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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-14 · Heft 24 (14.6.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 kaiserlichen Besuches. Der Kaiser wurde sodann in den Tempelhof geleitet, woselbst die Schuljugend und weißgekleidete Mädchen Spalier bildeten, und schritt zu dem Tempeleingange, vor welchem die erwachsenen Mädchen aufgestellt waren und Fräulein Elsa Mayer dem Kaiser einen Blumenstrauß überreichte. Beim Eintritt in den Tempel ging der Rabbiner Dr Mühsam dem Kaiser entgegen und sprach die vorgeschriebene rituelle Segensformel. Der Kaiser betrat dann den Raum vor der Bundeslade und nahm daselbst auf dem Thronsessel Platz, worauf von dem Ober-Kantor unter Chor- und Orgelbegleitung der Königspsalm gesungen wurde. Rabbiner Dr. Mühsam hielt sodann eine Ansprache, worin er für die Auszeichnung dankte, die der Kaiser der Kultusgemeinde Graz erwies, deren Sprengel jetzt die Kronländer Steiermark, Kärnten und Krain umfaßt. Dr. Mühsam fuhr fort: „Durch 400 Jahre waren die Pforten dieser drei Kronländer den Israeliten versch)lossen, und ein israelitisches Gotteshaus gab es in denselben nicht. Erst unter der glorreichen Regierung Euer Majestät, welche alle Unterthanen mit gleicher Liebe xmb Gnade beglückt, haben die Israeliten sich auch hier wiederum neue Heimstätten gründen dürfen, und dieses Gotteshaus, dessen Erbauung nur durch einen Gnadenakt Euer Majestät ermöglicht worden, bildet einen Markstein in der Geschichte der Israeliten Oesterreichs." Nach Beendigung der religiösen Feier in der Synagoge wurde der Kaiser gebeten, ein Gedenkblatt zu unterfertigen, welcher Bitte er willfahrte. Dem Israelitischen Frauen-Verein spendete der Kaiser 200 fl. — Am 7. d. M. hat sich in der Schumangasse in Währing ein Vorfall ereignet, der in behördlichen Kreisen mit den sogenannten „Konferenzen" in Verbindung gebracht wird, die der Pfarrer Deckert in der Weinhauser Pfarrkirche vor Kurzem abhielt und in welchen bekanntlich auch das Blutmärchen eine besondere Rolle spielte. Es wurde ein harmloser jüdischer Passant auf der Straße von einer Rette verfolgt und das Haus, in welches er sich flüchtete, mit Steinen bombardirt, weil die aufgeregte und verhetzte Menge in ihm einen „Kinderräuber" sah. Da zufällig im selben Bezirke ein Kind abgängig ist — ein Fall, der sich in der Millionenstadt unzähligemal auf verschiedenen Punkten wiederholt — so genügte dies, um einen Straßenskandal hervorzurufen, der das Einschreiten der Wachorgane nöthig machte. Der Vorfall wirkt in seiner Art ebenso traurig, wie jene brutale Demonstration, die sich kürzlich bei dem Leichenbegängnisse eines jüdischen Mädchens abgespielt hat und bei welcher die Trauergäste wie die Todte verhöhnt wurden. Leicht erregbare Frauen und Kinder, welche bei fanatisirenden Predigten als Zuhörer sich einfinden, spielen auch die Hauptrolle bei diesen beklagenswerthen Vorkommnissen. — Der Erzbischof von Lissa, Monsignore Czarev, richtete an den Klerus seiner Diözese einen sehr energisch gehaltenen Hirtenbrief, in welchem die politische Thätigkeit namentlich des jüngeren Klerus scharf gegeißelt und die Priester strenge angewiesen werden, jede politische Agitation namentlich in Kirchen und anderen geweihten Orten zu unterlassen. Spanien. & Madrid, 7. Juni. Ignaz Bauer, der Madrider Vertreter des Hauses Rothschild, ist am 30. v. M. nach langer Krankheit hier gestorben. Bauer war Oesterreicher, aber er lebte seit 1850 in Spanien. Bei den schweren Heimsuchungen, die Spanien in den letzten Jahren erdulden mußte, stand Bauer in der ersten Reihe derjenigen, welche die Schmerzen zu lindern suchten und ohne Prahlerei mit verschwenderischer Hand Gaben austheilten. Er hinterläßt vier Kinder; sein ältester Sohn Gustav wird die Leitung des Bankhauses und die Vertretung von Rothschild übernehmen; seine Tochter Pauline hat sich mit dem ältesten Sohne der Herzogin von Baena vermählt und führt jetzt den Titel „Marquise von Villamanrique"; seine beiden jüngsten Kinder, Manuel und Ferdinand, haben Jurisprudenz studirt und sind angesehene Anwälte in Madrid. Von Nah und Fern. Dr. Rudolph Saulmann, der früher in Berlin praktizirte, seit 15 Jahren aber in Brüssel und während der Badesaison in Ostende seine Thätigkeit ausübt, ist zum preußischen Sanitätsrath ernannt worden. — Georg Engel, der bekannte Schriftsteller, hat ein neues Bühnenwerk vollendet, welches den Titel „Hadasa" trägt und in Form einer Legendendichtung die biblische Erzählung von der Königin