Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228027--50216-3271819- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Misoellerr. * Mantegazza über den Antisemitismus. In der „Neuen Freien Presse" veröffentlicht der vielgenannte italienische Physiologe eine Studie über den Antisemitismus, in welcher er gewisse mißverständliche Auffassungen zurückweist, denen seine früheren Erörterungen ausgesetzt gewesen sind. Nach wie vor vertritt er die Ansicht, die er schon vor Jahren als Vorsitzender der anthropologischen Gesellschaft Italiens öffentlich ausgesprochen, und welche dahin lautet, daß „die antisemitische Bewegung als die größte Schmach unserer Zeit" gelten müsse. Er fährt dann in seinen Betrachtungen fort und sagt: „Ich habe lange und betrübten Sinnes über diesen blutigen Schandfleck unserer Zeit nachgedacht, der sich Antisemitismus nennt; ich habe dieses pathologische Phänomen in jeder Hinsicht genau untersucht, und es wollte mir scheinen, als genügte das Gehirn eines einzelnen Mannes nicht, um die zahllosen Seitenflächen des gigantischen Polyeders zu sehen; ja, es will mir sogar scheinen, als wäre der Geist aller gelehrten Männer der Gegenwart unzulänglich für dieses mächtige Unternehmen. Es ist eine Frage, die uns zu nahe steht: wir sehen sie, wir fühlen sie, sie bedrückt uns und quält uns, und erst unsere Nachkommen werden im Stande sein, ihr Urtheil in der reinen und ruhigen Anschauung einer klaren Perspektive geben zu können. Angesichts der großen sozialen Phänomene, der Probleme, welche die ganze menschliche Natur umfassen, angesichts der Sturmwetter, die den Schlamm des tiefen Meeres bis zu der blauen Oberfläche der Wellen emportreiben, ist es gut, weitsichtig zu sein. Unsere Zeitgenossen sind aber insgesammt kurzsichtig für das, was ihre Nase berührt. Sie sehensehr wohl das Haar, das Fleckchen, das Komma, aber sie umfassen nicht das stereoskopische Bild des Ganzen. .. . Der Antisemitismus ist eine Bewegung, die durch Furcht und Neid hervorgerufen wird! Furcht vor Allem, was stärker ist als wir. Neid gegenüber Allem, was reicher und mächtiger ist. Eine seit Jahrhunderten unterdrückte, verachtete und geschmähte Rasse hat die Beleidigungen und Schmähungen gelassen ertragen, hat die Wunden geheilt und sich nicht vernichten lassen. Vertrieben und verfolgt gleich einem Nudel Wölfe, hat sie aus ihrem Wege Verwundete und Todte zurückgelassen, aber sie hat jede Art von Krieg überlebt und jede Form von Tortur überstanden. Mit bewunderungswürdiger Widerstandsfähigkeit hat sie die eigene Solidarität aufrecht erhalten, ihre Glieder gekräftigt und denselben eine staunenswerthe Geschmeidigkeit gegeben, sich auf fast unerklärliche Weise überall akklimatisirend. Unsere Verfolgungen, die gottloserweise angeblich im Namen des Evangeliums, des humansten Buches, welches je geschrieben worden ist, unternommen wurden, haben die Juden reich gemacht; denn indem wir ihnen alle Thore der freien Künste versperrten, haben wir ihnen blos die Zugänge zur Industrie und zum Handel offen gelassen. Und so hat uns die Ruthe selbst ins Gesicht geschlagen. Denn der Handel wurde zur Nationalkunst der Israeliten, und als die Ersten in der Kunst, Geld zu finden und zu bewahren, haben sie in ihrer Mitte die größte aller Mächte der zivilisirten Völker aufgehäuft: das Gold. Auf gut gedüngtem Boden gedeiht gut jedwede Gabe Gottes, und aus dem israelitischen Felde, das durch Gold, Silber und Banknoten befruchtet wurde, wächst und gedeiht die köstlichste Pflanze unseres Planeten: die Wissenschaft. Die Zahl der großen jüdischen Gelehrten ist heute eine sehr bedeutende. In Deutschland haben wir unter ihnen die hervorragendsten Physiologen, Aerzte, Mathematikern, s. w. In Italien nenne ich Ascoli, vielleicht der erste der jetzt lebenden Philologen; Massarani, einen ausgezeichneten Schriftsteller, Dichter, Maler und Philanthropen; den ehemaligen Finanzminister Luzzatti, einen vorzüglichen Oekonomen, und viele Andere sind noch da, die ich der Kürze halber nicht nenne. Noch ein beredtes Beispiel: In der mathematischen Fakultät der Universität Berlin sind von zehn berühmten ordentlichen Professoren sieben jüdischer Konfession. (Ist nicht richtig. Anm. d. Redaktion) Doch was vermöchte nicht Alles eine Rasse, welche diese beiden Reichthümer ihr Eigen nennt: Gold und Wissenschaft?! Daher also die große Furcht, daher der große Neid, die ersten hauptsächlichsten Beweggründe des Antisemitismus! Fügen wir noch hinzu die natürliche Abneigung zwischen Raffe und Rasse, ferner einige Fehler der Israeliten — zum großen Theil Früchte unserer Verfolgungen —, und wir haben vor unseren