Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 Stühlen und einem mit dem Boden gleichen Feldbett versehen ist. Nachts wird er an dem Knöchel an sein Bett angekettet. So wird der reiche und vor wenigen Monaten noch so geachtete und beneidete Hauptmann die Zeit abwarten, wo die Anzahl der zur Deportation verurtheilten Verbrecher groß genug sein wird, daß es der Mühe werth sei, ihretwegen ein Transportschiff nach Numea oder nach den Inseln des Heils abgehen zu lassen. Welche Qual, wenn ec wirklich unschuldig ist, und welch' noch größere Qual, wenn sich zu ihr die Gewissenspein gesellt, Verräther an seinem Vaterland gewesen z» sein! Ein Wunder ist es, daß die ganze Angelegenheit, die doch einen Inden, durch die Aussage ves Kriegsgerichtes, des schändlichsten aller Verbrechen schuldig erklärte, die französischen Gemüther nicht mehr gegen die Glaubensgenossen des Hochverräthers erbitterte. Ueberatl zwar, selbst in den Zeitungen, die sich am meisten respektiren, und gewöhnlich nur das Wort „Israelit" gebrauchen, hieß es, der Jude Dreyfus, der jüdische Hauptmann, der jüdische Verräther, der doppelte Judas; in vielen Blättern wurden sogar die Juden im Allgemeinen in Mitleidenschaft gezogen und jedes Nationsgefühls unfähig erklärt. Dafür jedoch traten wieder Publizisten auf, ja die bedeutendsten unter ihnen, und erklärten mit dem Gewicht ihres empörten Gerechtigkeitsgefühls, es sei eben so lächerlich, die Juden im Allgemeinen für das Verbreche» eines Dreyfus verantwortlich zu machen, al? es sinnlos wäre, deshalb die Schüler der polytechnischen Schule oder die Qffiziere der Artillerie, deren Kollege Dreyfus war, zur Verantwortlichkeit zu ziehen. Das französische Wesen ist eben, im Ganzen genommen, kein günstiges Feld, in dem die vom Antisemitismus ausgestrente Saat gedeihen könnte; die jetzt noch fortgesetzten Versuche desselben praüen am französischen Gemüth größtentheils ab; entweder weil letzteres durch seine erstaunliche Beweglichkeit keines systematisch fortgeplanten und ausharrenden Haffes fähig ist, oder, was wahrscheinlicher ist, weil das Gleichheilsgefühl seit der großen Revolution sich zu tief in die Herzen eingenistet hat. Beide Motive haben vielleicht gleichzeitig gewirkt und einander gestärkt. Daß cs aber trotzdem es den Antisemiten gelungen ist, selbst hier zu Lande die Affaire Dreyfus in einem für uns Juden unheilvollen Sinne anszubenten, und daß diese Angelegenheit für uns bennruhigeude Spuren in manchen Geister» zurückgelaffen hat, beweisen erstens die Vorgänge in der französischen Kanmier, und zweitens die Kundgebungen vieler unserer Glaubensgenossen. Der französischen Deputirtenkamnier ist neulich von mehreren Abgeordneten eine Gesetzvorlage unterbreitet worden, die verfügen soll, daß Niemand ei» öffentliches Civil- oder Militäramt bekleiden darf, wenn er nicht beweisen kann, daß seine Familie von jeher eine französische war, oder daß seine Naturalisiriing in die dritte Generation hinuusreicht. Es ist nicht zu lüugnen, daß diese Gesetzvorlage bei den höheren Klassen eine bedenkliche Erbitterung und ei» beleidigendes Mißtrauen gegen das jüdische Element verräth, auf das ja die ganze Gesetzvorlage eigentlich gemünzt ist. Herr v. Pontbriand, der dieses Gcsetzprojekt im Namen einiger seiner Kollegen einreichte , war blos in der Kammer der Wortführer mehrerer Blätter, die kein Hehl daraus machten, daß die Inden ihnen zu jrmge Franzosen seien, als daß man ihnen Aemter, wie Dreyfus eins bekleidete, anvertrauen dürste. Selbst der vor einigen Tagen verstorbene