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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-03 · Heft 44 (3.11.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Masse der Bevölkerung der Glaube verbreitet, daß die Juden für die Zwecke ihres religiösen Ritus oas Blut christlicher Kinder benützen und, um sich solches zu verschaffen, vor der Begehung von Morden nicht zurückschrecken. Infolge dieses Glaubens brechen häufig Judenverfolgungen aus und die unschuldigen Opfer sind vielen Demüthigungen unterworfen und großen Gefahren ausgesetzt. Mit Rücksicht auf die Thatsache, daß solche irrthüinliche Ideen auch unter den Unwissenden anderer Länder cirkuliren und im letzten Jahrzehnt sowohl Deutschland als auch Oesterreich der Schauplatz von Gerichtsverhandlungen gegen unschuldige Juden waren, die angeklagt wurden, solche Ritualmorde begangen zu haben: richte ich als christlicher Priester an diesen Kongreß die Aufforderung, unsere Ueberzeugung zur Kenntniß zu nehmen, daß das Judenthum Mord jeder Art verbietet und daß keine seiner heiligen Autoritäten und Bücher den Mord oder den Gebrauch von Menschenblut für rituelle Zwecke oder religiöse Ceremonien gebieten oder gestatten. Die Verbreitung einer solchen Verleumdung gegen die Bekenner eines monotheistischen Glaubens ist unchristlich. Der Ursprung dieser Verleumdung muß zurückgeführt werden auf die Einbildung der Römer, daß die ersten Christen Menschenblut bei ihren religiösen Verrichtungen benützten. Es ist unvereinbar mit der Pflicht des Christen, eine so schreckliche Anschuldigung unwiderlegt zu lassen, und es liegt im Interesse des guten Rufes des Christenthums, daß ich dieses Parlament auffordere, zu erklären, daß das Judenthum und die Juden des ihnen angedichteten Verbrechens ebenso unschuldig sind, wie es die Christen der ersten Jahrhunderte waren." Der Sitzung, in der diese Erklärung abgegeben wurde, prästdirte — das ist amerikanische Courtoisie — ein Jude: Rabbiner Dr. Hirsch aus Chicago. Afrika. .1. Johannisburg (Nord-Afrika), 22. September. Nur selten dringt von unseren jüdischen Gemeinden eine Nachricht zu unseren europäischen Glaubensgenossen hinüber. Es müßte dann schon ein außerordentliches Ereigniß sein, das — wie z B. das, worüber ich momentan berichte — hierzu Veranlassung gebe. Ein grauenhafter Mord eines jungen, vor drei Monaten eingewanderten Israeliten ist es, worüber ich heute leider berichten muß. Aus Rußland ausgewiesen, war der junge in Pamewicz (Kowno) gebürtige Mann hierher gekommen, um hier einen Lebenszweck anzustreben. Da er für sich noch keine passende Beschäftigung ausfindig gemacht hatte, nahm er einstweilen eine Stellung als Hausdiener in einem Restaurant an. Am 27. Juli erkrankte der Wirth und fuhr nach einer größeren Stadt, um dort die Aerzte zu konsultiren. Er ließ den jungen Russen mit einem Neger allein in der Wirthschaft zurück. Am folgenden Tage wunderte sich der Gemeindediener, das Restaurant des Mittags noch geschlossen zu finden, man erbrach die Thür und fand die Leiche des Ermordeten in ihrem Blute. Leider ist mit dem verschwundenen Neger auch jede Spur der Mörder verloren gegangen. — Unser als wohlthätig bekanntes Mitglied S. Nathansohn hat eine Kollekte veranstaltet, um der unglücklichen Gattin, welche momentan im elterlichen Hause in Ladajewo weilt, zu Helsen. — Wir besitzen hier sowohl eine orthodoxe als auch reformirte Gemeinde, jedoch sind beide unter einem Vorstand vereinigt. Im Chor singen zwanzig junge Damen. Dank den Bemühungen des Vorstandes entwickelt sich unsere Gemeinde immer mehr und mehr. So besitzen wir jetzt bereits eine Reihe von humanen Vereinen und gemeinnützigen Instituten. Auf Veranlassung unseres Kantors wird hier momentan eine rituelle Badeanstalt errichtet. Auch ein „Vorschußverein" ist unlängst hier gegründet worden. Sein Zweck ist, Ankömmlingen, die sich hier Existenz suchen, Geschäfte einzurichten und Maaren zu verabfolgen gegen spätere Rückzahlung. Von Nah und Fern. Am 26. d. M ist hier der praktische Arzt Dr. Julius Berg, als erster Badearzt in weiten Kreisen bekannt, plötzlich gestorben. — Der bisherige wissenschaftliche Hilfslehrer Carl Cohn, ist vom 1. Oktoberd I. ab zum Oberlehrer ernannt und der 11. Realschule (höhere Bürgerschule) überwiesen worden. — Regierungspräsident von Tiedemann kennzeichnete in seiner Wahlrede in Bromberg als bisheriger Abgeordneter des Wahlkreises Jnowrazlaw-Schubin-Strelno-Mogilno seine Stellung zum Antisemitismus folgendermaßen: „Wer mein amtliches wie außeramtliches