Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228098--51439-3272185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mrsoetlen. Jüdische Aerzte aus Deutschland im heutigen Orient. Von den Männern der Wissenschaft waren es zuerst die deutschen Aerzte, die als Sendboten der abendländischen Bildung ein segensreiches Wirken iw Orient entfalteten. Als in Folge die europäisirenden Reformen des Sultans Abdul Medschid in den fünfziger Jahren eine weitverzweigte Verschwörung der Alttürken-Partei, in welche selbst Mitglieder des kaiserlichen Hauses verflochten war, in Konftantinopel im Anzuge war, brachten die Wiener Zeitungen die alarmirende Kunde, daß der Padischah vergiftet und seine reformatorische Regierung in einer Nacht gestürzt worden sei. Zum Glück bestätigte sich diese Nachricht nicht; aus den späteren infolge der Untersuchungen herausgekommenen Daten ist die Thatsache der Verschwörung sestgestellt. Sie wurde nicht ausgeführt, sie scheiterte an der Biederkeit unseres Landsmannes, des kaiserlich türkischen Leibarztes Dr. Spitzer aus Wien. Neben anderen Benefizien waren ihm 3- Millionen angeboten. Nur wer die damaligen Verhältnisse im Orient kennt, wird die Lage, in der sich Dr. Spitzer befand, zu würdigen wissen. Ob er die That vollbrachte oder nicht, es war gleich gefährlich. Dr. Spitzer war nicht einen Augenblick über die zu ergreifende Partei unschlüssig. Er rettete den Sultan und mit ihm die künftige Civilisation des Orients. Abdul Medschid sorgte mit väterlicher Hast nach Entlarvung der Verschworenen dafür, daß sein Retter zum Gesandtschaftsrath in Wien ernannt wurde, da er sich nicht getraute, ihn in Konftantinopel vor geheimer Rache erfolgreich schützen zu können. Tie liberale Partei in Wien, mit der er verkehrte, hielt große Stücke aus den kleinen, schmächtigen Mann, in dem noch die Nachwelt den deutschen Einfluß im Orient segnen wird. In Jerusalem übt heute der Chefarzt des Rothschild'schen Hospitals Dr. d'Arbela einen segensreichen Einfluß aus. Von den jüdischen Aerzten, welche im türkischen Staatsdienst stehen, wird ein offizieller Uebertritt zum Islam heut nicht mehr gefordert. Ein deutscher Arzt, Dr. Rosenfeld, der, aus Tilsit gebürtig, weil er das Abiturientenexamen an einer Realschule abgelegt hatte, seine Studien in Zürich vollendete, wirkt heute in höherer Stellung in Zana in Südarabien. Es ist ihm mehrfach möglich gewesen, die trostlose Lage seiner Glaubensgenossen in Jemen zu verbessern. Vor einigen Jahren besuchte er seine Heimath und erzählte, daß eine große Zahl jüdischer Aerzte in der Türkei in hohen Stellungen thätig sind und daß sie dort buxd) ihre Beziehungen zu hohen Würdenträgern erheblichen Einfluß ausüben. * — Ein jüdischer Forschungsreisender. Otto Hermann widmet in der Zeitschrift der ungarischen ornithologischen Centrale „Aqua" dem Andenken des so jung verstorbenen Gelehrten Samuel Fenich el einen warmen Nachruf, dem wir Folgendes entnehmen: Seit Körösi-Esoma, der am Fuße des Himalaya, im englischen Todtengarten zu Darjiling ruht, gab es keinen ungarischen Reisenden, der unter schwierigeren Umständen sein Ziel so weit erreicht hätte, wie Samuel Fenichel, und den dann, als er sein Ziel schon beinahe vollständig erreicht hatte, dasselbe tragische Schicksal wie Csoma unter ganz fremdem Himmelsstrich niedergestreckt hat. Im reformirten Kollegium zu Nagy-Enyed war es Karl Herepey, der die Begeisterung für die Wissenschaft in der Seele des blutarmen Knaben auflodern machte. Mit dem, was er von Herepey sich angeeiguet, was ihn Johann v. Csato auf praktischem Gebiete lehrte, tritt er muthig ins Leben; die Gebrechlichkeit seines Körpers hindert ihn nicht daran, die Sümpfe der Dobrudscha zu durchforschen. Mit geradezu kindlichem Vertrauen ergreift er die Gelegenheit, um nach Neu-Guinea zu kommen. Der letzte Brief, den er auf Europa's Boden schrieb, endete mit folgenden Worten: „Und nun mit der Fackel der Wissenschaft und des Strebens auf zum Kampfe!" Als sein Genosse, von dem die materielle Grundlage des Unternehmens abhing, den Muth verliert und ihn ohne einen Heller, ohne das geringste Hilfsmittel