Esther' behandelt. Die im Reimversen abgefaßte Dichtung, welche der Autor selbst im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" vorgelesen, ha! das königliche Schauspielhaus für die nächste Saison erworben. — Vor Kurzem hielt Ahlwardt in Danzig zwei Vorträge. Die erste Versammlung war sehr gut besucht, da, wie der Redner zutreffend bemerkte, viele Leute wohl gekommen seien, um ein so „allgemein bekämpftes Ungeheuer", wie er es sei, zu sehen. Den zweiten Vortrag über „die Frau bei der. Germanen und Juden" hielt der Rektor a. D. nur vor einer geringer! Zahl von Anwesenden. — In Elbing entwickelte Ahlwardt in einer öffentlichen Volksversammlung „unter Ausschluß der Juden" gleichfalls sein politisches Programm. Die gegen 400 Personen zählende Zuhörer schaft schien nur zum sehr geringen Theil mit den Ausführungen des Redners einverstanden zu sein Da der Vortrag gegen drei Stunde:! dauerte, so war für die Debatte nur ein geringer Spielraum übrig; blos ein sozialdemokratischer Redakteur trat dem Agitator entgegen. — Der Armenkasten der Synagoge in Neisse ist in den letzten Tagen gewaltsam erbrochen und zum Theil seines Inhalts beraubt worden. — In Eisenach tagt gegenwärtig die Jahresversammlung des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik unter Theilnahme zahlreicher Mitglieder aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands. Erster Gegenstand der Debatte: „Die Beziehungen der Religion zum Nationalgefühl bei den alten Israeliten". Die Hauptgedanken, daß bei den Israeliten die Religion die stärkste Wurzel des Nationalgefühls war und daß dieser auch eine große ethische Bedeutung insofern zuzusprechen sei, als sie den Volkscharakter günstig beeinflußt und so die Entstehung des Christenthums ermöglicht habe, fanden im Wesentlichen die Zustimmung der Versammlung. — „Judengegner". Als solche haben sich bei der Ersatzwahl in K ö l n die Antisemiten in ihrer Bezeichnung verdeutscht. In dem betreffenden Flugblatt wird unter Anderem die Reichsbank als ein „Judeninstitut" bezeichnet, welches in eine Staatsanstalt umgewandelt werden müßte. — Der besoldete Stadtrath Dr. Samter in Danzig tritt nach langjähriger Thätigkeit aus Gesundheitsrücksichten am 1. Oktober in den Ruhestand. Anläßlich seiner Pensionirung ist ihm, in Rücksicht auf seine segensreiche Thätigkeit und seine Beliebtheit bei allen Konfessionen, von den städtischen Behörden der Titel „Stadtältester" beigelegt worden. — Am 13. Juli wird der erste israelitische Gemeindetag in Böhmen stattfinden, der über die Gründung eines Gemeinde-Verbandes schlüssig werden wird. — Am 12. und am 13. Juni fand im israelitischen Rathhause in Prag die außerordentliche Generalversammlung des böhmischen Rabbiner-Verbandes statt. — Die Negierung des Kantons Bern hat unfern geschätzten Mitarbeiter Herrn Dr. Op et aus Berlin, Privatdozent der juristischen Fakultät der Berner Universität, amtlich beauftragt, im nächsten Wintersemester dort die germanistischen Vorlesungen zu halten und das germanistische Seminar zu leiten. — Baron Hirsch hat seine Gewinne auf der Rennbahn auch in diesem Jahre wieder den Anstalten für wohlthätige Zwecke.in London überwiesen. Die Summe beträgt 5005 Guineen. Baron Hirsch hat jetzt bereits! diesen Anstalten im Ganzen 58,850 Guineen gespendet. — Die englische | Linnö-Gesellschaft hat dem Botaniker Prof. Ferdinand Cohn in Breslau in Anerkennung seiner Forschungen über die niederen Algen > ihre goldene Denkmünze geschenkt. Die Gesellschaft beabsichtigt, eine Anzahl seiner Abhandlungen in englischer Sprache zu veröffentlichen. — Der bekannte Fabrikant Posnanski in Lodz hat als Vorsitzender des Konseils einer Aktiengesellschaft eine Agentur in Moskau errichtet. Der Polizeipräsident forderte, daß auf dem Schilde außer der Firma der Gesellschaft noch der jüdische Name des Hauptvertreters der Gesellschaft, Herrn Posnanski, angebracht werde. Der juridische Vertreter Posnanski's erwiederte hierauf, daß er diesen Wunsch nicht erfüllen könne, da er sich dadurch eine Gesetzesverletzung zu Schulden kommen lassen würde, was er durchaus nicht zu thun gedenke. Die Firma der Aktiengesellschaft sei Allerhöchst bestätigt und dürfe daran kein Punkt geändert werden. Damit begnügte sich die Moskauer Polizei nicht, und nun appellirte der Rechtsanwalt an den Großfürsten-Generalgouverneur Sergius, einen Oheim und Schwager des Kaisers, der das Allerhöchst bestätigte Firmenschild anerkannte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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