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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-20 · Heft 42 (20.10.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 diese Schule in ein Gymnasium zu verwandeln, über welchen wir s. Z. berichteten, sieht noch seiner Verwirklichung entgegen; doch ist man bereits mit dem „Hilfsverein zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina", welcher seinen Sitz in Odessa hat, dieserhalb in Verbindung getreten, und ist umsomehr Aussicht auf die Verwirklichung dieser Idee vorhanden, als bereits zahlreiche Anfragen vorliegen, aus dem Jnlande wie auch aus Europa und Amerika behufs Aufnahme in diese hebräische Schule, welche wir leider wegen Mangels an Raum ablehnend beantworten mußten. Die Knabenschule ist von 140 Knaben, die Mädchenschule (in welcher dieselben Jacher mit Ausnahme von Talmud, Schulchan-Aruch und arabischer Sprache unterrichtet werden) von 100 SchLilerinuen besucht. Die jährlichen Bestreitungskosten der Schulen betragen 11,000 Franks, abgesehen von dem Gehalte, welches der Rektor, der Geschichte, Mathematik, Geographie und französische Sprache unterrichtet, von der Alliance Jsraelite bezieht. — Die Bibliothek Schaar-Zion", welche unlängst hier gegründet worden, erweist sich als äußerst nützlich und vortheilhaft, so daß man in Jerusalem und Zephat, sowie iu den Kolonien Rechoboth und Tantura ebenfalls Bibliotheken gründete. So arm auch unsere Bibliothek ist — sie umfaßt im Ganzen außer 20 Zeitschriften nur 2127 Bände — unterstützte sie die Bihliothek „Midrasch Abarbanel" in Jerusalem durch ein Geschenk von 70 Bünden, während sie der unter der Leitung des berühmten Hebraisten und Zionisten Ben-Jehudah stehenden Bibliothek 25 Bände und der in Tantura gegründeten Bibliothek 30 Bände überwies. Die Zahl der Leser in Jaffa beläuft sich außer den 100 Abonnenten auf 8 — 000. Tie für die Bibliothek von den Zionisten ausgesetzten 1500 Franks werden leider von dem Gehalte des Aufsehers, Portis und andern Unkosten verschlungen, sodaß keine Mittel zum Erwerb neuer Bücher und Zeitungen vorhanden sind. Oekonomische, agronomische und naturwissenschaftliche Bücher sind leider ebensowenig wie die Bücher für Geschichte der Juden und Litteratur vertreten. Edle Menschenfreunde, Autoren und Verleger können sich ein besonderes Interesse durch Zusendung von Büchern an die Administration der Bibliothek „Schaar Zion" in Jaffa erwerben. Der Plan, eine jüdische CeutrabNational- Bibliothek zu gründen, sieht seiner Verwirklichung entgegen. Der berühmte russische Zionist Sirkin hat uns die Mittheilung zugehen lassen, daß er zu diesem Zwecke die Gesammtbibliothek des berühmten sel. jüdischen Dichters Gordou, sowie die Bibliothek seines sel. Bruders Abraham und des bekannten Dr. Chasonowitsch in Bialystoek erworben hat. Auch gedenkt Sirkin, die Bibliothek des verblichenen Herrn A. Kaufmann an sich zu bringen, ebenso sind eine Menge Bücher au§ dem Nachlasse des unlängst verstorbenen Redakteurs Zederbaum noch zu seinen Lebzeiten zu diesen Zwecke bestimmt worden. Da sich mit der Gründung dieser ,Bibliothek in Jerusalem die Herren M. L. Lilienblum, I. Eh. Rabinitzki und M Rabinowitz (bekannt unter dem Schriftstellernamen Benami) befassen, und auch die bekannten Bibliophilen Sal. Buber und Abraham Epstein ihre Mitwirkung zugesagt haben, dürfte die Bibliothek bald entstehen. Mit ihrer Verwaltung sollen nach einem Anträge von Jakob Michael Fines die Vorstände der israelitischen Gemeinden London und Paris betraut werden. Von Nah und Fern. — Im zweiten Berliner Landtags-Wahlkreise gehen die Konservativen und die Antisemiten gemeinsam vor. Ihre Kandidaten sind der Bäckerobermeisrer Bernard und der Ehefredakteur der „Staatsb.- Ztg." Dr. Bachler. Das wird die „Kreuzztg." nicht hindern, sich demnächst wieder einmal über den Radau-Antisemitismus zu eutrüsteu. — In Friedeberg-Arnswalde kandidirt neben Ahlwardt der Rentier Kntzner, in Neustettin Professor Dr. Förster. — Dem antisemitischen Buchhändler Gustav Ad. Dewald ging die Anklageschrift wegen Beleidigung des Reichskanzlers im „Politischen Bilderbogen Nr. 0" zu; sie lautet gegen den Druckereibesitzer und Verlagsbuchhändler P. Glöß und Genossen. Außer den beiden Genannten richtet sich diese Strafsache auch noch gegen zwei andere hiesige Buchhändler. — Dem Vernehmen nach hat der Bezirks-Ausschuß zu Potsdam seine Zustimmung zu dem Erlaß einer von dem Regierungspräsidenten zu Potsdam in Aussicht genommenen Polizei-Verordnung über das Schlachten, der das jüdische Schächten nicht unterworfen sein sollte, versagt. — In Erfurt wurde der Polizei- Inspektor a. D. Metzler am 4. d. M. wegen