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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-11 · Heft 32 (11.8.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 annehmen und tragen dürfen. — Unter den in dieser Woche in der Gewerbeenquete des österreichischen Abgeordnetenhauses erschienenen Experten aus Galizien und der Bukowina befanden sich die folgenden Herren: Schmerl Porjes, Bandagist (israelitischer Handwerkerverein „Jad Charuzim“ („Die Hand der Fleißigen") in Lemberg, Jakob Piepes, Apotheker, Vizepräsident der Handels- und Gewerbekammer in Lemberg, Karl Nacher, Buchhalter (jüdischer Arbeiterverein „.lad llaebsuka" („Die starke Hand"). Den gar nicht mehr neuen Ausspruch eines jüdischen Arbeiters in der Enquete, daß Diejenigen, welche bei der vollen Schüssel sitzen, nur ungern einen Anderen zum Mitessen einladen werden, versucht das „Vaterland", dessen Freude an dem jüdischen Gesinnungsgenossen vom früheren Tage rasch verraucht ist, als eine „jüdische" Spezialität für seine Zwecke auszuschroten; es übersieht aber Eines: Was dieser Expert als Vermuthung hingestellt hat, das haben — nach der Aussage zahlreicher unverfänglicher Experten — gut christliche Genossenschaften bereits thatsächlich geübt. Etwas mehr Vorsicht wäre daher den Kritikastern vom „Vaterland" sehr zu empfehlen. Holland. g. Amsterdam, 27. Juli. Unsere wohlthätigen begüterten Glaubensgenossen haben sich, wie der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet, mit den besser situirten Glaubensbrüdern in Rotterdam zusammengethan, um die Insel Schiermonikoog in der Nordsee als Kolonie für die bemitleidenswertben ausgewiesenen russischen Emigranten anzukausen. Die Unterhandlungen sind im besten Gange, und so werden wir denn auch wahrscheinlich sehr bald eine jüdische Kolonie in Holland aufzuweisen haben. Argentinien. ng. Mosesville,25. Jmn. Kürzlich wurde ein jüdischer Kolonist Namens Hurwitz, 2 Kilometer von der Kolonie entfernt, ermordet anfgefunden. Da ein Pferd verloren gegangen war, ritt er in den Wald hinaus, dasselbe zu suchen. Leider hatte er keine Waffen bei sich. Die Kolonie entsandte alle Männer, ihn zu suchen, da er Vormittags ausgeritten war und des Nachmittags nur das Pferd ohne Sattel und ohne Reiter wiederkehrte. Er wurde seines Geldes beraubt, seiner neuen großen Schaftstiefel entlebtgt aufgesunden, auch den „Feldstecher", den er mitgenommen hatte, fand man bei ihm nicht. Die Spur des Raubmörders deutete auf einen längeren Kampf. Schließlich hat der Mordbube seinem Opfer einige Stichwunden beigebracht und ihm dann den Hals ausgeschnitten. Leider verliert sich die Spur des Mörders im Walde. Schon wiederholt ist es vorgekommen, daß Kolonisten hierher kamen, sich Grundstücke erwarben, sie mit schwer und sauer erspartem Gelde bezahlten und die Kolonien bearbeiteten, um alsdann von ihrem früheren Besitzer durch einen Gewaltsakt wieder vertrieben zu werden. Da es hier keinen Richter und kein Urtheil giebt, nmß denjenigen, welche in Argentinien Kolonien erwerben wollen, der gutgemeinte Rath ertheilt werden, sich immer unter den Schutz der Baron Hirsch'schen Verwaltung zu stellen. — Zwar ist momentan die Besitzung von Heuschrecken geplagt, doch trägt das Land trotz dieses Nebels immer noch das Doppelte des Ertrages von unserem heimathlichen russischen Boden. Von Nah und Fern. ----- Der König von Schweden hat den Berliner Theaterdirektor Sigmund Lauten bürg zum Ritter des königlich schwedischen Wasa- Ordens erster Klasse ernannt. — Der „Reichsherold" des Dr. Böckel versichert, daß der neue Neichstagsabgeordnete Professor Dr. Förster sich auf Ehrenwort verpflichtet hat, sich der „Deutschen-Reformpartei" anzuschließen. Dr. Förster trennt sich also von der deutschsozialen Partei. — Dem Rechtsanwalt Hertwig, Pr.-Lieut. d. L., aus Eharlottenburg, ist vom Landwehr-Bezirks-Kommando Teltow eröffnet worden, daß der Kaiser in die nachgesuchte Vertheilung der Verbüßung der über ihr: verhängten Festungshaft auf zwei durch einige Wochen Freiheit unterbrochene Perioden nicht gewilligt habe, vielmehr die Verbüßung der dreimonatigen Festungshaft binnen vierundzwanzig Stunden in Magdeburg zu beginnen habe. Am Donnerstag Nachmittag hat nun Rechtsanwalt Hertwig die Fahrt nach Magdeburg angetreten. — Der Ingenieur Hermann Paasch ist dem Vernehmen nach von den Aerzten in der Eharitee, die ihn beobachtet haben, für derartig geistesgestört befunden worden, daß sie ihn auch für verhandlungsunfähig erachten. Demgemäß steht zu erwarten, daß das Verfahren gegen Paasch vorläufig eingestellt werden dürfte, während gegen seine Mitangeklagten weiter verhandelt werden wird. — In