Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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362 ill-iü m Gebete würden auszuschließen sein, sonst müßten sie für alle Lagen und Fälle des Lebens eingerichtet sein, für Freude und Trauer. Es wird sicherlich nicht schwer halten, eine schöne Blumenlese der edelsten Gebete znsammenzustellen. Die Autoren dürfen sowohl Frauen als Männer sein, Frauen, die sich mehr an das Gemüth und Herz, Männer, die sich mehr an den Geist und Verstand wenden. Ferner wünschte ich, daß dem deutschen Choral eine Stätte in diesem Gebetbuche angewiesen würde. An guten Ehoraltexten und Melodien hat das Judenthum schon heute keinen Mangel, und würde man an auch iit der Provinz Westfalen vorhandenem Material, u. A. dem Bielefelder, Soester rc. Gesangbuchs, eine ganz respektable Auslese halten können. Auch die Choräle miißten, sofern dies eben praktisch und materiell durchführbar wäre, mit in das obige Gebetbuch aufgenouunen sein, und somit Tefillah mit deutschem Text, deutsche Techina und Choräle ein Buch bilden. Dem Beter, und der Jugend insbesondere, der die Schule dieses Buch zu einem Lieblingsbuche machen müßte, sollte alles Material möglichst in einem Bande vereint geboten werden. Ein derartiges Buch rum giebt die Grundlage zur Gestaltung eines möglichst einheitlichen Gottesdienstes in den Verbandsgemeinden dann von selbst. Für den Gottesdienst wären folgende Grundsätze festzuhalten: Grundsatz soll und muß sein, das Hebräische nicht sortsallen zu lassen; der Gottesdienst darf seinen jüdischen Charakter nicht verlieren: die Hauptgebete rnüsfen im Urtexte bleiben. So entziehen wir unseren Alten das ihnen lieb und theuer Gewordene nicht, führen indessen unsere Jugend in die ihrren geheimnißvoll und doch verständlich klingende Sprache ein, die Israel Jahrtausende hindurch zrrm Kitt geworden. Grundsatz aber soll und muß es sein, uns hinwiederum den deutschen Gebeten, deutschen Vorträgen und deutschen Gesängen nicht zu verschließen; die Gegenwart fordert dies gebieterisch. Unser Gottesdienst muß daher hebräisch sowohl als deutsch würdig ausgestattet werden, und diese Doppelfaktoren müssen in geeigneter Weise und an geeigneter Stelle möglichst edel zur Geltung kommen. Häufige Wiederholung der Gebete in einem und demselben Gottesdienst sind zu vermeiden, denn diese gewinnen nicht dadurch. Orgel und guter Gesang sind unerläßlich und, wo irgend angängig, einzuführen. Unsere Jugend, welche Gymnasium und Töchterschule besucht, hört in diesen Anstalten täglich morgens Choralgesang und deutsches Gebet. Sie muß beides im Judenthum auch finden. Sonst liegt die Gefahrnahe, daß sie dies als gottesdienstlich minder schön ausgestattet, auch fürminder schön und minder werthvoll hält. Wenn auch der Religionsunterricht auf Herz, Geist und Gemüth wirkt, so wollen beim Gottesdienst Auge und Ohr auch ihre Befriedigung haben. Wir müssen uns die Jugend erhalten und sie an uns fesseln mit allen Mitteln, welche uns zu Gebote stehen. Die Einheit, dieser Grundgedanke des Judenthums, ist auf dem Gebiete des Kultus ein wohl zu erstrebendes würdiges Ziel. Was erstrebenswerth und erreichbar, das ist auch werth, geschaffen zu werden. Möchten unsere berufenen Führer doch nur versuchen, oiesen Fragen näher zu treten. Es geht bei gutem Willen, bei Toleranz gegenüber abweichender Meinung Anderer und bei Einhalten einer goldenen Mittelstraße. In Westfalen ist diese Angelegenheit sowohl, als auch die Frage des einheitlichen Religionsunterrichtes von Seiten des Verbandes in die richtigen Wege geleitet und auf dem Wege der Lösung begriffen; warum sollte dies nicht für ganz Deutschland auch der Fall sein könnend Möchten doch unsere berufenen Führer dieser Anregung Folge geben. U Die Woche. Berlin, 1. August. Gegenüber dem russischen Maximaltarif und dem Streit zwischen Frankreich und Siam verblassen die antisemitischen Zänkereien, die jetzt mehr einen häuslichen Krieg bilden. Einiges Aufsehen erregte die lange Zuschrift eines „hochangesehenen, altpreußischen Konservativen" an die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", die sich mit der