Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 „Ehrfurcht und Nationalismus", Dr. Gros; mann von Detroit: „Stellung der Juden zur Wissenschaft der vergleichenden Sprachforschung", Dr. Schwab von St. Joseph (Missouri): „Die Messias-Idee von ihren friihesten Anfängen bis zum Anfang des Ehristeuthmns", Professor Bamberger von Chicago über: „Handfertigkeits-Unterricht". Marokko. ng. MogadiZr, 18. August. Leider bin ich immer noch nicht in der Lage, eine frohe Botschaft aus Marokko bringen zu können. Die Lage unserer Glaubensgenossen ist immer noch so traurig wie bisher. Mißhandlungen, Plünderungen und Berandungen stehen leider in diesem barbarischen Lande, in welchem keine Richter vorhanden sind, selbst wenn auch die Kläger erscheinen, auf der Tagesordnung. Vergangene Woche erst wurden zwei Juden ohne jeden Grund je 100 Stockschläge ertheilt. Irgend eine von wem immer auch ausgesprochene Verdächtigung gegen einen Juden veranlaßt die „weisen Richter" hierorts, ohne Verhandlung und ohne Beweise die Zuchtruthe gegen uns in Anwendung zu bringen. Die Juden sind so gut wie „vogelsrei" erklärt. Ihnen gegenüber gilt das Faustrecht. Raub, Mord und Todschlag bedarf keiner Sühne, wenn die den genannten Verbrechen zum Opfer Gefallenen Juden waren. Unweit Tanger überfielen dieser Tage mehrere Mauren den unter französischen! Schutze stehenden Israeliten Cohen, ermordeten ihn und beraubten ihn nach dem Grundsätze, das; in dem Lande, in welchem für Juden kein Richter vorhanden, die Mörder eines Israeliten auch zum natürlichen Erben berufen sind, bis auf's Hemd. Tie von den; französischen Konsul eingeleiteten Schritte haben zu einem diplomatischen .Konflikt zwischen Frankreich und Marokko geführt. Der französische Konsul, welcher, wie hier lobend erwähnt werden soll, sich bereits wiederholt für das Wohl der Juden ins Mittel gelegt hat, verlangte von dem Sultan eine genaue Ausnahme des Sachverhalts zwecks Bestrafung der Mörder, auch verlangte er eine ähnliche Genugthuung, wie sie im Jahre 1892 nach der Ermordung eines britischen Kaufmanns gegeben worden ist. Ter „weise Sultan" von Marokko aber hüllte sich in Schweigen, und scheint es, daß er es dieses Mal darauf ankounnen lassen will. Frankreich hat ein Ultimatum gestellt, alsdann soll mit Repressalien vorgegangen werden. Hoffentlich wird der diplomatische Konflikt den judenfresserischen Sultan von Marokko wenigstens zur Vernunft bringen Usn Nah und Fern. Um einen; tiefgefühlten Bedürfnis; abzuhelfen, wird hier angeblich die Gründung eines radikal'antisemitischen Blattes unter der Redaktion von Ahlwardt beabsichtigt. Das bisherige Organ der Antisemiten soll den entschiedenen "Antisemiten in den wirthschaftlichen Fragen zu konservativ und reaktionär sein, Alle Gegner des "Antisemitismus können nur wünschen, das; das „zielbewußt" antisemitische und antifeudale Blatt unter Chefredaktion des wackeren Ahlwardt wirklich iu die Erscheinung tritt. — Ter antisemitische Ingenieur Paasch, welcher bekanntlich vom Gericht für verhandlungsunfähig erklärt wurde, ist nunmehr aus der Untersuchungshaft entlassen. Derselbe wurde jedoch am 4. d. M. Morgens 81 ,_> Uhr im hiesigen „Westend- Hotel" durch zwei Beamte der politischen Partei von Neuem verhaftet und nach dem Polizeigefängniß am Alexanderplatz gebracht. Tort erfolgte sodann eine Untersuchung durch den Kreisphpsikus und im j Anschluß hieran seine Uebersührung nach der Irrenanstalt in Dalldorf. Das Gutachten der Charitö-Aerzte, die Paasch sechs Wochen untersucht hatten, lautete dahin, daß Paasch an fixen Ideen leide und für seine Handlungen deshalb nicht verantwortlich im Sinne des Straf-? gesetzes sei: für gemeingefährlich wurde Paasch aber nicht befunden. —! Der Begründer der „New-Porker Handelsztg " Herr Moritz Mepcr! ist um 8 d. Mts. im 78. Lebensjahre hier gestorben. — Der Antisemit! William Wauer, der frühere Besitzer der „Reuen deutschen Zeitung", der sich schon seit längerer Zeit auf der Flucht befindet, um sich einer gegen ihn verhängten zweimonatlichen Gefüngnißstrafe zu entziehen, wird jetzt auch vom Leipziger Landgericht wegen zweier Wechselfordernngen j steckbrieflich verfolgt. - Der „'Anhalter Staats-Anzeiger" in Dessau bringt § an der Spitze des Theiles „Aus "Anhalt" folgende Nachricht: „Zn den Leichenfeierlichkeiten in Gotha ist auch Herr Baron v. Cohn durch folgendes Telegramm des Hofmarschallamtes in Gotha eingeladen worden: „Seine Hoheit soeben verschieden, lade im Höchsten Aufträge zu den Beisetzungsfeierlichkeiten nach