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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-16 · Heft 33 (16.8.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 schilderte. Das Begräbniß, dem die beiden Söhne des Verstorbenen beiwohnten, war des großen Todten würdig, dessen Andenken in unserer Gemeinde unauslöschbar fortleben wird. UnßlanL. E. St. Petersburg, 1. August. Jetzt vor etwa zwei Jahren wurde die Geschäftswelt durch die überraschende Nachricht erschreckt, daß das berühmte St. Petersburger Bankhaus der Barone Ginsburg seine Zahlungen eingestellt habe. Wie erinnerlich, hat ein Theil der ausländischen antisemitischen Presse es damals versucht, ans diesem Ereigniß für die antisemitische Agitation Kapital zu schlagen, war aber schon nach einigen Tagen gezwungen, einzugestehen, daß bei diesem Zusannnenbruch von einem „Bankerott" im eigentlichen und landläufigen Sinne des Wortes gar keine Rede sein kann. Es stellte sich bald heraus, daß sich sänuntliche diesen! Institute anvertraute Depots vollkommen intakt befanden, und daß auch begründete Hoffnung vorhanden war, die zahlreichen Gläubiger voll und ganz zu befriedigen. Diese Hoffnung war keine trügerische. Vor wenigen Tagen hat die definitive Regulirung der Angelegenheiten des Bankhauses stattgefunden, und zwar in einer Weise, wie sie bisher bei dem Zusammenbruch eines großen Geschäftshauses wohl kaum vorgekommen sein dürste: Die Gläubiger erhielten nicht nur ihr ganzes Guthaben zurück, sondern auch noch 4 pCt. Zinsen vom Tage der Falliterklärung ab gerechnet. Das berühmte Bankhaus wird, wie die „Nowosti" aus authentischer Quelle erfahren, definitiv aufgelöst werden, aber sein Fall bringt seinem Chef und der jüdischen Gemeinde von St. Petersburg nicht minder Ehre, als die vielen Jahrzehnte seines Bestehens, während welcher es stets mit Recht als der Brennpunkt sowohl des St. Petersburger geschäftlichen Lebens als auch der jüdischen Wohlthätigkeits- und Gemeindeangelegenheiten gegolten hat. — Charakteristisch für die wiedererwachte Liebe der russischen Juden zum Ackerbau ist folgender Fall, welchen hebräische Blätter mittheilen: Der Rabbiner des Fleckens Jsabelin (Gouv. Grodno), Rabbi David Masowietzky, war ehemals Landpächter im Wilnaffchen. Tagsüber arbeitete er im Schweiße seines Angesichts auf dem Felde, und in der Nacht studirte er den Talmud und die rabbinische Litteratur. Im Jahre 1882 (als die Vertreibung aus den Dörfern begann) siedelte er nach Jsabelin über und wurde daselbst zum Rabbiner gewählt. Die jüdischen Bewohner dieses Städtchens find in der Landarbeit wohl erfahren, denn sie besitzen fast Alle größere oder kleinere Parzellen Landes, welche sie selbst bearbeiten. Daher kam Herr Feinberg, der Delegirte des St. Petersburger Komitees ^uglo-^ervisb-OoIonisation-Association, im vorigen Jahre nach Jsabelin, um daselbst Ansiedler für die Baron Hirsch'schen Kolonien in Argentinien anzuwerben. Zum Erstaunen des Herrn Feinberg war einer der Ersten, die sich bei ihm meldeten, der Rabbiner Rabbi David und seine drei Söhne, drei herkulisch gebaute, in der Feldarbeit erzogene junge Leute. Herr Feinberg nahm diese Bewerber selbstverständlich mit Vergnügen an, und als er vor einigen Monaten in Paris war, erzählte er dem Baron Hirsch von dieser ungewöhnlichen Acquisition. Letzterer war über diese Erzählung hoch erfreut und ordnete an, daß dem wackern Rabbiner nicht nur ausreichender Landbesitz, sondern noch überdies bis zu seinem Lebensende ein Ehrengehalt (als Rabbiner) von 40 Rubel monatlich gegeben werde. Vor ungefähr einem Monat schiffte sich der Rabbiner und seine Familie zusammen mit den andern Emigranten des Gouvernements Grodno nach Argentinien ein. Von Nah und Fern. — Das „Volk" schreibt: Der Kaiser hat dem Chefredakteur der „Nat.