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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-15 · Heft 11 (15.3.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Hauses der städtischen Behörde übergeben 51t dürfen. Infolge dieses Gesuches ist nun der Magistrat vom Ministerium des Innern beauftragt worden, zu berichten, ob ein derartiges Bedürfniß vorliegt und ob nicht durch die Uebernahme der geschäftlichen Leitung des jüdischen Krankenhauses eine Störung in der Verwaltung der städtischen Geschäfte zu befürchten sei — Aus einem soeben im „Woschod" erschienenen Bericht ist zu ersehen, welch' einen hervorragenden Antheil unsere Glaubensgenossen am kommerziellen Leben Rußlands nehmen. Im Jahre 1694 sind aus Nikolajew 87,744.210 Pud Getreide ins Ausland exportirt worden, und davon haben jüdische Geschäfte allein oie stattliche Zahl von 62,684,230 Pud aufzuweisen. Mit Recht bemerken die „Nowosti" und auch andere Blätter: „Man mag über die Juden denken und urtheilen, wie man will, das aber müssen auch ihre Neider zugeben: sie sind bei uns für den Handel und besonders für das Exportgeschäft unentbehrlich." In Smolensk herrschte kürzlich unter den jüdischen Professionisten eine fürchterliche Aufregung. Als sie nämlich, wie üblich, im Januar ihre Gewerbescheine erneuern wollten, wurde voll ihnen verlangt, Zeugnisse einzureichen, daß sie vor ihrer Selbstständigkeit drei Jahre als Lehrlinge und drei Jahre als Geselle gearbeitet haben. Vierzig Professionisten, die einen solchen Nachweis nicht herbeischaffen konnten, wurden ihre Meisterbriefe entzogen, und sie hatten allen Oinmb zu befürchten, infolge dieser Ungiltigkeitserkläruug ihrer Meisterbriefe auch ihr Aufenthaltsrecht in Smolensk zu verlieren. Da wandte sich ein von dieser Maßregel ebenfalls betroffener Professionist, namens Witkind, mit einem Bittgesuch an den Senat und erlangte dadurch, daß die Negierung in Smolensk die Weisung erhielt, die Meisterbriefe der in Smolensk bis jetzt ansässig gewesenen jüdischen Professionisten nicht auzutasten. Amerika. z. New ))ork, 6. März. Alan geht jetzt auch in Wilmington, Delaware, daran, eine Synagoge zu bauen. Bisher war in dem ganzen Staat keine jüdische Gemeinde zu finden, sondern nur einzelne zerstreute Familien Bon sännntlichen Staaten der Union sind es jetzt nur noch drei, nämlich Alaine, Vermont und New-Hampshire, in denen noch keine offizielle jüdische Gemeinde existirt, doch läßt der fortwährende Zufluß unserer russischen Brüder keinen Zweifel, daß sie sich bald auch nach diesen Staaten wenden werden. - Der hier erscheinende ,/American Hebrew" stellt eine Anzahl von Thatsachen zusammen, die auf das neu erwachende Interesse unserer Frauenwelt für alle jüdischen Dinge himveist, und er betont mit Recht, von welcher Bedeutung für den Bestand des Judenthums es ist, wenn die Frauen und Mädchen aus den gebildeten Ständen nicht mehr, wie in den letzten Jahrzehnten, kalt und nichtachtend die eigenen Interessen übersehen, sondern sich wieder für die jüdische Geschichte und die Litteratur begeistern. In diesem Sinne war auch ein Vortrag gehalten, den Miß Richmann über „Die junge Jüdin von heute" im hebräischen Jünglingsverein gehalten hat. — Ein interessanter Zwischenfall hat sich in Pensae oln in Florida ereignet. Dort brannte der Tempel der jüdischen Gemeinde Beth El ab, und noch während das Feuer wüthete, kamen der Geistliche und zwei Vorsteher der presbyterianischen Kirche in derselben Stadt, um der jüdischen Gemeinde ihre Kirche anznbieten für den Gottesdienst am Sonnabend, und die jüdische Gemeinde nahm dies Anerbieten mit Dank an. Bei dem Feuer verbrannte auch die schöne Bibliothek, und nur die Thorarollen gelang es zu retten. — Bekanntlich besteht in Amerika ein Nationalverein jüdischer Frauen. Der Zweig dieses Vereins in Cincinnati, dem mehr als 100 Frauen angehören, beschloß, sich folgende Organisation zu geben: Es werden Zirkel von 10—15 Frauen gebildet, die wöchentlich zwei Stunden zusammen kommen. Von diesen zwei Stunden wird die eine dem Studium der Bibel, die andere der Berathung philanthropischer Pläne gewidmet sein. — Die Hebrew Benivolent Society in Baltimore war in diesem Jahre in der erfreulichen Lage, eine Einnahme von 26,151 Dollars ca. 110,000 M. zu verzeichnen, von denen über 90,000 M. verausgabt wurden. Diese Summen sind ein schönes Zeichen des Wohlthätigkeitssinns bei den Juden dieser Stadt. — Die amerikanische jüdische Journalistik hat eine neue Bereicherung erfahren, in New-Uork erscheint seit dem 1. Januar eine Monatsschrift in hebräischer Sprache mit wissenschaftlicher Tendenz unter dem Namen „Ner Ha-maarabi" und in Pittsburg eine Wochenschrift in englischer Zunge, „Jewish Criterian", herausgegeben von Rabbi Samuel Greenfield. Von Nah und Fern. ----- Seinen siebzigsten Geburtstag feierte am 9. d. M. Herr W. Hagelberg, der Vorsteher der Reformgemeinde und Inhaber der bekannten Luxuspapier-Fabrik. 