Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 bestrebt sei, wenn auch sein Verlust durch Eingriffe der Willkür nicht mehr zu befürchten ist. Sodann ist es aber andererseits unsere Pflicht, all das, was unsere religiöse mtt) sittliche Weltallsicht an Edlem und Allgemeingiltigem in sich birgt, im Dienste unseres Volksbewußtseins zur vielseitigen Mehrung nationaler Bildung zu verwerthen. In das geistige Gewebe unseres Volkslebens möge ein neuer werthvoller Faden sich einstechten, auf daß es llm so stärker werde, umso sicherer den Stürmender Zeiten widerstehen könne Diese Gesichtspunkte leiteten die Gefertigten bei der Gründung der Israelitischen Ungarischen Literarischen Gesellschaft; solche Ziele bestimmen die Organisation der neuen Vereinigung, ihre Aufgaben und Einrichtungell. Dllrch die Uebersetzung der heiligen Schriften, die Erklärung und Erörterung ihrer ewigen Lehren, ihres geschichtlichen Einflusses wünschen wir eine Läuterung des sittlichen Selbstgefühls und religiösen Bewußtseins unserer Glallbensgenossen zu bewirken lind damit auch dazu beitragen, daß unser ungarisches Volk in seiner großen Aufgabe, in der Entlvickelung seiner Individualität, auch an uns eine neue, mächtige Hilfe gewinne. Wer mit uns der Ueberzeugung lebt, daß wofür Israel so lange Zeit gern litt und so Vieles duldete, in dem Fortschritte der Menschheit allezeit ein wirksamer Faktor war und auch fernerhin bleiben wird, der trete uns bei und unterstütze nach Maßgabe seiner Glücksgüter und Geistesgaben unser Unternehmen. Budapest, 2. November 1893. Das provisorische Präsidium: Professor Tr. Bernhard Alexander, Professor Dr. Wilhelm Bacher, Professor Dr. Josef B.',n<»czi, Professor Dr. Moriz Kümün, Dr. Julius Klein. Nnßlnud. B Mitan, 20 November. Die hiesige jüdische Gemeinde hat einen herben Verlust erlitten. Rabbiner Puch er, der mehr als 34 Jahre sehrsegensreich hier gewirkt hatte, ist einem ehrenvollen Rufe als Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Riga gefolgt. Bei seinem Scheiden aus Mitan zeigte es sich, welch' große Sympathien er sich im Laufe seiner langen Amtsdauer hier erworben hatte. Am Sonnabend den 23. Oktober d. I. verabschiedete er sich in der großen Synagoge von seiner Gemeinde. Das Gotteshaus war gedrängt voll von Andächtigen, die gekommen waren, um ihren Seelsorger zum letzten Mal zu hören. Rabbiner Pucher entrollte ein Bild seines Wirkens und Schaffens und ermahnte in tief ergreifenden Worten die Gemeinde, das so schwer Errungene festzuhalten und auf der gewonnenen Grundlage weiter zu bauen. Am andern Tage versannuelte sich eine große Anzahl von Gemeinde-Mitgliedern — ca. 70 — in der Privatwohnung des Herrn Rabbiner Pucher. Im Namen der Gemeinde überreichte zunächst Dr. med. Brennsohn nach einer herzlichen "Ansprache eine künstlerisch ausgeführte Dankadresse, worauf Dr. med. Behr in längerer, meisterhafter Rede die Verdienste des Scheidenden hervorhob uub im Namen der Wohlthätigkeitsvereine, die dem Rabbiner Pucher außerordentlich verpflichtet sind, den Dank derselben aussprach. Ihm folgte Herr Rubin stein, der im Namen der dem Rabbiner unterstellten Kultusbeamten den Dank derselben in warnten Worten ausdrückte, worauf Herr A. Herzenberg als Ehrengabe der Gemeinde ein silbernes Kaffeeservice überreichte. In ergreifender, längerer Rede erwiederte Rabbiner Pucher, indem er seinen herzlichen Dank für die ihm zu Theil gewordene reiche Anerkennung aussprach, die er jedoch für sich nicht in Anspruch nehmen wolle, indem er ja nur seine Pflichten zu erfüllen bemüht war. Tie Feier hatte auf alle Anwesenden einen mächtigen Eindruck gemacht und in vielen "Augen sahen wir Thronen der Rührung schimmern. In der That hat Rabbrner Pucher während seiner ganzen Amtstätigkeit mit großem Segen gewirkt. Aus wahrhaft chaotischen Zuständen hat er die Gemeinde in die gegenwärtigen geordneten Verhältnisse gebracht; er hat die Anregung zu einer Reihe wohlthätiger Stiftungen gegeben, die im Verhältniß zur Armuth der Gemeinde ein ansehnliches Kapital repräsentiren; er hat den Gottesdienst durch Einfügung der Predigt ergänzt und vertieft; seiner "Anregung und seinem Eifer ist es auch zu verdanken, daß die Gemeinde ein schönes Gotteshaus besitzt; durch seine moralisch unantastbare Lebensführung und durch feine würdevolle Vertretung des Judenthums hat er sich auch irr nichtjüdischen Kreisen allgemeine Achtung erworben. In den sechziger und siebziger Jahren trat er mit großem Muthe gegen die Judenmission auf, die eine bedeutende Gefahr für die Juden Kurlands zu werden drohte, und seinem mannhaften Eintreten ist es