Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 410 (sequence 4)
- Language
- German
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410 Verneinungen, wissen wir doch, daß durch dieselben nur sie selbst als unzureichend und unwissend erscheinen. Aber ist nicht durch die Religion die Bestimmung des Menschen zur Eivilisation vor Jahrtausenden verkündet, lind ist nicht auf dem erhöhten Streben nach derselben der Stolz der heutigen Zeit begründet? Werden nicht durch die Religion die erhabenen Gefühle der Ehrfurcht und Achtung den Menschen eingeflößt, und sind es nicht gerade diese Gefühle, welche die Selbstbeherrschung, d. h. die Herrschaft des Verstandes und des Willens über die Begierden ermöglichen? Werden nicht durch die Religion dem Menschen die unübersteiglichen Schranken, in die er gebannt ist, kundgethan, und bestätigt nicht eine vieltausendjährige Geschichte das Vorhandensein dieser Schranken und die tlebereinstinnnung derselben mit den Naturgesetzen? Lehrt nicht die Religion, daß das Bewußtsein der eigenen Ohnmacht das festeste Band der Menschen unter einander bilde, und bestätigt es nicht die vieltausendjährige Erfahrung, daß der seine Grenzen verkennende, von übermäßigem Selbstbewusstsein erfüllte Uebermuth den Einzelnen und den Völkern zum Verderben gereicht habe? Ist es nicht aus der Geschichte und Erfahrung hinreichend bekannt, daß gar oft Anschauungen, Lehren, Gebräuche als thöricht, ja unbegreiflich erscheinen, deren Zweckmäßigkeit, ja tiefer Sinn erst spät nachträglich erkannt wird. Und ist es nicht sicher, daß die Erzählungen der Bibel zum Theil eine überraschende Bestätigung durch aufgefundene Denkmäler und übrig gebliebene Inschriften erhielten, nachdem sich die Erklärer durch Jahrtausende vergebens bemüht hatten, die Richtigkeit derselben zu beweisen. Wahrlich, ist es beim noch nothwendig, noch schärfere Beweismittel herbeizubringen, oder sollen wir ins Einzelne eingeheu und zeigen, wie die religiösen Einrichtungen, welche sich bis heute erhalten haben, nicht erschüttert werden können, ohne die Sicherheit und den Bestand der menschlichen Gesellschaft zu gefährden. Wir überheben uns der Mühe, denjenigen zu antworten, welche die Lügenhafte Anwendung, die Heuchelei der Religion selbst zuschreiben. Wie könnten wir Diejenigen belehren, die in der Vernichtung der wahren Grundlagen der Eivilisation die Bedingung des Fortschrittes der Menschheit erblicken! Wie könnten wir hoffen, Diejenigen 311 bekehren, welche den Fanatismus der Religion auklagen, die aber selbst mit blinder Wnth sich anstrengen, die Religion und alle ihre Anhänger zu vernichten! Wir werden niemals aufhören, es für widersprechend zu halten, daß Diejenigen, die sich des Bewußtseins ihrer Ohnmacht schämen, sich ihrer Unwissenheit über Gott rühmen. Was aber soll man von Menschen sagen, welche auf dieser ihrer Unwissenheit sogar ein Gebäude der Religion aufrichten und dieses den Bkenschen als den festesten Anker für das Leben anpreisen. Wir fürchten nicht, daß durch solche und ähnliche Bestrebungen der Anker der Religion ernstlich erschüttert werden könnte. Zu tief ist im Herzen des Menschen das Gefühl für sein wahres Heil begründet, worauf seine Erkenntniß beruht, als daß dieselbe durch noch so scheinbare und trügerische Vorstellungen aus ihren! festen Grunde entwurzelt werden könnte. Die Erwartung ist begründet, daß die fortschreitende Aufklärung die Menschen eine weit höhere Auffassung über den Menschen lehren wird und daß sie lernen werden, die Religion von ihren Umhüllungen zu befreien. Tann aber wird es ihnen klar werden, welches kostbare Hilfsmittel ihnen dieselbe gerade in dem gesteigerten Wettkampf der Eivilisation bietet und wie dieselbe für sie trotz mancher vorübergehender Bewegungen ein unentbehrlicher, ja nothwendiger Besitz sei. Dann werden sie die Ueberzeugung gewinnen von der Nothwendigkeit der Religion. Me Woche. Berlin, 29. August. Tie