Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Mejnchos vakant geworden, eingestellt werden. Wie verlautet, wird bei der Wahl dieses Lehrers sehr vorsichtig zu Werke gegangen, da derselbe großen Einfluß au? die Förderung der Muttersprache unserer Ahnen auszuüben berufen ist. — Unser österreichische Glaubensgenosse, Groß, den die Handelsgesellschaft des genannten Landes hierher entsandt hat, um dem Export aus Oesterreich uaeh Palästina neue Quellen zuzusühren, hat durch seine Energie, Aufopferung, liebenswürdiges Benehmen und weltmännischen Takt eine Reihe Grostkauslente und Industrielle für seine 'Absichten gewonnen, uufc sind ihm bereits größere Ordres von Waareu, die sonst aus England und Frankreich bezogen wurden, ertheilt worden. Tie Handelsgesellschaft sandte dein Genannten ein Anerkenmmgsschreiben und eine ehrende Auszeichnung. — 'Aus Jaffa wird über die Empfangsfeierlichkeiten des Rabbinern Elisar Verschiedenes berichtet. Spezielle 'Aufmerksamkeit erregten die vor der jüdischen Bibliothek, wo der Rabbiner abstieg (er wollte, um die andere Partei nicht zu verletzen, weder bei einem Tentsetzen noch bei einem Portugiesen einkehren, deshalb übernachtete er auch in der Kolonie Mitweh Israel», ausgestellten militärischen Ehrenposten. In der Bibliothek kamen alsdann auch unter Leitung des Ehncham Bascha Elisar die Verhandlungen zwischen den streitigen Parteien zu Stande, welche zu einer Versöhnung führten. Ein Besuch des Ehacham Bascha wurde vom 5v a tmalam Huld voll st empfangen und später erwiedert. — Tie Schule in „Pessach Tikwoh" hat soeben einen vorzüglichen Lehrer erbalten, den Bibliophilen A. L. Gordou, den bekannten Herausgeber der im Jahre 5i;:U gedruckten hebräischen Grammatik „Misvlipot l'.-rlioii ibriss“ und anderer Werke. — Die angebliche Grabstätte Josephs ist von der türkischen Regierung beseitigt worden. "Auf derselben wird jetzt eine Moschee errichtet. Der fanatisch blinde Eifer der Muselmänner wird es mm wohl keinem Juden mehr gestatten, an dieser Grabstätte sein Geber zu verrichten. Auch der alte Friedhof in Sichern, der, wie früher irblich, nicht eingezäunt, sollte das Opfer eines habsüchtigen Moslems werden, der, obwohl er wußte, daß es ein alter jüdischer Begräbnis;plan, sei, behauptete -- öffentliche Beweise und Zeichen, wie Leichensleine, und nicht mehr vorhanden — es sei ein freier Platz, so daß er auf demselben bauen könne Ein langwieriger Prozeß wurde nunmehr geführt, bis diese Woche der 'büchter zu Gunsten der jüdischen Gemeinde entschied. — Tie russische rmd deutsche Behörde errichten momentan hier Schule und Kirche. — Tie Leser unseres Blattes werden wahrscheinlich Kenntnis; haben von dein Umstand, daß einer unserer Glaubensgenossen, I. Malkiel Viani in Hebron, schon längere Zeit als Vicht er (Kadi, fungirt. ($iu neidischer mohammedanischer College lockte einst den Richter aufs Feld hinaus und überfiel ihn dort mit Hilfe seines Schwagers. Viani mußte, da der Vorfall ohne Zeugen geblieben, schweigen, "sinn war jedoch der Mohammedaner so dumm, sich mit seiner Heldenthat zu riihmeu. Und diese Woche überfiel er ebenfalls einen Kollegen, einen mohammedanischen 70jährigen Greis. Tie Folge davon war seine Auslieferung an den 'Anwalt, welcher ihn vorläufig in Haft genommen. — Wie ans Jaffa und ans den Slolomcu gemeldet wird, hl momentan der Geschäftsgang still unb wenig 'Arbeit vorhanden. Tie Zeiten find schlecht und geben zu "Auswanderungen aus denn heiligen Laude Anla>;. Unter den Auswanderern befinden sich "Arbeiter und Kolonisten, die hier ihre Jngendkraft dem Bebauen des Landes geopfert hatten. Im Verhältnis; zu der 'Auswanderung nimmt die Einwanderung nur äußerst wenig zu. — Wir erwähnten seiner Zeit, daß Herr L. Unger in unserer Stadt irgend einen Industriezweig einrichten wollte, inn den hiesigen Bedürftigen Beschäftigung bieten zu können. Dieser Tage wurde eine Weberei eingerichtet, welche einer Reihe vou Glaubensgenossen. Beschäftigung bietet Von Nah und Fern. — Zwei "Vorstandsmitglieder des „Vrüder-Vereins z. g. U.", der Direktor Herr Julius Grelling und der Rendant Moritz Heimann feierten am 28. d. M. ihr siebzigstes Geburtstagsfest. Dem Rendanten wurden von Leiten des Vereins am Jubeltage selbst, dem Direktor, der an diesem Tage in Berlin nicht anwesend war, am folgenden Tage, Sonntag, den 24. d. M, im Vereins!okal Glückwünsche dargebracht. — Ahlwardt, der gegenwärtig seine Strafhaft in Plötzensee abbüßt, versucht eine nochmalige Verhandlung des „Judenflinten"-Prozesses herbeizusühren und hat deshalb dieser Tage bei der Staatsanwaltschaft des Berliner Landgerichts 1 den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt. Er