verläßt, verzweifelt er nicht; im Gegentheil, er freut sich der Unabhängigkeit. Seine Karawane besteht aus fünf Knaben, mit diesen schlägt er seine Hütte am Fuße des Finisterre-Gebirges auf und geht an seine Forschungen. In der kurzen Zeitspanne von vierzehn Monaten sammelt und präparirt er 206 Vögel, darunter drei für die Wissenschaft neue Arten. Nach Tausenden sammelt er die Schmetterlinge und Käfer, nach Zehntausenden die Conchilien und bringt eine in mancher Beziehung geradezu unbegreifliche ethnographische Sammlung zu Stande. Am 12. Februar 1693 entwickelt er in seinem Briefe noch Pläne: er strebt der Insel „Ruo" zu. um das „Hansemann"-Gebirge zu erreichen — und dann überfiel ihn das Siechthum; und gar bald war Alles vorbei! — | Eine Mystifikation. Wie außerordentlich leichtgläubig und j ohne jede Prüfung die Antisemiten Nachrichten, welche ihnen von irgend j einer unbeglaubigten Seite zugehen, in ihre Blätter aufnehmen, beweist! folgender humoristisch klingende Fall: z Ein Anonymus hatte sich den Scherz gemacht, der in Halle er- 1 scheinenden „Saale-Ztg." mit der Unterschrift Dr. G. D. die Mittheilung zu machen, daß der kürzlich zu dreijährigem Zuchthaus verurtheilte j Abgeordnete Leuß von Juden abstamme, daß dessen Großvater Simon Leiser heiße u. s. w. , Ohne die Legitimation des anonymen Einsenders irgendwie zu! prüfen, oder auch nur den Versuch zu machen, ob seine Mittheilung auf; Wahrheit beruhe, brachte die „Haüesche Reform" einen Artikel, der einzig und allein auf diese anonyme, durch nichts begründete MittHeilung beruhte, mit der Einleitung: i „Wieder ein Beweis, daß durch Heuchelei und große Verworfenheit! eine ganze Partei genasführt werden kann"! : In ähnlicher leichtfertiger Weise mag wohl der größte Theil der von den Antisemiten gegen die Juden geschlenderten Verleumdungen und Verdächtigungen zu Stande kommen. £ E. lieber die Juden im Kaukasus bringt die in Tiflis erscheinende „Now. Obosrenie" folgende interessante Notizen: Die Juden im Kaukasus (die Eingeborenen) genießen, seitdem das Land unter russischer Herrschaft steht, vollständige Gleichberechtigung. Sie wohnen im Lande seit vielen Jahrhunderten und haben sich ihrer Umgebung derart assimilirt, daß sie sich von derselben nur noch durch die Religion unterscheiden. Sie > waren früher sämmtlich leibeigen, theils den Gutsbesitzern, theils den 1 Klöstern und Kirchen, an welch letztere sie noch jetzt eine Abgabe, bestehend i in Wachs, Kerzen und Aehnlichem, zu leisten haben und gern leisten. Seit! der Aufhebung der Leibeigenschaft haben sie eigenen Boden erworben und wurden den Bauerngemeinden zugezählt. Obwohl in jedem Dorfe nur wenige von ihnen wohnen, werden sie doch sehr häufig zu Gemeindeältesten gewählt. Ein th eu res Geschenk. In Bezug auf den Maler Bi da, dessen Tod unlängst aus Paris gemeldet wurde, erzählt man sich folgende i wahre Begebenheit: Bida's berühmtestes Bild ist: „Am Tempel Salomo's". Er war noch wenig bekannt, als er es an Solar für 5000 Francs ver-; kaufte. Baron James Rothschild wurde auf das Bild aufmerksam | gemacht, er war entzückt davon und bat Solar, es ihm zu überlassen! und selbst den Preis zu bestimmen. Solar antwortete, das Bild sei j nicht zu verkaufen, er mache sich aber ein Vergnügen daraus, es dem j Baron zum Geschenk zu machen; wolle dieser ein gutes Werk thun, so! möge er dem Künstler Bida 50,000 Francs schicken, so viel sei das Bild! mindestens werth. Der Baron machte ein saures Gesicht, ließ aber Bida sofort eine Anweisung auf 50,000 Francs zugehen. ----- Die Nr. 2 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstaße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Zur sozialpolitischen Benrtheilung des Antisemitismus XIII. — Wie's gemacht wird. — Die ,,Volksrundschau". — Zur Abwehr. — Aus.dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Briefkasten. Biookers holländ. Cacao wurde auf der Weltausstellung in Antwerpen 1894 mit dem „Grand PrixÄ% der höchsten Auszeichnung“, prämiirt. Eine derartige hohe Anerkennung wurde bis jetzt noch keinem holländ. Fabrikate verliehen; mithin bleibt Blooker’s Cacao die feinste Marke.