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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-04-12 · Heft 15 (12.4.1895) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 170 (sequence 4)
Language
German
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1-0 Versammlungen des Ausschusses vorbereitet, vielleicht noch Manches auch für uns in die Wege leiten, was jener Gesellschaft, deren Propaganda an 1Ü0 Zeitungen unterstützen, bereits besitzt. Auch die jüdischen Litteraturvereine sind jetzt eiugeführt, sodaß sie als dauernde Kulturanstalt bestehen werden; unter unfern Rabbinern, Lehrern und Schriftstellern sind rüstige Kräfte an der Arbeit und nicht nur an den Orte», wo sie wohnen. Neue Erhebungen zur Erkeimtniß können immer nur von einzelnen Geistern ausgehen, am allerwenigsten steht die Bewegung der jüdischen Litteraturvereine in ihrer Vielseitigkeit in Gefahr zu verflachen oder zu versanden: Möge ihr von den Berufenen ein inrmer größeres Bett gegraben werden. Me Woche. Berlin, 8. April. fie Parlamente sind in die Ferien gegangen und es beginnt eine stille Zeit, die zwar nicht lange dauern wird, in der wir aber immerhin mit antisemitischen Hiobsposten verschont werden dürften. Es bietet sich in dieser Zeit Gelegenheit genug, über die Fortschritte, welche die judenfeindliche Bewegung in dem einen Lande, über die Rückschritte, die sie vielleicht in andern Ländern gemacht hat, ruhig nachzildenken. In Preußen scheint trotz alles Geschreis die Seuche ihren Höhepunkt überschritten zu haben; Süddeutschtand ist bis auf lvenige Punkte völlig immun. Auch in Oesterreich ist es merkwürdigerweise weder Ungarn, Böhmen noch Galizien, sondern nur Deutsch- Oesterreich, vor allem Wien und Graz, wo die Seuche jetzt stärker als je austritt. Bon anßerdeutschen Ländern ist sie nur nach Frankreich gedrungen. .Dort tritt sie allerdings sehr heftig auf, so daß die französischen Juden beschlossen haben, sich ellergisch zur Gegenwehr zu setzell. Es sind nicht gerade rosige Aussichten, die uns die Ruhepallse des Passah-Festes eröffnen, aber gleichviel, wir wollell auch an diesem Feste, wie seit jeher, mit der alten Hagada vertrauensvoll sprechell: Hascliata abda, leschouo habo bne cliorin! 4 Eine ernste Krise ist über die österreichische Reichshauptstadt hereingebrochell. Man hat sie seit Jahr und Tag komnlen sehen, und doch wirkt sie nun. wo sie eingetreten, wie eine peinliche Ueberraschung. Die sogellannten Christlich-Sozialen, die Geschäftsalltisemiten, sind im Begriffe, die Herrschaft über Wien an sich zu reißen. Wie schon gemeldet, haben die letzten Gemeinderathswahlen eine schwere Niederlage für die Liberalen, die von jeher die Verwaltung der Residenz in Hällden hatten, gebracht. Allmählich waren die Christlich-Sozialen im Gemeinderath auf 46 Mann angewachsen, nun haben sie bei den Haupt- und Nachwahlen zusammen weitere 18 Mandate gewonnen, wodurch sie über 64 Sitze verfügen. Im Ganzen zählt die Wiener Stadtvertretuug 138 Mitglieder. Somit stehell sich eine Mehrheit von 74 unb eine Minderheit von 64 Stimmen gegenüber. Aber die Mehrheit ist in sich gespalten, sie enthält einige unzuverlässige Elemellte, eine Gruppe von „Demokraten" frondirt hällsig, und auch sonst fehlt es llicht an zersetzenden Tendenzen. Die christlich-soziale Opposition hingegell besitzt eine stramme Organisation, sie tritt immer geschlossen auf, sie erscheint regelmäßig vollzählig bei den Sitzungen und folgt blindlings ihren Führern. Davon, daß die