zu verdanken, daß diese Gefahr irn Keime erstickt wurde. Unermüdlich war auch sein Wirken für die Erringung politischer mtb bürgerlicher Rechte der Inden. Usn Nah und Fern. * Wie gemeldet wird, hätte die antisemitische Reformparte beschlossen, im Reichstage folgenden Antrag einzubringen: „Der Reichs tag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, den augenblick lich im Gefängniß zu Plötzeusee seine Strafe verbüßenden Abgeordneten Ahtwardt während der Dauer der Verhandlungen des Reichstags ii- Freiheit zu setzen." Der Antrag würde — vorausgesetzt, daß der Wortlaut richtig wiedergegeben ist — beweisen, daß die Antisemiten merkwürdigt Anschauungen von den Befugnissen eines Reichskanzlers haben. — Die Staatsanwaltschaft zu Schneidemü hl hat, wie die Tanz. Ztg. berichtet, gegen den antisemitischen Agitator v. Mosch zu Steglitz Anklage er hoben auf Grund des § 130 des Strafgesetzbuchs wegen Aufreizung zürn Klassenhaß, begangen in einer Rede, welche er am 21. Oktober in einer Versammlung in Deutsch-Krone hielt. Die Versammlung wurde damals deswegen aufgelöst. — Bei der Stadtverordneten-Wahl in Bürgst ein für i wurde der Vorsteher der israelitischen Gemeinde Jos. Marcus von der 2. Abtheilung einstimmig als Stadtverordneter wiedergewählt. Genannter bekleidet dieses Amt nunmehr schon seit 18 Jahren. - Anläßlich des Geburtstages des Großherzogs von Hessen erhielt das Ritterkreuz erster Klasse des Philippsordens der Rentner Otto Wolfskehl, Vizepräsident der zweiten Ständekammer. Wolfskehl ist Israelit. — Ans Marburg wird geschrieben: Wegen thätlicher Beleidigung eines jüdischen Mitbürgers, den sie in angetrunkenem Zustande aus purer Rauflust angegriffen hatten, waren hier im vergangenen Sommer drei Studenten mit Gefängnißstrafen von zwei, drei und vier Wochen belegt worden. Die Verurtheilten reichten ein Gnadengesuch ein. Jetzt sind die Gefängnißstrafen in Festungshaft von gleicher Dauer umgewandelt worden. — Der Königl. Bayerische General-Musikdirektor Hermann Levi zu München hat kürzlich vom Kaiser von Oesterreich den Orden der eisernen Krone erhalten, der den persönlichen Adel verleiht. — Nach einer Meldung des Prager Tageblatts wird Baron Albert von Rothschild an Stelle des verstorbenen Baron Königswarter in das Herrenhaus berufen werden. — In Innsbruck übernahm Dr. Koback, früher Rabbiner in Bamberg und Lemberg, die Stelle als Prediger und Religionslehrer. Er muß daselbst aber meist vegetarisch leben, weil kein Schochet angestellt ist. — Auf telegraphisches Ersuchen des Großrabbiners von Bulgarien ließ Rabbiner Dr. Mühsam in G raz einen mächtigen Kranz an der Bahre des Grafen Hartenau niederlegen. Die Schleifen des Kranzes trugen die Inschrift: „Die Israeliten Bulgariens als ein schwaches Zeichen ihrer unvergänglichen Dankbarkeit." — In Budapest soll der Herausgeber des „Neuen Pester Journal", Sigmund Brody, demnächst ins Herrenhaus berufen werden. — „Libre Parole" veröffentlicht einen interessanten Brief Napoleon's I., welcher beweisen soll, daß derselbe „entschieden Antisemit" gewesen feil?) — Das französische Rabbinerseminar und die mit demselben verbundene Präparandenanstalt Talmud Thora in Paris wird von 48 Schülern besucht, eine bis jetzt unerreichte Ziffer. Dem Vaterlande nach sind die Zöglinge aus der Türkei, England, Oesterreich, Rußland, Rumänien, Bulgarien, Tunis und Tripolis — Emil Zola besuchte jüngst das Ostend von London, um die volksreichen jüdischen Ouartiere, wo die russischen Israeliten wohnen, kennen zu lernen. Man behauptet, der berühmte Schriftsteller würde das jüdische Proletariat zum Gegenstände eines Romans nehmen. — Hat die russische Regierung ihre Ansichten über die Schädlichkeit der Juden geändert? Aus Warschau meldet das „D.-B. H.": „Nach einem kaiserlichen Ukas ist den Juden wieder der Aufenthalt in denjenigen Dörfern gestattet worden, welche russischen Edelleuten gehören. Jndeß müssen die Besitzer der Dörfer für das gesetzmäßige Verhalten der Juden eine Bürgschaft übernehmen." — Am 15. Oktober ist der Vorsteher der Kultusgemeinde in Konstantinopel Salomon Fres co im Alter von 75 Jahren gestorben. Bei dem Begräbnis; waren der griechische und die beiden armenischen Patriarchen durch hervorragende Delegirte vertreten. — Mehrere New- Porker Zeitungen melden, daß Miß Ray Frank, welche ihre Studien am Rabbiner-Kollegium in Cincinnati absolvirt habe, eine Predigerstelle in Oakland, Cal., angetreten haben soll. Das Erstere wird von der „Deborah" dementirt, das Letztere nicht! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für bte Redaktion - Mar Bauchwitz in Berlin.