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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-15 · Heft 7 (15.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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59. Jahrgang. Nr. 7. CltlC Berlin» 15. Februar 1895. eitung des Audenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-6onn. Verlags-Crpedition: Lerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Diese Zeitung erscheint w 5 ch e n t l i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchbandel. Postoder direkt von der Erpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljäbrl..", M. Nedaeteur: Gustav .Narpcles. Alle Zuwendungen für Redaktion und C'rpeditiou und an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudentbunls". Berlin 8^V.. Zerusalemer Straße -i8/-!9;u richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Änhttlt. Leitartikel: Der Kamps um die Bibel. — Die Woche. — Ein Wort zur Förderung der Handarbeit unter den Juden.—Deutschland, Deutschland über Alles! Von Rabbiner Dr. Rülf. — König Johann von Sachsen. — Seher und Propheten. Von Dr. Richard M. Meyer. — Zur Erinnerung an Berni hard Hoppfer. Von Professor H. Wich mann. — Feuilleton: Vorurtheile.! Novelle von Hermann Menkes (Forts.). — Der Judenjunge. Eine Erzählung! aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann (Forts.). — Verloreley. Von E. Lehmann. - Literarische Mittheilurraerr. — Sprechsaal. Der Gemeindedote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Tilsit, Ans der Provinz Posen. Aus Schlesien. Jreiburg i. B.. Wien. Budapest. Paris. London. Petersburg, Sofia. — Don Nah und Fern. — Miscellen. Ver Kampf um die Bibel. Berlin, 12. Februar. ir haben erst jüngst Gelegenheit gehabt, von dem Kampf gegen die Bibel zu sprechen, der in letzter Zeit auf verschiedenen Seiten, in verschiedenen Lagern und ans verschiedenen Motiven eröffnet wurde. Dieser Kampf wird noch immer fortgeführt, namentlich von Püdagogell und — Antisemiten. Es ist selbstverständlich, daß in diesem Kampfe sich auch sehr gewichtige Stimmen für die heiligen Urkunden erheben, die übrigens schon ganz andere Kämpfe überstanden haben. Wir freuen uns, heute eine solche Stimme anführen zu können, die um so gewichtiger in die Wagschaate fällt, als sie weder einem Theologen, noch einem Philosophen, noch einem Dichter und selbstverständlich auch keinem Juden angehört. Es ist vielmehr das Urtheil eines Vertreters der sogenannten positiven Wissenschaften, des berühmtesten modernen Nationalökonomen in Deutschland. Wilhelm Roscher, der im vorigen Jahre, allgemein betrauert, in Leipzig gestorben, hat „Geistliche Gedallken eines Nationalökonomen" (Dresden 1895) zilrückgelassen, die sehr bemerkenswerthe und charakteristische Anschauungen über die Bibel enthalten. Von besonderem Interesse ist das, was Roscher über den Unsterblichkeitsglauben in der Bibel von seinem Standpunkte aus vorbringt. Er sagt u. A.: Es ist doch eine traurige und sehr thörichte Selbsttäuschung, wenn der Rationalismus und Skeptizismus seit Voltaire bis auf Strauß dem alten Testamente so häufig den Glauben an Unsterblichkeit abgesprochen hat. Schon das Ebenbild Gottes und der lebendige Gottesodem, welcher dem Menschen zugeschrieben wird (1. Mose 1, 26) zeugen vom Gegentheil. Ferner die geheimnißvolle Erzählung vom Abscheiden Henochs (1. Mose 5, 22 ff.); die Todtenbeschwörung Samuels (1. Sam. 28); aus den Psalmen: 16,10 (Du wirst meine Seele nicht in Hölle lassen rc.); 17, 15 (Ich will satt werden, wenn ich erwache nach deinem Bilde); 67, 18 (Der Herr kennt die Tage der Frommen, und ihr Gut wird