Stellung der konservativen Partei zum Antisemitismus beschäftigt. Besonders wird die Haltung der „Kreuzzeitung" in der Judenfrage getadelt. Es heißt in der Zuschrift: „Die Volksleidenschaften zu erregen, indem man unsere Verhältnisse als in Folge von Verjudung durch und durch verfault hinstellt, indem man beispielsweise wieder und immer wieder unserer Rechtsprechung Parteilichkeit vorwirst, das ist nicht mehr konservativ, staatserhaltend. Eine solche Agitation in den Volksversammlungen, selbst wenn sie ans Thatsachen und nicht auf individuellen Anschauungen fußen würde, wirkt je länger je mehr in revolutionärer Richtung. Es giebt aber Dinge, die von ruhigen, überlegten Männern behandelt sein wollen und die, den Volksleidenschaften überliefert, große Gefahren herauf beschwören. Das Volk kommt allmählich dahin, zu glauben, daß eine solche Versumpfung nur durch die allerradikalsten, ja durch revolutionäre Mittel beseitigt werden können. Auch die Agitationsweise Stöckers hat die „Kreuzzeitung" seit langer Zeit sich zu eigen gemacht. Das großartige Fiasko aber, welches die Politik Stöckers und der „Kreuzzeitung" den antisemitischen Parteien gegenüber erleidet, ist vor Allem ans dem Widerspruch zu erklären, der zwischen der übertriebenen Agitation in der Judenfrage und den Mitteln besteht, mit denen die konservative Partei dem jüdischen Einfluß und der „Verjudung" entgegentreten wollen. Den antisemitischen Parteien wird es danach leicht, darzuthun, daß die Konservativen die Fäulniß unserer Zustände zwar zugeben müssen, daß es ihnen aber an Konsequenz, Energie oder gutem Willen gebricht, dieselbe nachdrücklich zu bekämpfen. Und sie, die sie die weitgehendsten Konsequenzen skrupellos ziehen, finden den Beifall der Menge auch, wenn sie die Konservativen, Herrn Hofprediger Stöcker einbegriffen, als verjudet hinstellen." Am Schlüsse heißt es dann: „Die bisherige Kreuzzeitungspolitik gegenüber den antisemitischen Parteien darf fernerhin für die Partei nicht maßgebend sein, die Reklame für die antisemitische Partei muß aufhören. Auch mit anderen Parteien gehen wir hier und da zusammen, ohne Rücksichten zu nehmen, die man als selbstmörderische bezeichnen kann. Nicht im Bunde mit antisemitischen Uebertreibungen, sondern im Gegensätze zu ihnen kann die konservative Partei gedeihen und konservative Ziele verfolgen. Nochmals: So, wie bisher, kann es nicht weiter gehen!" Der „altpreußische Konservative" hat zweifellos Recht. Trotzdem wird die konservative Partei auf seine Kassandrarufe nicht hören. Denn die Tivoli-Konservativen sind schon lange über die Linie Hinalls gegangen, von der lioch ein Rückzug möglich war. So bleibt ihnen nichts übrig, als selbst in dem Treiben Ahlwardts einen „berechtigten Kern" zu finden. Inzwischen schreitet die Verjudung des Antisemitismus immer fort — ins Komische hinein. Auch in der letzten Woche ist einer der erstell Führer der Antisemiten von einem anderen Führer als Jude demaskirt worden. Und zwar kein Geringerer, als der Leipziger Antisemiten-Hüuptling Th. Fritsch, der, ebenso wie vor kurzer Zeit Wilhelm Marr, von der „Westfülischell Reform" schlankrveg zu hören bekommt, daß er in eigener Person zu bem von ihm so wild bekämpften Stamme gehört. Nun bleibt doch wirklich zuletzt nur Ahlwardt selbst als ganz unzweifelhafter Germane übrig. Mall lommt so mit der Zeit auf den Gedanken, daß die Antisemitenpartei eigentlich die „verjudetste" von allen ist. Die „Westfälische Refornl" verrüth die jüdische Abstammung natürlich, weil sie in Streit mit Herrn Fritsch gerathen ist; uild der Streit ist selbstverständlich aus geschüftlichenl Anlaß entstanden. Das Nähere des Streites ist ohne Interesse. Eine Einzelheit daraus aber lllag erwähnt werden: Fritsch, dem u. A. der Vorwurf geillacht wordeil war, daß er anoitijm und pseudonym allgreifende Artikel schreibe, erwiedert: „Allch Gott verbirgt sich anonym und pseudonym hinter feinen Werten." Ter Schritt vom Antisemitismus zur Sozialdemokratie ist auch bereits gethan. Das Organ des gtueimal gewählten Herrn Zimmermanu, die „Deutsche Wacht", sagt in einer Auseinandersetzung mit dem „Reichsboten" : ä.