11m sich allen geräuschvollen Ovationen zu entziehen, beging der Jubilar den Tag außerhalb Berlins. — Die außerordentliche General-Versammlung der „Hilfskasse für deutsch-israelitische Kultusbeamte", deren Wittwen und Waisen hat den Protest gegen die in der vor. G.-V. vollzogenen Wahlen als berechtigt anerkannt und demgemäß eine Neuwahl vorgenommen. Es wurden gewählt: HH. Dr. Stern, Brünn, Götringer, Lichten stein, Stein, Braun, Marksohn, Eppstein, Dr. Weisse. — In Hannover stand am 9. d. Mts. der frühere Reichstagsabgeordnete Leuß vor dem Schwurgericht. Leuß war der Verleitung, bezw. Anstiftung zum Meineide beschuldigt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Leuß wurde zu einer viermonatigen Zusatzstrafe (Zuchthaus) verurtheilt. — Der Westd. Missionsverein für Israel in Köln hat im verflossenen Jahre an Liebesgaben re eingenommen 14,631.90 M., ausgegeben 13,222.16 M, darunter allein Gehälter, Reisekosten u. A. m. an die Missionare und Kolporteure 11,500 M. Es gelang nur in Köln drei und in Frankfurt a. M. fünf jüdische Seelen zur Taufe zu führen. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Köln hielt am 8. d. M. Herr Dr. med. I. Lew in aus Berlin im großen Saale der Lesegesellschaft einen Vortrag über moderne jüdische Maler. — In Straßburg i. E. wurde am 28. d. M. Leon Bl um-Au sch er, der am 2!. Februar in Nizza, im Alter von 70 Jahren plötzlich gestorben ist, zur letzten Ruhe bestattet. Blum Auscher wurde von der deutschen Regierung durch Verleihung des Kronenordens IV. Klasse ausgezeichnet. Seit dem Tode des Oberrabbiners A. Aron, war er Präsident des israelitischen Konsistoriums des Nnter-Elsaß. — In Prag feierte am 14 März der durch seine zahlreichen Romane und Novellen als hervorragender Schriftsteller rühmlichst bekannte S. Kohn seinen siebzigsten Geburtstag. — Das Schwurgericht in Teschen verurtheilte den Bauernagitator Peter Stojalowski wegen Vergehens gegen die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ehre zu vier Jahren Gefängniß — In Paris verlobte sich Baron Henri de Rothschild, Sohn der Baronin James Rothschild, mit Fräulein Mathilde de Weisweiller, Tochter des Herrn Georges de Weisweiller und Enkelin der Madame Sulzbach. Auch die Familie der Braut gehört zur französischen Haute-Finance. Baron Henri de Rothschild ist Hilfsarbeiter an der Pariser Charite. Er studirt Medizin und steht vor dem Doktorexamen. — Seit fünfzehn Jahren hat ein Glaubensgenosse, Dr. Ignatz Lothe, der in Polen geboren wurde, im russischen Heere eine Oberstabsarzt-Stelle inne und ist während dieser Zeit zweimal dekorirt worden. Er hat Oberstenrang und ist in Suwalki bei dem Artillerie-Regiment in Garnison. — Durch ein neues Gesetz wird die Einfuhr aller Maaren und Gegenstände aus dem Auslande nach Rußland verboten, welche einen Charakter der Nichtachtung des Heiligthums, der Gotteslästerung oder der Religionsverspottung tragen, oder welche mit Stempeln oder Etiquetten versehen sind, die heilige Darstellungen enthalten, denen ein solcher Charakter beigelegt werden kann. Auch antisemitisches — Die jüdischen Lehrer im Gouvernement Grodno erhielten ein schriftliches Verbot, Religionsunterricht in Privatschulen zu ertheilen — Zum Andenken an Kaiser Alexander 111. wird in Lodz eine jüdische Mädchenschule errichtet, die den Namen des verewigten Zaren führen wird. — In London ist am 7. d. die lang angekündigte von Gladstone besorgte Ausgabe der Psalmen erschienen. Der Titel lautet: „The Psalter, with a concordance and other auxiliary matter“. Schon vor fünfzig Jahren hat er es in den Grundzügen fertig gestellt und nur im Laufe der Zeit hier gefeilt und dort hinzugefügt. In der „auxiliary mattet giebt Gladstone den einzelnen Psalmen Namen. So nennt er den ersten den „der Gerechtigkeit", den neunzehnten den „über die Schöpfung", den hundertsten den von „Jehova, dem universellen Gott". Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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