Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228027--50232-3271835- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 England, Graf Bernstorff aus Berlin und Cx-Hofprediger Stöcker, Dr. Karl v. Bergen aus Schweden, d'Hcrrmala, den Sekretär der Maha Bodhi Gesellschaft in Indien, der in seinem lang herabwallenden Haar und weißen Brahmanengewande eine interessante Erscheinung bildete. Indisches Professorenthum war durch Chakranasti vom Allahabad-College vertreten. Einige Gelehrte aus Madrid waren ebenfalls erschienen, auch Japan erfreute den Kongreß sowohl mit Delegaten der Buddhisten als auch der Shinto-Sekten. Präsident Bonney eröffnete den Kongreß, der Methodistenprediger Burrons folgte ihm, worauf Erzbischof Fechan einige Worte sprach. Auch der Kardinal Gibbons und der Präsident Higuibotham begrüßten den Kongreß. Der Erzbischof von Zante-Griechenland pries das Land, das einen solchen Kongreß überhaupt möglich machen konnte. Stöcker hielt alsdann einen längeren Vortrag über das Volk der Reformation diesseits und jenseits des Meeres. Andere Redner waren Professor Wolf von Gettysbury, Professor Ort von Springfield und ein schwedischer Lutheraner. Am folgenden Tage sprach Charles a Briggs, der vom General assembly der presbyterianischen Kirche verfolgte Prediger, über „die Zuverlässigkeit der heiligen Schrift"; er schloß mit den Worten: „Gegen die wissenschaftliche Kritik der Schrift könne man mit Glauben absolut nichts ausrichten!" Tann folgte der hervorragende katholische Theologe Msgr. Seton von Newark und Rabbiner G. Gottheil von New-Jork. * Chicago, Anfangs September. Ueber den i sr a el it i scheu Frauen-Kongreß anläßlich der Weltausstellung berichtet die„Deborah": Durch die unausgesetzten Bemühungen der Frau Henry Solomon von Chicago und einiger anderer gleichgesinnter Frauen wurde diese große Idee ins Werk gesetzt und auch mit äußerster Umsicht ausgeführt. Aus allen Theilen der Union wurden bedeutende jüdische Frauen herangezogen und eingeladen, sich bei den Berathungen des Kongresses zu betheiligen. An hundert Frauen aus allen größeren und vielen kleineren Städten leisteten dieser Aufforderung Folge, und es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn behauptet wird, daß wohl noch nie so viele in der Neuzeit bedeutende, wissenschaftlich gebildete jüdische Fraueil sich zusamnlenfandeu als hier. Die vier Tage des Kongresses enthielten folgendes Programm: Gebet, gesprochen von Frl. Ray Frank.: Gedicht, gewidmet von Frau Miriam del Banco; „Bedeutende jüdische Frauen bis zum 15. Jahrhundert", Frau Louise Mannheimer von Cincinnati, deren vortreffliche Abhandlung von ihrer lieblichschönen Tochter Fräulein Mannheimer verlesen wurde, da die Verfasserin erkrankt war; Frau Helen Kahn Weil von Kansas City brachte eine Abhandlung über „Jüdische Frauen von 1500 bis zur Neuzeit", welche von tiefem Studium unb klarer Anschauung zeugte. Interessante Diskussionen, an denen auch Frau Beecher Hooker theilnahm, schlossen sich den Vorträgen an. Der zweite Tag brachte Fräulein Ray Frank's (aus Oakland, Cal.), einer Studentin des Hebrew Union College, geist- und gemüthvollen Vortrag über „Jüdische Frauen in der Synagoge", und „Einfluß der Entdeckung Amerikas auf die Juden", eine wissenschaftlich verarbeitete Abhandlung von Frau Pauline H. Rosenberg von Alleghany, Pa. Fräulein Julia Richman von New-Iork schilderte ihre Erfahrungen auf dem Felde der Arbeiterversorgung, speziell der russischen Emigranten. „Einflllß der jüdischen Religion auf das Haus" war das von Fräulein Mary Cohen von Philadelphia gewählte Thema, woran sich Diskussionen schlossen Die Vorlesung eines Gedichtes von Fräulein Cora Wilburn von Boston, einer Dame von 68 Jahren, eröffnete die Verhandlungen des dritten Tages, worauf Frau Eva Stern von New-Iork einen Vortrag, zeugend von ernstem Bibelstudium, hielt: „Barmherzigkeit nach dem mosaischen Gesetz"; hieran schloß sich ein Vortrag von Frau Carry Shevelson Benjamin von Denver, Colo., „Die Stellung der Frau zu der Wohlthätigkeit, was sie ist und was sie sein sollte", der so meisterhaft in Ausarbeitung, so ausgezeichnet im Vortrag war, daß nach seiner Beendigung in der dichtgedrängten Halle ein Beifallssturm losbrach, der sich erst nach einigen Minuten legte. Die hieran sich schließenden Diskussionen von Fräulein Bamber von Boston und Frau Navra von New Orleans waren hochinteressant und boten viele neue Gesichtspunkte. Ebenso hbrenswerth und interessant waren die Vorträge von Frau Minnie Louis von New-Iork, „Missionswerk unter den jüdischen Emigranten", und Frau Laura Jacobson's (von St. Louis, Mo.) „Wie können wir Nationen beeinflussen, gegen die Unterdrückung