öffentlicher Beleidigung des! israelitischen Kaufmanns David von dem Schöffengericht zu 10 Mark! Geldbuße oder einem Tage Haft verurtheilt. Der Polizei-Inspektor hatte im März d. I. in einem Restaurant mit Bezug auf die Töchter Davids eine antisemitische Aeußerung gebraucht. — Aus Germers heim (Rheinpfalz) wird den „Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" mitgetheilt, daß in der dortigen Garnison ein jüdischer > Offizier sich befindet. Derselbe ist Premierlieutenant und Bataillonsj adjutant. — Wie aus Stuttgart berichtet wird, wurden dort am 11. d. M. Abends auf ein kürzlich von einem Juden in der Oberen Schloßstraße eröffnetes Kaffeehaus aus dem gegenüberliegenden Liederhallengarten vier Revolverschüsse abgefeuert. Eine Kugel durchschlug ein Fenster, prallte an der gegenüberliegenden Wand ab und siel dann zu Boden. Glücklicherweise wurde Niemand verletzt. Dem Thäter gelang es zu entkommen. Der Vorfall ist um so unerklärlicher, als ja der Schußgeldvorschlag Schneiders bisher auch von Württemberg stoch nicht genehmigt wurde. — Der außerordentliche Professor Dr. Behrend Pick in Zürich ist zum dritten Beamten an der herzoglichen Bibliothek und zum zweiten Beamten am Münzkabinet in Gotha unter Verleihung des Dienstprädikats Professor und Bibliothekar ernannt worden. — Am 15. d. wurde die israelitische theologische Lehranstalt in Wien in Gegenwart des Kuratoriums feierlich eröffnet. — Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien veranstaltete aus Anlaß des 100. Geburtstages des verewigten I. N. Mannheimer, Seelsorgers dieser Gemeinde, am 17. Oktober Abends Uhr im Bethause der Seitenstettengasse eine würdige Gedenkfeier. — Graf Edmund Zichy schloß eine Ansprache, welche er aus Anlaß des füufundzwanzigjährigen Jubiläums der Kunstgewerbeschule an den Protektor Herrn Erzherzog Rainer richtete, mit folgenden Worten: „Ich schließe mit einem Wunsche: Durch fünfundzwanzig Jahre herrschte hier Friede, und die Pest unseres Jahrhunderts, der Religions- und Nationalitätenhader, fand hier keinen Eingang. Möge es in den nächsten fünfundzwanzig Jahren auch so bleiben!" — Kaiser Wilhelm hat dem leitenden Direktor der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft, Herrn Ludwig Ullmann de Ereny, eine mit Diamanten reich gezierte, goldene Dose, überreichen lassen. Ferner verlieh der Kaiser dem Betriebsdirektor der Südbahn, königlichen Rath Maximilian Bram Ritter von Pardany, den Rothen Adler-Orden dritter Klasse. — Für die französischen Kolonien wurde ein neuer Posten creirt, und zwar der eines General-Inspektors für den öffentlichen Unterricht. Ein Glaubensgenosse, Herr Wahl, der Geschichtsprofessor an dem Lyceum Condorcet in Paris, wurde mit dem ehrenvollen Amte betraut. — Auch England hat seine Schächtjrage. Herr Bittmann, Vorbeter und Schochet in Aberdeen, hatte sich bei Gericht zu verantworten, infolge einer Anklage, nach welcher er sich bei Tödtung von Ochsen nach jüdischem Ritus einer ausgesuchten Grausamkeit schuldig gemacht haben soll, indem er die Thiere in ungeschickter Weite schlachtete, so daß diese unnöthigerweise litten, bevor sie tobt waren. Der Oberrabbiner von England sandte ein Schreiben, daß er überzeugt sei, es werde in Schottland, wo die heilige Schrift in so hohem Ansehen stehe, sicher nichts unternommen werden, um seine Glaubensgenossen in der Ausübung von dem, was ihnen ihre Religion gebiete, abzuhalten. Er fügt hinzu, daß auch in London nach jüdischem Ritus geschlachtet werde, ohne daß je Einwände dagegen erhoben wurden. — Die Lage der Juden in Rumänien ist eine so traurige, wie die der Juden in Rußland. Nur 364 jüdische Familien sind naturalisirt, die übrigen Juden werden insgesammt als „Fremde" behandelt, die jede Minute auf ihre Ausweisung vorbereitet sein müssen. So lange sie jedoch ein Ausweisungsdekret nicht in Händen haben, sind diese „Fremden" verpflichtet, Steuern zu zahlen und Militärdienste zu leisten. In Jassy leben 90,000 Einwohner, darunter 75,000 Juden. Bon diesen sind im Ganzen 19 Familien naturalisirt, die übrigen sind recht- und heimathslos, obwohl sie viel zur Hebung des Wohlstandes Rumäniens beitragen, da Jassy nach Galatz und Braila den größten Exporthandel betreibt. Diesen 75,000 Juden wurde von Rumänien bis vor einigen Jahren sogar ein Begräbnißplatz verweigert; man mußte die Todten, gleich einer Waare in Kisten verpackt, nach Oesterreich und Rußland zum Begraben exportiren. Erst in neuester Zeit konnten die Juden in der Nähe von Jassy ein Gut ankaufen, das zu einem Fried Hofe verwendet wird. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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