brüchige, zerfahrene und uuverlüßliche Mehrheit der unter eiserner Disziplin stehenden Minderheit auch nur für kurze Zeit noch sollte Stand halten können, kann schlechterdings nicht die Rede sein. * lieber die Mission des Kardinals Schönborn wird dem B. T. aus Rom geschrieben: Von hoher kirchlicher Seite wird mir bestätigt, daß die Mission des Kardinals Schönborn insofern ihren Zweck erreicht hat, als der Vatikan die Berechtigung der Reklamation der österreichischen Bischöfe gegen die christlich-soziale Partei durchaus anerkennt. Von einem öffentlichen Schritte oder Dokumente gegen die Christlich- Sozialen sieht jedoch der Vatikan angesichts der Wiener Gemeinderalhswahlen ab. Dagegen wird privatim eine Pression auf die Führer der Partei ausgeübt werden, um deren Widerstand zu brechen, beziehungsweise um die Christlich-Sozialen zum Einlenken zu bewegen. Ein offenes Auftreten des Papstes gegen die Bewegung wäre heute, so bemerkt mein Gewährsmann, inopportun, ja bedenklich. Allerdings sei es eine Frage, ob die christlich-soziale Partei, die in kirchlicher Hinsicht stets zu wünschen übrig ließ (wörtlich), während sie in politischer Beziehung manche guten Dienste leistete, gehorchen werde. Falls die Aufforderung des Vatikans zur Unterwerfung der Partei unter die Bischöfe wirkungslos verhallen sollte, so wird der Vatikan die Partei sich selbst überlassen, und die Christlich-Sozialen werden, gerade so wie die deutschen Antisemiten, zu einer rein politischen Partei werden. Uebrigens sei die christlich-soziale Bewegung eigentlich nur auf Wien selbst beschränkt. Aus der Berliner Gemeinde. i. Berlin, 7. April. ine der wichtigsten Fragen unseres Gemeindelebens ist die der öffentlichen Wohlthätigleit, und es ist nicht zu leugnen, daß die gerade auf diesem Gebiete so ausgezeichnet organisirte» jüdischen Gemeinden hinter den Fortschritten, welche die praktische Handhabung der Armenpflege in den letzten Jahrzehnten in Deutschland gemacht haben, vielfach zurückgeblieben sind. Mit der Reorganisation dieses Zweiges der Verwaltung innerhalb unserer Gemeinde beschäftigt sich augenblicklich ein Kreis von Männern, die auf diesem Gebiete große praktische Erfahrung gemacht haben. Es liegen uns darüber drei Denkschriften vor. Die erste, zugleich auch die weitgehendste, ist die von Herrn Rechtsanwalt Bernhard Breslauer, der längere Zeit dem Vorstände der Gemeinde angehört hat. Der leitende Grundsatz dieser ausgezeichneten Denkschrift ist folgender: „Die Armenpflege besteht nicht darin, daß deu Armen gegeben wird, um zu geben, sondern sie hat die Mittel zu ersinnen und anzuwenden, vermöge deren dem Armen geholfen werden kann." Helfen kann aber die Armenpflege nur dann, wenn sie jeden einzelnen Fall individuell betrachtet. Voraussetzung hierfür ist umfassende Kenntniß der Persönlichkeit des zu Unterstützenden. Uni diese zu erlangen, müßten alle Wohlthütigkeitsstiftnngeii unter der geschäftlichen Verwaltung der Armenkommission stehen. Diese Centralsteile müßte in die Lage versetzt sein, möglichst über jeden Bittsteller jüdischen Glaubens Auskunft gebe» zu können. Sie würde für Jeden ein Persouenblatt anzulegen haben, auf welchem Alles, was von irgend einer Seite her über die Person des Antragstellers bekannt geworden ist, zu vermerken sein würde. In den meisten Fällen würde sich hierdurch schon ausreichendes Material zur sofortigen Begutachtung und Beschlußfassung über jedes Bittgesuch ergeben-

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