Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 er sich in den Büchern der Rohling und Konsorten geholt. Unter Anderem wiederholt er auch das abgenutzte Lied von der Weltherrschaft der Inden, welche binnen Kurzem das Arierthum ganz unterjochen werden. Jedenfalls ist die Arbeit Merunowicz's äußerst lesenswerth. — Von besonderer Regsamkeit innerhalb der hiesigen Iudenheit zeigen einige literarische Unternehmungen, die in der letzten Zeit angekündigt wurden und die ich hier kurz erwähnen will. In Lemberg erschien vor Kurzen: das Probeheft einer neuen hebräischen Monatsschrift „Hasaron", als dessen Redakteur Herr Gustav Bader zeichnet. Das Heft präsentirt sich nicht übel, wenn man hier auch ein klares litterarisches und politisches Programm vermißt. Unter Anderem sind hier einige Novellen von R. A. Brandes, eine lesenswerthe Abhandlung über I. L. Gordon und eine werthvolle Arbeit über die Wiederbelebung des Neuhebräischen. Außerdem begann der „Hamagid" in Krakau als Wochenblatt zu erscheinen, und schritten die Zionisten in Lemberg zur Herausgabe eines Wochenblattes im Jargon, „Der Karmel", das „den geistigen, politischen und wirthschaftlichen Interessen des jüdischen Volkes" gewidmet sein soll. Der litterarische Leiter des Blattes ist der bekannte hebräische Romanschriftsteller und Publizist R. A. Brandes Schließlich ist noch die ebenfalls von der zionistischen Partei begonnene Herausgabe einer „jüdischen Volksbibliothek" im Jargon zu erwähnen, über deren Zweck und Umfang ich an anderer Stelle dieses Blattes ausführlich berichte. Frankreich. in. Paris, 20. Oktober. Vor einigen Wochen kamen hier drei Gesandte aus Jassy an, welche sich an den Grand Rabbin Zadoc Gähn mit der Bitte wandten, den Baron Hirsch sowohl als auch die Alliance Jsrcwlite zu veranlassen, den in Rumänien unterdrückten Juden im Allgemeinen, speziell aber den jüngst aus den Dörfern ausgewiesenen 130 jüdischen Familien, welche sich in unbeschreiblichem Elend und Mangel befinden, helfend unter die Arme zu greifen. Auf die Fürbitte des Grand- Rabbin ließen der Baron und die Alliance Jsraelite alsdann den Nothleidenden beträchtliche Summen zur Unterstützung zukommen, während die Depntirten nach London reisten, um auch dort die bemittelten Glaubensgenossen für die nothleidenden Glaubensbrüder in Rumänien zu interessiren. — Tie Bitte des Grand-Rabbin an den Baron Hirsch, in Palästina eine neue Kolonie zu gründen (für die 130 Familien), wurde mit der Motivirung, daß es momentan unmöglich sei, abgelehnt! — In einer Kommission der „Gesellschaft zur Gründung jüdischer Kolonien" wurde vergangene Woche beschlossen, der Verwaltung der Geschäfte der jüdischen Kolonien in Buenos Ayres eine besondere Abtheilung von Geometern und Katasterbeamten beizufügen, welche die Theilung des Grund und Bodens der Kolonisten unter sich, sowie die Abgrenzung der jüdischen Kolonien gegen ihre nichtjüdischen Nachbarn vorzunehmen haben werden. Es wurden zu diesem Zwecke eine Anzahl russischer Juden, welche hier in Paris ihre diesbezügliche Ausbildung genossen haben, bestimmt. er. Paris, 12. Oktober. Baron Edmund Rothschild, hier, hat jenseits des Jordans einen bedeutenden Komplex Ackerland gekauft, früher Privateigenthum des Sultans, um daselbst neue Kolonien zu gründen. Die Sicherheitsverhältnisse jenseits des Jordans haben sich in den letzten 15 Jahren Dank der Bemühungen der Regierung bedeutend besser gestaltet. Die türkische Negierung hat dortselbst mehrere Militärstationen meist aus Tscherkessen bestehend, errichtet, welche durch Streifzüge tief in das Innere der Gegend den Beduinen die Lehre ertheilen, mit civilisirten Menschen bessere:: Umgang zu pflegen. Der Boden jenseits des Jordans ist zum Weizenbau sehr ertragsfähig und wird auch unbedingt zum Weinbau geeignet sein. Nebenbei sei noch bemerkt, daß der Grund und Boden jenseits des Jordans viel wohlfeiler als der in Judäa ist. Nußlarrir. ue. Odessa, 12. Oktober. