Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 TT! sl k einen Ruf nach Bulgarien, wo er in Sofia als Dozent über römisches Recht angestellt wurde. — In Wilna, so wird uns berichtet, wurde am 26. August im Hause der Sederka die Schauspielersfrau Hurwitz von einen! christlichen Schlosser Grunow, welcher sowohl mit dem Schauspieler Hurwitz, als mit dem im selben Hause wohnenden Kollegen Hurwitz's, dem Schauspieler Belogorowski, befreundet war, nachdem derselbe von ihr erfahren hatte, daß sie 100 Rubel von ihren Eltern mttgebracht habe, ermordet und beraubt. Der Mörder wurde an demselben Tage verhaftet. -- Im Kreise Riga-Wolmar war über eine Gemeinde, welche im Walde ihr Gebet verrichtet, vom Friedensrichter eine Strafe verhängt worden. Als der „Woschod" diese Frage erörterte, nahm der Senat die Sache in die Hand und hob das Erkenntniß der Friedensrichters auf, weil die Israeliten kein Verbot übertreten hätten. — Ern griechisch-katholischer Bischof nahm ein jüdisches dreizehnjähriges Mädchen ohne Wissen der Eltern, taufte es und nahm es in seine Kirche auf. Der Vater wandte sich beschwerdeführend an den Kaiser. Infolge dessen wurde die Angelegenheit untersucht, richtig befunden und im Allerhöchsten Aufträge das Kind den Eltern und seiner Religion wieder zugeführt. Außerdem erging vom ersten Staatsanwalt des Zarenreiches ein Cirkular an alle gläubigen Geistlichen, kein Kind anderer Religion unter 14 Jahren ohne Zustimmung der Eltern und besondere Erlaubniß des Senats zu taufen. Amerika. n. New-Uork, 31. August. Die „Jüdische Gesellschaft junger Männer" Philadelphia scheint nunmehr in das rechte Fahrwasser nützlicher Thätigkeir eintreten zu wollen, indem sie durch passende Maßnahmen das Interesse an jüdischer Religionswissenschaft zu haben sucht Als eine derartige Maßnahme ist die Preisausschreibung von 50 Dollars für die beste Abhandlungen folgenden Inhalts: 1. „Die jüdische Litteratur während der Periode der protestantischen Reformation", 2. Die Wissenschaften im Talmud" zu betrachten. Die Abhandlungen müssen englisch. Original auf einer Seite geschrieben und vor dem 1. April 1894 an Dr. M. Jastrow, Philadelphia, eingereicht sein. Dr. Jastrow, Dr. H. Gottheil (New-Zork) und Dr. B. Felsenthal (Chicago) werden als Preisrichter fungiren Auf dem allgemeinen Religionskongreß in der Weltausstellungsstadt werden von jüdischen Frauen folgende Abhandlungen zur Verlesung kommen: 1. Fräulein Henriette Bizold-Baltimore, „Was hat das Judenthum für das Weib gethan?", und 2. Frau Josephine Lazarus, „Unsere Hoffnungen für das Judenthum". — Herr Stöcker ist soeben hier eingetroffen und ohne hier Aufenthalt zu nehmen, nach der Weltausstellungsstadt abgereist, wo mit dem morgigen Tage bekanntlich der Kongreß aller Religionen beginnen wird. Der Hofprediger hat das Versprechen gegeben, dort nicht „in Antisemitismus zu machen", sondern nur im Dienste der Mission zu wirken Der Antisemitismus würde ihm hier auch sicherlich nicht gelingen, weil die Bürger im Allgemeinen nicht dazu angelegt und auch viel zu intelligent sind, um sich um Religionsunterschiede zu kümmern. Außerdem stehen hier nicht nur die Juden, sondern auch das Judenthum in großem Ansehen. n. Chicago, 1. September. Programmmäßig fand die Eröffnung des jüdischen Religionskongresses statt. Viele der angesehensten und bedeutendsten Israeliten des Landes waren vertreten, und aus dem hier folgenden Berichte kann man ersehen, daß die Vorträge von Bedeutung waren Sonntag Nachmittag um 3 Uhr wurde in der Columbus-Halle der Kongreß durch eine Ansprache des Präsidenten des Weltausstellungskomitees C. C. Ronney eröffnet; worauf alsdann eine Ansprache dB Vorsitzenden des Religionskongresses folgte. Auf die Verlesung eingelaufener Briefe folgte alsdann der Vortrag von Dr. Köhler: „Synagoge und Kirche, ihr gegenseitiges Verhältniß in Beziehung auf ihre ethischen Lehren." Abends 8 Uhr hielten Rabbiner Dr I. M. Wise und Josef Silvermann die angekündigten Vorträge. Am Montag Morgens 10 Uhr sprachen Professor Dr. Mielziner und Professor Dr. G. Deutsch über ihre angemeldeten Themata. Montag Nachmittag kamen die sehr interessanten Vorträge über die „Organisation — was kann sie für's Judenthum thun" zur Verhandlung, bei welcher Gelegenheit außer den Herren DDr. Berkowitz und Eldridge auch Fräulein Henriette Lizold über „Eine jüdische Verlags-Gesellschaft" sprach. Abends folgten die Vorträge von den Rabbinern Sale und Landsberg. Am folgenden Morgen sprach Rabbiner Clifton H. Levy über „Allgemeine Ethik in Uebereinstimmung mit Professor Steinthal", woran sich der von Rabbiner Dr. Kohut arrgemeldete Vortrag: „Ethisches