giebt vor, durch nachträglich erhaltene „Beweismaterialien" in der Lage zu sein, die Richtigkeit der in den bekannten Broschüren „Judenflinten I und II" ausgestellten Behauptungen beweisen zu können. — » Der Redakteur der antisemitischen Leipziger „Neuen deutschen Zeitung" A. Schroot war zu 500 M. Geldstrafe verurtheilt worden. Da Erwin Bauer, der Besitzer der Zeitung, sie nicht zahlte, mußte der unvermögende Mann ins Gefängnis; wandern. - Wie das „Leipz. Tagebl." meldet, ist der Antisemit Paasch ans der Heilanstalt bei Leipzig, in der er untergebracht war, als „nicht gemeingefährlich" entlassen — Das Schwurgericht zu H an n o v er vernrtheilte den Pastor Behne aus Wallensen wegen Meineids zu 4 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte leugnete trotz des erdrückenden Materials bis zum Schluß; er nahm das Urtheil mit großer Ruhe auf und erklärte, auf Rechtsmittel zu verzichten. Behne soll in seinem Amtsbezirke auch stark in Antisemitismus gemacht haben. — Wegen allzu geringer Zahl von Angehörigen wurde die israelitische Kultusgemeinde Freinsheim vom 1. Januar 1894 ab mit der zu Kallstadt vereinigt. Die Synagoge in Freinsheim kommt in Folge dessen zum „Ausgebot". (?) — In Stade wurde ein angesehener israelitischer Bürger R. zu Grabe getragen. In die offenen Fenster des Trauerhauses klangen die Rufe der antisemitischen Jugend, beim Hinanstragen des Sarges lachte sie höhnisch, und am Grabe mutzte sich der Todtengräber mit der Grabschaufel der Zudringlichen erwehreu. Die sogenannte gebildete Jugend, die Gymnasiasten zeigten sich am ungeschliffensten. Einer rieth zu pfeifen, und ein paar Andere riefen Hnrrah. Das ist die Sittlichkeit der antisemitischen Jugend! — In der Sitzung des Oldenburger Schöffengerichtes wurde ein bemerkenswerthes Urtheil gesprochen, indem ein bekannter Antisemitenführer, der Lehrer a. D. W. Albers, zu einer Geldstrafe von 80 Mark verurtheilt wurde, weil er schuldig befunden war, s. Z. an die Wand des Hauses des Kaufmanns Wallheimer an der Heiligengeiststraße eine Vignette mit der "Aufschrift: „Kaust nicht bei Juden!" geklebt zu haben. — Das Ehepaar "Wolf Markus Eohn in Kiel beging am 15. Dezember das Fest der goldenen Hochzeit. Bei der synagogalen Feier, welcher zahlreiche Nichtjuden beiwohnten, überreichte Rabbmer Dr. Stern im 'Aufträge der Kgl. Negierung ein im Namen Sr. Maj. des Kaisers und Königs verliehenes Gnadengeschenk. — In Karlsruhe (Baden) wurde Herr Stadtrabbiner Dr. Appel von Mannheim, Schwiegersohn des Oberraths Willstädter, zum Stadtrabbiner gewählt. Dr. Appel war früher Rabbiner zu Homburg v. d. Höhe. — Der berüchtigte Paulus Meyer, der erst wegen Ehrenbeleidigung zu vier Monaten Arrest und bald nachher wegen einer Reihe von Delikten zu acht "Monaten Kerker verurtheilt wurde, hat vor einiger Zeit ein Gnadengesuch eingebracht, das bereits zurückgewiesen worden ist. Im kommenden Monat, wenn seine Arreststrafe abgelaufen sein wird, wird er zur Verbüßung seiner Kerkerstrafe in eine auswärtige Strafanstalt gebracht, dann erfolgt seine "Auslieferung nach Leipzig, von wo aus er, wie bekannt, gleichfalls verfolgt wird. — Bedeutende Züge russischer Auswanderer kommen unausgesetzt in Paris an. Diese armen, im vergangenen Jahre aus Rußland! ausgewiesenen Leute hatten es versucht, sich in der Türkei oder im Norden Afrikas niederzulassen. Da sie in den mittelländischen Gegenden nicht die nöthigen Existenzbedingungen antrafen, wollen sie nach Amerika ziehen. Das „Comite de Bienfaisance i.sraelite", empfängt und unterhält sie während ihres Aufenthalts in Paris und übernimnlt es, diejenigen auf Kosten der Alliance nach Amerika zu schicken, die ein Handwerk verstehen, kräftig sind und den Eindruck machen, daß sie im Stande wären, in den Bereinigten Staaten ihren Unterhalt zu verdienen. Die vom Central-Komitee für diese Erpeditionen gemachten Ausgaben waren sehr bedeutend im Jahre 1893. Sie betrugen nahezu 100,000 Frcs. — Es ist schon oft nachgewiesen worden, daß das Zahlenverhältniß der zum Militärdienst berufenen Israeliten in Rußland ein zu hohes ist und nicht im Einklang mit der Zahl der Bevölkerung steht. Die vom Kriegsminister veröffentlichte Statistik über das Kontingent von i892, die sich in Odeßki Listok von 4./16. November wiedergegeben findet, ist in diesem Punkt ganz zuverlässig. Von 200,390 Rekruten, die zum aktiven Dienst berufen wurden, zählte man 16,169 Juden, also 30°/(). Wenn mar: mm die jüdische mit der nichtjüdischen Bevölkerung vergleicht, so dürfte die Zahl der jüdischen Soldaten kaum 4% von der Gesammtzahl der russischen Soldaten betragen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.