Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228114--51774-3272536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Die Mitglieder hatten 13,138 fl. beigesteuert, an Spenden sind 1925 fl. eingeflossen. Auf Antrag des Herrn Dr. Bloch wird dem Vorstand das Absolutorium für den Rechenschaftsbericht einstimmig ertheilt und die Wiederwahl der zum Austritt bestimmten Vorstandsmitglieder, der Herren D. R. v. Gutmann, Dr. M. Güdemann, Dr. H. Grünbaum, Josef R. v. Pfeiffer und D. Ziffer er per acclamationem vollzogen. Bei der Ergänzungswahl in den Vorstand wird Herr Bernhard Pollack, Gesellschafter der Firma Hermann Pollack L Söhne, mit überwiegender Stimmenmehrheit gewählt. — In der Sitzung des Reichsrathes am 4. d. M. beantwortete derLandesvertheidigu ngs- Minister die Interpellation des Abgeordneten Dr. Götz wegen des Verlangens des Taufscheines bei Ausschreibung der militärischen Stiftungsplätze dahin, daß der Taufschein nur als Altersnachweis dienen sollte und auch durch einen Geburtsschein ersetzt werden'könne, wie denn auch thatsächlich trotz jener Kundmachung israelitische Zöglinge ausgenommen wurden. Im Uebrigen werde das Formular künftig entsprechend geändert werden. — Anläßlich des Mai-Avancements wurden wieder mehrere jüdische Offiziere befördert. 52 Wien, 5. Mai. Dem kürzlich hier veröffentlichten Buche: „Die Bevölkerung Oesterreichs" von Dr. Rauchberg, entnehmen wir die folgenden Zahlen, die die Entwickelung der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich illustriren. Nach der letzten Volkszählung 1690 waren in Oesterreich Juden 1,143,305 Seelen gegen 1,005,394 im Jahre 1880 und 822,220 im Jahre 1870. Diese Vermehrung ist eine viel höhere, als die der nichtjüdischen Oesterreicher, sie beträgt in Prozenten 1870-80 22,28 Prozent bei den Juden, 1880-90 13,72 Prozent bei den Juden, dagegen bei den Oesterreichern überhaupt 1870-80 8,58 Prozent, 1880-90 7,91 Prozent. Diese stete Vermehrung ist im zweiten Jahrzehnt nicht normal, da sie im Wesentlichen auf dem größeren Geburtenüberschuß der Juden beruht, aber im Jahrzehnt 1870-80 ist sie so hoch, daß man mit Sicherheit auf eine starke Einwanderung in dieser Zeit schließen kann. Die jetzt in Oesterreich lebenden Juden vertheilen sich in drei große Gruppen, am stärksten ist Galizien mit der Bukowina, die 863,185 Juden zählen, nächstdem Böhmen, Mähren, Schlesien mit zusammen 149,845 Juden, endlich Wien mit 118,495 jüdischen Seelen. Die daneben noch in den übrigen Kronländern lebenden 20,090 Israeliten kommen für die statistische Beurtheilung wenig in Betracht. — Sehr bemerkenswerth ist die Thatsache, daß in den niedrigen Altersstufen 1-10, 10—20 und 20—30 Jahre der Antheil der Juden sehr hoch ist, dagegen in den höheren Altersstufen weit niedriger, als man erwarten sollte. Dieses Faktum findet seine Erklärung in der geringen Kindersterblichkeit bei den Israeliten, wozu ergänzend die höhere Auswanderungsziffer der Juden tritt, die erfahrungsgemäß gerade für die Altersklassen zwischen 20 und 50 Jahr sich am fühlbarsten macht. Daß bedeutend weniger Juden die höchsten Altersstufen erreichen, findet noch des weiteren zum Theil seine Erklärung in dem Umstande, daß die Juden viel mehr Städtebewohner sind, als die übrige Bevölkerung, die Städtebewohner aber kurzlebiger sind als die Landbewohner. — Sehr auffallend ist die geringe Ziffer der Verheiratheten unter den Juden, nur 17,19 Prozent gegen 33,64 Prozent im Allgemeinen, doch findet diese auffallende Erscheinung ihren Grund darin, daß sie auf den galizischen Verhältnissen basirt, hier aber vielfach rituell korrekt geschlossene Ehen der staatlichen Sanktion entbehren. Während in der ganzen Monarchie auf 1000 Männer 1038 Frauen bei den Juden, dagegen bei den Nichtjuden entfallen, ist das Verhältniß normal in Galizien und Wien. In Galizien kommen auf 1000 Männer 1054 Frauen der Israeliten, aber nur 1024 der anderen Bevölkerung, in Wien dagegen kommen umgekehrt auf 1000 Männer 1061 Frauen überhaupt, dagegen 1044 bei den Juden nur 951. Es ergiebt sich daraus, daß aus Galizien sehr viel jüdische Männer auswandern, in Wien dagegen ein wandern. Bedauerlich ist, daß in dem interessanten Buche die Zahlen über die Vertheilung der Berufsstatistik nach Konfessionen fehlen. Amerika. Fg. Buffalo, 29. April. Der Wohlthätigkeitssinn unserer amerikanischen Glaubensgenossen bethätigt sich ganz in derselben Weise wie in Europa, wie der in einem stattlichen Bande erschienene 15. und 16. Jahresbericht der jüdischen Waisenaspl - Gesellschaft für den