Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Ar. 18 Berlin. 3. Mai 1895. eitung des Audenlhums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.?> M. Redacte ur: Gustav Karpcles. Begründet von Rabbiner D*. Ludwi-g- Philippson-Äonn. Verlags-Erpedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen skr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Jndenthums", Berlin Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Vom unlauteren Wettbewerb. - Die Woche. - Aus er Berliner Gemeinde. — Ein Heim der Menschenliebe. — Briese aus Böbmen. I. Bon Ploni. — Pariser Briese. Von Amiti. — Aus Moritz Veits Nacklaß. V. Bon Prof. Tr. L. Geiger. -- Die Beziehungen des Marauis de Langallerie zu Aul Juden. II. Bon Pros. Tr. David Kaufmann. — Feuilleton: Aufgegangene Saat. Von Jennv Hirsch (Fortsetzung). — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin' Sckwersenz. Ans Schlesien. Hannover. Meiningen. Köln. Heidelberg. Wien Budapest. Florenz. Petersburg. New-Pork. — Von Nah und Fern. — Miseellen. Vom unlauteren Wettbewerb. Berlin, 1. Mai. ie Bestrebungen, welche darauf ausgehen, durch Gesetze und Verordnungen einen Damm gegen das uulantere Treiben in Handel und Wandel aufzurichten, werden gewiß die volle Billigung jedes ehrlich und rechtlich denkenden, vor Allem aber jedes religiösen Menschen finde». Den» der unlautere Wettbewerb ist vom Standpunkt jedes einzelnen religiösen Bekeiiiituisses ans entschieden verwerflich. Es kommt dabei wahrlich nicht in Betracht, ob derjenige, welcher mit solchen Mitteln arbeitet, ein Katholik, ein Protestant oder ein Jude sei. Nichts ist daher weniger berechtigt, als in der Frage des unlauter» Wettbewerbs eine konfessionelle Statistik zu veranstalten, da erstens eine jede Religion den unlautern Wettbewerb verbietet, und da es zweitens für die Sache selbst ganz unerheblich ist, zn welchen Theilen die einzelnen Konfessionen daran betbeiligt sind. Auch könnte eine solche Statistik mitunter Resultate zu Tage fördern, welche denen, die sie veranstalten, selbst sehr unangenehm werden würden; z. B. hat man selbst im Reichstage von der Eentrnmsseite ven Juden vorgeworfen, daß sie besonders stark an den Konkursen veiheiligt seien. Unmittelbar darauf hat die Statistik der Konkurse ergeben, daß die meisten in dem ziemlich jndenreine» Sachsen Vorkommen. Es wäre nicht unmöglich, daß ein gleiches Resultat in inzelnen Provinzen und Großstädten bezüglich der Ausverkäufe und Knmschbazare n. s. w. sich ergeben könnte. Aber selbst wenn wir zugeben wollten, daß Juden an derartigen Veranstaltungen, die unter die Rubrik des unlauteren Wettbetrieds fallen, mit stärkerem Prozentsatz betheiligt seien, so müßte doch eine objektive Betrachtung der Dinge nicht nur die Thatsache konstatiren, sondern auch die Grundbedingungen derselben klarlegen. Wer hat die Juden znm Handel gezwungen? Wer verhindert noch heute ihre eifrige Betheiligung am Ackerbau und an andern produktiven Erwerbszweigen? Wer hat es ihnen so gut wie umnöglich gemacht, ein Handwerk zu betreiben, wie es ihre Glaubensgenossen in andern Ländern mit Erfolg ausüben? Wir brauchen diese Frage» nicht zu beantworten, aber wir wünschten, daß sich diejenigen, welche aus diesem Anlaß gegen die Juden Vorwürfe erheben, die Dinge einmal von diesem geschichtlichen und praktischen Standpunkte ans betrachten möchten. Nun sagt man, und zwar auch von objektiver Seite: Die ehrlichen und gute» Juden sollten selbst dafür Sorge tragen, daß die unlauteren Elemente in ihrer Mitte sich vermindern. Das ist sehr schön und leicht gesagt, und die Bereitwilligkeit zu solcher Fürsorge ist mehr als reichlich vorhanden, aber wo in aller Welt existirt ein Mittel, ein Weg, um Solches zu veranlassen? Wir wären Dem dankbar, der uns ein solches Mittel angeben wollte. Es bleibt uns nichts übrig, als das, was bereits unzählige Mal betont wurde, nämlich die sogen, „innere Mission": von Kanzel und Katheder, durch Wort ,md Schrift, in Schulen und Gemeinden, allen Glaubensgenossen Redlichkeit in Handel und Wandel, strenge Rechtlichkeit und Solidität dringend ans Herz zu legen. Und das geschieht seit Jahren, bevor noch die Idee vom unlauteren Wettbewerb überhaupt im politischen Leben aufgetaucht ist, unaufhörlich und auch wohl mit Erfolg. Es ist keine zu kühne Behauptung, wenn wir sagen, der überwiegende Theil dieser unlauteren Elemente gehört mir dem Namen nach dem Jndenthnm an; Juden sind sie nicht, denn sie wissen sehr genau, daß ihr Treiben gegen so und so viele religiöse Gebote, vor Allem aber gegen einen der heiligsten Grundsätze unseres Glaubens verstößt und einen starken Ehillul Haschem (Entweihung des göttlichen Namens) Hervorrufen muß. Ja, es ist in dieser Beziehung recht charakteristisch, daß die Besitzer eines der größten dieser Ramschbazare, gegen die sich eine besondere Fülle von Erbitterung angesammelt hat, zur Zeit der größten Blüthe ihres Geschäfts zum Christenthnm übergetreten sind. Welche» Eindruck würde es nun auf einen Wucherer oder einen Kaufmann, der mit solchen Prinzipien arbeitet, machen, wenn man ihm im Namen der Religion entgegenträte und zu ihm spräche: Siehe, du sündigst gegen Gottes Gebot, du schädigst deine Glaubensgemeinde! Mögen sich, wie gesagt, diejenigen diese Frage beantworten, welche uns solche Vorschläge machen. Ganz anders liegt die Sache freilich, wenn man, wie dies von antisemitischer Seite mit Vorliebe geschieht, nicht nur den Juden, sondern dem Jud ent hum selbst, vor Allem dem rabbinischen, den Vorwurf macht, daß es solche Praktiken begünstige. Das ist eine Verleumdung ohne Gleichen, und es genügt, einzelne Sätze hervorzuheben, um dieselbe in ihrer ganzen Nichtswürdigkeit zu charakterisiren. Ja, man kann wohl sagen, daß kein Gesetz irgend einer Religionsgenossenschaft den unlauteren Wettbewerb so streng vernrtheilt wie gerade das rabbinische, welches jede Art von Betrug in Wort und That als einen „Gräuel