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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-08 · Heft 10 (8.3.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 bietet, daß die Sache entsprechend geleitet werden dürste. Das Komitee beabsichtigt nun, dem unter der jüdischen Bevölkerung in Galizien außerordentlich überhandnehmenden Elend und der erschreckenden Erwerbslosigkeit zu steuern und stellt sich zunächst zur Aufgabe: „a) Daten über die materiellen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Ortschaften Galiziens zu sammeln, die Bedingungen und Mittel zu erforschen, wie dem ärmeren Theile dieser Bevölkerung Arbeit und Erwerb zuzuführen sei; b) der jüdischen Bevölkerung Galiziens produktive Arbeit und Erwerb zu ermöglichen und zu verschaffen, sowie sie auf neue und nützliche Arbeitszweige zu lenken; e) den Fachunterricht im Gewerbe, Handwerk und Ackerbau unter der Jugend zu verbreiten; und <1) die arbeitende Bevölkerung materiell zu unterstützen, um ihren nützlichen Erwerb zu heben." Um die Daten zu erlangen, ohne welche eine planmäßige Aktion kaum möglich sein könnte und deren Mangel bis jetzt bei jeder Gelegenheit sich höchst störend bemerkbar machte, wird ein mit Berücksichtigung aller Details entworfener Fragebogen überallhin in Galizien versendet, und man darf erwarten, daß das auf diesem Wege gewonnene Material die Nothlage der galizischen Juden erst in ihrer ganzen erschreckenden Größe an den Tag fördern werde. Zugleich aber wird hiermit die einzig zuverlässige Basis für jedes weitere Vorgehen gewonnen werden. Inzwischen wurde, ohne das Ergebniß der Versendung des Fragebogens abzuwarten, eine Aktion zu Gunsten der einst blühenden, jetzt im vollständigen Niedergang begriffenen Tallesweberei in Kolomea — die Nothlage der jüdischen Weber in Kolomea ist beinahe sprichwörtlich geworden — eingeleitet. Auf Grund eines Gutachtens des Professors der k. k. Staatsgewerbeschule in Lemberg, Eduard Pietsch, wurde nach Kolomea am 1. Februar d. I. ein gründlich ausgebildeter Weber der Neutitscheiner Fachschule, welcher vom dortigen Direktor, Ingenieur Broulik, in zuvorkommendster Weise empfohlen wurde, entsendet. Derselbe wird nun die Aufgabe haben, die jüdischen Weber in Kolomea praktisch zu unterweisen und die höchst primitive technische Einrichtung der Werkstätten allmälig der modernen Anforderung näher zu bringen. Zu diesem Behufe werden Musterwebestühle unentgeltlich beigestellt werden. So darf man erwarten, daß der erste Schritt des Hilfskomitees, welcher am besten seine Tendenzen kennzeichnet, i hunderten fleißigen, jüdischen Händen wieder ausreichender:, ehrlichen; Erwerb verschaffen werde.; Bulgarien. ä. Sofia, 2. März. Heute erhielt der Großrabbiner Dr. M. Grün - wald folgenden Brief des katholischen Erzbischofs aus Philippopel, der anläßlich des Geburtstages des Fürsten von Bulgarien sich in Sofia befand. Der Brief lautete: Sofia, den 27. Februar 1895. Hochgeschätzter Herr! Vor ein Paar Stunden bekam ich Ihren werthen Brief sammt dem Exemplar über den Einfluß der Psalmen auf die katholische Liturgie. Eine kurze Uebersicht des Werkes gab mir die Neberzeugung, daß es sehr gut und mühevoll bearbeitet ist und von nicht geringer Nützlichkeit sein wird. Gebe Gott, daß diese göttlichen Psalmen, welche die Substanz der katholischen Liturgie bilden, einst von Juden und Christen in einem gemeinsamen Tenrpel und in heiliger Verbindung! des Glaubens und der Liebe gesungen werden möchten. Indessen be- , wundere ich Ihre hohe geistige Thätigkeit und erwünsche Ihnen von i Gott einen reichen und fruchtbringenden Segen. Mit Hochachtung und! Dankbarkeit Ihr ergeberrster Robert Menini, katholischer Erzbischof. Von Nah und Fern. j — Gegen den verantwortlichen Redakteur des Ahlwardtffchen „Bund-! schuh", Hans v. Mosch, ist Anklage erhoben worden wegen eines Artikels „Ist der Tod des Kaisers Alexander von Rußland ein talmudisches Verbrechen?" — Der „Reichsherold" Dr. Böckels hat mit dem 1. März sein Erscheinen eingestellt. Er hat es immerhin auf neun Jahrgänge gebracht. — Herr Geheimer Regierungsrath Professor Lazarus, der sich auf einige Monate zu stiller Arbeit nach Freiburg i. B. zurückgezogen hat, ist vor einiger Zeit an Influenza und Der Zustand soll sehr lästig, aber antisemitische Reichstagsabgeordnete O. Hänichen, Vertreter des Wahlkreises Dresden-Dippoldiswalde, hat wegen andauernder Krankheit sein Mandat niedergelegt, der Wahlkreis ist seiner Zeit nur nach schwerem Kampfe mit einer Mehrheit von Luftröhrenentzündung erkrankt, nicht bedenklich sein. — Der 94 Stimmen den Sozialdemokraten abgerungen worden, und die Hoffnung, ihn bei der jetzt erforderlichen Ersatzwahl der antisemitischen Partei zu