General Rin, der als ein vornrtheilsfreier Biedermann galt, hatte keinen Anstand genonnnen, vor etwa 14 Tagen einen Artikel vom Stapel zu lassen, in welchem er, nachdem er der Regierung angerathen, Dreyfus nach den Inseln des Heils zu deportiren, von wo er nimmermehr entkommen könne, die Meinung äußerte, daß bei den vornehmen jüdischen Klassen der Internationalismus in voller Blüthe Prange, was so viel heißen sollte, als daß die Juden jedes Patriotismus ledig seien. Nun wird manches unsinnige Gesetzprojekt bei der Kammer eingereicht, das aber bei der Jnitiativkommission sein ewiges Grab findet; erst wenn ein Projekt von diese», Antragsausschuß berücksichtigt wird, kommt es wieder an die Kammer zur Diskussion zurück. Gegen alle Erwartung ist nun aber besagte Gesetzesvorlage von der Antragkommission in Berücksichtigung gezogen worden und soll, wenn auch nicht in Bälde, der Kammer vorgelegt lverden. Ein anderer, uns Inden höchst unangenehmer Vorgang in der Kammer, der auch, wenigstens theilweise, von den Antisemiten angezettelt zu sein scheint, ist der, welcher den ehemaligen Minister des Innern David Raynal betrifft. Dieser hat zivar dem verstorbenen Großrabbiner von Bordeaux, S. Levy, peremptorisch vor Jahren erklärt, er betrachte sich »ich! als Jude und wolle trotz seiner jüdischen Geburt mit dem Judenthum nichts gemein habe»; das wollen aber die Antisemiten nicht wissen, uud indem sie Raynal verunglimpfen, gießen sie Schande und Schimpf über das Judenthuin aus. Der ganze Hergang der Raynal'schen Angelegenheit ist sehr charakteristisch sowohl für die jüdischen als nichtjüdischeil Zustände hier uud soll, sowie die Kmidgebungcn unserer Glaubensgenossen bei Gelegenheit der Affaire Dreyfus, den Gegenstand des nächsten Brieses bilde». Amitai. Sollen und können die deutschen Inden vom Handel nun Handwerk und Ackerbau übergehend fic neuerlichen mehrfache» Besprechungen in der „Aligem. Ztg. des Judenthums" über die Berufswahl bei den Juden und besonders die treffliche Abhandlung des Herrn Dr. Rülf in Nr. 3 giebt uns Veranlassung, eines Briefswechsels zu erwähnen, der vor zwei Jahren zwischen einem höheren Beamten und dem Rabbiner stattgefunden hatte, in dessen Bezirk der Erstere ein Jahrzehnt vorher längere Zeit thätig gewesen war. Der Beamte bittet den Rabbiner um Auskunft über einige Punkte, die das soziale Verhalten der Juden oes Bezirks betreffen, und fragt u. A.: ob diese „im Allgemeinen immer noch fast ausschließlich dem Handel obliegen, oder sich andern Berufen zuwenden, insbesondere dem Handwerk und dem Ackerbau", und „ob es Mittel giebt, diesen llebergang zu förden, und welche?" Wir wollen hier zunächst feststellen, daß der Beamte ein durchaus gerecht und edel denkender Mann und von vornehmer Gesinnung ist. Einen Beweis hierfür liefert er schon damit, daß er einem Inden — sogar einem Rabbiner — das Vertrauen schenkt, er lverde auch solche Fragen sachgemäß beantworten. Ein solches Vertrauen wird ja heute fast allgemein auch dem achtungswürdigsten Juden versagt, >veil er in der sogen. Jubenfrage Partei sei; eher noch gilt das Urtheil auch des ausgesprochensten Antisemiten hierin. Der er>vähnte Beamte aber hat in seinem Dante au den Rabbiner dessen Antwort als „höchst schätzenswerthe Mittheilungen" bezeichnet. Somit hält man auch in nicht judenfeindlichen Kreisen, >vas uns allerdings nicht neu ist, es für einen Mangel, daß unsere Juden hauptsächlich dem Handel ergeben sind, und für wünschenswerth, daß ein Uebergang von diesem zum Handwerk und Ackerbau herbeigeführt werde.