Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 30. CtttC Berlin, 28. Juli 1893. ettung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Begründet von Nabbiner D*. Ludwig Philippson-Vonn. Verlags-CrpeLition: Gerlin, Jerufalemerflr. 48/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Interesse. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel; Zum Trostes-Sabbath. — Ein Vorschlag, den -irdischen Gemeinden unterbreitet. Von Rabbiner Dr. PH. Krön er. — Die Woche. — Die jüdischen Krrlkusbeamten in den kleinen Gemeinden. Von Jakob Bähr. — Feuilleton: Ter Stern von Zion. Von L. Tarnowski. (Fortichung). — Hagar. Eine schwäbische Dorfgeschichte von E. Vely. (Fortsetzung.) — Blumen vom Libanon. Von Henriette Hirschberg. — Karlsbader Plaudereien. III. Von G. K. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Strelitz, Breslau. Frankfurt a. Nt., Straßburg i. E., Lemberg, St. Petersburg, Warschau. Jerusalem. — Von Nah und Fern. — Miscellen. — Briefkasten. - Geschäftliche Notizen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Zum Trost-Sabbattz. Berlin, 25. Juli. In früheren Zeiten haben bekanntlich viele Menschen alle Kraft chres Geistes aufgewandt, um den sogenannten Stein der Weisen zu nnden, vermittelst dessen es ihnen gelingen sollte, aus geringwerthigem v'rz edles, kostbares Gold zu machen. Es war dies das ersehnte Ziel t fler Menschenklassen, der niedersten wie der höchsten, geworden. Und ob auch Könige und Fürsten ungeheure Summen daran wandten, ib man auch Jahrhunderte lang die angestrengtesten Versuche gemacht, man konnte den unter fieberndem Verlangen gesuchten Zanberstein nicht finden. Es geht uns als Israeliten gegenwärtig ungefähr ebenso wie jenen Menschen in der früheren Zeit. Wir sollen nach dem « ieheiß des nächsten Sabbaths: „lün: lö!U tröstet, tröstet!" Trost nchen, Trost finden, einander Trost spenden! Wir sollen gleichsam i nter Thränen lachen, unter Schmerzen jubeln, unter Seufzern den 'besang des Heils und des Trostes anstimmen. Wo könnten wir meichsam den Stein der Weisen finden, der uns die Trübniß der Seiten zum goldenen Licht der frohen Zuversicht umwandelt? Und k och ertönt der Ruf nach Trost so eindringlich: „Tröstet, tröstet mein d'vlk, spricht euer Gott, redet zum Herzen Jerusalems Aber wenn es uns gleich nicht gut gelingen will, gegenwärtig . srael tröstlich zu Herzen zu reden, sollte es uns nicht wenigstens gelingen, über das Herz Israels oder Jerusalems tröstlich zu sprechen? Das Herz Jerusalems ist nichts anderes als die Thora! dlus diesem reichen Herzen strömt über alle Trümmer der Zeiten und der Verhältnisse hinweg der reiche Born der sittlichen Lebenscrkenntniß, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung; in diesem Kerzen Israels wallen die edlen Gefühle der Gottesfurcht, der Lündenscheu, der Lebensheiligung und der Menschenverbrüderung; in diesem Herzen Zions wurzelt das Vertrauen, lebt die feste .juversicht ans Gottes Vorsehung, auf die verheißene Hilfe und Rettung in der Bedrängniß, wie dies tausendfältig in seinen seommen Herzenstiefen widerhallt: „Am Tage entbietet Gott seine Gnade rmd in der Nacht ist noch sein Lied bei mir, ein Gebet dem lebendigen Gotte!" Und wie ein Mensch, der mit Wunden, Gebrechen und Schäden behaftet ist, aus seinem kerngesunden Herzen heraus, das in ihm mit Kraft und Wärme pulsirt, im Lauf der Zeit wieder genest, von Neuem aufblüht und erstarkt, so muß auch Israel aus seinem Herzen heraus, welches die edlen Gedanken lind Gefühle der Thora sind, aus allen seinen Widerwärtigkeiten, die es im langen Lauf der Geschichte erfahren, aus allen seinen Wunden, die ihm die alte und die neue Zeit geschlagen, sich einmal wiedcraufrichten. Rabbi Jochanan ben Sakkai, der große Restaurator des Judenthums nach dem völligen Verlust der politischen Selbständigkeit, gehörte nach dem Berichte des Talmuds während der Belagerung Jerusalems durch die Römer zur Friedeuspartei, welche die feste Ueberzeugung hatte, daß, da aller Widerstand seitens der Juden vergeblich war, es ein selbstmörderisches Verhalten wäre, wenn die völlig ausgehungerte und von der Pest heimgesuchte Stadt nicht kapitulirte. Die Stadt stand aber unter der angemaßten Diktatur der Zeloten Johannes von Giskala und Simon ben Giora, die sich auf keinerlei Friedensbedingnngen mit den Römern ciulaffeu mochten und, um jede Flucht zu verhindern, die Thore der Stadt streng bewachen ließen. Mit Hilfe seines Neffen Eleaser gelang es dem Rabbi Jochanan ben Sakkai, durch List aus der Stadt zu entkommen. Er stellte sich todt, sein Neffe legte ihn in einen Sarg und in dessen Geleit wurde der Zug nicht ohne große Hindernisse, da die Zclotenlvächter gegen Alles Verdacht schöpften, durch gütiges Zureden seitens des Eleaser durch das Thor gelassen. Rabbi Jochanan entstieg dem Sarge, begab sich zu dem Kaiser Vespasian und fand Gunst in dessen Augen, die er blos dazu benutzte, um der Lehre Israels eine Zufluchts- und Pflegestättc zu erringen, was ihm auch gewährt wurde. Das Lehrhaus, welches er zu Jamnia gründete, wurde die Stätte der geistigen Wiedergeburt Israels, die ihm bei allem Zerfall der äußern Gütern auf unberechenbare Zeiten hinaus die religiösgeistige Erhaltung und Entwickelung sicherte. Dieser Zug im Leben Rabbi Jochauans war vorbildlich für das Leben Israels in der Diaspora. Israel war durch die vielen Jahrhunderte nach der Zerstörung Jerusalems scheinbar todt; es ist äußerlich zerrissen, getrennt und zerstreut, man hat es zu den Todten geworfen, man hat es eingesargt — aber es war nur scheintodt, sein Herz lebt und pocht und pulsirt stark und kraftvoll. „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach", so spricht Israel im tröstlichen Selbstzuspruch; ich schlafe — schmerzlich-feierud vom Walle» zum Heiligthum zu Jerusalem, das mir entrissen ist, doch mein Herz ist lebhaft wach für die Synagoge, für die Gemeinde Israels, für die Pflege der Gotteslehre in ihrer Mitte. Wer gleicht hierin deinem Herzen, schwergeprüftes Israel! Wo zehn Israeliten irgendwo ans dem Erdenrund zusammenwohnen, vereinigen sie sich alsbald zu einer Gemeinde, bauen aus eigenen Mitteln unter schweren Opfern und Anstrengungen ein Gotteshaus, zu dessen Bau und Erhaltung