Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-04 · Heft 1 (4.1.1895) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 1 (4.1.1895)
Date
1895-01-04
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228096--51385-3272129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 Pit Woche. Berlin, 2. Januar. ie vielgerühmte antisemitische Einigkeit scheint bereits wieder in die Brüche zu gehen. Die Leitenden antisemitischen Blätter nehmen von vornherein Stellung gegen das von Ahlwardt entwickelte Bundschuh-Programm, von dessen Annahme Ahlwardt seinen Beitritt zur geeinten antisemitischen Partei abhängig machen wollte, und erklären, daß dieses Programm auch in seinen Grundzügen nun und nimmer mit dem Programm einer auf nationalem, monarchischem und christlichen! Boden stehenden Reformpartei in Einklang zu bringen sei. Die ganze einige Herrlichkeit wird nächstens wohl wieder aus dem Leim gehen. 4r Tie antisemitische „Rheinische Wacht" in Elberfeld brachte jüngst einen Leitartikel, in welchen! folgende Kraftstellen Vorkommen: Der Reichstag ist am 5. Dezember wieder eröffnet; die große Komödie kann von Neuem beginnen! Denn was ist es anders als eine große „Komödie", ein langweiliges Trauerspiel, was da dem Volke „zum Besten" gegeben wird? Schlimm ist nur dabei, daß das Volk, wenigstens die überwiegend große Masse desselben, mit knurrendem Magen diesem Trauerspiel zusehen muß und immer vergebens wartet, daß es endlich Brod an Stelle der Steine bekommt! Ihr könnt lange warten, ihr Armen und Elenden! Du kannst lange warten, deutsches Handwerk, ehe dir ehrlich die Hand gereicht wird, um dich aus dem Schlamm, in den eine elende Gesetzgebung dich gestoßen, wieder herauszuziehen! Du darfst dich weiter schinden, deutscher Bauer, mit deinem treuehrlichen Gesicht und der alten treuherzigen Liebe zu Kaiser und Reich im Herzen, du wirst weiter betrogen und belogen, wie schon so oft! Gehe nur ruhig auch fürderhin im Morgengrauen zwei Stunden weit zu deinem Arbeitsplätze, du Stammesbruder in deiner Arbeitsblonse, schufte dann deine zehn Stunden und gehe dann müde wieder die zwei Stunden zurück nach deinen: dürftigen Heirn, mit deinem kargen Lohn, um so täglich vierzehn Stunden weiter in der Tretmühle zu sein, damit du sie ja nicht etwa verlierst, diese Stelle, denn hunderttausende hungern, machens billiger, warten darauf. — Hast du überhaupt ein vernünftiges, durchgreifendes Gesetz in den verflossenen zwanzig Jahren erhalten, deutsches Volk?? Steht nicht jedem Einzigen der Stempel der Quacksalberei und des Volksbetruges an der Stirn?! — der Jude, der Junker, der Jurist, der Vfaff und der Büreaukrat — sie Alle haben sich weidlich um den Schweiß deiner Arbeit gekatzbalgt, und Jeder suchte für sich h er au sz uschlagen, was er nur kriegen konnte!! Schau mal hinein! Sieh, dort sitzen die Konservativen und ihre etwas verschattirten Namensvettern; hohe Herren mit stolzen Titeln, Namen und Privilegien. — Beurtheile sie nicht nach ihren Reichstagsreden, sondern beobachte und höre sie einmal unter sich und ihren Gesellschaftskreisen; du wirst glauben, du seiest um zwei Jahrhunderte zurückversetzt, so wenig Berständniß für die Zeit und ihr soziales Wehen, so wenig wahre Liebe und Hingabe an das Volk wirst du finden!! Bei den Nationalliberalen brauchst du dich nicht aufzuhalten, denn diese „Herren von Besitz und Bildung" wissen selber nicht, was sie eigentlich sind! Sie sind aber jedenfalls nicht „national", sonst würden sie gegen das internationale Judenpack Front machen, und wahrhaft „liberal" sind sie auch nicht, sonst würden sie ein wenig menschlicher das ungeheuere Elend der unteren Volksschichten mitfühlen! Solche Artikel wären