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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-19 · Heft 29 (19.7.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Holland. 1. Amsterdam, 11. Juli. Am Sonntag den 7. d. M. hielt die „Central-Konnnission für die Interessen der Israeliten in den Niederlanden" eine Versammlung ab, speziell um den Streit zwischen dem Oberrabbiner von N.-Holland Dr. Dünner, Rektor des israelitischen Seminars, und Dr. T. Leeuwenstein, Oberrabbiner in Zabrze, Oberschlesien, der s. Zt. fast einstimmig zum Oberrabbiner von Friesland gewählt wurde, zu schlichten. Man wählte ihn, weil man meinte, daß Dr. L. in Paramaribo von holländischen Eltern geboren, von seiner Jugend an bis zum 25. Jahre in Holland wohnte, mit bestem Erfolge die Examina am Nieder!. Jsr. Seminar in Amsterdam machte, die Akademie hier besuchte und Holländer geblieben war, trotzdem er viele Jahre in Deutschland wohnte, daselbst den Doktorgrad erwarb und das Morenu-Diplom erhielt. Nun aber verlangt das Niderl.-Jsrael. Kultus- Reglement, daß Kandidaten der klassischen Litteratur, um das Morönu- Diplom zu erhallen, ihr Examen an einer der holländischen Akademien absolvirt haben müssen, während für ausländische Kultus-Beamte, die für die Niederlande gewählt werden, eine Kommission von 3 Oberrabbinern ernannt werden muß, um die betreffenden Dokumente zu untersuchen. Nachdem nun die Professoren de Hartog, Oppenheim und I. Jitta erklärt haben, daß Dr. L. nicht mehr Holländer ist, und zwar seines langjährigen Aufenthalts in Deutschland wegen, auch in Deutschland naturalisirt zu werden versuchte und sich zum Rabbiner in Zabrze wählen ließ rc., wurde eine Kommission ernannt, bestehend aus Dr. Dünner, Oberrabbiner von N.-Holland, T. Tal, Oberrabbineri. Haag und Dr. Ritter, Oberrabbiner in Rotterdam, um die Angelegenheit zu untersuchen. Bei der 1. Sitzung aber weigerte sich Dr. Dünner, das Morenu- Diplom nachzusehen, behauptend, daß Dr. L. Holländer sei. Herr Tal stimmte bei, während Dr. Ritter protestirte. Eine andere Kommission von drei andern Oberrabbinern ließ sich nicht finden, sodaß Professor de Hartog in der letzten am Sonntag stattgehabten Sitzung Folgendes proponirte: Für den Fall, daß kein Rabbinats-Kollegium gebildet werden kann, oder dasselbe unterläßt, in dem vor der permanenten Kommission festgesetzten Termin das Moreuu-Diplom zu untersuchen und darüber ein Urtheil zu fällen, dann ist die permanente Kommission befugt, nachdem sie einen oder mehrere Nieder!. Rabbiner konsultirt hat, eigenmächtig zu handeln. Diese Proposition wurde mit großer Majorität angenommen. Von Nah und Fern. --- Dr. David Hertzog wurde einstimmig zum Rabbiner der Synagoge „Ahavas Scholaum" gewählt. — Dem Magistrat sind von dem Sohne von Rudolf Hertzog 30,000 Mark zur Unterstützung von Armen ohne Unterschied des Alters, Geschlechtes und der Religion zur Verfügung gestellt worden. Bravo! - In Charlottenbrunn ist am 11. der ehemalige Rabbiner R. A. Neu mann im 75. Lebensjahre gestorben. — Gegen Dr. Böcke! ist wegen Beleidigung des Offizierstandes vom Staatsanwalt zu Halberstadl Anklage erhoben worden. Es handelt sich hierbei um eine Rede, die Dr. Böckel vor einiger Zeit in Aschersleben in öffentlicher Versammlung hielt. — Die Akademie der Wissenschäften in Paris wählte den Prof. Dr. Ferdinand Cohn-Breslau zum korrespondirenden Mitglied für die botanische Sektion. Cohn erhielt 26 von 32 Stimmen. - In Pr. Star gar dt wurde Rabb. Dr. L. A. Rosen thal einstimmig zum Rabbiner gewählt. - Wie der „Pasewalker Anz." vom 3. Juli meldet, wurde der Sattlermeister F. Rumpf, eine als antisemitischer Hetzer in der Stadt und Umgegend von Pasewalk hinlänglich bekannte Persönlichkeit, gefänglich eingezogen. — Bei der am 9. Juli stattgehabten Reichstagsersatzwahl im Fürstenthum Waldeck erhielten Müller (Antisemit, zugleich Kandidat des Blindes der Landwirthe) 3452, Dr. Böttcher, der bisherige national-liberale Vertreter des Wahlkreises 2398, Dr. Schücking (freist Vereinigung) 1778, Garbe (Soziald.) 