ewiglich bleiben); 49, 16 (Gott wird meine Seele erlösen aus der Hölle Gewalt, denn er hat mich angenonnnen); 90, 3 (Der du die Menschen lassest sterben und sprichst, kommt wieder, Menschenkinder!). Die schöne Stelle aus dem Hiob 19, 25^(Jch weiß, daß mein Erlöser lebet; und er wird mich hernach aus der Erde auferwecken); selbst das Wort des Predigers Salomo 12, 7, 13, 14 (Der Staub muß wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, das verborgen ist, es sei gut oder böse); die Aeußerungen des Jesaias 25, 8; 26, 19 (Der Herr Zebaoth wird den Tod verschlingen ewiglich. Der Herr wird die Thränen von von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen, denn der Herr hat es gesagt. Deine Tobten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr lieget unter der Erde: denn dein Thau ist ein Thau des grünen Feldes. Aber das Land der Todten wirst du stürzen; (Daniel 12, 2) Viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen; etliche zum ewigen Leben, etliche zur ewigen Schmach und Schande); ganz besonders aber des Hesekiel Kap. 37 (das Feld der verdorrten Gebeine) können doch nur sehr gezwungen von der Unsterblichkeitslehre abgedentet werden. Daß der Volksglaube und die Meinung der Gebildeten für Unsterblichkeit waren, mindestens für eine zeitweilige Fortdauer nach dem Tode, beweisen auch Jesus Sirach 11, 27 (der Herr kann einem Jeglichen leichtlich vergelten, im Tode, wie er es verdient hat); die Weisheit Salomos in den fünf ersten Kapiteln; zur Zeit vor Christi Geburt die Erzählung des Josephns (1, 33) vom Märtyrertode der Sektirer, die sich auf die Seligkeit freuten; etwas später die ausdrückliche Erwähnung der Sadducäer als Leugner der Auferstehung (Matth. 22,23; Luk. 20, 27) und die Furcht des Herodes vor der Wiederkunft Johannes des Täufers, (Matth. 14, 27) Nach alle diesem ist die Auslegung des Herrn von dem Worte Matth. 22, 32: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Gott ist ober nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen", durchaus keine willkürliche. Aber auch ohne diese und ähnliche Einzelstellen würde man sicher behaupten können, daß der Gottesglaube des Alten Testamentes schon von selbst den Unsterblichkeitsglauben in sich schließt. Ein so brennender Durst nach Wahrheit, Gerechtigkeit, nach Gott selbst, wie er das alte Testament durchzieht: es ist gar nicht denkbar, daß ein Buch von so tiefer Menschen- und Weltkenntniß seine Befriedigung schon auf Erden erwartet, oder seine ewige Nichtbefriedigung mit Gottes Güte vereinbar gefunden hätte. Nicht weniger bedeutsam ist das, was Wilhelm Roscher über die „Ehrerbietung vor dem alten Testament" in seinem religiösen Testamente sagt: Vor Gestalten, wie Abraham und Moses, sollte der Christ doch wenigstens so vie Ehrerbietung haben als der Jude: weil sie unsere Väter doch in viel höherem Sinne sind als die heutigen Juden. Es war darum sehr beschämend, als ein junger Prediger der reformirten Kirche die Unbesonnenheit beging, wie er die Todesstrafe im „Leipziger Tageblatt" angriff, Moses gelegentlich einen Mörder zu nennen. Man denke: Der Abfasser der zehn Gebote ein Mörder genannt, in einem Blatte, das täglich Tausende von Kindern lesen! Eine traurige Genugthuung, als ihn der jüdische Rabbiner bald nachher in demselben Blatte auf die Finger klopfte. Aber ähnliche Beschämung erfahren wir öfters. Wie spricht sich z. B. der jüngst verstorbene Gründer des Kladderadatsch, Kali sch, in seinen memoirenhaften Jugenderinnerungen über das Alte Testament aus! Gewiß kein gläubiger, vielleicht nicht einmal ein

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