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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-15 · Heft 37 (15.9.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Angelegenheiten nothwendig sein sollte. In gewissen besonderen Fällen wird diese Verlängerung selbst über das letztbezeichnete Datum hinausgehen können. Familienlose Greise, die das siebzigste Lebensjahr überschritten haben, werden von der Ausweisungsmaßregel nicht betroffen werden, ohne das; aber die Wohlthätigkeits-Jnstitute der Wohnorte der betreffenden Greise zur Unterstützung derselben verpflichtet sein werden. -Aach der anderen telegraphischen Meldung soll der Kriegsminister die unverzügliche Ausweisung aller Juden aus dem Kuban- und Terekgebiet Im Kaukasus) befohlen haben, ohne Ansehen der Person und des Berufs. Die Juden sollen sich schriftlich verpflichten, daß sie binnen vier Wochen das Land verlassen werden. Wo die lokalen Behörden einen Aufschub bewilligt hatten, soll dieser aufgehoben und der Ausweisungsbefehl binnen vier Monaten ausgeführt werden. Die strenge Durchführung der Maßregel ist angeordnet und für Verschleppungen strenge Strafen angedroht. Zugleich ist jüdischen Händlern verboten worden, sich in genannten Gebieten jemals wieder niederzulassen. Türkei. eue. Konstantinopel, 24. August. Gegenwärtig weilt in unserer Mitte ein Glaubensgenosse aus den; Dorfe Batnwra, welches in Kurdistan «den; alten Assyrien) zwischen dem Tigris und dem persischen Grenzgebirge Zagros, südlich von dem 45,000 Einwohner zählenden Mosul, der Hauptstadt voll Al-Dschesira, gelegen ist, neben welcher sich bekanntlich am linken Tigrisuser das Tors Rimrud erhebt, welches an die ehemalige assyrische Königsstadt "Ninive erinnert. Jacob den Jesaja ist von seiner Gemeinde hierher entsendet worden, um durch die Fürsprache unseres Oberrabbiners den Schuh der türkischen Regierung zu erlangen. Ich will den Lesern Ihrer werthen Zeitschrift die einzelnen interessanten Mittheilungen, die mir von ben Jesaja über seine Gemeinde gemacht worden sind, nicht vorenthalten. Batuwra ist ein hundert Häuser zählendes Dorf, welches ausschließlich von Juden bewobnt ist, es liegt am Fuße eines Berges, welcher wegen einer auf demselben gelegenen Ruine einer alten Ritterburg zu einem beliebten Ausflugsorte geworden ist. In den benachbarten Dörfern wohnen Mohanuuedauer und Christen. In dem Dorfe befindet sich eine Höhle, welche den Rainen „Höhle des Elijahu Hanabi" (des Propheten) führt. Dieselbe ist sowohl den Juden als auch den Muselmännern heilig. Die Sprache dieses ausschließlich von Inden bewohnten Dorfes ist die aramäische. Die Bewohner halten sich für "Abkömmlingeder ersten Verbannten aus Inda, welche ins babylonische Exil vertrieben worden sind. Sie sind wohlhabend: die Hälfte der Einwohner sind Händler, die Anderen Arbeiter. Die Lebensrnittel sind dort äußerst billig. Die Bewohner haben täglich regelmäßige Zusammenkünfte auf wenige Stmrden, in welchen Bibel und Talmudstudium gepflegt wird. Auch zwei jüdische Schulen, welche insgesammt von 150 Kindern besucht werden, in welchen in aramäischer Sprache gelehrt und unterrichtet wird, besitzt das Dorf. Auf seiner Hierherreise hatte ben Jesaja Gelegenheit, verschiedene Gemeinden mit 100, 300 und 500 Einwohnern zu treffen, die ebenfalls nur aramäisch sprechen. In Orpha (dem alten biblischen Ur-Kasdim) fand er sogar eine 1000 Seelen zählende jüdische Gemeinde vor. — Unser Oberrabbiner wandte sich an die Regierung, welche bei dieser Gelegenheit wieder einmal einen Beweis ihrer humanen Gesinnung ablegte, indem sie unserem Glaubensgenossen ein Empfehlungsschreiben an den Stadtpräfekten in Mosul mitgab, in welchem ihm auferlegt wurde, dem jüdischen Dorfe seinen Schutz angedeihen zu lassen. ri. Jerusalem, 26. August. Unser Oberrabbiner besuchte in Begleitung des Banquiers Valero diese Woche den Saddas Pascha, um ihn anläßlich des ihm vom Sultan verliehenen Osman-Ordens zu beglückwünschen. — Eine türkische Frau besuchte diese Woche einen Juden in Begleitung ihres Knaben, um verschiedene Einkäufe zu besorgen. Als dieselben beendet waren, war der Knabe plötzlich verschwunden. Die Frau suchte im Hause und auf dem Hofe nach ihrem Kinde — doch vergebens. Sie ging, und bald darauf erschien der Manu im Hause des Israeliten, um nach dem Knaben zu forschen. Auch suchte der Türke in der Wohnung eines anderer! in demselben Hanse wohnenden Juden, hierbei gerieth der Vater des vermißten Kindes rnit dem Israeliten in Streit. Letzterer behauptet, von ihm geschlagen worden zu sein, auch soll der Türke ihm gedroht haben, er werde ihn ermorden, wenn er ihm nicht sein Kind herausgeben würde. Mittlerweile wurde das Kind