der russischen Juden zu protestiren". Die hieran sich schließenden Diskussionen wurden meisterhaft von Fräulein Lillie Hirjchfield von New-Iork geleitet. Sehr interessant waren die hierauf folgenden Ansprachen des Erzbischof Jreland, des Unitarier Jones und des Rabbiner Dr. Emil Hirsch von Chicago. Der Kongreß organisirte sich zu einer permanenten Organisation durch Erwählung der Frau Henry Solomon zur Präsidentin, und Frl. American, welche eine sehr gute Abhandlung über Organisation vorlegte, als Sekretärin. Der Name für die neue Organisation ist: „The Jewish Wo man's National Council“. Frau Potter Palmer und Frau Henritin, Präsidentin und Vize-Präsidentin der Frauenabtheilung der Weltausstellung, folgten den Verhandlungen mit regem Interesse. Erzbischof Jreland sprach am 7. September zu zwei großen Versammlungen des jüdischen Frauenkongreffes. Er befürwortete religiöse Freiheit für die ganze Menschheit, ohne Rücksicht auf Nasse oder Farbe. Er verdammte ganz besonders die Verfolgung der Juden in Rußland und erhielt dafür beit enthusiastischen Applaus seiner jüdischen Zuhörer. Von Nah und Fern. — Die natio nalliberale Partei hat in ihrem Aufruf zu den Landtagswahlen folgenden Passus: „Es gilt, die sicheren Grundlagen unserer Wirthschastsordnung und beit durch Verfassung und Recht anerkannten Grundsatz der Gleichheit der Staatsbürger gegen alle Umsturz- und Rückschrittsversuche der Sozialdemokraten und Antisemiten zu vertheidigen." — Die konservative Partei erwähnt in ihrem Wahlaufrufe mit keinen: Worte des Antisemitismus und der „Judenfrage", selbst die Bedeutung des Tivoliprogramms wird herabgedrückt, indem erklärt wird, in ihm seien nur die „altbewährten konservativen Grundsätze" neuerdings „festgelegt" worden. — Der Rektor a. D. Ahlwardt wird die über ihn wegen Beleidigung der Firma Löwe verhängte Gefängnißstrafe Anfangs Oktober in Plötzensee antreten. — Die Hilfskasse für Beamte der Synagogen-Gemeinden in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern zählt gegenwärtig 47 Mitglieder, die 1045 Mark jährliche Beiträge aufbringen. — In Thorn war ein Vortrag des antisemitischen Reichstagsabgeordneten Leuß angesagt, doch konnte L. nicht sprechen, da die Anwesenden die Wahl eines Bureaus verlangten, wozu sich L. jedoch nicht verstehen wollte Es entstand deshalb ein Tumult und die Versammlung wurde von der Polizei aufgelöst. Beim Verlassen des Saales wurde L. durchgehauen, da er das bezahlte Entree, welches stürmisch verlangt wurde, nicht herausgab. — Die deutsche Reformpartei hielt in Marburg eineu Parteitag ab, auf dem Dr. Böckel über Parteidisziplin und Parteiorganisation sprach und die unbedingte Unterordnung unter die Oberleitung als Prinzip aufstellte. Böckel erklärte, die Reformpartei wolle eine Besserung der Verhältnisse des Mittelstandes und fasse daher nur die Judenfrage im Rahmen der sozialen Frage an, ohne sie als Steckenpferd zu reiten. Ein Zusammengehen mit den Christlich-Sozialen, die nur eine Spielart der Konservativen seien, sei ausgeschlossen, ebenso mit den Deutsch-Sozialen. — Das Leichenbegängniß des ehemaligen Abgeordneten Heinrich Frank in Prag fand unter großer Betheiligung statt. Der Verstorbene war bis zum Jahre 1889 Landtagsabgeordneter für die Handelskammer in Budweis, Censor der Böhmischen Escomptebank, Mitglied zahlreicher gemeinnütziger und humanitärer Vereine und Eigenthümer der Tabakgroßverlagsgeschäfte in Prag, Rakonitz und Budweis. — Dem Gottesdienste am Versöhnungstage wohnten im Karlsbader Tempel unter anderen Militärs auch ein jüdischer Oberst und ein Major, die dort zur Kur weilen, an, welche allen Tagesgebeten in tiefster Andacht folgten. — In Folge der Bemühungen des Obmannes des Polen - Klubs, Ritter v. Jawor ski, hat die russische Regierung ihre letzte Verfügung, wonach israelitischen Inhabern in Oesterreich protokollirter Firmen ein längerer Aufenthalt in Rußland verboten wurde, rückgängig gemacht. — Aus der Stadt G ory-Kalvarya, Gouvernement Warschau, wird ein großes Unglück gemeldet. Am Laubhüttenfest entstand während des Gottesdienstes in der dortigen Synagoge auf dem Frauenchor in Folge blinden Feuerlärms eine große Panik. Alles drängte zur Thür, wobei vier Frauen und ein Kind erdrückt, acht Frauen schwer, viele leicht verletzt wurden. — In Konstantinopel ist ein Jude zum „Baala" (das ist gleichbedeutend mit dem Range eines Marschalls in der Armee) ernannt worden. Fürst D avud E f f end i, erster Dolmetsch des kaiserlichen Divan, dem diese hohe Auszeichnung zu Theil wurde, entstammt einer der ersten jüdischen Familien. Druck und Verlag von Rudoti Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion- Mar Bauchwih in Berlin.