westlichen Theil des Staates New-Aork beweist. Das stattliche Waisenhaus befindet sich in Rochester, ihre Hauptstütze findet die Gesellschaft außerdem in Syracuse und hier in Buffalo, wo eine einzige Familie' (Leop. und Louis Warner) 10,000 Dollars beigesteuert hat. Es gereicht uns zur besonderen Freude, feststellen zu können, daß die größten Beiträge von hiesigen Glaubensgenossen deutscher Abkunft herrühren. Direkor der Anstalt ist Dr. S. Händler, Sekretär Dr. Max Landsberg. Am meisten Schwierigkeit macht die Unterbringung der Kinder, welche nach erfolgter Ausbildung das Waisenhaus verlassen. In der Liste der Zöglinge finden wir vielfach deutsche oder polnische Namen. Die meisten internen Einrichtungen ähneln ebenfalls den in Deutschland üblichen, dessen jüdische Waisenhäuser Mustergiltiges bieten. Von Nah und Fern. — Gegen den Abgeordneten Böckel, der für das von ihm und Ahlwardt herausgegebene „Deutsche Volksrecht" verantwortlich zeichnet, ist wegen Abdruck eines Gedichts „Brutus lebst du?" auf Grund des ß 130 des Strafgesetzbuchs wegen Aufreizung zum Klassenhaß Anklage erhoben worden. — Dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten Ahlwardt sind für einen Vortrag, den er am 8. Mai in Graudenz halten wollte, sämmtliche Lokale verweigert worden. — Die in Halle herausgegebene antisemitische „Hallesche Reform" hat mit dem 1. Mai ihr Er scheinen eingestellt. Noch vor acht Tagen, am 24. April, hatte das Blatt verkündet, die Auflage sei innerhalb Jahresfrist von 2000 aus 3000 gestiegen, und die betreffende Nummer wurde deshalb als Jubiläums-Nummer bezeichnet. — Der Bankier N. Herzberg Coethen wurde zum Kommerzienrath ernannt. — Unter Vorsitz des Prov.-Schulraths Kannegießer, sowie unter Mitwirkung des Regierungs¬ und Schulraths Sternkopf und des Landrabbiners Dr. Prager fand am 4. April am israelitischen Lehrerseminar zu Cassel die mündliche Entlassungsprüfung' statt, die von fünf Abiturienten der Anstalt bestanden wurde. — Der Badearzt Dr. v. Jbell in Ems wurde vom Schöffengericht wegen Beleidigung und Verleumdung antisemitischen Charakters, begangen gegen einen dort ansässigen Kaufmann, zu einer Geldstrafe verurtheilt. — Provinzial-Rabbiner Dr. Munk in Marburg ist von dem Kgl. Provinzialschulkollegium mit der Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten in Marburg beauftragt worden. — und den poetischen Revisionsbeamten zu einer solchen von 40 Mark. - Gegen die Gründer der Zimmermannschen „Deutschen Wacht" in Dresden ist wegen Uebertretung des Aktiengesetzes das Hauptverfahren eröffnet worden. Die Sache kommt demnächst vor der Strafkammer des Dresdener Landgerichts zur Verhandlung. — Der vereinigte Dreierausschuß des ungarischen Magnatenhauses beschloß, über die von dem Abgeordnetenhause rückverwiesenen Gesetzentwürfe über die freie Religionsübung und Rezeption der jüdischen Religion bei dem Hause die Aufrechterhaltung beider Gesetzentwürfe zu beantragen. — In Paris ist Dr. Fano, Dozent an der dortigen medizinischen Fakultät, gestorben, der sich der Augenheilkunde gewidmet und auf diesem Gebiete Werke von großer wissenschaftlicher Bedeutung geschrieben hat. — Jn Kozlow postirte sich an den beiden Osterfeiertagen die Menge nach Beendigung des Gottesdienstes in der römisch- und griechisch-katholischen Kirche auf offener Straße im Centrum der Stadt, so wie vor den Kirchen, uni ihre jüdischen Mitbürger, die die Straße zu passiren wagten, mit Steinen zu bewerfen. Die Hetze dauerte ununterbrochen von Früh bis Abend an den beiden Osterfeiertagen derart, daß sich kein Jude auf die Straße wagen durfte, außer auf die Gefahr hin, von der Menge todtgeschlagen zu werden. — Die nächste Konferenz amerikanischer Rabbiner wird in Rochester abgehalten werden. Die folgenden Abhandlungen, welche zur Verlesung kommen, find bereits angekündigt: „Die Bedeutung und Tendenz der Reformbewegung im amerikanischen Judenthum" und „Amerikanische Judaica" von Dr. David Philipson. Die Konferenz-Komitees bestehen aus den folgenden Herren: Komitee für Hymnen-Bücher. die Rabbiner I. S. Moses, Joseph Stolz und A. Norden; Komitee für Gebetbücher, die Rabbiner M. H. Harris, G. Gottheil, R. Großmann, H. Berkowitz und M. Leucht; Komitee für Religions-Unterricht, K. Köhler, I. Silvermann, A. H Geismar, W. Rosenau und Tobias Schönfärber; Komitee für Religion-Textbücher, L. Großmann, E. Schreiber und Moses I. Gries; Komitee für Verbesserung des Religionsunterrichts, Dr. David Philipson, M. Mielziner und L. Levi. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.