Sportkreisen, so wird versichert, nimmt der Antisemitismus ab. Dies erhellt aus der Thatsache, daß Herr I. Bloch-Charlottenburg 1. Vorsitzender des „Deutschen Fußball- und Cricket-Bundes" ist, und daß jüngst Fritz Ja ffe-Berlin als eines der jüngsten Mitglieder mit Stimmeneinheit zum 1. Vorsitzenden des „Deutschen Sport-Vereins" und zum 1. Präsidenten des „Allgemeinen deutschen Sport-Verbandes" gewählt wurde. Nach der Breslauer Stadtchronik hat schon im Jahre 1678 — verhüllt Eure Häupter, Antisemiten des Rennsports! — ein Jude zu den bestrenommirtesten Reitern gehört und den damaligen Kampfpreis, ein fettes Ferkel, gewonnen. — Das Ergebniß der Wahl in Alsfeld liegt jetzt vollständig vor. Es haben erhalten: Bindewald (Antisemit) 6393, Backhaus (nationalliberal) 5292 Stimmen. Der Antisemit Bindewald ist daher mit einer Mehrheit von 1101 Stimmen gewählt. — Eine Statistik der Stiftungen in Baiern für 1890 berichtet: 9768 Stiftungen dienen Kultuszwecken. Vom Gesammtvermögen entfallen 164,154,773 M. auf diese letzteren. Nach ihrem konfessionellen Charakter sind von den 9768 Kultusstiftungen mit einem Gesammtvermögen von 164,154,773 Mk. 8516 Stiftungen mit einem Vermögen von 144,200,607 Mark für die Katholiken bestimmt, 1184 mit einem Gesammtvermögen von 19,554,460 M. gehören der protestantischen Konfession zu, und 32 mit einem Vermögen von 87,369 M. sind israelitische. — Der Kaiser hat dem Frhr. Albert v. Rothschild in Wien den Orden der Eisernen Krone erster Atlasse taxfrei, ferner dem Präsidenten des Verwaltungsrathes der priv. österreichischen Kreditanstalt für Handel und Gewerbe, Karl Ritter Weiß von Weißenhall, sowie dem Direktor der priv. allgemeinen österr. Bodenkreditanstalt, Theodor Ritter v. Taussig, den Stern zum Komthurkreuz des Franz Josef-Ordens und dem Direktor der priv. österr. Kreditanstalt für Handel und Gewerbe, Gustav Ritter v. Mauthner, den Orden der Eisernen Krone zweiter Klasse mit Nachsicht der Taxe verliehen. — In Preßburg ist am 25. d. Dr. David Kassowitz, einer der beliebtesten und geachtetsten Aerzte, nach langer schwerer Krankheit gestorben. Als Präses der israelitischen Bewahrstube, als Kurator der Hermann Todesco'schen Stiftung, als Mitglied des Schulstuhles der Primär-Hauptschule, als Gemeindearzt zeichnete sich Dr. Kassowitz stets durch strenge Gerechtigkeit und Pünktlichkeit aus. Sein Hinscheiden hat in allen Kreisen der Preßburger Gesellschaft die aufrichtigste Theilnahme hervorgerufen. — Am 19. Juli d. I. verschied in Lemberg der rühmlichst bekannte Gelehrte und Litterat Isidor R all im 63. Lebensjahre. — Neue Judenverfolgung in Rumänien. Aus der oberen Moldau laufen Klagen über das barbarische Vorgehen ein, dessen sich die untergeordneten Exekutivorgane bei Austreibung der Juden aus den Landgemeinden schuldig machen. So erzählt die sonst durchaus nicht judenfreundliche „Vocea Botoschanilor“, daß im Dorfe Jbaneschti bei Dorohoiu zwei Judenfamilien wie Vieh aus der Gemeinde getrieben wurden, nachdem deren Habe von Leuten des Primars aus den Häusern geschafft und auf das freie Feld geworfen worden war. Wie das erwähnte Blatt bemerkt, begreife es wohl den Bestand eines Gesetzes, welches fremden, beschäftigungslosen Vagabunden den Aufenthalt in den Dörfern verbietet. Die Art und Weise, wie dieses Gesetz aber jetzt vollzogen werde, richte sich nur gegen die ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdienenden einheimischen Juden. — Durch den russischen Reichsrath ist Jalta aus der Zahl der Städte gestrichen, in denen sich Juden frei ansiedeln können, und deshalb hat der Gouverneur des Taurischen Gouvernements der Stadtverwaltung bekannt gemacht, daß von nun an Juden weder in das Jaltaer Kaufmannsnoch in das Bürgeramt ausgenommen werden dürfen. Die bereits aufgenommenen Juden werden allmählich aus Jalta entfernt werden. — Der „Gerichtszeitung" zufolge hat der Petersburger Senat durch eine Entscheidung denjenigen jüdischen Handeltreibenden erster Gilde in den innerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons liegenden Städten erlaubt, nach fünfjähriger Bezahlung dieser Gildensteuer in die Städte, wo sonst den Juden das Wohnrecht nicht zusteht, als Handeltreibende erster Gilde überzusiedeln. — Anatole Leroy-Beaulieu setzt seine Studien über die Judenfrage fort. Er beabsichtigt nun, die ökonomische Seite derselben ins Auge zu fassen und arbeitet an einem Werke „Bes Juifs et le Regne de l’Argent“, welches die Juden in der Finanz-, der Börsen-, der Ackerbau- und der Handelswelt behandeln soll. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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