Judenthum" schloß. Um 3 Uhr Nachmittags und Abends beherrschte die Organisationsfrage das Interesse. Es wurde über Sabbath, Schulen-Vereine, Studium der nachbiblischen Geschichte. Handwerkerschulen, gemeinsame koloniale Ansiedelung, Volkslektüre, Hand fertigkeitsschulen und „persönliche Dienstgesellschaften" gesprochen. An Mittwoch folgten alsdann die Vorträge von Rabbiner Schnab über dü „Messiasidee" und von Rabbiner Dr. Schreiber (Toledo): „Die Geschichü der Juden im 19. Jahrhundert". Alsdann wurde der Kongreß nach den: üblichen Schlußworte des Vorsitzenden geschloffen. Man hatte von den: Kongreß allerdings mehr erwartet, und wenn man auch nicht sagen kann, daß er im Sande verlaufen ist, so hat sich doch das allgemeine Jnteressi eigentlich nur auf die dort gehaltenen Reden konzentriren müssen. Von Nah und Fern. — Der praktische Arzt Dr. Bernhard Gordan, hier, ist zum Sanitätsrath ernannt worden. - Der in Folge eines gegen ihn wegen Beleidigung des Finanzministers Miquel eingeleiteten gerichtlichen Verfahrens seit einiger Zeit von Berlin nach Rumänien abwesend gewesene Herr Ludwig Schwennhagen, der Eideshelfer des Abg. Ahlwardt für die Beschuldigungen gegen die preußische Finanzverwaltung, ist hier wieder eingetroffen, angeblich um den Untersuchungsrichter zu Moabit persönlich um die Wiederaufnahme des durch seine „Reise" nach Rumärrien unterbrochenen gerichtlichen Verfahrens zu ersuchen. — Auf Antrag des Professors D. Strack ist, wie ein christlich-soziales Blatt meldet, gegen den hiesigen Verein Deutscher Studenten wegen der Streichung des genannten Professors aus der Liste der Ehrenmitglieder des Vereins bei dem akademischen Senat das Disziplinarverfahren anhängig gemacht worden. - In Sachen des Ingenieurs Carl Paasch sind beim kaiserlichen Civilkabinet drei Immediatgesuche eingegangen, worin deutsch-soziale Vereine zu feinen Gunsten die kaiserliche Intervention nachsuchen. — Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" melden, die Polizeibehörde habe eine Versammlung verboten, in welcher Ahlwardt den Fall Paasch besprechen sollte, und zwar aus dem Grunde, weil die Persönlichkeit Ahlwardts nicht Gewähr leiste, daß die Versammlung ohne erhebliche Störung verlaufen und das Maß der erlaubten Kritik nicht überschreiten würde. Das Paasch-Komitee legte gegen das Verbot Beschwerde ein. — Sehr schlecht ist es kürzlich den Antisemiten in Oberbilk ergangen. Sie hatten dort eine große Volksversammlung anberaumt und sich die bekannten Führer Bachler und Wilberg als Redner kommen lassen. Sie mußten aber der Düsseldorfer „Bürger-Zeitung" zufolge den großen Schmerz erleben, daß die sehr zahlreich besuchte Versammlung, nachdem den beiden Herren in der Debatte gehörig die Wahrheit gesagt worden war, folgende Resolution annahm: „Die heute bei Figge in Oberbilk tagende Versammlung erklärt nach Anhörung der beiden Referenten Dr. Bachler und Wilberg, daß im Antisemitismus kein Heil zu finden, daß dieser vielmehr eine reaktionäre Partei sei, von welcher das rheinische Volk nichts wissen will." — In Hamburg wurde die fünfzigjährige Jubiläumsfeier des Israelitischen Krankenhaus es begangen. Unter den zahlreich Erschienenen bemerkten wir den Vertreter des Senats Herrn Syndikus Dr v. Mölle, frühere und gegenwärtige Aerzte des Krankenhauses rc. — Wie das „Antis. Volksbl." berichtet, erscheint in Magdeburg vom 1. Oktober d. I. ab eine antisemitische Zeitung unter dem Titel: „Magdeburger Reform." — In Nürnberg hatte sich vor dem Schwurgericht wegen Sittlichkeitsvergehens zu verantworten der achtundfünfzig Jahre alte „Schriftsteller" Adam Weber, Redakteur des Antisemitenblattes „Freier Beobachter" in Fürth. In der Verhandlung wurde nun festgestellt, daß Weber wegen Betrugsversuchs, sowie verschiedener Vergehen gegen die Sittlichkeit zahlreiche Gefängnißstrafen verbüßt und etwa fünf Jahre hinter Schloß und Riegel zugebracht hat. Das Gericht erkannte auf eine Zusatzstrafe von drei Monaten Gefängniß. — Anläßlich der Anwesenheit unseres Kaisers in Stuttgart ist der dortige Brandmeister Jaeoby, Sohn des stellvertr. Vorsitzenden des Repräsentantenkollegiums in Magdeburg Herrn Adolf Jacoby, mit dem Kronenorden dekorirt worden. — In London ist der Baron Joseph Montefiore, ein Vetter des berühmten Philanthropen Moses Montefiore, im Alter von 91 Jahren gestorben. — Am 21. September begann vor dem Kreisgericht in Rahowo ein Prozeß wegen des Blutmärchens in Wratza, wobei einige Juden wegen eines angeblichen Ritualmordes an einem Christenmädchen angeklagt sind. Druck und Verlag von Rudolf MoNe ui Berlin Verantwortlich für die Redaktion - Mar Bauckwit; in Berlin