erhalten, ist sehr gering. — Vor dem Hamburger Landgericht stand kürzlich der Redakteur Golle von der „Deutschen nationalen Warte" unter der Anklage, in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zu Gewaltthätigkeiten gegen die jüdische Bevölkerung aufgereizt zu haben. In der beanstandeten Stelle hieß es, „die deutsche Jugend solle Wotan's Schwert ziehen und die Juden zerschmettern." Von Seiten der Vertheidigung wurde geltend gemacht, daß die Juden als eine Bevölkerungsklasse des Deutschen Reiches im Sinne des § 180 des Straf-Gesetzbuches nicht anzusehen seien. Dieser Auffassung schloß sich der Gerichtshof nicht an, erkannte aber dennoch auf Freisprechung, weil eine Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten nicht festzustellen gewesen sei. Es könne nicht angenommen werden, daß die allerdings maßlosen Ausdrücke in dem beanstandeten Aufsatz zu Gewaltthätigkeiten auffordern wollten, vielrnehr sei nur bildlich zum Kampfe aufgerufen worden!! — Herr Kirchenrath Dr. Kroner aus Stuttgart hat in den westfälischen Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur jüngst Vorträge gehalten. Die sehr zahlreich besuchten Versammlungen larrschten in gespanntester Aufmerksamkeit den Worten des Vortragenden, der sich als Thema: „Die Toleranz im Judenthum gegen Andersgläubige" gewählt hatte. — Rabbiner Dr. Jaulus in Aachen, der seit vielen Jahren bereits Königl. Ortsschul-Jnspektor ist, ist von der Königl. Regierung zu Aachen mit der Beaufsichtigung und Leitung des Religionsunterrichts in sämmtlichen jüdischen Elementar- und Religionsschulen des Regierungs-Bezirks Aachen beauftragt worden. Dies dürfte in den alten preußischen Provinzen wohl der erste Fall sein, daß einem Rabbiner ein solches Amt von Seiten der Regierung übertragen worden ist. — Die Strafkammer in München verhandelte am 27. Febr. die Berrrfung des Redakteurs des antisemitischen „Volksblattes" Gustav Geister gegen das denselben wegen Berufsbeleidigung des Premierlieutenants der Reserve und Kaufmannes Moritz Schülein in Ingolstadt zu einer Gefängnißstrafe von 3 Wochen verurtheilende Erkenntniß des Schöffengerichtes vom 24. Nov. v. I. Das Gericht verwarf die Berufung unter Ueberbürdung sämmtlicher kosten auf den Angeklagten. — Herrn L. Metzger, Chef der Metallgroßhandlung S. Guldmann in Nürnberg ist vom Prinzregenten der Titel eines Kommerzienrathes verliehen worden. — In Mülhausen i. E. ist in der vergangenen Woche unter sehr zahlreicher Betheiligung ein „Verein für jüdische Geschichte unb Litteratur begründet worden. — Die österreichischen Turner wollen vorn Antisemitismus nichts wisserr. Der allgemeine deutsche Turnverein in Graz hat den von antisemitischer Seite gestellten Antrag, aus der deutschen Turnerschaft auszutreten und sich dem antisemitischen Turnerbunde anzuschließcn, mit überwältigender Majorität abgelehnt. — Nach der letzten Volkszählung weisen die zehn Provinzen Russisch-Polens eine jüdische Bevölkerung von 1,224,650 Seelen auf, also ein Drittel der jüdischen Bevölkerung von Rußland. — Die Verwaltung des russischen Finanzministeriums hat kürzlich den Finanzbericht vom Jahre 1893 veröffentlicht. Es fallen darin einige interessante Angaben mtf über die besondere Steuer auf die Sabbathlichter, deren Ertrag zum Unterhalt für jüdische Schulen verwendet werden soll. Der Kasfenbestand am 1. Januar 1893 betrug 853,251 Rnbel und am 1. Juni 1894 betrug derselbe 799,869 Rubel. — In Sofia fand am 26. Febrrrar d. Js. die feierliche Gratulation anläßlich des Wiegenfestes des Fürsten irn rothen Saale des Palastes statt und sprach auch Herr Dr. M. Grünwald, Großrabbiner von Bulgarien, irn Namen der Judenheit des Fürstenthums. Der Fürst Ferdinand I. dankte sichtlich gerührt dem Großrabbiner für seine Glückwünsche. — Der Papst scheint die Entscheidung über die vorn Kardinal Schönborn angeregte Frage des Antisemitismus vorerst verschoben zu haben. Der Kardinal selbst ist nach Neapel abgereist. Wie bestimmt verlautet, mischten sich französische Prälaten in antisemitischem Sinne in die Angelegenheit. — Nach der Volkszählung von 1891 bewohnten in diesenr Jahre 15,268 Juden die Kolonien in Australien, und zwar: 5484 in Neu-Südwales, 6549 in Victoria, 840 in Süd-Australien, 809 in Queensland und 129 in West-Australien. Tasmanien hat 84 Juden, Neu-Seeland 1463, Fiji etwa 50. Die jüdische Bevölkerung ist in dem Jahre rrm 47 pCt. gewachsen. - Von der Ausdehnung, die die jüdische Journalistik genonrrnen hat, legt auch die Thatsache Zeugniß ab, daß in Bombay eine Zeitung für die Bern Israel in der Mahrattensprache erscheint, die sich die Leuchte Israels nennt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.

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