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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-12-29 · Heft 52 (29.12.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 52 (29.12.1893)
Date
1893-12-29
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Misoellen. s2lu^ dem alten Berlin. I. H. Reinkens erzählt in seiner Biographie der katholischen Dichterin Luise Hensel folgende hübsche Episode aus dem alten Berlin und aus dem Leben der protestantischen - Mutter dieser Dichterin: „Die Zeit der materiellen Noth war mit dem Jahre 1808—1809 nicht vorüber. Besonders in Berlin erfuhr die Wittwe noch harte Bedrängniß. Sie erlangte zwar Pensionsberechtigung für i r>uo THaler: aber Napoleon hatte u. A. auch die Wittwenkasse in Berlin geleert, und so konnte der Wittwe Hensel wie den übrigen Wittwen vor- ' läufig nur der Schein der Berechtigung ausgehündigt werden, aber kein Geld. Im Besitz eines solchen Scheins konnte man immerhin noch den Hungertod sterben. Da wurden diese Pensions-Berechtigungsscheine Gegenstand des Handels und der kaufmännischen Spekulation. Den > armen Wittwen wurde Gelegenheit geboten, ihre Scheine in der Art zu verpfänden, daß sie die einzelne Jahres-Berechtigung eigentlich verkaufen mußten. Sie erhielten meist für hundert Thaler ihrer Berechtigung ' vierzig Thaler ausgezahlt: so stellte sich das Geschäft. Zahlte nun < später der Staat, so erhielten die betreffenden Spekulanten für ihre vierzig Thaler hundert, und die arme Wittwe, welche eine Pension von dreihundert zn beanspruchen hatte, war um hundertachtzig Thaler jedes Jahr verkürzt. Also in ähnlicher Art verkaufte auch die Prediger-Wittwe Hensel ihren Schein mehrere Jahre hindurch an einen christlichen Banquier 511 vierzig T ha lern pro hundert. Da hörte sie durch eine Freundin, daß ein jüdischer Banguier sechzig Thaler bezahle. Daraus ging sie zu diesem und trug ihm die beiden folgenden Jahre ihren Schein hin. Unterdessen wurden die Freiheitskriege gekämpft, der Sieg gewonnen, und König Friedrich Wilhelm III. benutzte in wahrhaft königlicher Gesinnung die ersten Einnahmen, um die Wittwenkasse wieder zu füllen. Auf die vorgelegten Scheine wurden nun alle rückständigen Pensionssummen ausgezahlt: auch der jüdische Banauier erhielt die volle Auszahlung; aber, was er im Stillen sich vorgenommen, führte er mm aus. Er beschied die Wittwen zu sich und zahlte ihnen Alles zurück, keinen Thaler Gewinn für sich nelnnend. Als die Wittwe Hensel ihm ftaunenb dankte, sagte er in edler Einfachheit: „Behüte mich Gott, daß ich von armen Wittwen Zinsen nähme!" Sie vermochte nicht den Dank in Worten auszudrücken: tiesgeriihrt kaut sie nach Hanse zu ihren Kindern, und nachdem sie die großmüthige Handlung ihnen erzählt, rief sie aus: „Gott segne diesen Inden." — T e r S ch n e l l l ä u fei', eine humoristische Erzählung im Bärkalender siir 180P enthält folgende hier interessirende Episode: Es war etwa um das Jahr 1.73u. Um diese Feit, da der große König auf dem Thron saß, sah Berlin anders aus als jetzt. Tie Stadt, die heute bald zwei Millionen Einwohner zählt, hatte deren nod) nicht 100,000 aufzuweisen. Ungefähr da, wo sich heilte die Spandauer Briicke befindet, stand das Svandauer Thor. 'Ali das Mittelalter erinnert ein kleiner und unsauberer Platz, der sich genall ans der Seite befand, wo heute die Kaiser-Wilhelmstraße die Kloüerüraße dnrchschneidet. Ter „kleine Judenhof" hieß dieser von etwa armseligen Häuserll llmschlossene Platz. Die meisten Inden waren damals auf den Handel angewiesen, weil die Innungen 1 sich dagegen sträubten, einen Judenknaben in die Lehre zu nehmen. Dennoch gab's auch schon damals unter den Berliner Juden nicht nur Handelsleute, svlldern aucii manche Künstler, wie Goldschmiede und Juweliere, ganz besonders aber auch Graveilre oder Petschaftstecher, wie luan diese Leute in damaliger Zeit nannte. Die Graveure lieferten auch! die Modelle zu Medaillen und Münzen vorn guten Groschen bis zum Thaler lmd Friedrichsd'or hinauf. Weim dern Könige eine neue Münze vorgelegt jtmrbe und er mit der Form und feinem Portrait zufrieden war, ließ er ilach dein betreffenden Graverlr fragen, und so kam es, daß der Petschaftstecher Salomon Büchel eines Tages zum König beschieden wurde, jr „Hat Er hierzu das Modell geliefert?" fragte der König, dem Juden einen neugeprägten Friedrichsd'or hinhaltend. Der bereits 7ajährige Buchet bejahte die Frage ängstlich zitternd. „Ich bin mit Ihm zufrieden. Und damit Er sieht, daß ich es gut mit Ihm meine, befehle ich Ihm, daß Er sich eine Gnade ausbitte." Ter Ton des Kölligs verwandelte sich indeß sofort, als Büchel um die Gnade einer 'Allstellung bei der kgl. Münze ersuchte. „Hör' Er