703 Stimmen. Es ist also eine Stichwahl zwischen Müller und Dr. Böttcher erforderlich. — Zur Charakteristik des Treibens der Antisemiten bei dieser Wahl wird aus Pyrmont berichtet, daß eine christliche Familie aus Holland ihre schon gemietheten Zimmer deshalb abbestellt hat, weil sie nicht gewillt sei, in einem Kurort zu leben, wo ein häßlicher Rassenkampf getrieben werde. Das ist ein Fall, der thatsächlich zu beweisen ist, die übrigen werden uns nicht bekannt. - Durch eine werthvolle Schenkung wurde die Universitätsbibliothek in Gießen bereicherst Der Rabbiner der Provinz Oberhessen, Dr. Levy, hat seine reichhaltige Sammlung von hebräischen, talmudischen und rabbinischen Büchern der Universitätsbibliothek einverleibt. Der sich einer außergewöhnlichen Geistesfrische erfreuende Spender promovirte im Jahre 1828 und bestimmte bereits im Jahre 1878, gelegentlich seines 50 jährigen Doktorjubilämns, daß seine Sammlung nach seinem Tode in den Besitz der Gießener Universitätsbibliothek übergehen sollte. Jetzt hat er seinen Willen noch bei Lebzeiten ansgeführt. — Die vakante Lehrer- und Kantorstelle in Wiesbaden wird vom 1. Oktober er. ab durch Herrn Nuß bäum-Bingen besetzt. — Für seine in der Aula des Gymnasiums gehaltene Rede über Moltke erhielt der Ober-Primaner Arthur Levis in Karlsruhe den vom Großherzog gestifteten Fichtepreis, bestehend in einer goldenen Medaille mit dem Reliefportrait Fichtes. — Bei der Ueberschwemmung, welche am 6. Juni das Eyachthal in Hohenzollern heimsuchte, schwebte ein Bauer in Haigerloch in Gefahr, zu ertrinken und wurde mit eigener Lebensgefahr von dem dortigen jüdischen Handelsmann Weil den Wellen entrissen. — Eine Freude für alle Antisemiten. Unter lebhafter Theilnahme von Kauflustigen wurde in Luxemburg die bisherige Synagoge versteigert. Den Zuschlag als Meistbietender erhielt mit 20,000 Fr. die Kongregation der „Nonnen unserer lieben Frau". — Der beim jüngsten in Berlin abgehaltenen Bicycle-Wettfahren um die Meisterschaft von Europa als Sieger hervorgegangene Maxime Lurion ist ein Israelit und stammt aus Bagdad. Er kam vor ungefähr acht Jahren mit seinem unterdeß verstorbenen Vater Jsak Lurion aus der Chalifenstadt nach Wien, und dort begann er auch deutsch zu lernen, da seine Muttersprache das Arabische ist. — Zum außerordentlichen Professor der Physiologie an der neu errichteten medizinischen Fakultät der Universität Lemberg wurde der Privatdozent Dr. Adolf Beck in Krakau ernannt. Er ist der erste jüdische Professor in Lemberg. — Auf eine Ansprache des Großrabbrners von Bordeaux an den Präsidenten der französischen Republik Felix Faure antwortete dieser: „Ich danke Ihnen, Herr Grand-Rabbin, für die Versicherungen und Wünsche, die Sie nur überbrachten. Sie haben allen Grund, beruhigt zu sein; die Regierung wird immer von Gleichheitsgefühl und Gerechtigkeit für alle Bürger beseelt sein. In angenehmer Weise erinnerten Sie mich an meine Reisen. Während meiner Anwesenheit in der Krim hatte ich Gelegenheit, die karaitischen Juden kennen zu lernen, und ich kann ihren Fleiß, ihre Intelligenz und Uneigennützigkeit Jedermann bezeugen." — Die jüdische Gemeinde zu Breda (Nordbrabant) feierte dieser Tage das fünfzigjährige Jubiläum ihrer Synagoge. — Die Frage der Errichtung einer medizinischen Fakultät für weibliche Studierende in Rußland ist im positiven Sinne entschieden worden. Die Eröffnung der weiblichen Hochschule ist nahe bevorstehend. Das Schulstatut enthält aber die Bestimmung, daß nur christliche Studentinnen in dieses Institut aufzunehmen sind. — Bekanntlich haben die im Kaukasus lebenden Juden, deren Ausweisung verfügt wurde, an das Ministerium des Innern ein Gesuch um Aufschub der Ausweisungstermine gerichtet. Diesem Gesuche wurde auch stattgegeben. Der Chef des kaukasischen Gebietes, Generalmajor Scheremetjew, hat inzwischen an das Ministerium des Innern ein Memorandum gerichtet, in welchem die Belastung der Juden in ihren bisherigen Wohnorten im Interesse der christlichen Bevölkerung des Kaukasus dringend empfohlen wurde. Das Memorandum beruft sich auf zahreiche Bittschriften und Petitionen angesehener christlicher Kaufleute aus allen Theilen des Kaukasus, welche für die Zurückziehung der Ausweisungsordre warm eintreten mit der Begründung, daß die Ausweisung der Juden aus dem Kaukasus eine wirthschaftliche und finanzielle Krise herbeiführen würde. Auch bestätigt General Scheremetjew selbst, daß die Ausweisung unerwünschte Verwicklungen nach sich ziehen müßte. In Folge dessen hat nun das Ministerium des Innern, wie die „Nowoje Wremja" meldet, den Beschluß gefaßt, die gegen die Juden im Kaukasus erlassene Ausweisungsordre zurückzuziehen. — Dr. Davidsohn, früher Professor am Hebrew Union College in Cincinnati, ist von der Gemeinde Ahabat Achim in New-Iork zum Nachfolger Dr. Alexander Kohuts gewählt worden. — In Cincinnati ist am 20. v. M. der älteste Israelit daselbst, Phineas Moses, der Mitbegründer der ersten jüdischen Gemeinde in Cincinnati, im Alter von 97 Jahren gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Max Bauch Witz in.Berlin.

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