eine Reisetasche mit der eingestickten Inschrift: „Reise mit Gott!" kam öffentlich zur Versteigerung. — In Jnowrazlaw ist der stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Justizrath Fromm allgemein betrauert gestorben. In Rogowo starb der Lehrer Krisch im Alter von 38 Jahren; während seiner Krankheit waren die Kinder in der katholischen Schule des Ortes eingeschult; man ist willens, sie dort für dauernd einzuschulen; die jüdischen Hausväter wünschen jedoch wieder einen jüdischen Lehrer und haben dieselben bereits Schritte dazu gethan. — Die Stadt Ra witsch hat aus das Grab des im französischen Kriege gefallenen Lieutenants Jaffe einen Kranz niederlegen lassen. — Dem Privatdozenten in der medizinischen Fakultät der Universität Breslau, Sanitätsrath und Bezirksphysikus Dr. Jacobi, ist das Prädikat Professor beigelegt worden. — Professor Dr Bruck, Dozent für Zahnheilkunde in Breslau, stellt seine Lehrthätigkeit ein. Zu seinem Nachfolger ist Zahnarzt Dr. Riegner in Breslau berufen worden. — Der weitaus größte Theil der Breslauer Getreidehändler beschloß, gleich den ungarischen, vom internationalen Wiener Saatenmarkt fernzubleiben. - In Graz hat der Staatsanwalt gegen den Gemeinderath und Antisemitenführer Feichtinger wegen falscher Crida, wegen Vertreibung falscher Gerüchte und wegen Einmischung in einer Amtshandlung Anklage erhoben. — JnKroatisch- Kreuz ist der dortige Rabbiner Löw, der sich der größten Hochachtung seitens der gesammten Stadtbevölkerung erfreute, gestorben. Am Tage des Begräbnisses ließ der dortige Bischof die Arbeiter zum Zeichen der Trauer um einen Amtsbruder die Arbeit einstellen. — Am Frauen- Gymnasium zu Warschau fielen im verflossenen Semester von den vier zur Vertheilung gelangten goldenen Medaillen drei an jüdische Schülerinnen und zwar an Fräulein Miriam Grinberg, Sofia Rawitz und Rosalia Rataub; vier weitere jüdische Schülerinnen erhielten verschiedene sonstige Auszeichnungen. — Zu Beginn dieses Jahres betrug die Bevölkerung Warschaus 571,300 Köpfe, darunter 190,300 Juden. — Nach offiziellen Daten sind im Kiewschen Gouvernement dreizehn jüdische Ackerbau-Kolonien vorhanden. Die Zahl der Kolonisten beträgt 1442 Seelen, die über 1531 Dessjätin Landes verfügen. Diese Kolonien bestehen schon seit sehr langer Zeit, und find bis jetzt keine Fälle von Landes-Veräußerungen durch die jüdischen Kolonisten vorgekommen. (Bekanntlich sind außerdem zahlreiche jüdische Kolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw und auch in Lithauen vorhanden.) — Wie das „Neue Wiener Tagblatt" einem Briefe entnimmt, den der als Maler des Zaren am russischen Hofe lebende Michael v. Zichy in jüngster Zeit an einen Wiener Freund gerichtet hat, ist der junge Bildhauer Antokolskij aus Paris nach Petersburg berufen und mit der Aufgabe betraut worden, Porträtbüsten des Kaiserpaares zu modelliren, welche für eine Massenvervielfältigung, zur Aufstellung in Remtern, Kasernen und öffentlichen Anstalten bestimmt sind. Der Zar und seine Gemahlin haben den Künstler, der bereits im „Salon" einen Preis errungen hat (und der von der vorjährigen Ausstellung im Münchener Glaspalast her auch in Deutschland bekannt ist) mehrere Sitzungen gewährt. Die Büste Kaiser Nikolaus II. ist schon vollendet und stellt sich als ein Meisterwerk plastischer Porträtirkunst dar, wie es in Rußland von nationalen Künstlern bis jetzt noch nicht hergestellt wurde. Antokolskij, ein Schützling des verstorbenen Kaisers Alexander III., der ihn auf seine Kosten in Paris studiren und in Italien reisen ließ, dürfte sich dauernd in Petersburg niederlassen und eine offizielle Stellung bei Hofe erhalten, ein Umstand, der dadurch bemerkenswerth wird, daß der junge Künstler Jude ist. — Beim Oeffuen eines Briefes, der an Baron Alphonse Rothschild in Paris persönlich gerichtet war und, wie sich ergeben hat, zwischen zwei Kartenstreifen Sprengstoff enthielt, wurde dem Sekretär des Pariser Bankhauses Rothschild, Jodkovitz, das rechte Auge zerstört und die rechte Hand zum Theil weggeriffen. Das Attentat bildet in Paris natürlich das Tagesgespräch. Die Ansichten gehen auseinander, einerseits wird es für ein anarchistisches, andererseits für ein antisemitisches gehalten. „Libre parole", das berüchtigte Organ Drumonts, schreibt in seiner bekannten cynischen Weise: „Es ist tröstlich für uns, daß der mächtige Baron abwesend war. Es sind jetzt zwei Jahre her, daß er durch ein Schrotkorn, natürlich ein antisemitisches, das rechte Auge verlor, es wäre schrecklich, wenn er jetzt durch eine Quecksilberbombe das linke eingebüßt hätte, wo er so viele Minen dieses wunderbaren Metalls besitzt. Das berechtigt ihn, auf ein anderes Schicksal zu hoffen." — Wie der „Morning Advertiser" mittheilt, soll nun doch in der nächsten Tagung des englischen Parlaments eine Bill über die Beschränkung der Einwanderung eingebracht werden. — Auf der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem wurde wiederholt Klage darüber geführt, daß sich die untern Beamten vielfach gegen jüdische Passagiere allerlei Ungezogenheiten erlauben; der Direktor der Ackerbauschule „Mikwah- Jsrael" bei Jaffa wandte sich deshalb beschwerdeführend an die Eisenbahndirektion, welche eine strenge Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen versprach. — Der erste weibliche Advokat in New-Iork ist Fräulein Löw, wie es heißt: eine Enkelin des berühmten Rabbiners Leopold Löw s. A. in Szegedin. Sie legte ihre Prüfungen mit ausgezeichnetem Erfolge ab. — In Melbourne ist am 8. d. M. Simon Cohen, der einer der ältesten jüdischen Kolonisten in Australien und jahrelang Präsident der jüdischen Gemeinde daselbst und allgemein beliebt war, gestorben. — In Bellarat (Australien) ist der Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde, L. L. Weanowski, ein auch in nichtjüdischen Kreisen sehr angesehener und beliebter Mann, im Alter von 74 Jahren gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Ve.antwo.-ll'.cb sür die Redaktion: Max Baucbwiü in Berlin.