Augen das Skelet, wenn auch noch nicht die ganze Anatomie des großen antisemitischen Problems. Die Juden sind häufig Wucherer, häufig Tyrannen im Reiche des Goldes, häufig unrein, fast immer nervös und zur Hypochondrie neigend. sehr für ihrH Gesundheit besorgt und ängstlich. Das sind die großen Fehler, die man den Juden vorwirst. Die größte Beschuldigung aber, die man den Söhnen Mosis ins Gesicht schleudert, ist, daß sie, mit einander durch eine feste, unzerbrechliche Kette religiöser, moralischer -und sozialer Freimaurerei verbunden, keine Nationalität hätten. Der Vorwurf mangelnder Nationalität ist nur zum geringsten Theile berechtigt -und enthält nicht die ganze Wahrheit, denn wir finden in Italien sowohl als auch in anderen Ländern sehr viele Juden, die einen großen Patriotismus bewiesen und ihr Blut aus dem Felde der Unabhängigkeits- und Freiheitskämpfe vergossen haben. So befinden sich, um nur ein mir naheliegendes Beispiel zu nennen, unter den „Tausend von Marsala" acht Juden, eine sehr respektable Ziffer, wenn man die geringe Zahl der in Italien lebenden Juden in Betracht zieht." In einem Schlußartikel wird der genannte italienische Forscher seine Erörterungen zu Ende bringen. Alsdann wird sich Gelegenheit bieten, des Weiteren auf die Gedanken Mantegazzas zurückzukommen. * Der Fuchs und die Fische. Die Römer erniedrigten die Größe und vernichteten die Herrlichkeit der Juden. Allein damit sich nicht begnügend, sondern ihren Namen gänzlich auszulöschen beabsichtigend, gestatteten sie ihnen nicht, die Gebote ihres Gottes auszuüben und seiner Lehre zu leben. Der zur damaligen Zeit lebende Rabbi Akiba aber versammelte um sich die nach der Lehre ihrer Väter schmachtenden Juden und predigte ihnen die Worte des lebendigen Gottes. Einst begegnete ihm Papus ben Jehuda. „Akiba — redete er ihn an — fürchtest Du nicht den Zorn der Römer, daß Du ihrem Verbote zuwiderhandelst?" „Es wundert mich — erwiederte ihm Rabbi Akiba — daß der kluge Papus solch eine thörichte Frage an mich gerichtet. Mit einem Gleichniß will ich Dir antworten. Ein Fuchs lustwandelte einst am Ufer eines Flusses und bemerkte, wie die Fische im Flusse immerwährend umherstreichen. Er ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein. Weshalb — frug er sie — gönnt ihr euch keine Ruhe, sondern taumelt fortwährend im Wasser umher? Wir fliehen — antworten sie ihm — den um uns zu fangen ausgebreiteten Netzen. Vielleicht — bemerkte der schlaue Fuchs in seiner Fürsorge ferner — entschließet ihr euch, den euch Gefahr drohenden Fluß zu verlassen, den Erdboden zu besteigen, damit auch wir, wie einst unsere Väter, bei einander wohnen und mit einander verkehren? Was! — unterbrachen ihn die sanftmüthigen Fische — daß du, der du der Klügste unter ben Thieren bist, einen so unvernünftigen Rath uns ertheilst, befremdet uns ungemein. Haben wir schon im nassen Element, wo unsere Existenz ist, für unser Leben zu fürchten, so würden wir doch bereitwillig dem Tod entgegeneilen, wenn wir es verlassen und das Trockene besteigen wollten. — Ganz so — fuhr Rabbi Akiba fort — verhält es sich nüt uns Juden. Wenn wir die Gotteslehre, die wir mit Recht den „Baum des Lebens" heißen, schätzen, würdigen, hoch und heilig halten und ihre Vorschriften ausüben, sind wir der Verfolgung preisgegeben, welche Zukunft dürften wir erwarten, wenn wir diesen Baum unseres Lebens durch Untreue und Verrath selbst untergraben würden?" ----- Adam und Eva — Neger. Ein amerikanischer Methodistenbischof hat den Beweis zu führen versucht, daß Adam und Eva Neger waren. Nach seiner Theorie herrschte zur Zeit der Erschaffung des Menschen auf dem ganzen Erdball die Temperatur des heutigen Mittelafrika, und infolge dessen waren auch unsere Stammeseltern so schwarz wie die Neger von heute. Als sich später die Temperatur abkühlte, bleichte auch die Farbe des Menschen allmälig ab. Unseren schwarzen Menschenbrüdern wird diese Theorie jedenfalls hohe Befriedigung gewähren. Ich bitte die verehrliche Redaktion um freundliche Aufnahme folgender Zeilen: Berichtigung. Auf Seite 462 (letzte Nummer d. Bl), im Artikel Li oder E?, Spalte 2, Zeile 9 muß es heißen: weshalb denn aber in hessischen; Zeile 25 ei (au anstatt o). Ratibor, 1. Oktober. Ergebenst Katz. Hochverehrter Herr Redakteur! Bitte freundlichst um Berichtigung eines kleinen Druckfehlers in der' nächsten Nummer, und zwar muß es bei den empfohlenen Schriften der Grace Aguilar heißen: „der Lohn einer Mutter", nicht „der Sohn einer Mutter"; der englische Titel ist: „the mother’s recompense“ Mit bester Empfehlung und vorzüglicher Hochachtung Breslau, 25. September. Regina Neisser.