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Verwaltern der Kolonien in Buenos Ayres und den russischen Delegirten, die darin gipfeln, daß die Verwaltung nur einzelne Bauernhöfe, während die Delegirten mindestens Dörfer von 50 Gehöften gründen wollten, ist nunmehr zu Gunsten unserer Delegirten erledigt. Infolgedessen geht morgen den 13. Oktober die erste Expedition von 35 Familien vom hiesigen Hafen in See über Genua nach Argentinien. Von Nah und Fern. ------ Eine abermalige Anklage wegen Beleidigung des Reichskanzlers Grafen von Caprivi ging dem antisemitischen Buchhändler Gustav Ad. Dewald zu. Die Anklage lautet wieder gegen Glöß und Genossen und stützt sich auf die Veröffentlichung und Verbreitung des Politischen Bilderbogens Nr. 8: „Juden-ABC." Zwölf Personen sind in den Anklagestand versetzt worden, worunter sich auch der antisemitische Kolporteur Schühler befindet. Von den Angeklagten befinden sich sieben in Berlin, zwei in Leipzig und einer in Breslau. — Ob Herr Stöcker in das Abgeordnetenhaus kommt, ist noch ungewiß. Die Konservativen in seinem bisherigen Wahlkreise Bielefeld-Herford-Halle haben ihn fallen lassen. Es besteht die Absicht, ihn in Minden-Lübbecke aufzustellen, wo die Aussichten günstiger sind. Doch scheint die Kandidatur auf Schwierigkeiten zu stoßen. — Der Oberstaatsanwalt bei dem Oberlandesgericht Köln, Hamm, hat auf dem vor Kurzem stattgehabten deutschen Juristentag über die Vor- und Nachtheile der Schwurgerichte gesprochen und erwähnte dabei: Im Clever Prozeß gegen Buschhoff habe der Obmann der Geschworenen, Graf Loä, zum Schluffe der Verhandlung die Frage gestellt, ob die Geschworenen nicht sich über die Schuld des Angeklagten Buschhoff bezüglich Beihilfe zum Morde äußern durften. Diese Anregung ist vielfach so aufgefaßt worden, als ob die Geschworenen diese Frage würden bejaht haben. Herr Hamm, welcher sicherlich genau informirt ist, hat nun in Augsburg erklärt, die Geschworenen hätten auch diese Frage verneinen wollen; es sei nur die Absicht des Grafen Loä gewesen, die Angelegenheit nach allen Richtungen hin aufzuklären, damit nicht, wie es jetzt in der That der Fall, unrichtige Vermuthungen in dieser Hinsicht übrig bleiben möchten. - Der Unfug, welchen ein Student in Würzburg jüngst dadurch verübte, daß er aus einer Chaise Zettel mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Juden" an Schulkinder vertheilte, trug demselben im Mandatswege vier Tage Gefängniß ein. — Den „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" schreibt man aus Baiern, daß der Hauptmann H. im 12. Jnfanterie-Regilnent (Neu-Ulnfi Jude ist. Auch in München soll es einige aktive Offiziere jüdischer Religion geben. — Daß Ahlwardt wegen gekränkter Ehre eine Beleidigungsklage gegen den Redakteur der „Dresdener Nachrichten" Dr. Lohan angestrengt hat, haben wir schon berichtet, und zwar fühlt sich Ahlwardt durch die Titulaturen „Kerl" und „Lump" gekränkt. Was aber Ahlwardt jedenfalls nicht vorausgesehen hat, ist, daß der Beklagte erklärt hat, für seine Charakterisirung den Wahrheitsbeweis zu führen. Die Verhandlung soll, wie die „Freis. Zeitung" erfährt, am 1. November in Dresden stattfinden. — Bei den sächsischen Laudtagswahlen sind zwei Antisemiten neu gewählt worden. — Der bekannte Paulus Mcyer ist auch wegen Majestätsbeleidigung zu vier Monaten schweren Kerkers verurtheilt worden. — Die Petition der Krakauer Gewerbegenossenschaft der Fleischer an die Statthalterei in Lemberg, daß die Regierung ihren Auftrag, die jüdischen Fleischer in die Genossenschaft aufzunehmen, zurückziehen möge, weil dadurch der „katholische Charakter", den die Genossenschaft bisher gehabt, eingebüßt würde, wurde von der Regierung abschlägig beschieden, weil die Genossenschaft eine wirthschaftliche, aber keine religiöse Institution sei, somit kein Grund vorliege, eine gewisse Klasse von Gewerbetreibenden auszuschließen. — Der Parlarnentsredakteur des „Pester Ll.", Pros. Dr. Deutsch, ist an der asiatischen Cholera gestorben. — Mr. A. Leon Emanuel wurde einstimmig zum Bürgermeister von Portsmouth gewählt. Mr. A. L. Emanuel ist der zweite Jude, dem die Ehre zu Theil wurde, Bürgermeister von Portsmouth zu werden. Mr. Leon Emanuel ist der Sohn des verstorbenen Aldermans H. M. Emanuel. Er war mehrere Jahre lang der Präses der Gemeinde. — Der Erzbischof von Laute, der sich schon bei der Judenverfolgung daselbst als wackerer Kirchenfürst und Menschenfreund bewährt hat, war eine hervorragende und hochgeachtete Persönlichkeit im Religionsparlament in C hi cag o. Der hochwürdige Mann erwies sich auch bei dieser Gelegenheit als Menschen- und Judenfreund. Unaufgefordert erklärte der Erzbischof vor der vieltausendköpfigen Menge, daß die gegen Juden erhobene Beschuldigung des Ritualmordes, der Benützung des Christenbluts zu ihren Passahbroden eine abscheuliche und boshafte Lüge ist, und führte den Nachweis für seine Behauptung in einer geschickten und eindrucksvollen Weise. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlick für die Redaktion. Max Bauckwitz in Berlin.