Kobnrg ein. Erbitte Nachricht bezüglich Eins treffen nach HofmarschallamtKoburg. Quartier bereit. Prinz Bentheim." - - Herr Rabbiner Dr. S. Gelbhans hat in dieser Woche sein neues Amt als Rabbiner und Prediger im Tempel des IX. Bezirks in Wien angetreter. An den Feiertagen wird im Prager Tempel Herr Dr. A. Kaminka, der eben von einer Studienreise aus Oxford zurückgekehrt, predigen. - Unter den Deputationen, die Fürsterzbischof Dr. Kohn am 25. v. M. in Bisenz begrüßt haben, befand sich auch eine Deputation der ifrae litischen Kultusgemeinde. Auf die Ansprache des Rabbiners Dr. Jacoi, Spira antwortete er: „Seien Sie versichert, daß ich stets im Geiste meinem heiligen Kirche, die ja Liebe lehrt, wirken werde, und daß ich stets treu bleiben werde den Traditionen meiner Vorgänger, die ja auch in diesen, Sinne wirkten." — Pater Eichhorn, der Pfarrervon Flörsdorf, der Gründer der christlichsozialen Partei in Oesterreich, ist Gegenstand eine : Disziplinar-Untersuchung geworden, die sich mit seinem hier nicht näher zu erörternden Verhältnis; zu einem schulpflichtigen Mädchen befaßt. Man hatt seine Entfernung von der Höfleiner Ortsschule verlangt und das Konsi storinm gab der Forderung nicht nur nach, sondern verfügte, daß Eichhorn überhaupt nicht mehr als Religionslehrer an Schulen thätig sein dürfe Es ist jener Pater Eichhorn, der öffentlich geäußert hat, er würde keinem Beichtenden, der einen Juden bestohlen, die Absolution verweigern. - Zwischen dem Baron Franchett i, dem Komponisten der Opern „Asrael" und „Cristoforo Colombo", dessen Mutter eine Tochter des verstorbenen Baron Mayer Rothschild in Wien ist, und dem Bankier Goß aus Genua, einem bekannten Lebemann, fand in Reggio Emilia ein Säbelduell statt Baron Franchetti wurde am Halse schwer verwundet; sein Zustand iß nicht unbedenklich. Tie Bedingungen des Duells waren sehr schwere. Di« Ursache des Zweikampfes war auch den Zeugen verschwiegen worden. — Dem Fabrikanten Isidor Gold der g in St. Petersburg ist in Anerkennung seiner Verdienste um die Förderung des Druckereimaschinenbaues in Rußland - erst im vorigen Monate verschickte Herr Goldberg aus seiner Maschinenbauanstalt die 250. Schnellpresse — der St. Anrien- Orden dritter Klasse verliehen worden. — Laffon, ein Angestellter der Firma Rothschild, hatte Boisandre, den Redakteur der autisemitischen „Libre Parole", wegen Beleidigung gefordert. Beim viermaligen Kugelwechsel wurde Boisandre durch einen Prellschuß au; Unterleib getroffen. -- Der bekannte Finanzmann Hermann Graf 9kafsalowitsch, der Vater des russischen Staatsrathes und Finanzagenten bei der russischen Botschaft iu Paris, Arthur Grafen Raffalowitsch, ist gestorben. — Mr. John Edwards, der älteste Bewohner von Portsmouth, starb vor einigen Tagen. In einer Woche sollte er seinen 100. Geburtstag feiern. Edwards war beliebt und geachtet in seiner Gemeinde. Er hinterläßt 11 .Kinder, 05 Enkel und viele Urenkel. - Die Gesellschaft, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, die vielen in New-Port landenden russischen Flüchtlinge anderswo unterzubringen, hat die schönsten Erfolge auszuweisen. Wie der "Ackerbauverein von Connecticut, eine gewiß authentische Quelle, berichtet, haben es die verödeten Farms von Nen-England nur den russischen Juden zu danken, daß sie zu Blüthe und Wohlstand gelangen. Judianopolis, wohin vor ein paar Jahren hundert Juden versuchsweise zur Anfertigung von Möbeln gesendet wurden, nimmt rasch zu, so daß es jetzt schon eine Gemeinde von 2000 Seelen hat. In Denver ist die Zahl der das Schneidergewerbe und die Landwirthschaft Betreibenden von 20t o auf oooo gestiegen. — Das Komitee, welches danlit betraut ist, die Feierlichkeiten zum 50jährigen Jubiläum des Ordens B'nei Berith festzustellen, arbeitet schon seit mehreren Monaten an dieser Aufgabe. Das bis jetzt festgestellte Programm ist folgendes: Am Abend des 12. Oktober großes Konzert für die Mitglieder und ihre Freunde, verbunden mit einem öffentlichen Empfang im Grand Central Palace au der 4:-; Straße. Am folgenden Samstag ein Bankett und am Sonntag eine Massenversammlung der Brüder, in welcher hervorragende Redner über die Ziele und Zwecke des Ordens B'nei Berith sprechen werden. "An der Spitze des Komitees stehen als Vorsitzender Moris Goodheart, als Sekretär William A. Gans, als Schatzmeister Adolf Hirsch, als korresp. Sekretär Max Cohen. Auch der europäische Distrikt des Ordens wird das Fest in würdiger Weise feiern. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.