wohl dazu angethan, den konservativen Kreisen, die mit dem Antisemitismus liebäugeln, reinen Wein über bie wahren Ziele dieser Bewegung einznschünken. Der Jude ist nicht mehr allein der Sündenbock, sondern der Junker, Pfaff, Jurist und Büreaukrat theilen sich mit ihm in die antisemitischen Prügel, welche genau so weh thnn dürften, wie die sozialdemokratischen. * Die Berufung des Hauptmanns Dreyfus gegen das Urtheil des Pariser Kriegsgerichts, welches auf Degradation und lebenslängliche Deportation lautete, ist von dem Revisionsrath verworfen worden. Dreyfus wird zunächst nach der Insel R6 überführt, wo er auf den nächsten Gefangenentransport nach Neukaledonien zu warten hat. Als Wohnort wird ihm daselbst die Halbinsel Ducos angewiesen, wo er seinen ehemaligen christlichen Kameraden, den Exadjutanten Chatelain, vorfindet, der vor einigen Jahren in Marseille zu zwanzig Jahren Deportation verurtheilt wurde, weil er dasselbe gethan haben soll, wie sein jüdischer Kamerad, von dem jetzt die Antisemiten sagen, daß ein „wirklicher Franzose" Gott sei Dank— so etwas nie thun könne!! * Dem Londoner „Jewish Chronicle" wird von seinem St. Petersburger Berichterstatter über die Ansichten der höchsten russischen Kreise bezüglich der geplanten Besserung der Lage der russischen Juden Folgendes mitgetheilt: „Ich bin überzeugt davon, daß int Augenblick eine höchst günstige Stimmung in der Umgebung des Zaren herrscht. In der That versicherten mich Persönlichkeiten, die einen hohen gesellschaftlichen Rang bekleiden und bedeutenden politischen Einfluß besitzen, daß eine „starke Agitation" in einflußreichen Kreisen besteht, um die die Juden drückenden Beschränkungen aufzuheben. Mein Bekannter sprach aber voll Bitterkeit über die Londoner Entrüstuugsversammlungen. Diese haben der Sache der Juden in Rußland iuehr geschadet, als alle antisemitischen Hetzereien zuscnnmengenomuien. Die Juden im westlichen Europa sollten etwas mehr Geduld entfalten. Sie sollten etwas mehr Vertrauen zu den guten Absichten der russischen Regierung hegen. Sie werden finden, daß diese sich ebenso danach sehnt, die berechtigten Wünsche ihrer Glaubensgenossen zu erfüllen. In der That wurde schon im letzten Jahre der geheime Befehl ertheilt, die strenge Handhabung gewisser Gesetze zu mildern, und jetzt sollen die Konzessionen noch weiter gehen. Wir wollen weiter gehen, als nur den Juden gleiche Rechte wie ihren russischen Mitbürgern zu verleihen. Wir wollen sie achtungswerth ntachen und ihre Wohlfahrt heben. Die Frage ist eine riesige. Ein bloßer Ukas über Gleichberechtigung würde nichts nützen. Gegenwärtig wünscht Jeder, daß der Anfang gemacht wird." Mas Urtheil im Talmud-Prozeß. Hannover, 30. Dezember. f er Redakteur der „Hannov. Post" wurde, wie wir zur Zeit berichtet, von der ersten Strafkammer des Köuigl. Landgerichts Hierselbst am 23. November auf Grund des 8 166 des Strafgesetzbuchs zu zwei Wochen Gefängniß verurtheilt. Die gesammte antisemitische Presse, in richtiger Erkenntniß, daß nicht mehr ungestraft verleumdet werden könnte, wurde darob in nicht geringe Erregung versetzt und suchte ans dem Prozeß selbst, aus den Aussagen der Sachverständigen womöglich neue Angriffs- und Anklagepuiikte herauszufinden. Die Begründung des Urtheils, soweit sie von allgemeinem Interesse ist, wird jetzt von der „Hannov. Post" gebracht, und bei der hohen prinzipiellen Bedeutung des Falles wollen wir sie den Lesern Ihres Blattes dem Wortlaute nach mittheilen: „Durch den oben iviedergegebenen Zeitungsartikel wird zwar nicht eine Einrichtung, wohl aber 1. diese Religionsgesellschaft selbst und 2. ein Gebrauch derselben beschimpft.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.