Vorbereitungen zu einem antisemitischen Parteitag in Berlin nehmen natürlich auch unser Interesse in Anspruch. Solche antisemitische Parteitage sind allerdings sehr häufig. Jede Richtung geht damit gesondert vor, und selbst die kleinste Gruppe behauptet, „sämmtliche Antisemiten" zu vertreten. Die Einberufer sind dies mal Ahlwardt, Förster und ein Herr Witte, der durch einen Streu mit Liebermann v. Sonnenberg bekannt geworden ist. Ein Aufruf znr Beschickung des Parteitages wendet sich an die „Antisemiten aller Richtungen Norddeutschlauds" und spricht die Hoffnung aus. es werde nunmehr „endlich gelingen, den engeren Znsammenschlus. aller derer herbeizufiihren, welche arbeiten und kämpfen wollen ntii der Aussicht auf einen baldigen und endgiltigen Erfolg für die Aushebung der unserem Volke so verhüngnißvoll gewordene! Emanzipation des Judenthums!" Von den Junkern, die Ahlwardi ja jetzt ebenso scharf bekämpfen will wie die Juden, sagt der Ausriu aber nichts. Bei dieser Gelegenheit werden natürlich — es ist je jetzt Sommer! — auch die Parteiprogramme erörtert, welche für nächsten Winter die folgenden direkten Anträge seitens der ver schiedenen Parteien in Aussicht stellen: I. Die „Antisemitische Volkspartei" verlangt: „Anfhebung der Inden emanzipation auf gesetzlichein Wege, Stellung der Juden unter Fremden gesetze." — „Nur christlich-deutsche Männer lnicht jüdischer Abkunft dürfen in gesetzgebende Körperschaften gewählt und in Staatsunk Geineindeämter berufen iverdeu." — „Herstellung eines deutschen Staats bürgerrechts zur Verhinderung gemeingefährlicher Einwanderung." II. Die „deutsch-soziale Partei" verlangt: „Wahrung des christlichen, nationalen und praktischen Gesichtspunktes in der Jugend-Erziehung: Ausscheidung des jüdischen Elementes aus deutschen Schulen." — „Auf Hebung der Gleichberechtigung und Stellung der in Deutschland lebende» Juden unter ein besonderes Fremdenrecht (Judenrecht); Verbot bei Einwanderung fremder Juden." Es sind also folgende Anträge möglich: 1. Das Verbot der Einwanderung fremder Juden, ein Antrag, de» die Herren v. Friesen und v. Hammerstein bereits im letzten Reichstag eingebracht haben, ohne das; er überhaupt zur Diskussion gekommen ist. 2. Schule, Lehrer, Richter und Beamte re. müssen christlich sein. (Forderungen des „christlichen Staates.") 3. Aufhebung der Judenemanzipation vom Jahre 1869. 4. Stellung der Juden unter ein Fremdengesetz. Ob einer dieser Anträge eingebracht werden ivird, ist zweifelhaft. Am meisten Aussicht hat noch der erste, der Friesen-Hammerstein'sche Antrag. Er hatte ja anch s. Z. 28 Unterschriften von 67 konservativen Abgeordneten gefunden und wird vielleicht demnächst wieder aufleben. Wie zwecklos er ist, brauchen wir nicht erst noch zu beweisen. Jedenfalls ist es sicher, daß von diesen vier Anträgen, die de» Stempel des Ausnahmegesetzes in vollster Gestalt tragen, keiner durchgehen wird. Deshalb braucht uns um die zukünftige Haltung der Antisemiten im Reichstage nicht bange zu sein. Es wird viel Geschrei geben und wenig positive Arbeit seitens dieser Herren. Die Juden werden in ihren staatsbürgerlichen Rechten ungeschmälert bleiben; sie werden nichts verlieren, wohl aber wird das Ansehen eines Reichstages darunter leiden, der politisch naive und mittelalterlich-reaktionäre Anträge ernst nehmen soll. Die Abstimmung des Schweizer Volkes in der Schächtfrage erführt allgemeine Berurtheilnng. Doch giebt man in liberalen Kreisen noch nicht alle Hoffnung auf. Es handelt sich ja jetzt um die Aufnahme eines neuen Artikels in die Schweizer Verfaffung, der lautet: „Das Schlachten der Thiere ohne vorherige Betäubung ist bei ff Dann geschri der B Durch »öthic n dei vachc Geriä unter! daß e Bevöl Episo Auge auf Erzbi von ' Hesel einen zeugu die! stattfi schütz werd Jniti liche n ich Berli „Sir Der theili Nrhe Graf uns folge schie nich es ff Ich wie sam köin Me eins das wer jüd' km nisc Ehi