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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-19 · Heft 16 (19.4.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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59. Jahrgang. Ar. 16. Allgemeine Berlin» 19. April 1895. eitung des Audenlbums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner &r< Ludwig Plhilippson-Konn. Verlags-Crpedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fi'ir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Juventhums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von 9Krdolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Humanität in Israel. — Die Woche. — Der Antisemitismus vor Gericht. Aon Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs. — Briese aus Italien. II. Von Tr. Adolf Weidmann. — Zur Lchulstatistik. Von W. Heß. - Amerikanische Briefe. Von Pros. Tr. G. Deutsch (Schluß). — Aus Moritz Veits Nachlaß. III. Von Prof. Tr. L. Geiger. — Feulüetonr Aufgegangene Saat. Bon Jennv Hirsch (Fortsetzung). — Moderner Kinderraub. Von Rechstanwalt Emil Lehmann. — Littcrarische Miltheilurigerr. — Sprechsaal. Der Gerneindepole. Korrespondenten und Nachrichten: Berlin. Vromberg. Aus der Provinz Posen. Meseritz. Breslau. Ratibor. Gleiwitz. Zauer, Frankfurt a. Dt.. Stuttgart. Wien. Rom. New-Pork. Mogador. — Bon Nah and Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Humanität in Israel. Berlin, 17. April. ft schon, ja öfter als uns lieb ist, haben wir unfern Lesern voll dem sog. „wissenschaftlicheil Antisemitismus" die seltsamsten Proben gegeben. Um so erfteulicher ist es uns, auch einmal eine rühmliche Ausnahme konstatiren zu könneil. Eine solche Erscheinung wirkt in einer Zeit, wieder gegenwärtigen, wie der?rste Frühlingssonnenstrahl nach langer Winterszeit. Wir haben schon wiederholt auf eine kleine, aber merkwürdige Schrift über den israelitischen Prophetismus von Professor Earl Heinrich Eornill die Aufmerksamkeit unserer Leser gelenkt. Die Art und Weise, in welcher dieser freisinnige nnd gelehrte Theologe über die Bedeiiiung des Judenthums als Kulturreligion sich in jener Schrift aussprach, wurde anderen Erscheinungen gegenüber mit besonderer Genugthuung hervorgehoben. Heute sind lvir in der erfreulichen Lage, über eine zweite Schrift desselben Gelehrten berichten zu können, die von der gleichen Dbjektiviiät erfüllt ist, nnd deren besondere Bedeutung darili liegt, daß sie eine in unserer Zeit viel umstrittene Frage in gründlicher, sachkundiger und wahrhaft unparteiischer Weise beleuchtet. Borausschickeir wollen lvir, daß der Verfasser ordentlicher Professor der alttestamentlichen Theologie an der Universität zu Königsberg ist, daß man ihn als einen der gelehrtesten Bibelkenner schätzt, nnd daß die Schrift, um die es sich handelt, ein Vortrag ist, den derselbe am 8. Januar d. I. im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr" zu Königsberg gehalten hat. Das Thema des Vortrags lautet: „Das Alte Testament und die Humanität" (Leipzig 1895, I. C. Hinrichs). Der Verfasser hebt ausdrücklich hervor, daß er dies Thema gerade darum gewählt, iveil Unverstand und böser Wille sich beikommen läßt, der Religion Israels „Humanität abznsprechen oder sie ihr doch wenigstens mir in bedingter Weise zuzuerkennen". Er unternimmt zu diesem Zweck'einen Gang durch die heilige Schrift Israels nach ihren drei Kategorien: Thora, Propheten und Schriften. I Gleich auf dem ersten Blatte der Thora findet er das Wort:! Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde, nach göttlichem Ebenbilde schuf er ihii. „Dies Eine Wort würde genügen, den göttlichen Ursprung der heiligen Schrift Israels zu erweisen. So weit wir den Bereich des natürlichen Menschen prüfen und verfolgen, finde»» wir iinnier und überall das Gegentheil: Da schafft vielmehr der Mensch Gott vach seinem Ebenbilde, nach Menschenart. Der kriegerische und brutale Affur, die wollüstige und blutdürstige Jstar sind Typen assyrischen Wesens; in Zeus haben wir das Idealbild des hellenischen Mannes, in 'Apollo und Ares das des hellenischen Jünglings, nach der Seite der geistigen und leiblichen Kraft; in dem altlateinischen Diespiter erkennen wir sofort den souveränschaltenden römischen pater familias, in Mavors den welterobernden römischen Soldaten; Wodan und Donar sind echt germanische Recken, Fricka die deutsche Hausfrau. Diese Erscheinung ist so allgemein und so in der Natur des Menschen begründet, daß einer der tiefsinnigsten altgriechischen Denker das Wort anssprechen konnte: Wenn Stiere und Löwen Religion haben, so stellen sie sich Gott als Stier oder Löwen vor. Nur Israel nimrnt den Ausgangspunkt von Gott, um das Wesen des Menschen zu bestimmen, und hat so für die ivahre Humanität den unverrückbaren Grund gelegt. Wie sollte der Mensch seinen Mitmenschen gering schätzen oder verachte»», den Gott selbst seines Ebenbildes gewürdigt hat?" Coriliü lenkt mm den Blick seiner Hörer ans die sogenannte Völkertafel in Kapitel 10 der Genesis, >vo die ganze Menschheit als Nachkommen der drei'Söhne Noahs, Sein, Ham und Japhet dargestellt und anfgezühlt wird. Dem oberflächlichen Blick zeigt sich hier nichts als ein trockenes und dürres Verzeichniß von siebenzig Völkern, dem wir weder Belehrung noch Erbauung entnehmen zu können meinen. „Und doch besitzt die ganze nichtisraelitische Litteratnr nichts, »vas diesen» trockenen »mb dürren Verzeichniß von siebenzig Völkernamen an die Seite zu stellen »väre, — »venn »vir seine Hieroglyphen nur zu deuten wissen. — Da ist kein selbstsüchtiges Interesse, kein niedriger Beweggrund wahrzunehmen, sondern es ist der die ganze Welt u»nfassende Liebesblick, der in der Menschheit eine große Fainilie von Gottes Kindern sieht, die eben als Kinder des Einen himmlischen Vaters untereinander Brüder sind. Also der Geist echtester und höchster Huina- '»vität, wie sie als ivahre Himinelstochter auf religiösem Grunde erwachsen ist — die praktische Bcthätignng und die nothivendige ^Folgerung der Lehre, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen." Der Verfasser prüft nun die direkten gesetzlichen Bestimmnngen;bev Thora, welche von der Htimanilät eingegeben sind und sie dringend fordern. Die Schwachen nnd Schutzlosen, Wittwen, Waisen, Arme, Fremdlinge iverden stets aufs Neue, der Liebe und fGüte empfohlen, mit dem Hinweise darauf, daß Israel von Aegypten jher selbst wisse, wie es einem solchen zu Muthe sei. Daß bei allen "religiösen Festen Gastfreundschaft »nd Mildthätigkeit geübt wird, ist

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