mal, das geht ilicht. Er ist und bleibt doch ein Jude. Ja, welln Er ein Ehr ist wäre, dann ließe sich darüber sprechen; so aber wird Er wohl scholl über eine andere Gnade llachdenken müssen." — Bier Wochen sväter stand S. Bttchel lvieder denl großen Könige gegenüber. Doch er war nicht mehr derselbe. Der ehrwürdige Bart war gefallen. „Was ist denn mit Ihm geschehen?" fragte der König, den Juden mit den Blicken fast durchbohrend. „Majestät," erwiederte Salomon Büchel in devotem Tone, „ist doch Ihr unterthänigster Diener verjüngt worden durch die Taufe, weil er ist übergegangen zu der Christenheit, weil Ew. Majestät haben versprochen, Ihrem unterthänigsten Diener zu geben ein Amt, wenn er ist geworden ä Christ." „Soll Er haben," erwiederte der König, nur mit Mühe seine Ruhe bewahrend. „Melde Er sich bei unserem Stallmeister als Vorläufer!" — Erschreckt und ungläubig wies Büchel auf sein Alter von 70 Jahren hin. „Schweig' Er," rief der König zornig. „Wenn Er in vier Wochen überlaufen konnte vom Glauben Seiner Väter zum Christenthum, dann wird Er auch Kraft genug haben, vor meinem Wagen herzulaufen. Merke's Er sich! Wir haben nie von Menschen etwas gehalten, die ihren Glauben wechseln wie einen Rock." d In seinen „Berliner Studien" berichtet Ludwig Geiger über die älteste Berliner Zeitung: „Berlinischer Relations-Postillon" 1711 und erwähnt daraus: An anderen Stellen tritt eine Stellungnahme gegen die Juden hervor; der Brand der Judengasse in Frankfurt, Febr. 1711, wird in einer ganzen Reihe von Artikeln berichtet und kommentirt, die Juden zwar nicht geradezu der Anstiftullg des Brandes, aber wenigstens großer Fahrlässigkeit geziehen, die sie sich bei einem im Hause des Rabbiners stattfindenden Festmahle zu Schulden kommen ließen. Kabbalistische Spielereien werden den: Rabbiner vorgeworfen, die Juden großer Diebereien angeklagt, die sie sowohl bei der Unordnung des Brandes als später, da ihnen gestattet wurde, in den Häusern der Christen zu wohnen, begangen haben sollen. Allerdings werden gelegentlich die Christen gewarnt, ihre schlechte Behandlung der ihnen zur Last fallenden Juden zu mildern, aber andererseits wird mit Behagen konstatirt, daß der furchtbare Brand die Wohnstätten der Christen völlig verschont und alsbald aufgehört habe, als ihm die willkommene Nahrung der Judenhäuser ausging. Während also auswärtige Politik und vermischte Nachrichten aus den: Reiche gebracht wurden, fehlt das, was wir an einer Berliner Zeitung in erster Linie erwarten, nämlich das eigentlich Berlinische fast durchaus. Dieses ist höchstens in gelegentlichen offiziösen Mittheilungen vertreten. Zu letzterem sind insbesondere Berichtigungeil auswärtiger Zeitungen über Vorgänge am preußischeil Hofe zu rechneil. Um das Wesen derartiger Rektifikationen zu schildern, die in Ton unb Gesinnung stark an ähnliche Elaborate jüngern Datums erinnern, sei die folgende vom 21. Januar erwähnt: „Was in der Altenauischen (etwa Altonaischen?) Zeitung vom 13. Imjus unterm Artieul hiesiger Königlichen Residentz von der Hofs-Jüdin Liepmannin berichtet worden, als wenn dieselbe wegen der Zeitherr nach Hofe gelieferten Juwelen in Anspruch genommen, und selbige Taxirt werden sotten; solches befindet sich gantz falsch, wird hierdurch auf .Königl. Allergnädigst Befehl wiederleget, vielmehr aber coutinuiret dieselbe annoch vor wie nach solche Liefferung bey Hofe." (Die hier genannte Frau Esther Liepmann, Wittwe des 1701 verstorbenen Jos. L, Hofjllwelierin, nahm am Hofe eine vielbeneidete Stellring ein, über die damals und später viel gefabelt wurde.) Ueber das Leben von Juden in der Wüste Sahara wissen französische Blätter folgende interessante Mittheilungen zu machen: „Der Stamm, von denl mit Bestimmtheit angenommen wird, daß er jüdischen Ursprungs sei, heißt: Jbn Mazob. Im Jahre 1854 schloß dieser Stamm lllit Frankreich einen Bund und ward ihm tributpflichtig. Die Jbn Mazob unterscheiden sich durch Gesichtsfarbe, Kleidung, Sitten, Sprache, moralische Eigenschaften und Liebe, zu den Fremden wesentlich von den arabischen Stämmen. Sie ähneln fast in ihrem ganzen Wesen den Judell des Morgenlandes. Feinde von Lustbarkeiten und Luxus, erwägen sie ihr Thim und Lasten mit Verstand und praktischer Berechnung. Es giebt wohl kein Volk, das so sehr an den Sitten und Gebräuchen der Ahnen festhält, wie die Jbn Mazob. Diese und noch andere Momente ilnterstützen die Ansicht betreffs der jüdischen Abstammung. Die Jbn Mazob dürften von Juden abstamlllen, die vor unabsehbarer Zeit sich in der Sahara angesiedelt haben. Die Jbn Mazob lieben beit Frieden und verabscheuen den Krieg. Sie sind sehr musikalisch, uns

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