auf der Straße gefunden und zu seinem Vater gebracht. Ter Israelit, ein österreichischer Unterthan, hat nun den Schutz des österreichischen Konsuls wegen der ihm widerfahrenen Schmach nachgesuchR f. Jerusalem, 24. August. Die Regierung hat soeben eine neue Brücke über den Jordan fertiggestellt, welche den Verkehr zwischen Jerusalem und den jenseits des Jordans gelegenen Thälern erleichtern soll, da Jerusalem von demselben Getreide und Früchte zu beziehen gezwungen ist. Die Brücke ist aus Holz im amerikanischen Stil errichtet, 65 Meter lang und 45 Meter breit. Auch auf dem Wege von Jaffa nach Sichern ist in der Nähe vor. Sarona rnit dem Bau einer neuen Brücke begonnen worden, deren Entwurf und Ausführung Eiffel gegen 60,000 Fr. übernommen hat. Außerdem sind von der Regierung für die Bessergestaltung der Landstraße von Jaffa nach Jerusalem 100,000 Fr. ausgeworfen worden. Von Nah und Fern. ^-7 Der Kupferstecher Professor L. Jacoby hat den Kronenordeu vierter Klasse erhalten. — Der „Verein deutscher Studenten" hm Professor Dr. H. L. Strack aus der Reihe der Ehrenmitglieder gestrichen, weil derselbe nach Auffassung des Verbandskonvents der Vereine deutscher Studenten nicht deren grundsätzlichen Standpunkt, namentlich in der Judenfrage, theilt. Professor Strack wird sich zu trösten wissen! - Das Begnadigungsgesuch des Redakteurs und Herausgebers der antisemitischen „Reuen Deutschen Zeitung", Erwin Bauer, der wegen. Beamtenbeleidigung aus Anlaß des Xcrntener Knabenmordprozesses zu sechs Wochen Gefüngniß verurtheilt worden war, ist vom Könige von Sachsen zurückgewiesen worden! — Am 27. v. Mts. wurde in Himmelgeist bei Düsseldorf der in weiten Kreisen geachtete Herr M. Meyer mit großen Ehren zu Grabe geleitet. Der Verstorbene ha: als Soldat die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mitgemacht und, was selten der Fall sein dürfte, in demselben 39. Jnf.-Regiment gestanden, in welchem sein Vater diente und jetzt zwei seiner Söhne nacheinander ihrer Dienstpflicht genügen. — Der diesjährige deutsche Sozialisten kougreß in Köln wird sich mit der Frage des Antisemitismus beschäf Ligen. Der Vortrag von Bebel: „Sozialdemokratie und Antisemitismus'' wird bestinlmt auf die Tagesordnung kommen. — Die israelitische Kinderheilanstalt in Bad Nauheim ist bereits in ihre dritte Kurperiode eingetreten und beherbergt zur Zeit 14 skrophulösc Mädchen, die alle unentgeltlich behandelt werden. — Die Schluß Verhandlung in dem Prozesse gegen Paulus Mayer und di> Mitangeklagten Pfarrer Dr. Deckert in Weinhans und Franz Doll verantwortlicher Redakteur des „Vaterland", findet am 15. und 16. d. M vor dem Wiener Schwurgericht statt. Die Anklage vertritt Dr. Jose^ Kopp, die Bertheidigung des Pfarrers Dr. Deckert hat Dr. Porzer über nonnnen, während Dr. Pattai für den verantwortlichen Redakteur Dol! intervenirt. Für den Angeklagten Paulus Mayer wurde als offizieller Vertreter Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Emanuel Pollak bestellt. — De; vor einiger Zeit begründete „czechisch-jüdische Rationalverein" ir Prag hielt seine konstituirende Generalversammlung ab, zu welcher etwe 200 Theilnehmer erschienen waren. Bisher sind 400 Anmeldungen zum Vereine erfolgt. Ortsgruppen auf dem Lande giebt es 21. Die Organi sation weiterer Ortsgruppen ist im Zuge. Zum Obmann wurde einstimmig der ehemalige Neichsraths-Abgeordnete Professor Dr. Zucker gewählt. Es wurde auch beschlossen, an alle Kultusgemeinden in ezechischen Gegenden czechische Musterstatuten zu versenden, damit die ezechisch. Geschäftssprache eingeführt werden könne. Der Oberrabbiner üoii Amsterdam, Dr. I. H. Dünner, ist am Geburtstage der Königin zum Ritter des niederländischen Löwen ernannt worden. Herr Stöcker welcher in Folge einer Einladung smarter Iankees sich auf der Chicago er Weltausstellung produziren wird, scheint in der neuen Welt, wo er vor einigen Tagen eiugetroffen ist, nicht sehr freundlich empfangen zu sein. Die Newyorker Staatszeitung vom 2. September schreibt: „Pastor Stöcker, der Original-Judenfresser, kommt nächste Woch^ hier an. Wenn der Mann herüberkommt, um zu agitiren, dann wird er hier nur wenig Sympathien finden — wir haben momentan am eigenen Agitationsmaterial genug und mehr als genug zur Hand. Wir brauchen momentan Apostel der Nächstenliebe und Duldsamkeit, nicht Prediger des Neides und Hasses." — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Präsidenten der israelitischen Gemeinde zu Alexandrien, Baron Jacques L. Menasa, den Orden der eisernen Krone verliehen. Druck und Verlag von Rudolf Mvsse in Berlin Verantwortlich für bte Redaktion - Mar Baucbwit; in Berlin.

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