Verhalten kennt, der wird — ich berufe mich auf alle Bromberger, die mich kennen — wissen, daß ich ein entschiedener Gegner des Antisemitismus bin, der in unvernünftiger Weise die Begehrlichkeit der Massen reizt, der insofern wirklich die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist. Ich halte den Antisemitismus für eine verderbliche Krankheit, durch deren Heilung unser Volk gesunden wird." — Dem Rechtsanwalt und Notar Litthauer in Posen ist der Titel Justizrath verliehen worden. — Der israelitischen Stiftungsschule in Hamburg, der wegen der politischen Thätigkeit I ihres Direktors die Berechtigung zur Abhaltung des Examens j für den einjährigen Dienst entzogen war, ist diese Berechtigung j nunmehr provisorisch wieder ertheilt worden, da der Direktor! Drähnert aus dem Kollegium der Bürgerschaft ausgetreten und den bezeichneten Unzulässigkeiten abgeholfen worden ist. — In Friedberg (Hessen) hat sich ein Verein gebildet zur Erhaltung jüdischer Alterthümer. Der Verein hat das in der Judengasse gelegene „Judenbad" angekauft und beabsichtigt, dasselbe restauriren zu lassen. — In Padua hat sich ein Komitee gebildet zur Errichtung eines würdigen Grabmonuments für den sel. S. D. Luzzatto. — General H inst in, Gouverneur von Verdun, wurde zum Generalinspektor der Genie- > arbeiten für Vertheidigung der Küsten ernannt. — Dem ehemaligen Präfekten des unteren Seine-Departements M. Hendle steht eine bedeutende Beförderung bevor. Er soll zum Präfekten des Seine-Departements ernannt werden, und da dieses Departement Paris umfaßt, so ist dieser Posten einer der höchsten im französischen Civildienste. — Zweiundzwanzigtausend russische Juden wurden am 3. Oktober d. I. durch einen eigenhändig vom Kaiser Unterzeichneten Ukas (imennoMas) aus dem russischen Reiche verbannt. Einige Tausend von ihnen haben beschlossen, nach Amerika auszuwandern und die Küste des Pacific-Ozeans, besonders aber die Küstenstriche Kaliforniens zu kolonifiren. Die Einzelheiten der Kolonisirung sind von?. Agrippa Honkarenka, einem katholischen Priester, der mit ben Leitern der Auswanderung der russischen Juden in Verbindung steht, genau festgestellt worden. In seinem auf dem Gipfel eines Berges bei San Franzisko gelegenen Hause hat der Priester, der selbst Russe ist, bereits sehr vielen vertriebenen oder dem Galgen und der Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken entronnenen Landsleuten ein Obdach gewährt. Der neueste kaiserliche Ukas trifft nicht so sehr die Juden der ärmeren Klassen, sondern gerade die wohlhabenden und reichen. Viele von den Vertriebenen find Millionäre. Ein aus Irkutsk vertriebener Israelit wird ein Vermögen von zehn Millionen Dollars nach Kalifornien bringen. — In Gegenwart der ersten Londoner Kapazitäten fand in London das Begräbniß von David James, dem berühmten Schauspieler, statt. David James, oder wie er wirklich hieß, David Belasco, war ein gefeierter Schauspieler, ein braver Bürger, ein liebenswürdiger, guter Mensch und zugleich ein treuer Jude. — Unter denen, welchen ein Ehrendoktordiplom von der Universität St. Andrews verliehen werden wird, befinden sich der Premier Gtadstone, Lord Salisbury und der Rabbiner der jüdischen Reformgemeinde in London Albert Löwy, ein Deutscher von Geburt. Was den Letzteren anbetrifft, so ist dies das erste Mal, daß eine britische Universität einem jüdischen Geistlichen eine solche Ehre erweist. — Im hohen Alter von 84 Jahren starb kürzlich in Sidney das älteste Mitglied der dortigen Bühne, der beliebte und hauptsächlich durch seine humoristische Wiedergabe irischer Charaktere rühmlichst bekannte Schauspieler Joseph Simmons. Er war bis zu seinem letzten Momente dem Glauben seiner Väter treu geblieben, dessen Bräuche er heilig hielt. — Der Advokat Simon W. Rosendale in Albany wurde vom demokratischen Staatskonvent in Saratoga am 6. Oktober nochmals als Generalstaatsanwalt für den Staat New-Iork vorgeschlagen. Seine Wiederwahl ist beinahe zweifellos. Jeder Staat in den Vereinigten Staaten hat eine unabhängige Regierung, an der Spitze derselben steht ein Gouverneur, Vice-Gouverneur und ein Kabinet. Der Oberstaatsanwalt ist als Justizminister Mitglied des Kabinets. Herr Rosendale nimmt bereits seit zwei Jahren diese hohe Stellung im Staate New-Aork ein und ist abermals für diesen Posten von der demokratischen Partei vorgeschlagen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für die Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.

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