-Ztg.", Köbner, als Vorsitzenden des für die Feierlichkeiten zur Eröffnung des Kaiser Wilhelm-Kanals gebildeten Preßausschusses den Rothen Adler-Orden vierter Klasse verliehen. — Redakteur Köbner ist „Jude". Was wohl die Bemerkung des „königstreuen" Stöckerblattes, Köbner sei Jude, in diesem Zusammenhänge bedeuten mag?! Im klebrigen ist Herr Köbner kein Jude. — Kantor Goldkraut in Grabow ist nach mehrjähriger Wirksamkeit daselbst auf Grund seiner Bewerbung in gleicher Eigenschaft nach Sandberg berufen. Derselbe tritt am 1. August er. seine Stelle an. - Auf Saßnitz, der „Perle der Ostsee", ist ebenfalls der Antisemitismus zu Hause. Die Wände fast sämmtlicber Zellen in der Badeanstalt sind mit Schmähschriften antisemitischen Inhalts bedeckt und auch direkte Versuche, durch Beleidigungen von Person zu Person öffentliche Skandale hervorzurufen, gehören nicht zu den Seltenheiten. Ein großes Geschäft hat vor einigen Jahren durch besonderes Plakat „Juden" den Eintritt in seinen Laden ausdrücklich untersagt. Auch wurde in einer dem Landrathe des Kreises Rügen gehörigen Villa zu Binz Reflektanten auf die dort zu vermiethenden Wohnungen ausdrücklich eröffnet, daß eine Vermiethung nur christlichen Herrschaften gegenüber stattsinden könnte. — Die wegen Meineids in der Angelegenheit des früher» antisemitischen Reichstagsabgeordneten Leuß zu neun Monaten Gefängniß verurtheilte Frau Dr. Sch nutz ist der „Staatsb. Ztg." zufolge am Freitag begnadigt worden. — Die Angabe, daß Flora Gaß, zu der Herr von Hammerstein in intimen Beziehungen stand. Jüdin sei, ist unrichtig. Sie ist weder Jüdin noch, so weit wir ermitteln konnten — jüdischer Abstammung. Die bezügliche Behauptung ist wohl nur deshalb in Umlauf gebracht worden, um von dein unliebsamen Aufsehen, welches der Fall Hammerstein erregt hat, ein Odium auf. die Juden fallen zu lassen. — In Emden starb der 89jährige Vorbeter de Haas, welcher 60 Jahre dort amtirt hat. — Die Nachricht von Paßplackereien gegen Juden an der russischen Grenze bestätigt sich nicht. Wenigstens wird der „Post" aus Oppeln gemeldet, daß von einem Befehl, daß die russischen Grenzbehörden angewiesen seien, allen Juden, auch den in Deutschland ansässigen, die nur mit Halbpässen versehen seien, den Uebertritt über die Grenze nicht mehr zu gestatten, russischen Grenzwächtern längs der oberschlesischen Grenze nichts bekannt sei. — Der Reichstagsabgeordnete Dr. Josef Bloch in Wien kündigt an, daß er sich durch den Umstand, daß die Prüfung seines Wahlaktes auch in dem abgelaufenen Sessionsabschnitte nicht erfolgte, veranlaßt sehen werde, sein Mandat niederzulegen. — Der deutsche Kaiser hat dem Herausgeber der „Korrespondenz Wilhelm", kaiserlichen Rath Ignatz Wilhelm, den Kronenorden verliehen. — In Budapest wurde Ludwig Deutsch, Chef der Firma Haas u. Deutsch, Nachmittags 4 Uhr von einem entlassenen Beamten, Karl Csaszar, im eigenen Bureau erschossen. Der Thäter wurde verhaftet. — Ans Czernowitz wird berichtet: Das hiesige russische Konsulat veröffentlicht im Amtsblatte eine Berichtigung der vor einiger Zeit in verschiedenen Journalen erschienenen Notiz, daß Bewerber um Paßvisa nach Rußland ihre christliche Konfession Nachweisen müssen. Ein derartiger Ukas ist nicht erschienen. Protokollirte Kaufleute und deren Bevollmächtigte erhalten anstandslos das Visum zur Reise nach Rußland wie bisher. — Zu Kavalieren der Ehrenlegion wurden ernannt: M. Lion, Rath am Appelgericht zu Aix, Alfred Löman, Chef des 52. Bataillons der Territorial-Armee, N. Alkan, Professor am Konservatorium der Musik. — Die militärische Medaille haben erhalten: I. A. Heymann, Adjutant im I. Fremden-Negiment, der elf Dienstjahre und elf Schlachten mitgemacht hat, und M. Moog, Adjutant im 4. Afrikanischen Regiment, der 13 Dienstjahre und zehn Schlachten aufzuweisen hat. — lieber einen Gewaltakt des russischen Konsulats in Konstantinopel berichtet man von dort: Der Besuch des kaiserlichen Palastes am Freitag, um der Ceremonie des Selamlik beizuwohnen, ist für Ausländer nur gegen Vorzeigen einer von ihrem betreffenden Konsulat ausgestellten Legitimation möglich. Auf Grund seines regelrechten Paffes erhält Jeder von seinem Konsulat die gewünschte Legitimation ohne Anstand. Nur das russische Konsulat hat eine eigenthümliche Absonderlichkeit ausgeheckt, indem es bei Austheilung der Legitimation prüft, ob der Bittsteller Christ oder Jude ist. — Der Sultan hat einen Beitrag von 50 Doll, dem Sanatorium für jüdische Kinder in New-Jork gegeben. Das Geschenk wurde vermittelt durch die „Charity Organisation Society“ dieser Stadt. — Nach einem Telegramm aus Washington sind jdie folgenden Herren durch das Urtheil des Senats der Smithsonian-Institution, eines der berühmtesten wissenschaftlichen Institute in Nordamerika, ausgezeichnet worden: Dr. Franz Oppenheimer-Berlin (ein Sohn des Prediger Dr. Oppenheimer) und Jesse Loewy-Berlin durch die bronzene Medaille Marcus-Berlin durch ehrenvolle Erwähnung. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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